Kampfflugzeuge der Zukunft – Unsinnige europäische Rüstungskonkurrenz?

von Björn Müller (Facebook / Twitter). Er ist Journalist in Berlin mit dem Schwerpunkt Sicherheits- und Geopolitik. Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript der NDR-Sendung “Streitkräfte und Strategien” vom 12.01.2020.

Ein Modell des deutsch-französisch-spanischen Future Combat Air System-Flugzeugs steht während der Paris Air Show am 17. Juni 2019 auf dem Rollfeld (Quelle: Benoit Tessier).
Ein Modell des deutsch-französisch-spanischen Future Combat Air System-Flugzeugs steht während der Paris Air Show am 17. Juni 2019 auf dem Rollfeld (Quelle: Benoit Tessier).

Die größeren europäischen Länder haben damit begonnen, die Weichen für ihre Luftstreitkräfte der Zukunft zu stellen. Allerdings nicht gemeinsam – trotz des erklärten Ziels, zusammenzuarbeiten und Europa als militärischen Akteur zu stärken. Frankreich und Deutschland verständigten sich 2018 auf Eckpunkte für ihr Future Combat Air System (FCAS). Das zukünftige Waffensystem soll im Kern ein Kampfjet mit Drohnen sein, die zusammen operieren. Inzwischen ist auch Spanien beigetreten. Daneben arbeitet Großbritannien an einem eigenem Luftkampfsystem der Zukunft. Der Name des Flugzeugs: Tempest. Der damalige britische Verteidigungsminister Gavin Williamson stellte das Projekt 2018 auf der Luftfahrtmesse in Farnborough vor:

Tempest wird ein Kampfjet der Zukunft werden – mit zukunftsweisenden Antriebssystemen und einem virtuellen Cockpit; ausgerüstet mit Waffen wie Drohnen-Schwärmen und Laser-gelenkten Energiewaffen. Er wird sich bemannt oder unbemannt fliegen lassen. Der Jet wird so gebaut sein, dass seine Fähigkeiten mit neuen Technologiebausteinen rasch erweitert werden können und er wird widerstandsfähig gegen Cyber-Attacken sein.

— Britischer Verteidigungsminister Gavin Williamson (Quelle: BAE Systems, “2035 UK’s New Fighter Jet Tempest, Combat Air Strategy, Farnborough 2018 FIA18“, YouTube, 16.07.2018).

Großbritannien auf der einen Seite und Frankeich und Deutschland auf der anderen Seite arbeiten jeweils an einem eigenen Milliarden Euro teuren Waffensystem. Was steckt dahinter? Warum wird kein gemeinsames Kampfflugzeug angestrebt? Ein zentraler Grund ist, dass es keine abgestimmte europäische Militärstrategie gibt. Großbritannien ist eine sehr enge Anlehnung an die USA wichtig. London hat sich daher entschieden, den neuen US-Kampfjet F-35 für seine Luftstreitkräfte zu beschaffen. Frankreich und Deutschland haben dagegen ganz bewusst auf den Kauf der F-35 verzichtet und sich für die Entwicklung des FCAS entschieden. Auf diese Weise wollen die beiden Länder mehr europäische Autonomie im Verteidigungsbereich erreichen. Frankreich und Deutschland stehen unter dem Druck, ihre jetzigen Kampfjets Dassault Rafale bzw. Eurofighter in rund 20 Jahren ersetzen zu müssen. Die Briten haben mit der F-35, die gerade eingeführt wird, diesen Zeitdruck nicht. Deshalb unterscheidet sich die Ausrichtung des Tempest-Projekts vom französisch-deutschen Kampfflugzeug der Zukunft, sagt Justin Bronk, Luftwaffen-Experte an der Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) in London:

Die Briten folgen einem Planungsansatz, der von außen nach innen arbeitet. Sie schauen zunächst auf die militärischen Wirkungen, die sie erzielen möchten – als Rahmen – und erarbeiten erst dann eine Systemfamilie von Luftfahrzeugen. Dieses Vorgehen unterscheidet sich etwas vom Ansatz des französischen Flugzeugbauers Dassault und dem französisch-deutschen bzw. dem französisch-deutsch-spanischen Projekt. Hier steht klar ein Kampfjet im Zentrum, der nach und nach um Zusatzsysteme wie Drohnen ergänzt wird.

— Justin Bronk.

