Rezension: “Soldatenglück: Mein Leben nach dem Überleben”

Hinter der internationalen Klassifikation “F43.1” verbirgt sich eine Krankheit, die für viele Menschen ein schleichender Horror ist. Sie macht den Kranken zu einem körperlichen und seelischen Wrack auf Jahre hinaus: die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Was es bedeutet, an PTBS zu erkranken, weiß Robert Sedlatzek-Müller. Er ist Veteran des Kosovo- und Afghanistan-Krieges. Seit Jahren kämpft er gegen die Krankheit und gegen die Bürokratie der Bundeswehr.

Bei einer PTBS versucht der Körper traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, die in der Regel zu einer langfristigen physischen und psychischen Beeinträchtigung führen. Symptomatisch sind dafür wiederkehrende Erinnerungen, Träume und Gefühle, die die traumatische Situation immer und immer wieder wiederkehren lassen. Diese psychische Instabilität führt zu Gefühlsausbrüchen, wie Wut, zu Konzentrationsschwierigkeiten, Suchtverhalten, Depressionen und zum gewalttätigen Verhalten. Der Erkrankte isoliert sich zunehmend vom Alltag und von der gesellschaftlichen Teilhabe.

Solche traumatischen Erlebnisse erleben Soldaten oft in Kriegs- und Katastropheneinsätzen. Dort sind sie konfrontiert mit Tod, Verstümmelung, Angst und der eigenen Hilflosigkeit – kurz: mit dem Schrecken des Krieges. Insbesondere letzteres wurde im Gemälde “Two Thousand Yard Stare” des Kriegsmalers Thomas C. Lea versinnbildlicht. Es zeigt einen Soldaten nach der Schlacht, der starr in die Weite blickt. Es scheint als würde er durch den Betrachter des Bildes durchsehen. Dieses Gemälde wurde zum Symbol der an PTBS Erkrankten.

Seit 1996 sind die Einsätze der Bundeswehr intensiver geworden. Die Ansprüche an die seelische und körperliche Belastbarkeit sind stark gestiegen. Einer Studie der TU Dresden zufolge haben Soldaten im Auslandseinsatz ein 6-10 mal höheres Risiko an einer PTBS zu erkranken als Soldaten ohne Auslandeinsatz. Dabei werden von den Soldaten vor allem direkte militärische Auseinandersetzungen und lebensbedrohliche Unfälle als traumatische Ereignisse wahrgenommen. Im internationalen Vergleich scheinen Soldaten der Bundeswehr deutlich weniger an PTBS zu erkranken. Die PTBS-Rate in den Kampftruppen der USA liegt bei 16,6%, der Briten bei 4,2-5% und der Bundeswehr bei 1,95%.

Fast alle Soldaten, die aus dem Auslandseinsatz kommen, berichten über belastende Einsatzerfahrungen und fast jeder zweite berichtet über traumatische Ereignisse. Die Vermutung der TU Dresden geht dahin, dass jeder zweite PTBS-Fall nicht erkannt bzw. nicht behandelt wird. Die relativ niedrige PTBS-Rate ist im Gegensatz zu amerikanischen und britischen Soldaten wohl durch die lange Vorbereitungszeit und den kurzen Einsatzzeiten sowie der relativ selteneren Kampfeinsätzen geschuldet.

Nach einem Bericht der Bundeswehr gab es im ersten Quartal 2012 305 PTBS-Fälle; im gesamten Jahr 2011 922. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlicher höher. Man schätzt, dass bis zu 5000 Soldaten an PTBS leiden, aber nur ein Bruchteil von ihnen behandelt wird.

