30 Jahre Wiedervereinigung: Die Geschichte der US-Kavallerie an “Freedom´s Frontier”

von Danny Chahbouni. Danny hat Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg studiert. Der vorliegende Artikel beruht auf unzähligen Gesprächen, die er während seiner Tätigkeit für die Point Alpha Stiftung mit deutschen und amerikanischen Zeitzeugen führen durfte.

Im Juli 2020 kündigte die US-Regierung den Abzug von Teilen ihrer Streitkräfte aus Deutschland an. Davon betroffen wäre unter anderem die letzte in Deutschland verbliebene Kavallerie-Einheit der US-Streitkräfte: das 2nd Cavalry Regiment im bayrischen Vilseck. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kennen vermutlich nur noch wenige Menschen den historisch bedeutsamen Auftrag der US-Kavallerie in Deutschland: Abschreckung und Friedenssicherung am ehemaligen “Eisernen Vorhang“.

"Circle C Cowboys" - aufgrund ihrer besonderen Uniformen hatten die Soldaten der US-Constabulary verschiedene Spitznamen: "Blitzpolizei" oder "Kartoffelkäfer" wurden sie von der deutschen Bevölkerung genannt. (Quelle: Ausstellung in der Gedenkstätte Point Alpha/ eigene Fotografie).
“Circle C Cowboys” – aufgrund ihrer besonderen Uniformen hatten die Soldaten der US-Constabulary verschiedene Spitznamen: “Blitzpolizei” oder “Kartoffelkäfer” wurden sie von der deutschen Bevölkerung genannt. (Quelle: Ausstellung in der Gedenkstätte Point Alpha / eigene Fotografie).

Die vergessenen Peacekeeper?
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa reduzierte die US-Army ihre Kampftruppen relativ schnell. Von ursprünglich 2,6 Millionen Mann, die über den Atlantik verlegt wurden, waren 1948 noch etwa 80’000 in der Besatzungszone der Amerikaner in Deutschland stationiert. Die letzte verbliebene Division der US-Army war die 1st Infantry Division (Big Red One), die mit ihren Verbänden über die gesamte Besatzungszone und in den West-Sektoren Berlins verstreut war. Der Auftrag der US-Streitkräfte, wie jener der anderen Besatzungsmächte auch, kann vielleicht am besten mit dem modernen Begriff des “Nation Buildings” umschrieben werden. An der Interpretation dieses Begriffs, angelehnt an die Formelkompromisse des Potsdamer Kommuniques, entzündete sich bald darauf ein neuer Konflikt, der die internationale Ordnung für die nächsten Jahrzehnte prägen sollte.

Gleichzeitig war die Situation in Deutschland geprägt durch die Zerstörungen des Krieges und das Chaos, welches das zerfallene Nazi-Regime hinterlassen hatte. Zusätzlich zu den Millionen Displaced Persons und ehemaligen Soldaten, die durch das Land zogen, machte vor allem die Unterbringung der Millionen von Flüchtlingen, die aus den Ostgebieten nach Westen strömten, Probleme. Der Zusammenbruch der Reichsmark als Währung brachte zusätzlich einen Schwarzmarkt zum Florieren, welcher die soziale Lage zusätzlich beeinflusste. Um Sicherheit und Ordnung herzustellen und nicht zuletzt den Schmuggel über die Demarkationslinie zur sowjetischen Besatzungszone einzudämmen, stellten die USA am 01.07.1946 einen 35’000 Mann umfassenden Besatzungspolizei-Verband auf, die US-Constabulary.

Neben den täglichen Aufgaben als Besatzungspolizei, sah die Strategie der USA auch einen schnellen Transfer von Aufgaben zurück auf deutsche Behörden vor. In den Ländern der US-Besatzungszone gehörte deshalb die Ausbildung von deutschen Polizeikräften zu den Schwerpunkten der täglichen Arbeit.

Grenzsäule des BGS aus den 1970er Jahren vor einem historischen Grenzstein aus dem 19. Jahrhundert. Die Grenzsteine stammen aus der Zeit nach dem Deutsch-Deutschen-Krieg 1866. Auf der hessischen Seite ist das "KP" des Königreich Preußen eingemeißelt, auf der Thüringer Seite das "SW" für das Großherzogtum Sachsen-Weimar. (Quelle: Gedenkstätte Point Alpha/ eigene Fotografie).
Grenzsäule des Bundesgrenzschutz aus den
1970er Jahren vor einem historischen
Grenzstein aus dem 19. Jahrhundert.
Die Grenzsteine stammen aus der Zeit nach
dem Deutsch-Deutschen-Krieg 1866. Auf der
hessischen Seite ist das “KP” des Königreich
Preußen eingemeißelt, auf der Thüringer Seite
das “SW” für das Großherzogtum
Sachsen-Weimar (Quelle: Gedenkstätte
Point Alpha/eigene Fotografie).

