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Bit-Napping


"Raubkopieren". Welch unschönes Wort. Niemand raubt. Eigentlich heisst es "Softwaretausch". Der Artikel von Cäsar/Stöpsel in der letzten DATENSCHLEUDER und die Hausdurchsuchung in Bielefeld erfordern Stellungnahme.

Schon immer bestaunte ich die Diskettenkästen bei den Kids. Hunderte von Disketten, jede drei Mark teuer - mal mehr - mal weniger. "Hast Du...", meine naive Frage. "Kann sein, falls ich's nicht gelöscht habe." Fast immer die gleiche Antwort. Und bei "Zeig mal was" der Griff in die Kiste. Diskette einlegen und - ja, und dann kommt ein INTRO. Die Cracker haben in 'zweistündiger Arbeit' mal eben das Unmögliche möglich gemacht. Da stellt der ATARI plötzlich 46000 (?) Farben gleichzeitig auf dem Schirm dar, der AMIGA bringt ein fünfminütiges gesampeltes Musikstück 'rüber' und der gute alte C64 wird bis über den Bildschirmrand hinaus mit formatfüllenden höchstauflösenden Farbgrafiken aufgepeppt.

Ich weiss, dass das alles technisch unmöglich ist und vor meinen Augen passiert es. Und. Was hat das mit 'Raubkopien' zu tun? Die kommen dann hinter dem INTRO. Und bevor die KINGSOFT- oder ARIOLA-Programme auch nur die geringste Chance haben, gesehen zu werden, sind sie auch schon ausgeschaltet und das nächste INTRO wird eingelegt. Hier und da schaut man sich auch mal ein Programm an. BECKER-TEXT gefällt WORDPLUS-Benutzern recht gut. Da ich
schon lange keine Computerzeitungen mehr kaufe, hätte ich von der Existenz dieses Programmes nie erfahren. Wenn nicht, ja, wenn nicht in Bielefeld die BIT-NAPPING-PARTY-V1.0 stattgefunden hätte.

Schon der Titel der Veranstaltung sagt alles. Schlafsäcke und Rechner sollten mitgebracht werden, gerüchteweise verbreitete sich die Nachricht bis hinein in die grö×eren Softwarehäuser: dass da fälschungssichere und durchnumerierte Einladungskarten unterwegs waren. Die Bit-Napping-Party für sich war ein voller
Erfolg. Wir lachten selber über unsere Sicherheitsvorkehrungen. In Bielefeld mu×te sich der Gast erst einmal bei der Anlaufadresse melden, und von dort aus wurden die einzelnen Gäste zum Ort des Geschehens geschickt.

Das eigentlich Erstaunliche spielte sich (wie wir erst 'beim Frühstück danach' erfuhren) kurz nach dem letzten Einlass schluss draussen auf der Strasse vor der Anlaufadresse ab. Ein junger Herr, der leider etwas zu spät kam und niemanden mehr antraf, spürte eine Hand auf der Schulter und wurde das erste Mal in seinem
Leben 'vorläufig festgenommen'. Er wurde mit auf's Revier genommen und in seinen Taschen fand man neben einigen Disketten ('Alles Originalsoftware', grinste einer der Beamten) auch - natürlich, denn ohne diese kein Einlass - eine Einladungskarte. Wo er diese her habe. Nun und das stand ja gross und breit drauf: Art d'Ameublement. Die Leute mit der MODERNSTEN KUNST hatten zur 'CrackerFete' geladen.

Der junge Mann, der Montags beim Frühstück von seiner Festnahme berichtete, erzählte Unglaubliches: Videokameras lagen da rum und Spiegelreflexkameras und mindestens sechs Kripo-Beamte wären daran beteiligt gewesen und hätten ihm erzählt, dass eine Anzeige von ausserhalb vorliegen würde und dass ihre Taktik gewesen wäre, reinzustürmen und erst mal alles zu filmen und zu fotografieren. (Allerdings musste der Türsteher immer erst mal den Schlüssel holen gehen...). Die Erzählungen klangen seltsam. Wir erzählten die Geschichte gerne weiter, aber haben sie eigentlich nicht so recht geglaubt.

Drei Tage später, Punkt 14 Uhr (da beginnen unsere galeristischen Geschäftszeiten) standen drei Herren im Laden. Ja, richtig, die Kripo. Und da standen sie nun mit Haussuchungsbefehl für Laden, Privatwohnung, Keller, Speicher und Auto. Ob wir mit der Hausdurchsuchung einverstanden seien, eine Frage, die man stets
nur verneinen kann. Der Bitte um Aushändigung der Liste mit Namen und Adressen aller Gäste konnten wir nicht nachkommen, denn - selbst wenn sie existieren würde - könnte doch schliesslich niemand von uns erwarten, dass wir sie bei uns aufbewahren würden.
Dieser Argumentation konnten sich auch die Beamten nicht verschliessen.

