Rückblick: Krieg in der Ostukraine 2014/15 – Merkmale des Krieges im Donbass zu Land und in der Luft (Teil 4/4)

von Dr. Phil. Fritz Kälin, Militärhistoriker, Stab MND. Dieser Artikel wurde zuvor auf dem Blog der OG Panzer veröffentlicht — ich danke dem Autor und der OG Panzer für die Erlaubnis einer Zweitveröffentlichung.

Diese Artikelserie schildert den Kriegsverlauf in der Ostukraine mit Fokus auf die intensivsten Kampfhandlungen der Jahre 2014 und 2015, wobei in diesem letzten Teil als Abschluss zur militärischen Ereignischronologie der drei vorherigen Teile (123) thematische Schwerpunkte gesetzt werden.

Ukrainian soldiers arrive with a Mil Mi-8 to reinforce a checkpoint that troops seized in May 2014.
Ukrainische Soldaten treffen im Mai 2014 mit einem Mil Mi-8 ein, um einen von Truppen besetzten Kontrollpunkt zu verstärken.

Ein integriertes Luftabwehrnetz besiegt eine desolate Luftwaffe
Der Krieg in der Ostukraine hat ein Merkmal, das bislang zu wenig Beachtung erhalten hat: Zum ersten Mal hat in einem Krieg die bodengestützte Luftabwehr einen geradezu vollständigen Sieg über die Luftwaffe der Gegenseite errungen. Dass die Ukrainische Luftwaffe (UAF) seit September 2014 nicht mehr in die Kämpfe eingriff, war nicht der Rücksichtnahme auf das Minsker-Abkommen geschuldet. Vielmehr hat das integrierte russische Luftabwehrnetz über dem Donbass faktisch eine “no-fly Zone” errichtet. Über dem umkämpften Gebiet kommt auf beiden Seiten nur noch unbemanntes Fluggerät zum Einsatz. Dafür ist dieses gefühlt allgegenwärtig. Für die russisch-separatistische Seite schätzt Dr. Phillip A. Karber, dass jede Kompanie über einen Quadkopter verfügt. Ukrainische Einheiten berichten, dass sie über sich gleichzeitig bis zu acht unbemannte Aufklärungsdrohnen (unterschiedliche Typen/Flughöhen) beobachtet hätten. Das wirksamste Abwehrmittel gegen unbemannte Systeme ist die Elektronische Kriegführung (EKF), worin das russische Militär jedoch klar überlegen ist. Es verfügt über detaillierte Kenntnisse über seine einstigen ukrainischen Waffenbrüder aus Sowjetzeiten, was gerade in der EKF einen enormen Vorteil darstellt. (Phillip A. Karber, “‘Lessons Learned’ from the Russo-Ukrainian War“, The Potomac Foundation, 08.07.2015, S.12f; Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, West Point, 13.04.2017, 20′).

Ein Denkmal gewidmet an die Fallschirmjäger der
25. Fallschirmjägerbrigade und an die Flugbesatzung,
welche beim Abschuss der Il-76 am 14. Juni 2014 beim
Anflug auf Luhansk starben.

