Was kann die Schweizer Armee leisten?

von Andreas Hess, Lilienberg Unternehmerforum

Das zweite Gespräch im Rahmen der diesjährigen Armee-Veranstaltungsreihe auf dem Lilienberg stellte die Frage nach der Leistung der Armee ins Zentrum. Zwei angehende Berufsunteroffiziere (Hptfw Florian Lobsiger und Wm Thomas Uhlmann, BUSA 2011/2012), ein Bataillonskommandant (Major i Gst Kaspar Hartmann, Kdt Pz Bat 13, beruflich Generalagent Helvetia Versicherungen) und der Kommandant der Territorialregion 4 (Divisionär Hans-Peter Kellerhals) stellten sich der Frage. Fazit des Podiums: Die Schweizer Armee ist gut trainiert und erfüllt ihre Aufträge tadellos. Die Truppen überzeugen mit einer hohen Leistungsbereitschaft, und der überwiegende Teil der Armeeangehörigen absolviert den Militärdienst top motiviert.

In der Schweizer Armee steckt sehr viel mehr Substanz und Kampfgeist als ihre Kritiker oftmals behaupten und wahrhaben wollen. Zumal diese die Armee gar nie an der Arbeit sehen. — Feststellung von Gesprächsleiter Dr. Peter Forster eingangs der Lilienberg-Veranstaltung.

 

Unwetter im Juli 2012 - die Schweizer Armee hilft!

Unwetter im Juli 2012 – die Schweizer Armee hilft!

Laufende Armeeeinsätze
Der Kommandant der Ostschweizer Territorialregion 4, Divisionär Hans-Peter Kellerhals, umriss in seinem Referat laufende und kommende Einsätze der Schweizer Armee. Das aktuelle Einsatzspektrum der Armee reiche unter anderen von einem Hochwassereinsatz in Steffisburg über einen Tribünenbau bis hin zu Übungen und Trainings. Die der Territorialregion 4 unterstellten Truppen planen derzeit eine im nächsten Jahr stattfindende Übung im Fürstentum Liechtenstein. Dies in enger Zusammenarbeit mit den zivilen Behören Liechtensteins und den Führungsstäben der Kantone St.Gallen und Thurgau. Für 2014 ist die Unterstützung der Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich geplant.

Komplexes Dispensationswesen
Divisionär Kellerhals wies auf die Problematik der Komplexität des Dispensationswesens hin. Dort, wo in den Einheiten Überbestände vorhanden seien, werden Dispensationsgesuche kein Problem darstellen. Die Dispensationsquote liege etwa bei 20 bis 30 Prozent. Problematisch werde diese Quote dann, wenn die Zahl der Armeeangehörigen in einer Einheit unter 120 Prozent des am Schluss gewünschten Truppenbestandes liege. Täglich werden Soldaten aus dem Wiederholungskurs entlassen, weil sie ihre Dienstpflicht erfüllt haben. Divisionär Kellerhals wies darauf hin, dass für die Kompaniekommandanten der Umgang mit den Arbeitgebern recht schwierig geworden sei:

Das Verständnis für den Dienst an der Gesellschaft durch den Bürger in Uniform wird immer kleiner. — Divisionär Hans-Peter Kellerhals.

Zur viel kritisierten Armeelogistik meinte der Kommandant Territorialregion 4, dass sich die Schweiz eine logistisch anspruchsvolle Armee leiste. Jährlich würden 175 Bataillone aus- und abgerüstet. Dies sei der Preis für das Milizsystem. Schwierig werde es dort, wo – insbesondere den Panzerbataillonen – die Betriebsmittel wie zum Beispiel Munition fehlen. Dies sei eine Folge der Unterfinanzierung der Armee, monierte Divisionär Kellerhals. Er hielt fest, dass die Armee gut trainiert sei und ihre Aufträge erfülle. Die Truppen haben eine hohe Leistungsbereitschaft und eine gute Kameradschaft.

