Europäisches Kampfpanzer-Projekt – Nicht offen für alle EU-Mitglieder?

von Björn Müller (Facebook / Twitter). Er ist Journalist in Berlin mit dem Schwerpunkt Sicherheits- und Geopolitik. Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript der NDR-Sendung “Streitkräfte und Strategien” vom 02.11.2019.

Deutschland und Frankreich arbeiten an einem Konzept für einen gemeinsamen Kampfpanzer der Zukunft. Das sogenannte Main Ground Combat System – kurz MGCS – soll Mitte der 2030er Jahre nicht nur den Leopard 2 der Bundeswehr und Frankreichs Hauptkampfpanzer Leclerc ersetzen. Das neue Waffensystem soll auch der Standard-Panzer in Europa werden, so der Anspruch von Berlin und Paris.

Quelle: Armin Papperger, "Mobility, Security, Passion", Rheinmetall, 2019.
Quelle: Armin Papperger, “Mobility, Security, Passion“, Rheinmetall, 2019.

Gegenwärtig finden sich in den Streitkräften der europäischen Länder 11 verschiedene Panzer-Modelle. Das zeigt, wie heterogen und zersplittert das Militär-Potenzial der Europäer ist. Ein einheitlicher Kampfpanzer von Polen bis Portugal wäre ein entscheidender Fortschritt beim Vorhaben der EU, Europa zu einer ernstzunehmenden Militärmacht zu machen. Für die Öffnung der deutsch-französischen Initiative zu einem europäischen Panzer-Projekt wäre Polen ein entscheidender Testfall. Das Land an der Ostflanke der NATO spielt angesichts des Konfliktes mit Russland bei der Verteidigung der Militärallianz und der EU eine wichtige Rolle. Die Regierung in Warschau strebt den Aufbau einer starken Panzerstreitmacht an. Sie hat bereits ihren Wunsch deutlich gemacht, sich an dem deutsch-französischen Rüstungsprojekt zu beteiligen. Allerdings haben die Polen Zweifel, ob Deutschland und Frankreich es mit der in Aussicht gestellten Beteiligung Dritter wirklich ernst meinen.

Der Eindruck in Polen ist, dass zwar viel über europäische Waffensysteme und europäische Rüstungsprogramme gesprochen wird. Frankreich und Deutschland meinen damit aber vor allem bilaterale, deutsch-französische Programme. Die Rüstungsindustrie in Frankreich und Deutschland soll so ihren Marktanteil in Europa vergrößern – auf Kosten der Wehrindustrie in anderen Ländern wie Polen.

Marcin Terlikowski – Rüstungsexperte beim Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM) in Warschau.
Quelle: Armin Papperger, "Mobility, Security, Passion", Rheinmetall, 2019.
Quelle: Armin Papperger, “Mobility, Security, Passion”,
Rheinmetall, 2019.

Tatsächlich sind Deutschland und Frankreich bisher vor allem darauf fixiert, die jeweiligen Anteile an der Produktion eines neuen Kampfpanzers zwischen der deutschen und französischen Rüstungsindustrie aufzuteilen. Die deutschen Panzerschmieden Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall ringen gegenwärtig miteinander um die Führung des Rüstungsprojekts. Frankreich fürchtet, dadurch könnte der für sein beteiligtes Unternehmen Nexter vereinbarte Produktionsanteil von 50 Prozent in Gefahr geraten. Dabei könnte Polen zugunsten einer Beteiligung durchaus in die Waagschale werfen, ein künftiger Hauptabnehmer des Zukunftspanzers zu sein:

Polen hat demnächst einen Bedarf von mindestens 500 Kampfpanzern, um Lücken in den Panzerbrigaden zu schließen.

— Terlikowski

Das Problem der polnischen Streitkräfte: Die Panzerverbände sind zum großen Teil noch immer mit älteren sowjetischen Typen ausgerüstet. Die modernsten Panzer sind veraltete deutsche Leopard 2 Versionen. Doch Polen ist nicht nur an einer Beteiligung am deutsch-französischen Kampfpanzer interessiert. Die Regierung in Warschau denkt bereits viel weiter:

Unsere Verteidigungsindustrie ist nicht ausgerichtet auf die europäische Rüstungskooperation. Wir sind nicht an europäischen Projekten beteiligt. Im Mittelpunkt steht immer noch die sowjetische Technologie. Und das ist der Grund, warum wir Zugang zu westlicher Expertise haben wollen. Wir wollen so unsere industriellen Fähigkeiten weiterentwickeln.

