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Vorrausseilend gehorsam


Neue Ideen zur Einschränkung von Inhalten im Netz
"Ich begrüße die Initiative der deutschen Online-Wirtschaft, einen Internet Medienrat als Gremium freiwilliger Selbstkontrolle einzurichten", freute sich Wirtschaftsminister Rexroth Anfang Juni. Endlich ist alles wieder gut. Das Internet wird kontrolliert und Straftaten kann es theoretisch nicht mehr geben.

"Die vier apokaplyptischen Reiter der Netze" ([email protected]), die das Internet in Presse, Funk und Fernsehen bekannt machten, also Kinderpornographie, Faschopropaganda, Organisierte Kriminalität und Drogenverherrlichung, dürften in Zukunft nicht mehr reiten. Zu lange hatten sie den warmen Guß an Cyberdollars aus dem Sprühkopf des Internet-Brausers verhindert und deutsche Internetprovider in die Ratlosigkeit getrieben.

Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man einen Arbeitskreis; eine sogenannte "Internet Content Task Force" wird sich in Zukunft um die Einhaltung der Gesetze im Netz kümmern. Mit der Unterstützung praktisch aller Internetprovider in Deutschland wird man in Zukunft am DE-CIX, dem deutschen Knotenpunkt für den kommerziellen Internetaustausch zensieren, redigieren und verfolgen: "Die ICTF wird die vorhandenen Informationen über die Herkunft von News erfassen [ ... ], daß auch nachträglich noch ermittelt werden kann, wer einen Artikel verschickt oder wer die Identität des wahren Autors verschleiert hat. [ ... ] Weiterhin werden die vorhandenen oder neu eingerichteten Newsgroups klassifiziert, so daß Gruppen, die ausschließlich oder überwiegend der Verbreitung rechtswiedriger Informationen dienen, von der weiteren Distribution ausgeschlossen werden können." Weiterhin will man durch Cancel-Nachrichten einzelne Artikel nachträglich aus dem Usenet entfernen.

Mit der selbsternannten "Internet Content Task Force" besteht zum ersten Mal eine Zensurstelle im Internet. Nachdem die ICTF Newsgroups als den "augenblicklich wohl kritischsten Teil des Internet" erkannt hat, wird sie jetzt ihre Arbeit dort aufnehmen. Natürlich wendet man sich in der Pressemeldung vom 5. Juni ausdrücklich gegen "Zensur" - eine staatliche Zensur ist nicht erwünscht und soll durch die Initiative der Wirtschaft verhindert werden.

Das Verhalten, das hier die deutschen Internetprovider (namentlich CERFnet, ECRC, EUnet, GTN/Contrib, ipf.net, IS/Thyssen [vormals MAZ], Point of Presence, nacamar, NTGIXLink, roka, seicon und spacenet) an den Tag legen, läßt den Internetbenutzer im besten Fall fassungslos reagieren. Weder wird hier bedacht daß man mit solchen Methoden, um Rechtssicherheit im Netz (die ICTF spricht hier voller Stolz sogar von "law & order") zu schaffen, Ärger auf sich zieht und Netzgepflogenheiten verletzt, noch scheint es den Providem bekannt zu sein, daß ihnen trotz ihrer Marktmacht (schon nachgesehen, ob Dein Provider auch zensiert?) die Inhalte im Netz nicht gehören. Ein Artikel gehört eben dem Autor oder der Autorin, keiner "Internet Content Task Force".

Hier gilt es neue Strukturen zu schaffen. Wir brauchen Newsversorgungen, die von DE-CIX unabhängig laufen und den Zensurwahn der ICTF nicht mitmachen. Der aus der niederländischen Hackergruppe Hacktic hervorgegangene Provider XS4ALL hat sich schon bereit erklärt, hier an einer technischen Lösung gegen den deutschen vorauseilenden Gehorsam mitzuwirken.

 Aber die apokalyptischen Reiter haben auch an einer anderen Stelle zugeschlagen: Um die Verbreitung von Sexbildchen im Netz zu verhindern gibt es jetzt PICS. PICS steht für "Platform for Internet Content Selection" und soll die Welt (vor allem das Welten Weite Weben) ein Stück sauberer und amerikanischer machen. Mit vorinstallierten "Webweltbildern" (iX 7/96), die Einstellungen in den Rubriken "Sex", "Gewalt", "Nacktheit" und "rüde Sprache" beinhalten, soll der Nachwuchs bestimmte Seiten im WWW nicht mehr besuchen können. PICS wird als die Losung aller internetbezogenen Erziehungsprobleme propagiert.

Tatsächlich dürfte hier amerikanische Prüderie zur technischen Norm werden, denn vorgestellt und von Firmen wie AOL Bertelsmann Online umjubelt wurde PICS auf der 5. WWW-Konferenz in Paris. Die Einordnung in die vier seltsam beschränkten Rubriken soll vom WWW-Anbieter selbst kommen. Wer sich weigert, eine Selbsteinschätzung nach den PICS-Kriterien vorzunehmen, der kann von Minderjährigen einfach nicht mehr "angesurft" (so heißt es wohl im Marketingdeutsch) werden. Angst vor Neuem, Inkompetenz und Machtwahn auf der ganzen Linie also.

Wir befinden uns in einem Internet, in dem Firmen die anscheinend gewonnene Vorherrschaft nun gegen den Staat verteidigen. Da man aber eher an Profit als an dem Menschenrecht auf Kommunikation und Information interessiert ist, wehrt man sich gegen die böse staatliche Zensur mit freier, marktwirtschaftlicher Zensur. Längst gehören die Netze nicht mehr jenen, die drin leben.

 Willkommen in der Marktwirtschaft. [email protected]

 

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