Hohe Leistungsbereitschaft der Rekruten
Aus Sicht des angehenden Berufsunteroffiziers Wachtmeister Thomas Uhlmann sind 95 Prozent der Armeeangehörigen gut motiviert; sie wollen etwas leisten. Die Mehrheit der Rekruten haben sehr hohe Erwartungen an die Rekrutenschule, «sie wollen in der RS etwas erleben». Dafür sind die jungen Rekruten auch bereit, etwas zu geben. Wenn sie aber in den ersten Wochen der RS enttäuscht werden, gehe ein Teil der Motivation verloren, stellte Wm Uhlmann fest. «Ursache sind zum Teil knappe Ausbildungszeiten.»

Für Wm Uhlmann gib es jedoch nichts Stärkeres als die Milizarmee, die auf dem zivilen Know-how der Armeeangehörigen aufbaut. Die Möglichkeit, in jungen Jahren Menschen zu führen, sei nicht vergleichbar mit anderen Ausbildungen. In der militärischen Führungsausbildung sei es erlaubt, Fehler zu machen. «Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sind ein wichtiger Teil des Lernprozesses», so der angehende Berufsunteroffizier.

95 Prozent der Armeeangehörigen sind gut motiviert. Sie sind stolz, wenn sie zusammen mit ihren Kameraden ein vorgegebenes Ziel erreichen können.

95 Prozent der Armeeangehörigen sind gut motiviert. Sie sind stolz, wenn sie zusammen mit ihren Kameraden ein vorgegebenes Ziel erreichen können.

Gemeinsam Ziele erreichen
Hauptfeldweibel Florian Lopsiger führte anhand von Beispielen aus, dass der Armeeangehörige durch sein aktives Mitwirken innerhalb der Gruppe gestärkt wird. Die Soldaten seien stolz, wenn sie zusammen mit ihren Kameraden ein vorgegebenes Ziel erreichen können. Wenn das Ziel mit der Gruppe oder im Verband erreicht werde, stärke dies den Zusammenhalt der Truppe umso mehr. Trotzdem gebe es in weiten Teilen der Gesellschaft Leute, die der Armee und sogar dem einzelnen Soldaten Steine in den Weg legen wollen und teilweise auch tun. Oft müsse man sein eigenes Tun und Handeln rechtfertigen, insbesondere dann, wenn man für sich entschieden hat, militärisch weiterzumachen.

Zum Schluss ihres gemeinsamen Referates hielten Wm Uhlmann und Hptfw Lopsiger fest, dass die Armee ihre Aufträge jederzeit zu 100 Prozent erfüllen kann. Beide angehenden Berufsunteroffiziere sind stolz, Teil dieser vielfältigen und leistungsfähigen Armee zu sein.

Übertriebene Redimensionierung der Armee
Die Frage «Was kann die Armee leisten?» sei eine durchaus kritische Frage, sagte Major im Generalstab Kaspar Hartmann, Kommandant des Panzerbataillons 13. Dies betreffe vor allem die Verteidigung. Es gehe nicht nur um die Frage, was die Armee leistet, sondern auch, wie die Armee aufgestellt sei. Dass die Armee aufgrund der aktuellen Bedrohungslage nicht mehr die gleiche Leistungsfähigkeit hat wie zu Zeiten des Kalten Krieges, ist aus Sicht des Milizoffiziers unbestritten. Jedoch habe die Redimensionierung der Armee im Zuge der Umsetzung der Armee XXI und des Entwicklungsschrittes 08/11 ein übertriebenes Ausmass angenommen – getrieben durch das Primat der Finanzen, vorauseilendem Gehorsam der verantwortlichen Stellen in Bern und des Desinteresses der Politik. Major i Gst Hartmann sagte, «dass wir auch in Zukunft auf die Verteidigungsfähigkeit der Armee angewiesen sind.»