Im Kampf gegen den Horror von damals

Sedlatzek-Müller ist als junger Mann mit der Bundeswehr in den Krieg gezogen. Gut ausgebildet. Fallschirmjäger. Top in Form. Am 6.03.2002 hat sich für den Soldaten alles geändert. Bei der Entschärfung einer SA-3 Flugabwehrrakete kommt es zur Explosion als die Soldaten den Sprengstoff mit Schraubenzieher und Hammer bearbeiten. „Gerade als ich mich bei den EOD-Leuten erkundigen will, ob wir unsere Spürhunde an diesem Sprengstoff trainieren dürften, versuchen Ohlrich und Buchner, eine hartnäckige Kruste des gelben Materials mit einem Hammer und einem flachen Schraubenzieher von der Metallwand der Rakete herunterzumeißeln.“ Drei dänische und zwei deutsche Soldaten der Kampfmittelbeseitigungskompanie 11 sterben. Sedlatzek-Müller wird von der Druckwelle getroffen. Im Staub versucht er seinen Kameraden zu finden, greift zu und hat plötzlich einen abgerissenen Arm in der Hand. Kurze Zeit später versagen ihm die Beine. „Unfähig, mich zu bewegen, liege ich auf dem Boden. […] Ich müsste doch zumindest meine Hände spüren. Die Angst, übersehen und liegen gelassen zu werden, erdrückt mich beinahe.“

Im Kosovo-Einsatz

Bei der Explosion wird sein Trommelfell beidseitig zerrissen. Seitdem hat er einen Tinnitus. Ansonsten ist er äußerlich fast unversehrt. Er hat überlebt. Doch zunehmend kommt es zu psychischen Problemen und zur nervlichen Anspannung. Seine Gedanken lassen ihn nicht los. Um einzuschlafen trinkt er sich in den Schlaf. Diese wiederkehrenden Gefühle will er damit betäuben. Bereits ein Jahr nach der Raketenexplosion attestierte ein Arzt bei ihm eine PTBS. Doch nur eines ist passiert: Sedlatzek-Müller wird wieder in den Einsatz geschickt. Eine Gefahr für ihn, seine Kameraden und die Zivilbevölkerung im Krisengebiet.

Er wird zunehmend aggressiver, schottet sich von seinen Freunden und Kameraden ab. „Immer häufiger gerate ich in der Folgezeit mit meinen Kameraden aus dem Hundezug aneinander und fühle mich unverstanden. […] Wenn ich an den Wochenenden in die Disco gehe, kommt es oft zu Schlägereien.“

Später bekommt er durch die unbehandelte PTBS eine Essstörung und die Nesselsucht. Er wird unkonzentriert und vergisst viele Dinge. In seinem Kopf tickt eine Zeitbombe. Die Bilder und Situationen, die Sedlatzek-Müller im Einsatz sah, kommen wie Geister zurück und spuken in seinem Kopf herum. Mit Alkohol und exzessivem Sport will er die Geister des Krieges vertreiben. Er ist nicht mehr derselbe. Der Krieg hat Sedlatzek-Müller verändert. Mit 32 Jahren scheidet er aus der Bundeswehr aus. Ein Veteran, der nun um seinen Verstand und die Anerkennung seiner Wehrdienstbeschädigung durch die Bundeswehr kämpft.

Naheliegend bittet er seinen alten Dienstherrn um Hilfe. Doch die Bürokratie der Bundeswehr erweist sich als schwerfällig. Zu schwerfällig um auf neue Probleme schnell zu reagieren. Ärzte erweisen sich als unqualifiziert, Offiziere als nicht zuständig. „Zudem schreibt mir ein ranghoher General, dass er meine Überlegung, mich […] an die Presse zu wenden, als störend und unnötig empfinde […]. Diese demütigende Behandlung macht mich maßlos wütend.“

Sedlatzek-Müller mit seinem Diensthund Idor in AFG

Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. So wendet er sich an die Politik. An den Staatssekretär Kossendy und an den damaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg. „Mit jedem Tag steigt meine Wut darüber, dass ich von der Bundeswehrführung für dumm verkauft und hingehalten werde“, sagt Sedlatzek-Müller. Heute sagt die Bundeswehr, dass man ihm Hilfsangebote vorgelegt habe. Für Sedlatzek-Müller sind sie unzureichend und unpassend: „Ich bin untherapiert entlassen worden.”

