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Wilde Sachen bei Nacht - CCC98

Nachdem abends der Congresstag eigentlich beendet ist, gibt es eine bemerkenswert große Gruppe von Leuten, die diese Tatsache schlichtweg ignorieren. Sie sitzen im Hackcenter und scheinen sich vollständig von den anderswo geltenden Maßstäben von Zeit und Raum abgekoppelt zu haben. Beim nächtlichen Streifzug durch das Hackcenter kann man diese Leute die kuriosesten Sachen machen sehen, die für den Freund des innovativen Technologieeinsatzes spannend und lehrreich sind.

Im Untergeschoß des Hackcenters wurde beispielsweise die ganze Nacht über an Lego- und Fischertechnik-Robotern und -Maschinen gebastelt. Eine Gruppe verstieg sich durchaus erfolgreich in dem Plan, den Prototyp eines Computers, eine Turing-Maschine, zu bauen. Dabei handelt es sich um eine Maschine, die auf einem Papierstreifen schreiben und lesen kann und auf diesem unendlich langen Band auf- und abfährt und die daraufliegenden Befehle ausführt, sowie neue Daten auf den Streifen schreibt und liest.

An anderer Stelle hatte man einige biometrische Devices zum Testen aufgetrieben und machte sich ernsthaft daran, biometrische IDs zu fälschen. Während man das Überlisten eines Infrarot-Durchlicht-Fingerscanners verschieben mußte, gelang es nach zahlreichen Versuchen mit Stempelkissenfarbe, Wachs, Klebeband und Folie, mittels eines Zigarettenblättchens und eines Bleistifts eine "Fingerdublette" herzustellen, mit der man ein rein optisches Fingererkennungs-system überlisten konnte.

Andere Spontan-Workshops beschäftigten sich mit dem Aufbau und der Technik von Mobilfunk-stationen, der Zahl 23, der untersten Netzwerkschicht und dem ARP-Protokoll oder dem Aufbau und der Sicherheit von deutschen Universitätsnetzwerken.

Einer der Höhepunkte des Hackcentertreibens endete am frühen Abend in einem Besuch von Beamten der Computerkriminalitätsabteilung des LKA Berlin. Cracker waren in das Netz eines bremischen Internetproviders eingedrungen, hatten dort sämtliche überflüssige Daten entfernt, das heißt, vor allem nutzlose Werbeinformationen diverser Unternehmen gelöscht und auf den etwa 40 dort betriebenen virtuellen Servern ein Musikarchiv für die Weiterbildung junger Leute angelegt.

Der Betreiber des unzureichend gesicherten Servers zeigte für diese Maßnahmen wenig Verständnis und versprach sich Hilfe vom LKA, bei dem er Anzeige erstattete. Da die Angriffe von einer IP-Adresse innerhalb des Hackcenter-Netzes zu kommen schienen, versprachen sich die Staatsdiener von einem Besuch dort eine Chance, des Crackers habhaft zu werden. Problematisch war allerdings die Frage, ob der Rechner mit der entsprechenden IP dem Cracker gehörte oder ob die Maschine selber nur als Attack-Proxy verwendet wurde. Der Polizei gelang es allerdings nur, eine einzige "heiße" Spur sicherzustellen: ein dampfendes chinesisches Essen, das an dem Arbeitsplatz stand, der der fraglichen IP zugeordnet war. Ansonsten fand man nur ein Netzwerkkabel und einen leeren Platz, an dem kurz zuvor der Computer entfernt worden war.

Die Polizei bittet den Besitzer des Rechners, sich selbst zu melden - und andere Menschen darum, diesen Besitzer zu melden. Es gibt auch eine Täterbeschreibung: "männlich, ungefähr 1,80 groß und nicht ganz lange und eher dunkelblonde Haare". Nächtlicherdings gab es dann noch einige spannende Probleme mit der Internetanbindung, die damit endeten, daß im Hackcenter der Internetzugang nur noch stark eingeschränkt möglich war.

Alles in allem also eine spannende und lehrreiche Nacht, die zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterbildung bot.

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