— Terlikowski
Das 2013 auf der MSPO-Ausstellung in Kielce von OBRUM aus Gleiwitz- Łabędy vorgestellte Designkonzept eines zukünftigen polnische Unterstützungspanzers PL-01 hat sich bis jetzt nicht realisiert.
Das 2013 auf der MSPO-Ausstellung in Kielce von OBRUM aus Gleiwitz- Łabędy vorgestellte Designkonzept eines zukünftigen polnische Unterstützungspanzers PL-01 hat sich bis jetzt nicht realisiert.

Mittelosteuropäische Staaten wie Polen sind bis heute keine Partner bei großen europäischen Rüstungsvorhaben wie dem Transportflieger A400M. Hier dominieren die westeuropäischen Länder mit ihren Großkonzernen wie Airbus. Die Nutzung sowjetbasierter Technologie grenzt die Osteuropäer aus. Für Terlikowski wäre das deutsch-französische Panzerprojekt daher eine große Chance für Polen, diese Ausgrenzung zu überwinden:

Der einzige Rüstungsbereich, in dem wir etwas auf den Tisch bringen könnten, sind die Landsysteme. Hier sind wir in der Lage, einige anspruchsvolle Plattformen zu produzieren und auf dem globalen Markt erhältliche Komponenten zu integrieren. So können wir beispielsweise eine Panzerhaubitze auf einem Samsung-Fahrgestell anbieten; außerdem ein tschechisches Artilleriegeschütz mit einem integrierten polnischen Feuerleit- und Kommunikationssystem.

— Terlikowski

Polen hat daher ein großes Interesse, am deutsch-französischen Kampfpanzer-Projekt beteiligt zu werden. Doch ein Einstieg ist kein Selbstläufer. Speziell von französischer Seite gibt es Vorbehalte gegen Polen.

Man kann feststellen, dass sich die bilateralen Beziehungen seit 2014 verschlechtert haben. Sie haben sich auch im Rüstungsbereich verschlechtert. Erstmal war aus französischer Sicht keine tragende Reform der nationalen Rüstungsindustrie zu erkennen. Speziell zum Thema MGCS hat man in Paris auch nicht vergessen, dass Polen erst mal ein italienisches Gegenprojekt unterstützt hat. Zweitens erscheint die amerikanische Präferenz so dominant, dass sie kaum vereinbar ist mit der europäischen Präferenz, die von Paris unterstützt wird. Bestes Beispiel ist der sogenannte Caracal-Vertrag – 2016 hatte die polnische Regierung die Beschaffung von Caracal-Militärhubschraubern zugunsten amerikanischer Hubschrauber abbestellt. Das sind natürlich keine vertrauenerweckenden Gesten zwischen Paris und Warschau.

Gaëlle Winter – Sicherheitsexpertin an der Stiftung für Strategische Studien (FRS) in Paris.

Neben dem schlechten Verhältnis zu Frankreich stellt sich außerdem die Frage, wie Polen zum MGCS-Projekt beitragen könnte. Denn beim kommenden Zukunftspanzer wünschen sich die deutschen und französischen Militärs nicht nur eine verbesserte Version bewährter Panzertechnik wie beim Leopard 2. Es geht darum, ein Hightech-System zu entwickeln, bei dem Robotik und Waffen wie Hochgeschwindigkeitsraketen eine entscheidende Rolle spielen. Das neue Waffensystem soll sozusagen ein militärischer “Gamechanger” werden. Christian Mölling, Forschungsdirektor der Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin, ist skeptisch, ob die Polen hierzu einen Beitrag leisten können, indem sie eine dafür notwendige Rüstungsstrategie verfolgen:

Passt das in einen größeren Plan, wie sie eigentlich eine verteidigungsindustrielle Basis aufbauen wollen? Wir haben ja zurzeit eine Entwicklung in Polen, wo wir quasi eine Zentralisierung der polnischen Verteidigungsindustrie in einem großen industriellen Zentrum haben. Ob das zielführend ist, weiß ich nicht. Das ist zumindest nicht so, wie Innovation in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufen ist.