Der Krieg hat ihn verändert. Die Bundeswehr war unfähig zu helfen, seine Familie und Freunde verstanden ihn nicht und seine Kameraden sahen in als Schwächling oder gar Verrückten an. Jeder schaute auf seine eigene Art weg.

Fazit

Sedlatzek-Müller ist nicht alleine mit der Krankheit, aber er ist einer der wenigen, die den Mut und die Kraft haben gegen die Krankheit und die Bürokratie der Bundeswehr zu kämpfen.

Das Buch von Sedlatzek-Müller rüttelt auf, beschreibt und prangert an – und das ist auch gut so! Wenn eine Organisation, wie die Bundeswehr, nicht in der Lage ist auf Probleme effektiv zu reagieren, braucht es jemanden, der öffentlich kritisiert. Erst mit dem Gang in die Öffentlichkeit konnte Sedlatzek-Müller auf die generelle PTBS-Problematik aufmerksam machen. Die, die das zu verhindern versuchten, sei es aus Inkompetenz oder Unwissen, haben schlicht und einfach Kameraden und Zivilisten in Gefahr gebracht.

Soldatenglück” ist die tragische Geschichte eines jungen Soldaten, der für das Vaterland in den Krieg zieht, krank nach Hause kommt und mitansehen muss, dass ihm das Vaterland nicht helfen kann. So zieht er in einen weiteren Kampf – den um seine Gesundheit willen. Kurz und knapp: Absolut lesenswert!

Sedlatzek-Müller, Robert (2012): Soldatenglück. Mein Leben nach dem Überleben. Hamburg: Edel Verlag. 285 Seiten. Preis: 19,95 € ISBN-13: 978-3841900920

Text: Seka Smith
Fotos: Robert Sedlatzek-Müller

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8 Responses to Rezension: “Soldatenglück: Mein Leben nach dem Überleben”

  1. Stean says:

    Kann ich nur unterschreiben. Absolut lesenswertes Buch um ein tragisches Schicksal. Es liegt an einem Jeden etwas an der Situation zu ändern. Dafür leben wir in der “Demokratie”.

    • Seka Smith says:

      Vielen Dank für den Kommentar! Richtig, Robert hat einiges durchlebt und musste für sich kämpfen. Aber durch diesen Kampf hat er nicht nur sich geholfen, sondern auch vielen anderen Soldaten, die nicht den Mut hatten aufzustehen und gegen Windmühlen zu kämpfen! Respekt!

  2. Vielen Dank Seka für diese Rezension – ich habe das Buch bestellt. Überrascht hat mich wieviele Besucher diese Rezension gelesen haben: es sind noch nicht einmal 24h um und beinahe 400 Besucher haben diesen Artikel direkt angewählt, insbesondere von den Facebook-Seiten “Sicherheit“, “Seidlers Sicherheitspolitik” und von Robert Sedlatzek-Müller’s Facebookseite (für Interessierte: seine öffentlichen Pinnwandeinträge können abonniert werden).

    Wegen diesem Interesse möchte ich in Verbindung zu PTBS die vierstündige Spezialsendung von KenFM über dieses Thema empfehlen. In der Sendung kommen der Arzt und Psychologe Dr. Norbert Kröger(langjähriger leitender Psychologe am Bundeswehrkrankenhaus Berlin; mit Auslandseinsatzerfahrung als Truppenpsychologe) Oberstleutnant a.D. Andreas Timmermann-Levanas (Vorsitzender Bund Deutscher Veteranen) sowie die Angehörige und Gründerin des Selbsthilfevereins Eisblume, Birgit Klimkiewicz zu Wort. Die Sendung kann auch direkt hier angehört und downgeloadet werden:

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