Zunehmende Spannungen an der Demarkationslinie
Zu den Aufgaben der Constabulary, gegliedert in 3 Brigaden mit 9 Regimenter und 27 Squadrons, gehörte die Überwachung der “Zonengrenze“. Mit zunehmenden politischen Spannungen kam es auch hier häufiger zu Zwischenfällen mit sowjetischen Soldaten oder der 1946 aufgestellten Deutschen Grenzpolizei. Insgesamt hatte die Sowjetunion zwar die Truppenstärke in ihrer Besatzungszone (SBZ) von über 1 Million auf etwa 300’000 Mann gesenkt, jedoch anders als in den westlichen Besatzungszonen verfügte die Sowjetarmee in der SBZ über substantielle Kampftruppen, die 1947 bereits voll motorisiert waren. Mit der 3. Stoß-Armee und der 8. Garde-Armee lagen kampfstarke Verbände darüber hinaus direkt hinter Demarkationslinie. Gleichzeit wurde auch in der SBZ der Aufbau von “bewaffneten Organen” forciert, die schon bald die verfügbaren Kräfte der Polizei in den Ländern der westlichen Zonen in Mannschaftsstärke und Bewaffnete in den Schatten stellte.

Während die sukzessive Übertragung von Verantwortung auf die deutschen Institutionen fast abgeschlossen war und die Währungsreform die Basis für die wirtschaftliche Gesundung der mittlerweile zur Bizone vereinten Besatzungszone von Amerikanern und Briten gelegt hatte, fand in der US-Army eine stärkere Fokussierung auf einen potentiellen Konflikt mit den Sowjets in Europa statt. Das European Command, verfügte zum 20. Dezember 1948 die Transformation des  2nd, 6th und 14th Constabulary Regiments in Panzeraufklärungsregimenter (Armored Cavalry Regimente; ACR), welche wieder mehr Militär als Besatzungspolizei waren. Die Squadrons, am hesten vergleichbar mit Bataillonen, verfügten zu Zeiten der vorherigen Constabulary-Struktur über je 5 Troops, von denen jeweils bereits drei mit Panzerspähwagen (M8) und zwei mit Jeeps motorisiert waren. In den Regimenter gab es darüber hinaus eine leichte Panzerkompanie und einen “fliegenden Verband” mit Aufklärungsflugzeugen. Mit der Transformation wurde der Fahrzeugbestand der Squadrons auf Panzer und entsprechende Begleitfahrzeuge umgerüstet.

Augen und Ohren am Gegner
Der Transformationsprozess, der einher ging mit verstärkter Gefechtsausbildung in Grafenwöhr, leitete eine Struktur ein, die in ihren groben Zügen bis 1994 bestehen bleiben sollte. Das 2nd ACR war zukünftig für die Überwachung der bayrischen Grenze zur SBZ und CSSR zuständig, unterstützt durch das weiter südlich liegende 6th ACR. Mit dem Aufwuchs der Bundeswehr übernahm hier  später das II. Korps der Bundeswehr den Zuständigkeitsbereich, ohne jedoch einen Grenzsicherungsauftrag zu Friedenszeiten wahrnehmen zu dürfen.

Das 14th ACR hatte den Auftrag zur Grenzüberwachung im gesamten Bereich der heutigen Grenze zwischen Hessen und Thüringen, inklusive des Bereichs der bayrisch-thüringischen Grenze im Raum Bad Kissingen. Die Entstehung der ACRs hatte zunächst zur Folge, dass zwei amerikanische Verbände parallel Präsenz an der Grenze zeigten. So übernahmen übergangsweise das 24th Squadron der Constabulary und das 14th ACR, beide stationiert in den MC Pheeters Barracks in Bad Hersfeld, die Überwachung der nördlichen Bereiche. Bis zur Auflösung der Constabulary wurde das 24th Squadron dem 14th ACR unterstellt und bestreift mit seinem A-und B-Troop die Demarkationslinie bis zur Grenze der britischen Besatzungzone, der  D-Troop, stationiert in Fulda, war für die südlichen Raum der hessischen Rhön zuständig, während der C-Troop von Bad Kissingen aus den fränkischen Grenzraum zur SBZ überwachte.