Wie im 1. Teil erwähnt, waren 2014 nur etwas mehr als 200 Kampfflugzeuge kampftauglich. Die dürftige Finanzierung beeinträchtigte auch das Ausbildungsniveau der ukrainischen Piloten, welche pro Jahr über etwa 40 Flugstunden aufwiesen. Zum Vergleich: Die russischen Kampfpiloten verfügten über rund 60-100 Flugstunden pro Jahr. (“Chapter Five: Russia and Eurasia”, The Military Balance, Vol. 114, 2014, S. 185, 196). NATO-Piloten müssen sogar mindestens 180 Flugstunden pro Jahr aufweisen (Rainer W. During, “Kampfpiloten der Bundeswehr üben zu wenig Flugstundenzahl liegt klar unter Nato-Vorgaben“, Der Tagesspiegel, 01.01.2005). Trotz der immensen Strukturschwächen flog die UAF insgesamt 740 Einsätze im Zuge der “Anti-Terror Operation“. Luftlandetruppen wurden zu den Flughäfen bei Donezk, Luhansk und Kramatorsk lufttransportiert und dort grösstenteils auf dem Luftweg versorgt. Bei Slowjansk wurden im Frühstadium des Konflikts einmal um die 20 Kampf- und Transporthelikopter miteinander eingesetzt. Dort kam es auch zu den ersten Kampfverlusten der UAF: Zwei Mil Mi-24 Hind wurden am 2. Mai 2014 durch MANPADs der Separatisten abgeschossen. Der gravierendste Verlust war eine Ilyushin Il-76 Transportmaschine, die am 14. Juni 2014 beim Anflug auf Luhansk mitsamt 40 Luftlandesoldaten und neun Mann Besatzung verloren ging. Am 29. Mai 2014 starben 12 Soldaten, als ihr Helikopter bei Slowjansk abgeschossen wurde. Die höchste genannte Verlustzahl der UAF durch Abschuss im Kriegsjahr 2014 nennt 22 Maschinen: neun Kampfflugzeuge (davon sechs Sukhoi Su-25), drei Transportflugzeuge und zehn Helikopter (davon fünf Mi-24). (David Axe, “Someone Just Shot Down Two Ukrainian Helicopters“, War Is Boring, 02.05.2014). Der Grossteil der Abschüsse geht auf das Konto von MANPADs. Diese sollen in Zweier-Teams operieren und in das Überwachungsnetz der grösseren Systeme integriert sein, was ihre Effektivität stark erhöht. (Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, 16′).

Russische Luftabwehr über dem Territorium der Ukraine. Die Graphik wurde von Stratfor verwendete und stammt anscheinend vom ukrainischen Inlandsgeheimdienstes.
Russische Luftabwehr über dem Territorium der Ukraine in 2014. Die Graphik wurde von Stratfor verwendete und stammt anscheinend vom ukrainischen Inlandsgeheimdienstes.

Seit Mai/Juni 2014 wurden russische Radar- und Flugabwehrsysteme grösserer Reichweite im Separatistengebiet festgestellt. Ein erster gesicherter Abschuss durch eine SA-11 Buk erfolgte am 14. Juli 2014. Ein Antonow An-26 Transportflugzeug wurde in 6’500 m Höhe getroffen. Trotz dieses Risikos sperrte Kiew den Luftraum über der Ostukraine für die zivile Luftfahrt erst nach dem Abschuss des Malaysia Airlines Flight 17 (MH17) am 17. Juli 2014. Womöglich sind auch der Verlust einer Mikoyan MiG-29 und einer Su-25 auf russische Abfangjäger zurückzuführen. Auf jeden Fall kann Russland den ukrainischen Luftraum aus nahezu allen Richtungen tief einsehen und diese Informationen an die Effektoren in der Ostukraine weiterleiten. Je mehr die UAF den weitreichenden Systemen durch Tiefflüge auswich, desto stärker war sie durch tragbare Luftabwehrlenkwaffen und schwerere Maschinengewehre gefährdet. 

Die Luftverteidigung über dem Separatistengebiet wurde vom US-amerikanischen Informationsdienst Stratfor Anfang Dezember 2014 folgendermassen eingeschätzt (vgl. auch obige Graphik): 

[…] Medium-ranged Buk M1-M2 air defense systems cover most of the separatist-held areas, and shorter-ranged systems such as the Pantsir-S1, Osa and Tor cluster around the strategic supply lines running from the Russian border into the main cities of Luhansk and Donetsk. The systems combine to create a layered air defense infrastructure that prevents the Ukrainian air force from using its assets over separatist-held areas. Even though a Sept. 5 cease-fire agreement explicitly rules out Ukrainian air operations over separatist-held areas, and the Ukrainian military has not attempted any such operations since then, the Russian move to establish this air defense presence indicates strong commitment to defending the separatist-held territory. The deployment of these air defense systems, as well as measures by artillery units to prevent the Ukrainian military from massing forces for an attack on separatist-held areas, seem to serve a mostly defensive objective. […]