Sie waren freundlich, und freundlich zeigten wir Ihnen den Computer (wir waren gerade dabei, Rechnungen zu schreiben), das Diskettenlager, und schon nach 10 Minuten war unser Anwalt zur Stelle. Dann wurde grob oberflächlich die Geschäftskorrespondenz durchgewühlt und anschliessend erzählte uns der Beamte noch, dass der 'Anzeiger' noch zum Besten gegeben hätte, dass wir 'ganz heisse Leute' seien. Wir hätten auch den (ich kann das Wort nicht mehr hören) NASA-Hack mitgemacht.

Wieso erzählt jemand so etwas? Und die Antwort war sämtlichen Parteien klar: Die 'Bullen' sollten heiss gemacht werden, damit sie sich auf jeden Fall der Bit-Napping-Party annehmen. Auch die Polizisten fühlten sich von den Software-Firmen regelrecht missbraucht. Nett wurde der Dialog, als Rena dem Leiter der Aktion
einen Aufkleber vom FöBuD e.V. anbot und der Herr nur trocken antwortete, dass er gerade überlegen würde, ob er ALLE mitnehmen sollte. Er unterliess es. Alles, was beschlagnahmt wurde, waren etwa 60 Originale mit Seriennummern und etwa ebenso viele Raubkopien: Der Rest der Einladungskarten und übriggebliebene
fotokopierte Stadtpläne. Für die Besucher von ausserhalb, damit sie den Ort des Geschehens leichter finden. Natürlich ohne Kreuzchen an der betreffenden Stelle.

Es ist anscheinend nicht die einzige Veranstaltung, die 'hochgenommen' werden sollte. Wir hatten Glück, dass wir uns aus den (uns selbst unsinnig erscheinenden) Sicherheitsvorkehrungen einen Sport gemacht haben. Ohne sie wäre die fröhliche Party sehr viel eher beendet gewesen, ein Zentralcomputer (oder Karteikasten?!) mit einer Menge überflüssiger Personaldaten gefüttert worden und einige Eltern wären vermutlich aus allen Wolken gefallen.

Aber einen Fehler sollten 'Veranstalter' und 'Gäste' von solchen Partys nicht machen: Kriminalroman spielen. Nur weil es unangenehm ist, wenn die Exekutive in den Disketten herumschnüffelt, muss man sich nicht einigeln. Im Gegenteil. Je offener und aufrechter ein jeder zu seinen Handlungen steht, desto weniger lassen sich die Hacker und Cracker und Kids und/oder wie sie alle heissen, in die Kriminalität drängen. FREE FLOW OF INFORMATION ist mehr als nur 'Hacker-Ethik'.

Ich möchte hier an dieser Stelle nur wenig über 'Profis' verlauten lassen. (Bezüglich der Diskussion Geld/nicht Geld für Raubsoftware). Der 'Profiraubkopierer' hat einen Job mit 60 Wochen-Arbeitsstunden, der sich in seiner Eintönigkeit kaum von einem Fabrikjob unterscheidet. Manche Menschen brauchen halt neben dem neuesten Video und dem abgefahrensten Drink auch stets die neueste Version von MacMüllomatPlusTM. Ich sehe dies als ein Suchtproblem an, das sich aus dem Wesen des Mediums selbst ergibt. Diese Sucht ist nur über den - auch professionellen - Graumarkt zu befriedigen; bei einem Durchschnittseinkommen von ix-Mark-fuffzig Taschengeld.Geschadet wird tatsächlich niemandem, denn kaufen würde trotzdem niemand das Zeug. Die Verkaufszahlen der Ballerspielchen sind - so haben Befragungen des Fachhandels ergeben - immens hoch. Verhungern wird niemand in den Softwarefirmen. Höchstens die freien Programmierer, die sich die Programme für viel zu wenig Geld abkaufen lassen. Das Suchtproblem, das die Jagd nach der immer neuesten Software darstellt, sehe ich selber als relativ harmlos an. Es erledigt sich eines Tages von selbst.

Ein jeder stellt fest, da× diese Welt keine ausschliesslich elektronische ist und dass es unmöglich ist, ein Programm in seine Freundin einzugeben und dass es vielleicht an der Zeit wäre, erst einmal sprechen zu lernen. Die kopierten Spiele machen eh schon seit langem keinen Spass mehr. Sie werden lediglich kopiert und weitergegeben. Für Telepathie gibt's keine FTZ-Nummer, und Bier schmeckt in Gesellschaft immer am Besten.
Weitermachen.


Art d'Ameublement
Rena Tangens & padeluun

CLINCH/POETRONIC/PADELUUN/28.11.87/20:28/8522 Z.

 

 

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