Grundsätzlich fanden Patrouillen an der Grenze zweimal täglich statt: einmal bei Tag und einmal bei Nacht. In der regelte dauerte eine Patrouille 12 Stunden und wurde unter “taktischen Bedingungen” durchgeführt. Die Patrouillen-Führer mussten permanent Funkkontakt halten, periodisch melden und führten scharfe Munition mit. Um die weiten Entfernungen zwischen den Garnisonen und den Enden der Zuständigkeitsbereiche zu überbrücken, wurden entlang der Grenze Horch- und Beobachtungsposten (Observation Posts) eingerichtet. Manche davon als taktische Punkte im Gelände, andere fest ausgebaut oder zumindest feldmäßig befestigt. Der Auftrag an der Grenze für die ACRs der Constabulary bestand darin durch die permanente Präsenz das vordringen “bewaffneter Störergruppen” oder sowjetischer Soldaten aus Gebiet der US-Zone zu verhindern und notfalls “robust” gegen Infiltrationsversuche vorzugehen.

Von der Grenzüberwachung zur Verzögerung
Unter dem Eindruck der Situation auf der koreanischen Halbinsel, wo im Juni 1950 der Norden in den Süden einmarschiert war, wuchs seit Dezember 1950 die 7th US-Army als Feldarmee wieder auf. Die Rückverlegung von Kampftruppen nach Europa sendete einerseits ein starkes politisches Signal in der jungen NATO. Andererseits war der europäische Arm des Bündnisses, der ursprünglich als “Europäische Verteidigungsgemeinschaft” entstehen sollte, kein wirkliches Gegengewicht zu den sowjetischen Verbänden in Mittel- und Osteuropa.

Seit 1951 gab es in der Bundesrepublik mit dem Bundesgrenzschutz erstmals eine mobile, bundesweit einsetzbare Sonderpolizei, die ausgestattet mit leichter Infanterie-Bewaffnung und Panzerabwehrwaffen die Bestreifung der Zonengrenze übernahm. In den Grenzabschnitten, die zum amerikanischen Zuständigkeitsbereich gehörten, geschah dies regelmäßig im Rahmen gemeinsamer Patrouillen. Bis zum Ende des Kalten Krieges blieben Bundesgrenzschutz und Grenzaufsichtdienst des Zoll übrigens die einzigen West-Deutschen Verbände, die mit den Amerikanern an der Nahtstelle zwischen den Blöcken ihren Dienst tun durften. Einzelne Länder, wie z. B. Bayern, hatten überdies eigene Grenzpolizei-Einheiten aufgestellt.

Obwohl die Bundeswehr in den folgenden Jahren eigene Korps im Rahmen der Verteidigungskonzeption der NATO unterhielt, durften sich Soldaten der Bundeswehr in Uniform auf 3 Kilometer nicht der Grenze annähern. Das führte zu manch skurriler Situation, beispielsweise durften Wehrpflichtige aus Dörfern entlang der Grenze nicht in Uniform heimfahren, ebenso wie Erkundungen der Positionen und Feuerfelder des General Defense Planes (GDP) in Zivilkleidung durchgeführt werden mussten.

1952 hatten die USA unterdessen bereits wieder 252’000 Mann im gesamten Kommandobereich EUCOM/USAREUR stationiert, wovon die 7th Army 152’000 in zwei Korps, dem V (US) Corps in Hessen und dem VII (US) Corps, das größtenteils in Bayern disloziert war. Vor dem Hintergrund einer immer noch sehr großen konventionellen Überlegenheit der Sowjets und einer zunehmenden Militarisierung der DDR, wurden 1953 erstmals taktische Nuklearwaffen nach Deutschland verlegt, um den Einheiten auch die Fähigkeit zur nuklearen Gefechtsführung zu geben. Die Constabulary hingegen wurde 1952 endgültig aufgelöst. Die ACRs übernahmen jetzt schwerpunktmäßig die Rolle als Verzögerungsverbände der amerikanischen Korps und zeigten somit bereits zu Friedenszeiten eine starke Präsenz an der Grenze zur DDR.

Davy Crockett, nuklear rückstossfreies Geschütz, welches auf einen Jeep montiert ist.
Davy Crockett, nuklear rückstossfreies Geschütz, welches auf einen Jeep montiert ist.