Damit stellt sich die Frage, weshalb die Flughäfen von Donezk und Luhansk so hart umkämpft waren, wenn doch keine der beiden Seiten diese militärisch nutzen konnte? Eine These lautet, dass Kiew keinen intakten Flughafen in Separatistenhand dulden wollte, weil dieser als Einfallstor für Waffen und sonstige illegale Schmuggelgüter fungieren würde – analog dem Flughafen Grosny, als Tschetschenien von 1996 bis 1999 faktisch vom russischen Staat abgespalten war. Die Separatisten wiederum wollten verhindern, dass wie bei Kramatorsk frontnahe Flugplätze als launch-point und Hauptquartier für künftige Operationen der Regierungsseite dienen können. (Chris Dunnett, “Ukraine’s Last Flash Point: Donetsk Airport“, Hromadske International, 14.10.2014; Robert Beckhusen, “Why Ukrainian Troops Are Calling the Donetsk Airport Siege ‘Stalingrad’“, War is Boring, 19.01.2015).

Artillerie: Drohnengeleitetes Flächenfeuer statt Präzisionsfeuer auf Einzelziele
70% (vielleicht sogar bis zu 85%) der Verluste im Donbass entstanden durch Artilleriebeschuss. Die Artillerie ist in allen Schilderungen die dominierende Waffengattung dieses Konfliktes. Artilleriegeschütze haben bei den intensivsten Kämpfen pro Tag und Rohr bis zu 500 Schuss verbraucht –  mehr als seinerzeit beim Jom Kippur-Krieg. Die ukrainische Artillerie verschoss in den ersten 30 Monaten des Konflikts mehr Artilleriegranaten, als die NATO in Kontinentaleuropa insgesamt auf Lager haben soll. (Potomac Foundation, “Karber on Baltic & Ukrainian Security“, 2016; Phillip A. Karber, “‘Lessons Learned’ from the Russo-Ukrainian War“, The Potomac Foundation, 08.07.2015, S.16f). Viele westliche Staaten (auch die USA und die Schweiz) haben jene Bestände an Kanistermunition aufgegeben, auf denen früher deren qualitativer Vorsprung gegenüber der quantitativen Übermacht des Warschauer Pakts basierte. Russland hat hier nicht nur technologisch aufgeholt, sondern kombiniert diese wirksame Munition mit der Aufklärung durch taktische Drohnen. Dies ermöglicht es, das verheerende Flächenfeuer vergleichsweise präzise zu leiten. Drohnen “unterlaufen” den Grossteil der heutigen Luftabwehrsysteme. Nicht nur Fronttruppen müssen deshalb Wege finden, den Himmel über sich selber gegen unbemannte Luftaufklärungsmittel abzuschirmen.

Ein ukrainischer Soldat steht neben dem zerstörten Grad-Mehrfachraketenwerfersystem der ukrainischen Armee in Dmytrivka, 19. September 2014.
Ein ukrainischer Kämpfer steht neben einem zerstörten UAF BM-21 Grad Raketennwerfer nach der Schlacht von Ilovaisk.

Beim im 2. Teil erwähnten Artillerieschlag bei Zelenopillya kamen thermobare Geschosse zum Einsatz. Vor dem Druck und der Hitze dieser Geschosse bieten selbst geschützte Stellungen keinen verlässlichen Schutz. Die gemeldeten Verletzungen durch diese Waffen sind besonders schlimm. Flächenfeuer mit thermobaren Gefechtsköpfen ist heute das real eingesetzte Pendant zu den taktischen Kernwaffen, welche seit den 1950er-Jahren nur die imaginären Schlachtfelder Europas dominierten. Thermobare Waffen schlagen verlässlich Breschen in Stellungssysteme – ohne die bei Kernwaffen für einen Angreifer meist unerwünschten Begleitwirkungen in der Umgebung: zerstörte Infrastruktur und radioaktive Verstrahlung, welche das eigene Vorrücken durch das beschossene Gebiet behindert. Russland hat solche Gefechtsköpfe für verschiedenste Waffenplattformen entwickelt. Von Panzerfäusten über die berüchtigten TOS-1 Raketenwerfer bis hin zu weitreichenden Artilleriesystemen. 