— Mölling

Polen versucht bereits seit einiger Zeit, seine Rüstungsindustrie neu zu ordnen. Unter Leitung des Warschauer Verteidigungsministeriums sind schon mehr als 60 Betriebe in der sogenannten “Polnischen Rüstungsgruppe” zusammengefasst worden. Sie firmiert unter dem Kürzel PGZ. Die PGZ umfasst Gewehrhersteller bis hin zu Werften. Mithilfe der gestiegenen Verteidigungsausgaben soll die PGZ zu einer mächtigen staatlichen Rüstungsholding reifen. Damit will Polen seine Streitkräfte umfassend ausstatten können und langfristig als starker Player am weltweiten Rüstungsmarkt auftreten. Allerdings gibt es für die “Polnische Rüstungsgruppe” praktisch keine Konkurrenz im Land, was üblicherweise Gift ist für die Bereitschaft, in Forschung und Innovation zu investieren. Schon in der Gründungsphase der PGZ 2016 kritisierte der polnische Rechnungshof, dass es für das politische Ziel, ein großes Rüstungsunternehmen aufzubauen, keine klare Strategie gebe. So wurde vorab keine Untersuchung über mögliche Synergieeffekte der betroffenen Unternehmen durchgeführt. Vor diesem Hintergrund warnt Mölling vor zu hohen Erwartungen an eine polnische Beteiligung beim deutsch-französischen Panzer-Projekt:

Wenn man aus der Wettbewerbsperspektive – aus polnischer Wettbewerbsperspektive – guckt, wie viel Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen in anderen Ländern abgelaufen sind. Dann mag man das als unfair oder als Verweigerung von Teilhabe empfinden. Aber letztendlich wird es weder der polnischen Industrie, noch der deutschen, noch der französischen Industrie etwas bringen, einen Partner an Bord zu nehmen, mit dem man nachher Produkte produziert, die überhaupt nicht oder schwer weiterverkaufbar sind auf einem überhaupt nur zugänglichen Markt; denn man kann ja auch nicht überall hin verkaufen. Das gilt ja auch für die Deutschen und Franzosen. Es ist ja nicht so, dass die, aufgrund ihrer Panzerproduktion, im Reichtum schwimmen. Die Tatsache, dass wir eine Panzerproduktion zwischen KMW und Nexter haben – für die das Main Ground Combat System ja auch nur gemacht wurde – zeigt, dass nicht genug Volumen im Markt ist. Also auch da ist der Realismus sinnvoll.

— Mölling

Das Beispiel Polen zeigt deutlich, wie schwierig es wird, das deutsch-französische Kampfpanzer-Projekt zu einem europäischen Rüstungsvorhaben zu machen, an dem sich auch andere EU-Staaten beteiligen können. Wie so oft gibt es auch hier zwischen dem verkündeten Ziel einer gemeinsamen europäischen Verteidigungs- und Rüstungspolitik und den nationalen Interessen und Möglichkeiten der Akteure eine Kluft. Diese zu überwinden, ist eine politische Herkules-Aufgabe.

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12 Responses to Europäisches Kampfpanzer-Projekt – Nicht offen für alle EU-Mitglieder?

  1. Daniel says:

    A pro po “game changer” am besten israelische Produkte kaufen oder verbauen.
    Elbit’s X-ray vision to be built into new UK battle tank
    https://en.globes.co.il/en/article-elbits-x-ray-vision-to-be-built-into-new-uk-battle-tank-1001316132