On Freedoms Frontier
Das 14th ACR zog mit seinem Hauptquartier von Bad Hersfeld nach Fulda um, wo auch das 1st Squadron seine Heimat bis zum Ende des Kalten Krieges fand. Bad Hersfeld wurde Heimat des 3rd Squadron und Bad Kissingen des 2nd Squadron. Der 368 Kilometer lange Beobachtungsbereich kam dadurch zustande, dass seit 1957 u. a. im nordhessischen Raum das III (DEU) Korps aufwuchs, was wiederum keine militärische Präsenz an der Grenze zeigen durfte. Der damalige Kommandeur des V (US) Korps machte diese “Lücke” an seiner Nordflanke, die zu allem Überfluss zur geostrategisch brisanten “Fulda Lücke” (Fulda Gap) gehörte, derartig Kopfschmerzen, dass das 2nd Squadron des 2nd ACR in Bad Kissingen dem 14th ACR unterstellt wurde. 

Das 2nd ACR, das von 1955-1958 kurzzeitig eine Rotation in die USA hatte, bezog sein Hauptquartier in Nürnberg und operierte entlang der Grenze von mit dem 1st Squadron von Bindlach aus, das 2nd Squadron aus Bamberg und das 3rd Squadron aus Amberg.

Bereits die Constabulary betrieb Luftaufklärung mittels Flugzeugen. 1960 wurden in beiden ACRs  eigene Hubschrauber-Staffeln aufgestellt. Später wuchsen diese Teileinheiten zum jeweils vierten Squadron auf. Das 4th Squadron 11th ACR operierte vom Sickels Army Airfield (AAF), einem Vorort von Fulda, aus. Im 2nd ACR fanden die fliegenden Kräfte ihre Heimat auf dem AAF Feucht bei Nürnberg.

Im Vergleich zu den anderen Kräften der US-Streitkräfte in Deutschland erfüllte die Kavallerie seit ihrer Gründung einen Auftrag, bei dem sie dem potentiellen Gegner unmittelbar gegenüberstand und Zeuge der dramatischen Vorfälle an der Zonengrenze wurde. Auch Grenzzwischenfälle mit Schußwaffengebrauch waren in den 1950er/1960er Jahren keine Seltenheit, zumal der Grenzverlauf in vielen Bereichen unübersichtlich oder uneindeutig war und nur durch Grenzsteine aus dem 19. Jahrhundert gekennzeichnet.

Modell des "Posture of Forces" des V (US)Corps (Quelle: Gedenkstätte Point Alpha/eigene Fotografie).
Modell des “Posture of Forces” des V (US)Corps (Quelle: Gedenkstätte Point Alpha/eigene Fotografie).

Neben dem Tagesdienst an der Grenze, der jetzt vor allem im Hinblick auf Frühwarnung vor einem möglichen Angriff betrieben wurde, spielte eine permanente Gefechtsbereitschaft eine große Rolle. Der Dienst in den ACRs war deshalb gekennzeichnet durch wesentlich striktere Disziplin als bei Verbänden im Inland der Bundesrepublik und durch mehr Zeit, die auf Truppenübungsplätzen und für entsprechende Qualifizierung auf den vorhandenen Waffensystemen aufgewendet wurde. Auch Alarmübungen an Wochenenden oder Feiertagen waren keine Seltenheit. Bevor Soldaten an der Grenze ihren Dienst verrichten durften mussten sie spezielle “Border Qualifikationen” bestehen, die regelmäßig wiederholt und auch entzogen werden konnten. Außerhalb des Dienstes durften sich Angehörige des US-Militärs nicht weiter als einen Kilometer der Grenze nähern. Wer ohne triftigen Grund in der 1-Kilometer-Zone erwischt wurde, musste mit einer empfindlichen Strafe rechnen.

Da man an der Grenze auch politisch gesehen einen “Abschreckungsauftrag” hatte, wurde modernes Gerät prioritär zunächst an die ACRs geliefert. So waren die ersten Einheiten in den 80er Jahren, die Humvees, M1 Panzer und Bradleys bekamen, die ACRs.