Was konnten die Ukrainer dem verheerenden russischen Artilleriefeuer entgegensetzen? Druck aus westlichen Staaten soll dazu geführt haben, dass Kiew eigenes Konterfeuer ins russische Territorium untersagte (Phillip A. Karber, “‘Lessons Learned’ from the Russo-Ukrainian War“, The Potomac Foundation, 08.07.2015, S.37). Von den dringend angeforderten Artillerieortungs-Radaren lieferten die USA nur solche, welche die Lokalisierung von Mörserbeschuss ermöglichten. Die Ukrainischen Streitkräften konnten zumindest auf noch vorhandene Systeme aus dem Kalten Krieg zurückgreifen. So wurden gezogene 152 mm-Kanonen 2A36 reaktiviert, um sich deren Reichweite von etwa 30 km zu Nutze zu machen. Bei den Drohnen wurde die Tupolev Tu-141 (Systembezeichnung VR-2 bzw. Strizh-1) aus Sowjetzeiten reaktiviert. “Gleichlange Artilleriespiesse” sind viel mehr als nur “nice to have”. Denn die Verteidigungsstellungen auf diesen Low-density / High intensity-Schlachtfeldern sind ohne Artillerieunterstützung praktisch unhaltbar. Wohl deshalb wird ein sehr dezentralisierter Einsatz der russischen Artillerie beobachtet (152 mm Geschütze sollen bis auf Stufe Bat verteilt worden sein). Leichtere 2S1 122mm Panzerhaubitzen mussten von den Ukrainern im Direktschuss als “Not-Panzerabwehr” verwendet werden – bei entsprechenden eigenen Verlusten. Die russische Seite hat dasselbe Modell zum Niederhalten der Panzerabwehr eingesetzt. 

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Mit dem exzessiven Verbrauch wurde auf ukrainischer Seite die Artilleriemunition langsam knapp. Umso gravierender war es langfristig, dass es seit Konfliktbeginn in mindestens drei Munitionslagern zu schweren Bränden / Explosionen kam. Diese sollen durch eklatanten Sicherheitsmängel und Nachlässigkeiten, Sabotage oder Thermitgranaten ausgelöst worden sein, die von russischen Drohnen abgeworfen wurden (wobei die Drohnenversion auch nicht mehr als ein Gerücht sein könnte). (“Ukraine Munitions Blasts Prompt Mass Evacuations“, BBC News, 23.03.2017).

Überleben um kämpfen zu können
Im Donbass demonstrierte die russisch-separatistische Seite, was Artilleriefeuer kombiniert mit überlegener EKF auf dem Schlachtfeld für die Boden-/ Fronttruppen bedeuten kann:

The Russian also posses the ability to perform direction finding of electromagnetic signals. […] In another example from Eastern Ukraine, a Ukrainian army unit was broadcasting a radio message when it received accurate artillery fire, sustaining multiple casualties. The Ukrainian unit then received text messages on their cell phones from the Russian Led Separatist commander asking how they liked the artillery.

— “Russian New Generation Warfare Handbook“, Asymmetric Warfare Group, Dezember 2016, S. 18.