  2. David says:

    Ich befürchte schlimmstes im finanziellen für den EU MBT. Egal ob A-400 M oder das nun Holland deutsche Marine Schiffe baut, zu recht! Die Deutschen haben wiederholt bewiesen, das sie nicht in der Lage sind große Projekte zu Meistern ( Berliner Flughafen ).
    Deutsche U-Boote wurden nicht mit Ersatzteilen bestellt, welches dazu führte, das alle U-Boote nicht Einsatzfähig waren ( sind ? ). Deutschland bekommt keinen Zuschlag für den autralischen Riesenauftrag für dessen U-Boot Flotte…..
    Dutzende Jagdflugzeuge sind nicht flugfähig, neueste Hubschrauber fliegen nicht oder stürzen ab. Marineflieger fliegen mit der P-3 Orion aus den 60ern. Es gibt auch für dieses Gerät keinen Ersatz.
    Große Teile der Bundesmarine existieren nicht oder sind so schlecht gebaut, das sie nur auf dem Papier existieren.
    Die aus den USA stammende Drohne, für insgesamt 500 Millionen Euro, steht in einem Hangar und darf nicht geflogen werden.
    Das G-36 ist sein eigenes Drama.
    Die Deutschen finanzieren Ihren Antiamerikanismus und lassen sich von den USA das Verteidigungsbudget bezahlen, mit geschätzten 90-320 Milliaren Euro laut IISS
    https://www.iiss.org/blogs/research-paper/2019/05/defending-europe

    • Gilles says:

      @David
      Habe selten so einen unqualifizierten Beitrag gelesen.
      Beschäftigen sie sich besser mal mit Hintergründen anstatt hier ihre konsumierten BLICK-Artikel wiederzukäuen…

  3. Daniel says:

    Polen ist ein gebranntes Kind.
    Durch den Zweiten Weltkrieg, dann der Kalte Krieg, und nun soll es sich der EU, aber vor allem Frankreich und Deutschland unterordnen. Wenn man sich die nicht existierende deutsche Verteidigungspolitik anschaut, und den deutschen Schmusekurs vis a vis Russland, dann habe ich großes Verständnis für die polnischen Entscheidungen. Die einzigen, welche seit 1940 klare Kante zeigen sind die USA ( wenn man von Obama absieht ). Deutschland ist weder politisch noch militärisch bereit seinen Bündnissverpflichtungen nach zu kommen. Die EU Rüstungspolitik ist ein sehr kostspieliger politischer Fussball. Sollen sich die Osteuropäer darauf verlassen ? Nach 2015 ? Mit den immer stärker werdenden Antiamerikanismus im Westen? Die Polen werden nicht noch einmal das Opfer der linksgrünen Gutmenschpolitik werden. Sie kaufen Systeme in Israel, in den USA und anderswo .

    • Sebastian says:

      “Die Polen werden nicht noch einmal das Opfer der linksgrünen Gutmenschpolitik werden.”

      Ahmm, sorry, aber ich glaube die waren eher Opfer einer rechts-braunen Übermenschen-Politik.

      “Deutschland ist weder politisch noch militärisch bereit seinen Bündnissverpflichtungen nach zu kommen.”

      Das scheint zumindest im Moment leider mehr oder weniger der Fall zu sein.

      • Daniel says:

        Mit “noch einmal” meine ich die nicht vorhandene Migrationspolitik (2015) bzw deren Ablehnung Polens und der Visegrad 4, und dem generellen Zerwürfnis Polens mit Brüssel. Die EU Politik sehe ich als linksgrün. Das pikante an der Dynamik ist, das die Deutschen sich gegenüber Polen keine Gängelung erlauben kann. Sie versteckt sich Berlin hinter der EU, wie dies auch gegenüber Israel der Fall ist.
        Die Polen, wie alle Ost EU Länder, kosten erst seit 1989 die Freiheit, und sind nicht seit 1968 der gramscischen Dynamik ausgesetzt. Den Visegrad 4, werden immer wieder die Unmöglichkeiten der linksgrünen Weltanschauung klar gemacht. Wie auch wieder dieses Wochenende in London.
        In der Summe trägt dies nicht zu einem vertrauensbildenden Prozess bei. In Südkorea haben die Polen einen Partner, welcher sich ebenfalls kein Gutmenschtum erlauben kann. Ditto Israel. Das die polnische Flugbereitschaft eine 737 fliegt und keinen Airbus ist kein Zufall.

  4. Daniel says:

    Polen hat sich auch für die F-35 entschieden. Das hätte ich auch.

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