In den ACRs entwickelte sich durch die Härten und Besonderheiten des Dienstes “on Freedoms Frontier” eine eigene Tradition und Kultur. Der permanente Präsenz in der Fläche sowie die Zusammenarbeit mit dem Bundesgrenzschutz und dem Zoll begünstigten sehr intensive Kontakte zur deutschen Zivilbevölkerung. So kam es nicht selten vor, dass Spielplätze oder Sportanlagen von US-Pionieren “als Übung” gebaut wurden oder das Kreuz auf dem Kirchturm durch einen Hubschrauber der Army angebracht wurde. Vor allem in den ländlichen und strukturschwachen Regionen entlang der Grenze barg die Anwesenheit so vieler Soldaten aber auch ein nicht unerhebliches Konfliktpotential: zerstörte Straßen, plattgewalzte Erde oder Schlägereien waren auch in anderen Teilen der Bundesrepublik keine Seltenheit, kamen aber alleine durch die höhere Anzahl militärischer Marschbewegungen häufiger vor. Nicht selten nutzten Gemeinden die Zahlungen für “Manöverschäden”, um in die eigene Infrastruktur zu investieren.

Inwiefern der “Schatten der Grenze” hier eine höhere Toleranz begünstigte die militärischen Belastungen zu ertragen, ist leider noch nicht abschließend erforscht. Es gibt aber durchaus belegbare Aussagen von Bewohnern des ehemaligen Zonenrandgebiets, die klarstellen, dass die Beschädigung der Dorfstraße durch die Amerikaner ihnen lieber sei als eine russische Truppenparade durch den Ort.

Kampfpanzer M60 in der Ausstellung der Gedenkstätte Point Alpha. Die Restaurierung der Großfahrzeuge erfolgte in Zusammenarbeit mit der Blackhorse Association, dem Veteranenverband des 11th ACR (Quelle: Gedenkstätte Point Alpha/eigene Fotografie).
Kampfpanzer M60 in der Ausstellung der Gedenkstätte Point Alpha. Die Restaurierung der Großfahrzeuge
erfolgte in Zusammenarbeit mit der Blackhorse Association, dem Veteranenverband des 11th ACR
(Quelle: Gedenkstätte Point Alpha/eigene Fotografie).

Die jährliche Schlacht um das Fulda Gap
Im Zuge der Verteidigungsplanungen waren die ACRs seit den 50er Jahren der erste “Stolperdraht”, um Zeit für eine geordnete Verteidigung West-Deutschlands im Falle eines Angriffs ohne oder mit geringer Frühwarnzeit zu gewinnen. Vor allem die Mittelgebirge nordöstlich von Frankfurt am Main sah man wahrscheinliche Invasionsroute des Warschauer Paktes an, neben der norddeutschen Tiefebene. Vom Rhein kommend zogen sich alte Handelsstraße durch Täler, umschlossen von bewaldeten Mittelgebirgen. Napoleon Bonaparte war mit seinem Heer hier durchmarschiert, ebenso wie die Amerikaner selbst im Frühjahr 1945 diesen Weg nutzten. Am nördlichen Rand des Gebietes verlief überdies die Grenze zwischen den beiden Heeresgruppen der NATO: Nördlich von Kassel, begann der Kommandobereich NORTHAG, südlich davon CENTAG. Folgerichtig nahm man an, dass die Sowjets in einem Handstreich versuchen würden einen Keil zwischen die Heeresgruppen zu treiben und weiter südlich das Terrain, in dessen Zentrum sich die Stadt Fulda befand, zu nehmen, um dann schnell bei Mainz den Rhein zu überschreiten. “Fulda Gap” wurde seit den 60er Jahren nicht nur ein Begriff für die nord- und osthessischen Mittelgebirge, sondern auch ein Synonym für einen möglichen Dritten Weltkrieg und ein Reizwort für die Friedensbewegung.

Für den Verzögerungsauftrag der Kavallerie bot das Terrain dagegen relativ gute Möglichkeiten zur Verteidigung, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Zeitzeugen aus den 50er/60er Jahren berichten, dass dabei auch im großen Stile mit dem Einsatz von Nuklearwaffen geplant wurde: So wurden regelmäßig Manöver mit dem nuklearen Geschosswerfer “Davy Crockett” in der Nähe der Grenze geübt und selbst in Planungen der 80er Jahre, als die NATO längst von der “Massiven Vergeltung” abgekommen war, wird noch der Einsatz von Kernminen (Atomic Demolition Munitions) zur Sperrung von Geländeabschnitten vorgesehen.

In regelmäßigen Großmanövern wurde die “Schlacht um das Fulda Gap” geübt. Die reale Schlacht tobte dabei meist zwischen Friedensdemonstranten und Polizei.