Nicht überraschend greifen ukrainische Truppen nach Möglichkeit wieder auf alte Feldtelefone zurück. Auch die Überlebenstipps von Karber klingen so gar nicht nach dem, was man sich in den westlichen Fachdiskursen unter moderner Kriegführung (gerne) vorstellt: 

The one effective antidote to the increased lethality of the modern battlefield is the creation of prepared defenses. This includes multiple lines of entrenchments, the installation of covered firing positions and pillboxes and extensive use of preregistered defensive supporting artillery fire. Following the negotiation of the Minsk II ceasefire agreement, Ukraine began construction of two lines of concentric entrenchments parallel to the line of contact. This digging covers in total some 800 km and is one of the most extensive efforts at fortifying a modern battlefield as has been since the end of the Korea war.

— Phillip A. Karber, “‘Lessons Learned’ from the Russo-Ukrainian War“, The Potomac Foundation, 08.07.2015, S.12f

Der offiziellen Internetseite des ukrainischen Präsidenten Petro Poroshenko konnten im Sommer 2015 weitere Zahlen zum Stellungsbau entnommen werden: 

The President has informed that the construction of overall about 300 fortifications was planned. 100 fortified centers have already been completed. […] The President examined the fortified center – a system of communications, control and observation center, shelter, trench system and defensive metal-concrete containers.

— “President Examined the Construction of Fortifications in Donetsk Region: The Entire Ukraine Is Building the Defense Line“, Official website of the President of Ukraine, 11.06.2015.

An anderer Stelle betont Karber, dass zum Stellungsbau unbedingt auch das Anlegen von Ausweich- und Scheinstellungen gehört. 2014 waren die Fronten noch stark in Bewegung, seit September 2014 überwiegt ein “drôle de guerrre 2.0“. Seither wird in der Ostukraine fleissig gegraben. Wer ausser Karber traut sich sonst noch westlich des Dnjepr im Zeitalter von “Cyber” an die fortdauernde Bedeutung des kruden Spatens zu erinnern? 

Entlang der Front werden selbst für die Feldtoiletten provisorische Schutzkonstruktionen improvisiert. In geschützten Positionen kämpfend hätten die Ukrainer den Angreifern jeweils das Sechsfache an eigenen Verlusten zugefügt – jedoch kehrte sich das Verhältnis um, sobald die Verteidiger ihre Position wegen drohender Ausflankierung räumen mussten. (Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, West Point, 13.04.2017, 39′). Weil die Verteidigungsstellungen einige Kilometer auseinanderliegen können, müssen die Zwischenräume durch Feuer gedeckt sein. Der Mangel an (durchschlagkräftigen) Panzerabwehrlenkwaffen zwang die Ukrainer, Panzer und sogar Artilleriegeschütze für die vordere Verteidigung zu verzetteln, um diese Zwischenräumen gegen gefährliche Ausflankierungen durch die mit teils sehr modernen Panzer angreifenden Gegner zu verteidigen.

Im ewigen Wettlauf zwischen Feuerkraft, Schutz und Mobilität ist der Ukrainekrieg der jüngste und strengste Lehrmeister, an dem sich Streitkräfteplanung heute messen muss. 

Karbers Zusammenfassung der Beobachtungen und Lehren (Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, West Point, 13.04.2017, 51′).

Dank Investitionen in zeitgemässe Nachrüstungen (insbesondere in moderne passive und aktive Schutztechnologie) sind ältere Panzermodelle auf den aktuellen Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts nachweislich wirkungsvoll aufgetreten. Jedoch: Sobald Duellfähigkeit gefragt ist, können Ausbildung und Taktik einen technologischen Rückstand bei der Ausrüstung kaum mehr wettmachen. Ein ukrainisches Panzerbataillon unterlag mit seinen älteren T-64 Kampfpanzern einer Kompanie russischer T-90 klar. (Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, West Point, 13.04.2017, 44′).

Im Osten nichts Neues und weshalb uns das zu denken geben muss. 
Der Krieg im Donbass könnte unter das Motto gestellt werden: Im Osten nichts NeuesUnd genau das ist das Beunruhigende für westliche Streitkräfte, die nach der strategischen Wende von 1989 so viel in die Befähigung für Out-of-area-Missionen investiert haben. In der Regel wurde angestrebt, die Kosten dieser Neuerungen durch konsequentes Wegsparen beim älteren Gerät auszugleichen. Aber Vieles, was nach dem Fall der Berliner Mauer für obsolet (oder illegal) erklärt wurde, beherrscht heute die Schlachtfelder im Donbass. 

