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tick.et: "wir wissen, wo sie sind."

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) testen zurzeit ein System, welches den herkömmlichen Fahrschein aus Papier durch eine Chipkarte ersetzt.

von: Frank Rosengart
am: 00. Fnord 0000,

Im Oktober 1999 startete die BVG in Berlin einen Feldversuch, in dem 25.000 freiwillige Tester sechs Monate lang Chipkarten mit drahtloser Datenübertragung als Alternative zu herkömmlichen Fahrausweisen ausprobieren sollen. Auf je zwei U-Bahn-, Bus- und Straßenbahnlinien in Berlin versucht die BVG, die Akzeptanz und Praxistauglichkeit zu erproben. Für die Probanden winken ein Rabatt von 15% auf ihre bisherigen Monatskarten, die Teilnahme an einer Verlosung und "die Möglichkeit, ein innovatives Zahlungssystem der Zukunft ausprobieren zu dürfen". Die Tester sind allesamt Inhaber von Monatskarten und müssen daher nicht real für die gefahrenen Strecken bezahlen.

Die tick.et Karte sieht aus wie eine normale Telefonkarte ohne Chipkontakte. In ihr befinden sich eine Induktionsschleife und ein Chip. Beim Fahrtantritt wird die Karte an einem gelben "Check-in"-Gerät im Abstand von einigen Zentimetern vorbei geführt. Dabei gibt das Gerät einen lauten Piepton von sich. So laut, dass sich mindestens die Hälfte der auf dem Bahnsteig befindlichen Leute nach der Versuchsperson umdrehen. Oder es passiert nichts, dann ist das System gerade außer Betrieb. Nach Ende der Fahrt checkt man sich an einem blauen Terminal aus. Die Abrechnung stellt sich die BVG so vor: Die Karte wird anfangs mit einem Betrag aufgeladen. Beim Check-in wird ein bestimmter Betrag von der Karte abgebucht und beim Check-out der nicht abgefahrene Betrag wieder zurückgeschrieben. Sollte man das Auschecken vergessen, ist also maximal der im Voraus abgebuchte Betrag weg. Als besonderes Feature kann man sich an speziellen Infoterminals ein "Logbuch" seiner letzten Fahrten ausdrucken lassen. Alle Daten der Fahrt (z.B. "ohne Begleitung") werden von den Verkehrsbetrieben erfasst, dort gespeichert und ausgewertet. Selbst wenn diese Karten später anonym ausgegeben werden würden, wäre an hand der minutengenauen Bewegungsprofile eine recht eindeutige Zuordnung eines tick.et möglich. Die Anfrage eines Bedarfsträgers bei der BVG könnte dann so aussehen: "Guten Tag, hier ist das BKA. Wir bräuchten mal bitte die Position von Herrn Schmidt." - "Der ist gerade in die U9 Richtung Süden eingestiegen. Aber beeilen Sie sich, er ist heute schon 15 Minuten später dran als sonst."

Wohl auch die Vorstellung vom Big Brother hat viele Leute in Berlin davon abgehalten, dieses System zu testen. Die BVG macht derzeit Umfragen unter den Testern, bei denen man als kritischer Tester dann auch sagen kann, was man von dieser totalen überwachung hält. Im letzten Monat erlebte die BVG einen regelrechten Ansturm von Testkandidaten: Es hatte sich nämlich rumgesprochen, dass es noch keine mobilen Terminals zur Kontrolle der elektronischen Tickets gibt. Kontrolleure in der U-Bahn können also nur lächeln, wenn ihnen eine gelb-blaue Plastikkarte unter die Nase gehalten wird. Ob man tatsächlich bezahlt hat, sieht man der Karte nämlich nicht an.

Die S-Bahn in Berlin, Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, beteiligt sich nach einigem Zögern nun auch an dem Feldversuch. Anfangs hat man bei der S-Bahn Berlin GmbH behauptet, dass die neu gestalteten Bahnsteige noch der Gewährleistungspflicht der Baufirma unterlägen. Mit dem Aufstellen der tick.et-Geräte würde diese dann erlöschen. Da die Deutsche Bahn demnächst bundesweit ein eigenes System einführen möchte und das natürlich lieber auf ihren Bahnsteigen sehen würde, ist hier wohl eher der Grund für die starre Haltung gegenüber der BVG zu suchen.

Auch der Verkehrsverbund Köln testet derzeit ein ähnliches System.

Die verwendete Technik

Das Chipkartensystem ist ein Motorola M-Smart Venus, die Terminals laufen unter Windows NT bzw. CE. Die Säulen sind via TCP/IP untereinander vernetzt und erhalten ihre Software via BOOTP. Vermutlich wird für die übertragung zur Zentrale das BVG-eigene Glasfaser- bzw. ISDN-Netz genutzt. Die tick.et-Karte hat einen 8-Bit-Mikroprozessor, 16Kbyte ROM, 384 Bytes RAM, 2 Kbyte EEPROM, kann Single/Triple DES und die Luftschnittstelle ist nach ISO 14443 Type B (laut Spezifikation von Motorola).

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