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Deutsche, französische und schweizer Polizei durchsuchten Chaos Computer Club

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Deutsche, französische und schweizer Polizei durchsuchten Chaos Computer Club


Hamburg, (B.H.P.) - Der Chaos Computer Club (CCC e.V.) machte Mitte September von sich reden, als seine Vorstandssprecher Wau Holland und Steffen Wernery bekanntgaben, da× Hacker aus dem Umfeld des CCC das NASA-Forschungsnetz SPAN "geknackt" und sich an den CCC gewandt hätten, um auf die enormen Sicherheitslücken aufmerksam zu machen.

Am Dienstag den 23. September reagierte das Bundeskriminalamt (BKA) und startete mit Kollegen aus Frankreich und der Schweiz eine gross angelegte Razzia in den Clubräumen des CCC sowie in den privaten Wohnungen der beiden Sprecher. Steffen Wernery, unter anderem bekannt als einer der beliebtesten Anbieter im Btx-Netz, wurde von einem 15- köpfigen internationalen Polizeiaufgebot heimgesucht.

Augenzeugenberichten zufolge beschlagnahmten die Beamten wahllos Computer und Disketten, darunter die gerade in Arbeit befindliche "Datenschleuder", das Presseorgan des Clubs. Desweiteren stehen auf der Asservatenliste die gesamte Redaktionssoftware einschliesslich der Daten für das Btx-Angebot des CCC, Unterlagen für wissenschaftliche Vorträge, die der Club in nächster Zeit auf Einladung namhafter Institute bestreitet, sowie das Lebenswerk von Wau Holland, ein umfassendes Fotosatzsystem, an dem er zehn Jahre lang gearbeitet hat. So strittig der Inhalt des Durchsuchungsbefehls ohnehin ist, wird es den zuständigen
Stellen schwerfallen, diese massive Beeinträchtigung geschäftlicher und journalistischer Aktivitäten zu rechtfertigen.

Das BKA bestreitet jeden Zusammenhang mit der von der Presse "NASA-Hack" getauften Aktion, die in einem Fernsehbeitrag des ARD-Magazins Panorama vom 15. September grosses Aufsehen erregte. Tatsache ist jedoch, dassder den Razzien zugrundeliegende Haussuchungsbefehl genau einen Tag nach besagter Sendung ausgestellt wurde. Die Polizisten des BKA beziehen sich ausdrücklich auf eine gegen Unbekannt gerichtete Anzeige des Schweizer Kernforschungszentrums CERN und des Phillips-Konzerns. In der Öffentlichkeit wird nun von BKA-Seite der Eindruck zu erwecken versucht, als richte sich besagte Anzeige gegen den Hamburger CCC und seine beiden Sprecher.

Tatsächlich richten sich nur die Haussuchungsbefehle namentlich an den CCC. Die Begründung lautet auf Ausspähen, Verändern und Löschen von Daten. Auf die Beweislage angesprochen, antwortete jedoch tags darauf der stellvertretende Sprecher der zuständigen Hamburger Staatsanwaltschaft, Lothar Klemm, dass derzeit keine Aussage über nachweisliche Tatbestände gemacht werden könne. Das legt den Schluss nahe, dass die Staatsanwaltschaft mit den Razzien versucht, an Beweismaterial heranzukommen, das die Anzeigensteller CERN und Phillips selbst offensichtlich nicht vorlegen können.

Peter Beck, erster Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, war nach seinem Dienstantritt am 30. September, also zwei Tage nach den Razzien, völlig überrascht und sah sich nicht in der Lage, über den Sachverhalt relevante Auskunft zu geben. Sein Vertreter Lothar Klemm befand sich mittlerweile in Italien und konnte zur Sache nichts mehr aussagen.

Etwas befremdlich hieran ist, dass das BKA in Wiesbaden auf das LKA Hamburg als auskunftsberechtigte Stelle verwies, das LKA Hamburg wiederum auf die Staatsanwaltschaft, die, wie gesagt, nicht ausreichend informiert war.

In der "Hacker-Szene" herrscht nun weitgehendes Unverständnis über die allgemein als "kopflos" angesehene Hamburger Polizeiaktion. Man spricht von einem "Armutszeugnis", von "Polizeirecherche aus dem Fernsehprogramm" und vermutet, da× es den bislang völlig erfolglosen Beamten in erster Linie um publicityträchtigen Aktionismus ging und weniger um einen wirklichen Fahndungserfolg. Bedenklich finden die deutschen Hacker die wahllose Beschlagnahme von Karteikästen und Datenmaterial, die darauf schliessen lässt, dass das BKA mit Hilfe der Aktion eine "Sympathisantenkartei" anlegen will.

In bayrischen Hackerkreisen sieht man hingegen schon früher geäusserte Befürchtungen bestätigt, nach denen die seit März diesen Jahres gültige Novelle des Wirtschaftskriminalitätsgesetzes vor allem gegen jene Anwendung findet, die auf Miss-Stände öffentlich aufmerksam machen. Doktor Ulrich Sieber, anerkannter deutscher Rechtsexperte auf dem Gebiet der Computerkriminalität, hatte bei der Diskussion im Vorfeld der Gesetzesnovelle vergeblich durchzusetzen versucht, dass bei Selbstanzeige Straffreiheit zugesichert werden soll, sofern kein nachweislicher Schaden entstanden ist. Die derzeitige Gesetzeslage jedoch ist fast schon vergleichbar mit einem Gesetz, das nicht den Einbrecher bestraft, sondern den Nachbarn, der die Polizei ruft.

Man kann von Glück sagen, da× das von der Polizei bevorzugte "Feindbild", das den Hacker in die Nähe eines Terroristen stellt, offensichtlich falsch ist.


Thomas Vogler

jwi 300701 Sep 87 BEREICH CLINCH BH
CLINCH/DATENREISEN/JWI/01.10.87/07:30/4991 Z.

 

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