Der ukrainische Präsident Petro Poroshenko begutachtet den Bau von Befestigungsanlagen in der Region Donezk in 2015.
Der ukrainische Präsident Petro Poroshenko begutachtet den Bau von Befestigungsanlagen in der Region Donezk in 2015.

Nach Ansicht des Autors kam es im Westen nach dem Mauerfall nicht zum Einstreichen einer “richtigen” Friedensdividende. Eine solche hätte in der Senkung der Bereitschaftsgrade, einem verlangsamten Rüstungsfortschritt und einer Redimensionierung der bestehenden Verteidigungsapparate bestanden. Dies alles erfolgte zwar, aber gleichzeitig kam es zu einer fundamentalen “Umrüstung” weg von den wehrpflichtigen Verteidigungsarmeen hin zu professionelleren Interventionskräften mit global-strategischer Einsatzmobilität. Die Mehrkosten dieser Umrüstung mussten aus den bestenfalls stagnierenden Wehrbudgets finanziert werden. Die seit Jahren schlechten Schlagzeilen aus der Bundeswehr-Logistik sind Symptom dieser Umrüstung auf Kosten des Unterhalts. Bei den in Bündnissen eingereihten Ländern ist viel davon die Rede, dieses strukturelle Missverhältnis von Mitteln und Ressourcen durch Smart Defence, Pooling & Sharing etc. auszugleichen. 

Allein, in Europa sind durch solche überstaatliche Kräftebündelung insgesamt klar weniger Kapazitäten entstanden, als im selben Zeitraum in den nationalen Verteidigungsdispositiven abgebaut wurden. Dies gilt insbesondere für alles, was früher unter dem Stichwort “Territorial” sicherstellte, dass die Feldarmeen im Ernstfall tatsächlich mobilisiert, bewegt und versorgt werden konnten. Hier hat in Westeuropa ein Kahlschlag stattgefunden, der sich in den neuen NATO-Mitgliedsländern im Osten fortsetzte, zugunsten den Bedürfnissen von wenigen Interventionskräften. Für ein leichtes Bataillon am fernen Hindukusch ist daheim eine ungehärtete, zentralisierte Logistik die ökonomisch naheliegende Versorgungslösung. Um mit mechanisierten Kräften auf eigenem Territorium oder im Rahmen der Bündnisverteidigung im Land eines Verbündeten kämpfen zu können, müssen weit umfangreichere Vorbereitungen erdacht, Zuständigkeiten geklärt, Infrastrukturen erstellt und regelmässig getestet werden. Es sind die unspektakulären Bereiche im Hintergrund die den Unterschied ausmachen, ob eine Armee nur viel kostet oder ihr Geld wirklich wert ist. 

Leben in den Schützengräben an der ukrainischen Ostfront im Dezember 2017.
Leben in den Schützengräben an der ukrainischen Ostfront im Dezember 2017.