Das “Blackhorse” in Deutschland
Die Entspannungspolitik 70er Jahre und der Vietnamkrieg brachten für die US-Kavallerie an der Innerdeutschen Grenze einige Änderungen mit sich: Zunächst verschwanden sukzessive die Schilder “Zonengrenze” und wurden durch neue Tafeln mit der Aufschrift “Halt! Hier Grenze – Bundesgrenzschutz” ersetzt. Der semantischen Entspannung folgte auch eine politische: Eine Grenzbereinigungskommission aus beiden deutschen Staaten lief buchstäblich den Grenzverlauf durch ein Zusatzprotokoll des Grundlagenvertrages einmal ab. Durch den Bundesgrenzschutz wurden jetzt weiß-rote Markierungen gesetzt, die den Grenzverlauf eindeutig markierten. Die Zwischenfälle durch unbeabsichtigte Grenzübertritte wurden dadurch weniger, was jedoch Unfälle und Fehler nicht gänzlich unterband. So kam es z. B. mehrmals vor, dass unbeabsichtigt Fahrzeuge durch technische Defekte auf das Gebiet der DDR gerieten. Derartige Zwischenfälle waren jedoch keineswegs nur auf westlicher Seite an der Tagesordnung. So stürzte mindestens einmal ein sowjetischer Hubschrauber im Grenzstreifen ab, der einen amerikanischen OP aufklären wollte. Auch sowjetische Einheiten “verirrten” sich bei Manövern häufiger in das Sperrgebiet, was dann für Aufregung auf westlicher Seite sorgte.

Diese fast anekdotenhaften Erzählungen, die im Gespräch mit Zeitzeugen immer wieder Thema werden, dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die DDR in den 70er Jahren die Grenze zu einem pioniertechnischen perfektionierten Bollwerk gegen die eigene Bevölkerung ausbaute. Die alten Stacheldrahtverhaue und Minenfelder aus den 1950er/1960er Jahren wurden jetzt sukzessive durch Streckmetallzäune ersetzt, an denen “freundwärts” Splitterminen des Typs SM-70 angebracht waren. Die von Westen sichtbaren Streckmetallzäune und Wachtürme waren dabei nur einzelne Elemente eines bis zu 5 Kilometer in die Tiefe gestaffelten Grenzsystems, an dem bis zur Friedlichen Revolution 1989 auf Flüchtlinge geschossen wurde.

Nachbau einer SM-70, sichtbar die Anordnung der Spanndrähte.
Nachbau einer SM-70, sichtbar die Anordnung der Spanndrähte.

Besonders dramatisch war ein Fluchtversucht an Heiligabend 1975 auf Höhe des amerikanischen OP Alpha wobei der Flüchtende in eine SM-70 geriet und blutend im Grenzstreifen liegen blieb. Beobachtet von den Soldaten des 11th ACR, eines der Elite Kavallerie-Regimenter der US-Army, das erst 1972 den Zuständigkeitsbereich des 14th ACR übernommen hatte. Den Soldaten blieb nichts andere übrig als zu beobachten und zu melden, eine Hilfe für den auf DDR-Gebiet liegenden Flüchtling war ausgeschlossen.  

Das 11th ACR, das aus Vietnam an die Innerdeutsche Grenze verlegt wurde, konnte auf einen erprobten Stamm aus Offizieren und Unteroffizieren zurückblicken, sondern auch auf eine durchaus sehenswerte Geschichte, beginnend im Philippinisch-Amerikanischer Krieg. Der Stolz der Kavalleristen drückte sich nicht nur in ihrem Selbstverständnis als Elite-Verband aus, der eine nochmals stärkere Disziplin und Einsatzbereitschaft von den Soldaten forderte, sondern auch in einer starken Traditionspflege. Das 11th ACR war bis zur Einführung des Battle Dress Uniform-Feldanzuges ab 1981 einer der wenigen Heeres-Verbände der USA, der das schwarze Barrett der Panzertruppen trug.

