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Das neue Jugendschutzgesetz

Am 1. April wurde das neue Jugendschutzgesetz verabschiedet. Vielerorts herrscht heftige Verwirrung darüber, welche Konsequenzen die Änderungen speziell für Computerspieler und Händler hat. Kern jeglicher kleiner Erweiterungen und Änderungen bildet die verbindliche Altersfreigabe von Unterhaltungssoftware, wie es sie für Kino- und Videofilme schon länger gibt.

Dieses reformierte Jugendschutzgesetz macht die Alterskennzeichnung für "Bildträger mit Filmen oder Spielen" verbindlich. 11-jährigen Kindern dürfen z.B. keine "ab 12" freigegebenen Spiele verkauft werden. Eine Gelegenheit solche Games Probespielen zu dürfen, darf nach Auffassung des Gesetzes auch nicht vorhanden sein - laufen dann auf PCs in den Kaufhäusern nur noch "Löwenzahn"-CD-ROMs?

Das ganz große Durcheinander droht allerdings weniger den gewöhnlichen Einzelhändlern - dafür sorgen Industrie und entsprechende Durchführungsverordnungen der Behörden-, sondern Verkäufern auf dem Flohmarkt oder Onlineauktionen, bei denen es ungekennzeichnete Klassikware zu erstehen gibt. So gilt für eine "uralte Super Mario"-Catridge für das Super-Nintendo-System mangels Alterskennzeichnung ab sofort "ab 18". Wer so etwas verkauft, muss sicherstellen, dass sein Kunde volljährig ist, oder er macht sich strafbar.

Die Altersfreigabe haben vorgeschriebene Form, Farbe und Größe auf der Verpackung des Bildträgers, also CD-ROM, DVD oder Cartrige. Sofern der Hersteller keine Ausnahmegenehmigung der obersten Landesbehörden sein Eigen nennt, müssen die quadratischen Signets eine Kantenlänge von 1,5 cm besitzen. Nur bei Datenträgern deren Fläche kleiner als 20 Quadratzentimeter ist, dürfen die Kantenlängen der Signets auf 1,2 cm schrumpfen. Da sich aber kleine Datenträger durchsetzen, wird es eng: So sind z.B. die Cartriges von Nokias aktueller mobiler Spielekonsole N-Gage nur gerade einmal doppelt so groß wie ein 50 Cent Stück und damit sehr schwer zu kennzeichnen. Aber dergleichen spezielle Probleme erfassen gerade einmal die Spitze des Eisberges an Problemen und Ungereimtheiten, die sich im Zusammenhang mit dem reformierten Gesetz ergeben haben.

Die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) versieht seit neun Jahren Computerspiele mit Altersempfehlungen, die allerdings bislang nicht bindend waren. Die früher vergebenen Kennzeichnungen werden mit dem neuen Gesetz zu verbindlichen Freigaben. Bereits geprüfte Software muss also nicht neu gewertet werden.

Herstellern von Computerspielen bietet das neue Gesetz neue Sicherheiten. Ist ein Produkt einmal von der USK gekennzeichnet, kann es im Nachhinein nicht mehr indiziert, also in die Liste der "jugendgefährdenden Medien" aufgenommen werden. Es besteht allerdings die Möglichkeit für die Bundesländer, bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdenden Medien (BpjM)einen Antrag auf Indizierung einzureichen, noch während des Prüfverfahrens.

Nicht gekennzeichnete Spiele werden ab sofort behandelt, als hätten sie von der USK die Kennzeichnung "keine Jugendfreigabe" erhalten. Sie dürfen also nur an Volljährige verkauft werden. Das betrifft auch automatisch alle Spiele, die direkt aus dem Ausland eingeführt werden. Diesen Umstand bekommen nicht zu letzt spielbegeisterte Mac- und Linuxspieler zu spüren: Die meisten beliebten Games für die anderen Betriebssysteme sind meist Importware und werden aus Kostengründen nicht bei der USK eingereicht.

Besonders hart trifft die Regelung nicht gekennzeichnete Spiele von Klassikern. Allen Produkten die älter als Jahre sind, fehlt zwangsläufig eine Kennzeichnung. Wer also als noch minderjähriger das Spielemodul "Asteroids" für seine Atari-VCS-2600-Konsole sucht, guckt von Gesetzes wegen in die Röhre.

Zudem gibt es ein Problem der Alterskontrolle. Es haben sich schon einige Märkte darauf vorbereitet, Unterhaltungssoftware nur nach Ausweiskontrolle zu verkaufen. Was allerdings bei Sonderverkaufsveranstaltungen bei neu herauskommenden Spielen passieren soll, ist noch unklar: Bei solchen Gelegenheiten gehen innerhalb weniger Stunden mehrere Tausend Exemplare über die Ladentheke.

Ein weiteres Problem betrifft das Probespielen: Ist ein PC an einem für Minderjährige zugänglichen Ort aufgestellt, muss sichergestellt sein, dass das ausgestellte Produkt für die Spieler entsprechend ihrer Alterskennzeichnung geeignet ist. Möglicherweise wird es bald für ältere Gamer ähnlich wie bei Videotheken abgeteilte "Schmuddelecken" geben, in denen man sich die gewünschte Software vorführen lassen kann.

Auch Versandhändler dürften über das neue Gesetz nicht unbedingt erfreut sein. Ungekennzeichnete Medien und solche, die keine Jugendfreigabe erhalten haben, dürfen über das, was im Sinne des Gesetzes ist, nicht abgegeben werden. Um diese Schranke zu umgehen, muss ein Versender das Alter seines Kunden "in geeigneter Weise" überprüfen. Welche Verfahren dafür als geeignet gelten, lässt der Gesetzgeber offen. Es bleibt ebenfalls offen, was mit Software, die eine Altersfreigabe "ab 16" erhalten hat, geschieht: Folgt man den Buchstaben des Gesetzes darf solche Software nur mit einem geeigneten Altersnachweis herausgegeben werden. Der Einzelhandel muss den Personalausweis fordern, der Versandhandel hingegen kann solchermaßen gekennzeichnete Ware ganz regulär verkaufen.

Alles in allem lässt das neue Jugendschutzgesetz viele Fragen offen. Ob die Gesetzesveränderung in punkto Medien tatsächlich ihren Teil dazu beiträgt, dass "Kinder und Jugendliche ... effektiv vor negativen Einflüssen geschützt werden", wie es Bundesfamilienministerin Renate Schmidt meint, erscheint zumindest fraglich.

Übrigens ein Tipp an die Eltern: Wenn Ihr sechzehnjährige(r) Sohn/Tochter plötzlich den Wunsch äußert zu heiraten, glauben Sie diesen angeblich romantischen Motiven nicht: Er/Sie will bloß legal an Spiele "ab 18" kommen, denn die genannten Beschränkungen greifen laut Gesetz bei verheirateten Jugendlichen nicht...

 

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