Russland hat in seinen jüngsten Grossmanöver demonstriert, dass es auf eigenem Gebiet ganze Verbände über weite Distanzen bewegen kann. Im NATO-Raum genügen die logistischen Möglichkeiten offensichtlich kaum, um den gefährdeten Mitgliedstaaten an der Ostgrenze glaubwürdig beistehen zu können. Und das bei einem im Baltikum für sie militärgeographisch vorgegebenen Missverhältnis von Zeit, Kräften und Raum. Die Ukraine hat im Frühjahr 2014 unter grossen Anstrengungen ein gutes Dutzend Brigaden zwecks Bildung von Gegenkonzentrationen über weite Strecken verlegt. Deren Schwergewichtsbildung im Norden entblösste den Donbass. Vergleichsweise schwache, aber geheimdienstlich unterstützte Separatisten gingen dort rasch von anfänglichen Häuserbesetzungen über zur Machtergreifung in grossen Städten und weiten Provinzteilen. Wo wenige Bataillone der Staatsmacht im Frühstadium einen Unterschied gemacht hätten, musste später mit mehreren Brigaden eine aufwendige Kampagne zur Rückeroberung lanciert werden. Und die offensive “Anti-Terror-Operation” eskalierte durch das direkte Eingreifen der russischen Streitkräfte in kürzester Zeit zu einem klassischen Verteidigungskampf. Was die Ukrainer 2014/15 gerne gehabt hätten, haben wir in der Schweiz seit der Jahrtausendwende konsequent abgebaut: Ein kriegsbereit ausgestattetes, dezentrales, nach militärgeographischer Logik angelegtes Netz für Logistik und Führungsunterstützung. Diesem Abbau lag die Vorstellung zugrunde, dass alle während des Kalten Krieges geschaffenen Strukturen einzig für die Abwehr eines sowjetischen Angriffes gedacht und geeignet waren. Diese hartnäckige und folgenreiche Annahme hält der Autor aufgrund seiner geschichtswissenschaftlichen Forschungen für nicht mehr haltbar. (vgl.: Fritz Kälin, “Die Schweizerische ‘Gesamtverteidigung’: Totale Landesverteidigung im Kalten Krieg als kleinstaatliche Selbstbehauptungsstrategie im 20. Jahrhundert“, Universität Zürich, 2017).

Kiew hatte lange versucht, einen eigenen Weg zwischen den Grossmächten zu finden – ohne sich für diesen heiklen Balanceakt eine “militärische Überlebensversicherung” zu leisten. Diese Friedensdividende hat sich dann sehr schnell in eine schwere Hypothek gewandelt. Die ukrainischen Streitkräfte haben im Krieg um den Donbass besser performt, als es ihr alle Beobachter (und wohl auch der Kreml) Anfang 2014 zugetraut hätten. Aber mit dem vielen Geld, das davor über Jahrzehnte bei der ukrainischen Armee eingespart wurde, lässt sich heute nichts mehr kaufen. Die Zeichen der Zeit wurden in Kiew schon 2008 erkannt, aber es fehlte wegen der Finanzkrise das Geld fürs Militär. Nicht gefehlt hat das Geld, um (zusammen mit Polen) Gastgeber für die Fussball-Europameisterschaft 2012 zu sein. An diesem Turnier schieden die Mannschaften der Ukraine und Russland bereits in der Vorrunde aus. 

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1 Response to Rückblick: Krieg in der Ostukraine 2014/15 – Merkmale des Krieges im Donbass zu Land und in der Luft (Teil 4/4)

  1. peter says:

    zwei fragen:
    1. wie hatte denn das russ. militär einblick in die ukraine – passiv oder aktiv mit bodenstationen
    samt russ. AWACS?
    der ukr. geheimdienst SBU listet penibel die einzelnen radarquellen auf dem gebiet der
    separatisten. obendrauf wird hier die these aufgestellt, die koordinierung erfolge durch
    russ. militär – ohne deren überwachungs-radars aufzulisten – fotos und videos hätten
    doch problemlos die russen blossstellen können – warum hätte ukraine hier drauf
    verzichten sollen? das wäre ein willkommener pr-coup.

    es werden mehrere buk-stellungen aufgelistet, da gab es mal eine zeit ende juli 2014 und
    danach wo zig redaktionen und blogger sehr viel geld geboten haben für bilder solcher buk-systeme im
    separatistengebiet, grad auch weil russland und die separatisten das gebenteil erzählt haben.

    und ein vorschlag, der author sollte aufklären,
    wie die russen mit den separatisten kommuniziert haben – sofern aufklärbar,
    hier hätte man den nachweis führen können wie weit die beiden miteinander verstrickt waren.

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