Die 1970er Jahre waren für die ACRs vor allem durch die Einführung der neuen NATO-Strategie und neuer Waffensysteme geprägt. Das Konzept “Flexible Response” sah eine starke Hinwendung zur konventionellen Kriegführung in einem engen Raum bis etwa 100 Kilometer landeinwärts vor. Auf den Befehl “Lariat Advance” musste unverzüglich Gefechtsbereitschaft hergestellt werden. Nicht selten wurden mit dem Befehl “Lariat Advance” mehrtägige unangekündigte Übungen in den GDP-Positionen im Feld durchgeführt. Ziel war es grundsätzlich nach weniger als 2 Stunden in den zugewiesenen Räumen zu sein. Der GDP geht in der Version 1980 von einer kurzen Vorwarnzeit von nur 48 Stunden bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten aus. Der erste Angriff, so angenommen, wäre dann von 6-8 gegnerischen Divisionen geführt werden. Der Bundesgrenzschutz wäre diesen Planungen nach bereits bei der Alarmstufe “Simple Alert” aus der Grenzsicherung herausgelöst und ins Hinterland überführt worden. Die Grenzsicherung wäre dann alleine durch Kräfte der US-Kavallerie übernommen worden.

General Crosbie E. Saint, der 1959 als junger Oberleutnant erstmals einen Zug Panzer des 3rd Squadron der 14th ACR befehligte und später Kommandeur des 11th ACR war, charakterisierte den Verzögerungsauftrag der Kavallerie an der Grenze wie folgt:

“We did reconnaissance, security and limited combat missions, good-naturedly referred to as “economy of force”. (…)”Economy of force” might best be viewed from the perspective of breaking up bar fights in Texas. It is the same idea; rather than sending the whole police force, you send one Texas Ranger. The cavalry is the same type of force. It can punch well above its own weight for a short amount of time. But then it needs reinforcement for a long fight.”

— General Crosbie E. Saint, “The Fulda Gap: A Personal Perspective from Platoon Leader to Army Group”, in The Fulda Gap, 2017, S. 145–168.

Nach den Planungen der 1980er Jahre sollten ACRs nach Erfüllung ihres Verzögerungsauftrags und Aufnahme durch die Divisionen der Korps zunächst in den rückwärtigen Raum des Korps geführt werden und sich regruppieren. Für das 11th ACR wäre dies der mittelhessische Raum um Marburg herum gewesen. Danach wären den Kavalleristen als Korps-Reserve neue Aufträge zugewiesen worden.

Die Regimentszeitung "Blackhorse Magazine" berichtet im Oktober 1989 über das NATO-Manöver Caravan Guard. Die Wegweiser zeigen Orte im rückwärtigen Raum des V (US) Corps (Quelle: Ausstellung in der Gedenkstätte Point Alpha/eigene Fotografie).
Die Regimentszeitung “Blackhorse Magazine” berichtet
im Oktober 1989 über das NATO-Manöver Caravan Guard.
Die Wegweiser zeigen Orte im rückwärtigen Raum des
V (US) Corps (Quelle: Ausstellung in der Gedenkstätte
Point Alpha/eigene Fotografie).

Mission accomplished
Die Land-Luft-Schlacht, die seit den 1980er Jahren in Mitteleuropa geplant wurde, fand unter leicht anderen Rahmenbedingungen nach dem Fall der Mauer im mittleren Osten statt. Im Oktober 1990 bekam das VII (US) Corps den Auftrag an den persischen Golf zu verlegen. Das 2nd ACR war die erste Einheit des Korps, die bereits im Dezember 1990 komplett verlegt war. Im Zuge der Operation Desert Storm trafen der drei Troops des 2nd und 3rd Squadron auf Saddam Husseins Republikanische Garde in der Schlacht von 73 Easting.

Nach der Rückverlegung nach Deutschland wurde das 2nd ACR im Jahr 1992 deaktiviert und in ein leichtes Kavallerie-Regiment umgegliedert. Eine der ersten Maßnahmen nach der Grenzöffnung 1989/90 war die Schließung der OPs entlang der Innerdeutschen Grenze, die ihre militärische Bedeutung quasi über Nacht verloren hatten. Die Patrouillen entlang der Grenze wurden noch bis in das Frühjahr 1990 aufrechterhalten. Dann wurden an allen OPs die Fahnen eingeholt. In den Abschlussmeldungen dieser Tage findet sich nicht mehr viel. Zumeist enden die Meldungen mit der Bemerkung “Keine besonderen Vorkommnisse”. Die Abschlussmeldungen des letzten Dienstes am OP India im Zuständigkeitsbereich des 3rd Squadron/ 11th ACR endet mit der Meldung, dass die Flagge über dem OP eingeholt wurde und dem Zusatz “Allons” – der Leitspruch der Einheit.

