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Wege aus der Informationsflut

Die Diskussion "Über zukünftige Benutzerstrukturen im Internet und Wege, mit der Informationsflut umzugehen" lief auf zwei deutlich zu unterscheidenden Bahnen:

Einerseits äußerten sowohl die Referenten als auch das Publikum Besorgnis Ober die aktuellen Entwicklungen im Netz: Zu viele konsumorientierte und wenig kompetente Benutzer, angesichts des enormen Datentransfers überlastete Leitungen, etc.

Diese Situation wurde zunächst von Wolf Grossmann problematisiert. Er bezeichnete es als einen Mythos, das Internet werde ein ökologischeres Verhalten durch weniger Verkehr ermöglichen: Der meiste Verkehr finde schon heute nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen, sondern vielmehr in der Freizeit statt. Es müsse daher nach neuen Möglichkeiten zur Nutzung des internationalen Datennetzes gesucht werden, damit dieses von möglichst vielen Menschen auch beruflich genutzt werden könne, wie es von David Burge als große Chance der Zukunft vorausgesagt wurde. Es müsse eine Einbindung der Netzbenutzung in die Alltagskultur angestrebt werden. Wolf erzählte von seinen Projekten, den »Urlaub auf dem Bauernhof« um eine Intemet-Einführung zu bereichern und bat um weitere Vorschläge, wie kleinen Produzenten und Handwerkern das Netz nutzbar gemacht werden könnte.

Das Publikum zeigte sich hier sehr einfallsreich: die "Weitergabe" von Abfällen, die von anderen vielleicht noch gebraucht werden könnten; Ausflugsziele der näheren Umgebung könnten bekannt gemacht werden, damit nicht weiterhin ferne Ziele interessant erscheinen: die Kneipe um die Ecke in ihrer Funktion als Informationsdrehscheibe könnte so ersetzt werden. Gerrit Hellwieg zeichnete ein weites Feld an bisher ungenutzten Möglichkeiten: Hilfestellungen bei Alltagsproblemen; vielfältige Kontakte, die Vereinsamung verhindern und so vielleicht einigen den Psychiater ersparen könnten; weitere Kontaktaufnahme als Chance für

Freizeit und Engagement; Vernetzung von Schulen, Vereinen, Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen.

Die Referenten Voelker, Steinhauser, Rieger und Hellwieg stellten nun ihr Projekt vor, mit dem sie eine positive Zukunftsperspektive möglich machen wollen. Mit dem Programm VorUrteilssystem soll eine Gruppe von untereinander bekannten Netzbenutzern Nachrichten verschlüsselt und privat - austauschen, die von den andren Mitgliedern dieser Gruppe als lesenswert und informativ gekennzeichnet worden sind. Auf diese Weise sollen die Mitglieder dieses Trust-Ringes, die einander menschlich als vertrauenswürdig und fachlich als kompetent einstufen, einander das Lesen von wertlosen Nachrichten ersparen. Die Kennzeichnung kann auf verschiedene Weise erfolgen: Der Weg, den ein Teilnehmer durch das Nachrichtenangebot genommen hat, bietet den anderen Denkpfade, denen sie folgen können. Eine Reihe von Icons - einfach anzuklicken - kann weiter verschiedene Maße der Zustimmung und Bewertung ausdrücken. Eventuell kann man auch gezielt nach Nachrichten suchen, die dem eigenen Interesseprofil entsprechen oder einem anderen Menschen folgen, der ein ähnliches Profil hat.

Ein Trust-Ring soll sich zu einem bestimmten lliema formieren, so daß jede in mehreren Ringen Mitglied sein und sich die Ringe auch überschneiden könnten. Die Mitgliedschaft in einem Trust-Ring solle man sich durch kompetente Nachrichten und Produktivität erwerben - wiegenau die Aufnahme vonstatten gehen sollte, ist allerdings noch nicht klar. Ein ganzer Ring könnte sich, wenn alle seine Mitglieder als vertrauenswürdig und kompetent eingestuft werden, auch öffentliche Nachrichten durch seine »Signature« (die Ähnlichkeit zu PGP ist unübersehbar und gewollt) aufwerten.

Das Publikum zeigte sich an diesem Konzept sehr interessiert, es kamen sehr viele positive, aber auch sehr kritische Meldungen. So hieß es, daß durch ein solches Programm erstmals soziale Probleme in dieDatennetze transportiert würden, die sich dort bis jetzt nicht so stark gezeigt hatten: die Ausgrenzung von Neulingen, Außenseitern undRandgruppen, die Macht grauer Eminenzen u.ä.

Viele Äußerungen betonten die Wichtigkeit von qualitativ hochwertiger Kommunikation, die Fähigkeit dazu wurde allerdings vielen Zeitgenossen abgesprochen. Ein Programm könne dabei stets nur ein Hilfsmittel sein,das nicht überbewertet werden sollte.

Besorgnis schienen die Möglichkeiten, die ein einmal als vertrauenswürdig eingestufter Mensch hat, zu erregen: Um diese Macht zu mindern, kam der Vorschlag, ähnlich wie bei PGP auch die"Vertrauensstufen" wie Signaturen auszutauschen. Ein anderer Zuhörer bat um nachlesbare biographische Daten, um das Vertrauen in die Fachkompetenz nicht auf subjektive Einschätzung gründen zu müssen.

Einigkeit herrschte über das weitere Vorgehen: Der Sourcecode des Programms soll auf jeden Fall öffentlich sein; das Programm soll ähnlich wie Unix durch die Zusammenarbeit vieler entstehen. Außerdem steht fest, daß es möglichst verbreitet und einfach anzuwenden sein soll: Es soll unter Windows, Linux und auch auf Macs laufen.

Für Interessierte wird ungefähr ab Januar 1996 eine Mailingliste eingerichtet werden, wer also weitere Fragen hat, richtet diese an: [email protected]

Die Referenten waren: Ulf Voelker, Andreas Steinhauser, Woff Grossrnann, Frank Rieger, Gerrit Hellwieg

Kerstin Lenz, [email protected]

 

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