Das Panzerbataillion 13 am Üben auf dem Schiessplatz Hinterrhein während des WK 2012 (Fotos von Wm Adrian Schwyter, Ende April 2012)

Das Panzerbataillion 13 am Üben auf dem Schiessplatz Hinterrhein während des WK 2012 (Fotos von Wm Adrian Schwyter, Ende April 2012)

Hohe Motivation
Mit Stolz führe er sein Panzerbataillon 13, welches die gestellten Anforderungen bestens erfüllt. Als problematisch beurteilt der Bataillonskommandant die Auswirkungen des neuen Ausbildungsmodells. Die Ausbildungserfahrung der jungen Zugführer sei teilweise ungenügend. «Diese Problematik ist erkannt worden.» Neu müssten die Kader eine ganze Rekrutenschule abverdienen. Die merkliche Verjüngung der Einheiten habe einen Know-how-Verlust zur Folge. Zudem, so Major Hartmann weiter, finde der Austausch zwischen den jungen und älteren Kader weniger häufig statt. Er könne feststellen, dass die Dienstmotivation und die persönliche Einsatzbereitschaft der Truppe hoch sei. Dies seien wesentliche Faktoren für die Durchführung eines guten Fortbildungsdienstes, meinte Major Hartmann. Als Gründe führte er an, dass einerseits von den Soldaten Leistung gefordert, zum anderen gute Ausbildungsdienste angeboten werden. Das Milizsystem mit seiner kurzen Dienstzeit von jährlich vier Wochen sei dabei ein wesentlicher Faktor für die hohe Motivation der Truppe.

Sorge über Entwicklung zu «Dienstleistungsarmee»
Hermann Suter-Lang, Präsident ad interim der Gruppe Giardino, zeigte sich in der Diskussion beeindruckt über die Leistung der Berufsmilitärs und den Milizangehörigen der Armee. Er wies auf drei Punkte hin, welche er mit Sorge beobachte: Führungsinformationssystem (FIS) Heer, Mobilmachung und die Entwicklung von einer Verteidigungs- zu einer «Dienstleistungsarmee». Grundsätzlich könne das FIS Heer seinen Zweck erfüllen, entgegnete Divisionär Kellerhals. Dies, obwohl das System nicht so geliefert wurde wie ursprünglich bestellt. Zur Weiterentwicklung der Armee meinte Kellerhals, dass die Dienstleistungserbringung zu Gunsten ziviler Behörden ein Teil des Aufgabespektrums darstelle.

 

«Gedanken auf den Weg» von Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum am Lilienberg
Vier völlig unterschiedliche Angehörige der Armee – diese vier Männer geben ihr Bestes, damit unsere Armee in der Lage ist, ihre Rolle in der Sicherheitspolitik unseres Landes bestmöglich und glaubwürdig auszufüllen. Doch diese vier Männer werden – wie wir alle, die uns für die Armee einsetzen – von der Politik desavouiert, ganz explizit und besonders schmerzlich von Seiten gewisser bürgerlicher Politiker, die sich medienwirksam zu Themen verbreiten, von denen sie viel zu wenig verstehen. Damit verbreiten sie tiefe Unsicherheit und säen Misstrauen. Ich spreche hier von der neusten Kontroverse um die Kampfflugzeug-Beschaffung. Wem soll man jetzt glauben, wem soll man jetzt überhaupt noch vertrauen? Hat die Evaluation des neuen Kampfflugzeuges versagt? Ist Nationalrat Philipp Müller nun ein Lobbyist von Rafale [sic] ? Und für wen lobbyieren denn die anderen bürgerlichen Parlamentarier? Ein gravierendes Problem besteht darin, dass die Armeebefürworter kaum noch über wirklich gute Sicherheitspolitiker im Parlament verfügen.

Ein weiteres Thema, das mir Sorgen macht, ist das VBS, das daran ist, die Bodenhaftung zu verlieren. Als Beispiel nenne ich die Kommunikationsabteilung des VBS, die es nie für nötig befunden hat, jemanden an einen unseren vielen Anlässen zum Thema Sicherheit und Armee zu delegieren. Offensichtlich ist man im VBS nicht daran interessiert zu erfahren, was die armeefreundlichen Kreise in der Bevölkerung eigentlich tun und denken. Das VBS tut wenig oder nichts, um die vielen Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu unterstützten und zu stärken, die gegen die schleichende Abschaffung der Armee – zum Beispiel über die GSoA-Initiative – kämpfen. Das ist beschämend und bedenklich. Lilienberg macht aber weiter!»

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