Während das 2nd ACR umgruppiert bis heute in Deutschland präsent ist, wurde das 11th ACR am 15. Oktober 1993 deaktiviert und im März 1994 in die USA zurückverlegt. Dort wurde die Einheit am 26. Oktober 1994 reaktiviert als 11th Armored Cavalry Regiment und fungiert heute mit 3 Squadrons als OPFOR im National Training Center, Fort Irwin (CA).

Erinnerung
Das Gedenken an den Kalten Krieg konzentriert sich häufig auf Berlin und insbesondere den Fall der Mauer am 9. November 1989. Die Massenproteste der Menschen in Ostdeutschland und der Exodus hunderttausender Menschen aus der DDR berühren bis heute. Die komplexen Vorgänge der internationalen Politik, die schlussendlich die Einheit Deutschlands ermöglicht haben, verschwimmen hinter den Aufnahmen feiernder Menschen und überforderter Grenzsoldaten an der Berliner Mauer. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass der historische Darstellung in den populären Medien nicht die Komplexität der Ereignisse wiederspiegelt. Insbesondere junge Menschen, welche die Zeit nicht selbst miterlebt haben, neigen dazu allzu einfache Rekonstruktionen als historische Realität zu begreifen. Ein häufig anzutreffendes Fehlkonzept, denn als in Berlin die Menschen auf der Mauer tanzten, war militärisch gesehen  im Westen erst einmal Alarm-Zustand: Wie würden sich die Sowjets jetzt verhalten? Könnte es in der DDR zu einem Bürgerkrieg kommen?

An eine Einheit beider deutscher Staaten war zunächst nur schwer zu denken. Selbst die westlichen Verbündeten der Bundesrepublik ließen sich nur schwer und mit großer amerikanischer Unterstützung von dem Gedanken eines wiedervereinigten Deutschlands überzeugen. In der täglichen Erinnerungskultur kommt diese internationale Komponente weniger stark zum Tragen, ganz zu schweigen von der Erinnerung an die tausenden ausländischen Soldaten, die während des Kalten Krieges ihres Dienst in Ost- und West geleistet.

Wie das Ende des Kalten Krieges für das Geschichtsbewusstsein der USA insgesamt eine wichtige Rolle spielt, so ist auch für die Veteranen der US Kavallerie-Regimenter die Erinnerung an ihren “Dienst an der Grenze” etwas Besonderes. Die ohnehin großen Veteranenverbände  haben gesonderte “Border Legions” gebildet, in denen sich die Veteranen, die ihren Dienst unmittelbar an “Freedoms Frontier”  verrichtet haben, organisieren. Insbesondere in Fulda gab es eine große Verbundenheit zur US-Garnison, was sich bis heute darin zeigt, dass im Stadtbild der Barockstadt das “Schwarze Pferd” noch relativ häufig anzutreffen ist. Im ehemaligen Zuständigkeitsbereich des 1st Squadron des 11th ACR bei Rasdorf ist denn auch die einzige Gedenkstätte zu finden, die sich dezidiert mit der Geschichte der US-Kavallerie an der Innerdeutschen Grenze befasst: Hier schlossen sich Mitte der 1990er Jahre Menschen aus Ost und West zusammen, um den ehemaligen OP Alpha, der nach dem Abzug der Amerikaner als Flüchtlingsunterkunft genutzt wurde, als Gedenkort zu unterhalten. Bei Lüderbach im Zuständigkeitsbereich des ehemals 3rd Squadron des 11th ACR kann zumindest der noch in den 1980er Jahren gebaute Beobachtungsturm des OP India als Relikt des Kalten Krieges besichtigt werden.

Insgesamt jedoch, verblassen die Erinnerungen an die Verdienste der USA für Wiederaufbau und Friedenssicherung in West-Deutschland nach 1945 zunehmend hinter zumeist berechtigten Kritik an der gegenwärtigen Politik der USA. Werden die Abzugspläne von Trump so umgesetzt, wie angekündigt, wird mit dem 2nd Cavalry Regiment eine Einheit abgezogen, die während der Teilung Deutschlands direkt unmittelbar für die Sicherheit der Bundesbürgerrinnen und Bürger im grenznahen Raum gesorgt hat. Mit Sicherheit ist das Zufall, betrachtet man es jedoch symbolisch, so scheint die Zeit, in der die USA die deutsche Sicherheitsinteressen verteidigen, endgültig vorbei.

Literatur

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