Während also Frankreich und Deutschland klar auf den Bau eines künftigen Kampfjets abzielen, ist das Tempest-Projekt mehr eine industrielle Plattform, mit der die Briten versuchen, rund um ihr größtes Rüstungsunternehmen British Aerospace Electronic Systems (BAE Systems) Entwicklungspartnerschaften für neue Luftwaffen-Technologien aufzubauen. Ob diese Strategie letztlich zu einem britisch geführten neuen Luftkampfsystem führen wird, ist dabei offen. Die Regierung vermittelt gerne den Eindruck, mit Italien und Schweden bereits zwei Partnernationen für Tempest gewonnen zu haben. De facto ist jedoch nur Italien dem Projekt beigetreten, da es wie Großbritannien gegenwärtig den US-amerikanischen Kampfjet F-35 einführt und somit ähnliche Interessen verfolgt. Schweden hat mit Großbritannien zwar eine Absichtserklärung unterzeichnet, gemeinsam Luftwaffentechnologien zu entwickeln. Doch das Tempest-Projekt wird darin mit keinem Wort erwähnt. Denn die Schweden sind nicht daran interessiert, einen neuen britischen Kampfjet samt zusätzlichem Luftkampfsystem mitzuentwickeln. Schweden will die Forschung auf der Tempest-Plattform nutzen, um seinen eigenen Kampfjet Saab Gripen technologisch weiter voranzubringen und so auch für den Export attraktiver zu machen. Das machte der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist kürzlich in einem Interview deutlich. Das britische Tempest-Projekt ist sehr teuer – es wird Milliarden kosten. Die Finanzierung ist dabei keineswegs gesichert. Für Großbritannien sieht der Luftwaffen-Experte Justin Bronk daher über kurz oder lang nur drei unangenehme Handlungsoptionen:

Entweder müssen die Verteidigungsausgaben massiv steigen oder wir müssen uns von dem Ziel verabschieden, mit Tempest einen komplett neuen Kampfjet samt Luftkampfsystem zu entwickeln. Oder aber wir müssen die F-35 Bestellung reduzieren.

— Justin Bronk.

Denn neben dem Kauf von mehr als 100 F-35-Kampfflugzeugen und dem Tempest-Vorhaben verfolgt Großbritannien weitere kostspielige militärische Planungen. Dazu gehören eine modernisierte Atom-U-Boot-Flotte, zwei neue Flugzeugträger (siehe dazu auch: Roger Näbig, “HMS Queen Elizabeth: Ein Symbol Britischer Seemacht?“, Offiziere.ch, 30.12.2019) und ein schlagkräftiges Expeditionskorps für den Kontinent. Angesichts dieser Großprojekte ist der Wehretat unterfinanziert. Trotz diverser Prüfungen und Umschichtungen ist es bis heute nicht gelungen, den Verteidigungshaushalt mit der ehrgeizigen Rüstungsplanung in Einklang zu bringen. Der akute Geldmangel könnte deshalb dazu führen, dass das britische Tempest-Vorhaben letztlich doch noch mit dem französisch-deutschen Kampfflugzeug-Projekt FCAS zusammengeführt wird. Das wahrscheinlichste Szenario aus Sicht von Justin Bronk:

Ich denke, der wahrscheinlichste Weg einer Zusammenführung ist der, dass das Vereinigte Königreich und Italien bei Tempest feststellen, dass ihnen speziell die Kampfjetkomponente zu teuer wird. Denn beide haben bereits ihre F-35-Bestellungen erhöht, auch mit Blick auf künftige Versionen. Die restlichen Mittel würden dann für das Tempest-Projekt bereitstehen. Gleichermaßen könnten Frankreich und Deutschland zu der Einsicht gelangen, dass bereits der Bau ihres neuen Kampfjets so teuer, zeitraubend und technologisch schwierig ist, dass die geplanten ergänzenden Systeme zu aufwendig, zu teuer würden. Das könnte dann der Punkt sein, an dem die Großvorhaben zusammen gehen könnten. Indem sich Franzosen, Deutsche und Spanier in den Systemverbund einkaufen, den die Italiener mit den Briten nebst den Schweden führen.

— Justin Bronk.

Das britische Tempest-Vorhaben und das französisch-deutsche Kampfflugzeug-Projekt könnten aber nicht nur aus finanziellen Gründen verbunden werden. Ein anderer begünstigender Faktor ist, dass Franzosen und Briten ähnliche Vorstellungen über die Art der Luftkriegsführung haben. Frankreich wie Großbritannien verstehen sich als globale Militärmächte, die Luftstreitkräfte auch zur Machtprojektion über weite Distanzen einsetzen möchten – im Gegensatz zu Deutschland. Berlin hat solche Ambitionen nicht. So unterhalten Briten und Franzosen weiterhin ein gemeinsames Programm, das auf die Entwicklung von bewaffneten Tarnkappen-Drohnen abzielt, die über lange Strecken operieren sollen. Es heißt ebenfalls Future Combat Air System, also genauso wie das französisch-deutsche Kampfflugzeug-Projekt. Kampfdrohnen, die zudem autonom operieren, werden künftig eine immer größere Rolle spielen. Möglicherweise verdrängen sie sogar bemannte Kampfflugzeuge. Alle großen Militärmächte der Welt von den USA bis China setzen bei ihren fliegenden Verbänden auf autonome Systeme. Dieser Trend gefährdet Deutschlands Rolle bei Entwicklungsprogrammen für Luftkampfsysteme der Zukunft wie dem französisch-deutschen FCAS und dem britischen Tempest-Projekt. So sieht es jedenfalls Justin Bronk. Für den britischen Luftwaffen-Experten hat Deutschland auf diesem Gebiet den Anschluss längst verpasst – aus mehreren Gründen:

Wer eine Tarnkappen-Drohne baut – als Teil des Fähigkeitsmix einer Luftwaffe der Zukunft – muss dieses Luftfahrzeug hochgradig autonom auslegen. Denn wenn die Drohne ferngesteuert wird oder ein Mensch sie permanent kontrolliert, muss ein Gegner lediglich die Steuersignale unterbrechen – und dann ist die Drohne nutzlos. Das gilt vor allem für Deutschland. Denn in keinem anderen Land gibt es wohl so eine starke instinktive Abneigung gegenüber hochgradig automatisierten Drohnen. Es ist ein Fehler, keine ernsthafte Debatte über bewaffnete Drohnen zu führen. Denn ohne autonome und bewaffnete Kampfdrohnen würde Deutschland den Anschluss an künftige Luftwaffentechnologien und Spitzenfähigkeiten verlieren und sich ins Abseits stellen.

— Justin Bronk.

In der Tat darf die Bundeswehr bis heute nicht ihre geleasten Aufklärungsdrohnen in Afghanistan zum Schutz eigener Bodentruppen bewaffnen. In Politik und Gesellschaft gibt es keinen Konsens über den Umgang mit unbemannten Waffensystemen. Die Debatte schwelt seit Jahren. Sie ist von der Politik bisher nicht ernsthaft angegangen worden. Dieses Manko wird zunehmend zum Ballast für Deutschlands Rolle bei den angelaufenen Vorhaben für künftige Luftkampfsysteme in Europa. Wegen unterschiedlicher nationaler Interessen und Vorstellungen der beteiligten Staaten bleibt offen, ob solche Gemeinschaftsvorhaben mit deutscher Beteiligung erfolgreich umgesetzt werden können. Sollten das britische und das französisch-deutsche Kampfflugzeugprojekt letztlich doch noch zusammengengeführt werden, wird Deutschland bei diesem Projekt möglicherweise nur noch eine Nebenrolle spielen.

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2 Responses to Kampfflugzeuge der Zukunft – Unsinnige europäische Rüstungskonkurrenz?

  1. peter says:

    Der Autor Björn Müller ist etwas arg optimistisch mit einer britischen Beteiligung. England hat seit 50 Jahren keinen Flieger mehr vollständig entwickelt und gebaut.Das Tempest Projekt kann man locker streichen – das kommt niemals. (Budget von 2 Mia £) Europa hat einen riesigen Job diese Art von Flugzeug zu entwickeln.
    Es muss zuerst mal eine Plattform geben. Entweder bei Dassault oder bei Eurofighter.
    Dassaults Vorteil die haben “AAA” Software im Einsatz. OCAML als Programmiersprache und Server OS. OCAML ist Französisch und kein Problem für Europa. Die Sprache ist seit 24 Jahren im Industrie Business angesiedelt. Wer eine Flotte bauen will ohne Piloten ist auf höchstwertige Software angewiesen.
    Als die Engländer Flugzeuge bauten war Software von etwa 2% verbaut Maximum. Das ist heute ganz anders. Eurofigher hat VxWorks aus den USA installiert mit einer Filiale in München. Trotzdem ist da mittlerweile zu wenig Sicherheit vorhanden um Grossprojekte zu fahren

    Der Aufwand in Russland hat gezeigt wie umfangreich es ist eine Plattfom (SU-57) zu bauen aber es zahlt sich dort langsam aus. Einheitliche Schnittstellen zwischen Suchoi und Tupolew sind nun Standard und mit der nächsten Generation dürfte dann auch MIG integriert sein. Diese kombinierten Drohnen Projekte brauchen eine gewisse Grösse. Ein Minimum von 4 Tonnen Waffenleistung. Die Einzeldrohnen wie die USA es in den letzten 20 Jahren machten ist sinnlos Geld verschwendet. Zuwenig Wirkung.
    England mag in der NATO sein – aber dass bedeutet keinesfalls, dass nach dem Brexit Engalnd in Europäischen Rüstungsprojekten integriert wird.

  2. K.B. says:

    Zwei Anmerkungen:

    Die Planungen für Tempest/FCAS sehe ich als recht unabhängig von einer F-35-Beschaffung an.
    Sowohl in Italien als auch in UK ersetzen die F-35 nicht den Eurofighter, sondern Tornado bzw. Harrier. In Deutschland werden für den Tornado-Ersatz EF (fix) bzw. Super Hornet/Growler (geplant) beschafft.
    Somit stehen alle Nation vor der Frage, wie rund um 2040 ein Nachfolgesystem für den EF aussehen kann. Und einen britischen oder italienischen Verzicht auf ein eigenes Projekt (stattdessen Kauf zusätzlicher F-35) kann ich mir aus rüstungspolitischer Sicht nicht vorstellen.
    Das britisch-französische Programm zur Entwicklung eines gemeinsamen Stealth-UCAV ist tot.
    https://www.flightglobal.com/fixed-wing/dassault-confirms-end-of-anglo-french-ucav-work/131603.article

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