Schweizer Armee: Die Zukunft der Bodentruppen

Unter dem Projektnamen “Air2030” sollen mit der Armeebotschaft 2022 neue Kampfflugzeuge für den Ersatz der F/A-18 C/D und Systeme zur bodengestützten Luftabwehr (BODLUV) grösserer Reichweite beschafft werden. Für die neuen Kampfflugzeuge sind maximal 6 Milliarden, für die BODLUV 2 Milliarden Franken vorgesehen. Beide Geschäfte befinden sich momentan auf Kurs. Am 24. September 2019 stimmte der Ständerat mit 32 gegen 6 Stimmen bei 6 Enthaltungen, der Nationalrat am 9. Dezember 2019 mit 124 gegen 68 Stimmen dem Planungsbeschluss des Bundesrates über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge zu. Zwischen dem Stände- und dem Nationalrat bleibt einzig eine Differenz zu bereinigen: der Anteil der Kompensationsgeschäfte (Bundesrat und Nationalrat wollen 60%, der Ständerat 100%; Larissa Rhyn, “Kampfjets: Sieben Antworten zum Milliardengeschäft“, Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2019). Eine allfällige Referendumsabstimmung ist für den 27. September 2020 vorgesehen (Marco Zwahlen, “Air2030 – Schutz des Luftraumes: Ständerat will neue Kampfjets“, Kommunikation VBS, 24.09.2019). Bei der BODLUV ist die Sensor-Erprobung der beiden Systeme aus den USA (Raytheon Patriot) und Frankreich (Eurosam SAMP/T) abgeschlossen. Der Typenentscheid erfolgt durch den Bundesrat voraussichtlich Ende 2020 oder Anfang 2021 (Kaj-Gunnar Sievert, “Air2030 – Schutz des Luftraumes: Die Sensor-Erprobung für ein neues bodengestütztes Luftverteidigungssystem grösserer Reichweite ist abgeschlossen“, 30.09.2019). Zusätzlich umfasst das Projekt die Erneuerung des Luftraumüberwachungs- und Einsatzleitsystems FLORAKO, welches als Werterhaltprogramme der Flores-Primär- und -Sekundärradare in den Rüstungsprogrammen 2016 und 2018 eingeflossen war. Die Erneuerung des Führungs- und Kommunikationssystems ist für die Armeebotschaft 2020 vorgesehen.

Doch nicht nur die Hauptsysteme der Luftwaffe müssen erneuert werden. Der Erneuerungsbedarf bei den Bodentruppen ist sogar noch grösser, weil nach dem Ende des Kalten Krieges Investitionen in moderne Rüstungsgüter hinausgeschoben und lange von den Reserven der Armee 61/95 gezehrt wurde. Deshalb verfügen heute die Bodentruppen der Schweizer Armee über Material, das teilweise noch während des Kalten Krieges beschafft wurde und den heutigen Erfordernissen nicht mehr genügt. Im Zuge der Umsetzung der Weiterentwicklung der Armee konnte der Ausrüstungsgrad der Verbände durch die Verkleinerung des Bestandes, durch Neuzuteilung von vorhandenem Material sowie durch Nach- und Ersatzbeschaffungen zwar verbessert werden, gleichwohl bestehen Fähigkeitslücken. So stehen derzeit immer noch über 300 Schützenpanzer M113 im Dienst, welche einen bewaffneten Konflikt mit einem modernen Gegner kaum überstehen würden. Die Situation wir sich weiter zuspitzen, denn in den 2020er-Jahren werden viele der Hauptsysteme das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen. Als erstes betrifft dies über fünfhundert Radschützenpanzern 93, etwas später über dreihundert Aufklärungsfahrzeugen 93 und Mitte 2020er Jahre 133 Panzerhaubitze M109 inklusive der 15,5-cm-Munition. In den frühen 2030er Jahren werden zusätzlich 134 aktive Kampfpanzer 87 Leopard, das Hauptsystem der Panzertruppen, und etwas später 186 Schützenpanzer 2000 (wenn er, wie geplant, in den nächsten Jahren werterhalten wird) ans Ende ihrer geplanten Nutzungsdauer gelangen.

Nutzungsende ausgewählter Hauptsysteme der Schweizer Armee (zum Vergrössern klicken)

Nutzungsende ausgewählter Hauptsysteme der Schweizer Armee (zum Vergrössern klicken)

Unter anderem wegen dieses immensen Erneuerungsbedarfs wurde ein Grundlagenbericht mit dem Titel “Zukunft der Bodentruppen” verfasst, welcher im Mai 2019 veröffentlicht wurde. Dieser geht hinsichtlich Bedrohung und Rüstung auf zukünftige Entwicklungstendenzen ein, analysiert deren Effekte auf die Bodentruppen, leitet daraus die benötigten Fähigkeiten und im Vergleich zum vorhandenen Potential den Handlungsbedarf für die Schweizer Armee ab. Damit wird sicherheitspolitisch vorgespurt, denn der letzte Sicherheitspolitische Bericht von 2016 beschäftigte sich mit dem aktuellen sicherheitspolitischen Umfeld und nicht mit möglichen Tendenzen der kommenden 10 Jahre.

Nach dem Grundlagenbericht “Luftverteidigung der Zukunft“, welcher bereits vor zwei Jahren erschienen war, verfügt die Schweizer Armee mit dem Grundlagenbericht “Boden” über eine weitere solide Basis auf dessen die kommenden Investitionen im Rüstungsbereich geplant werden können. Mit diesem Artikel wollen wir die Hauptaussagen des Grundlagenberichts “Boden” zusammenfassen.

 

Allgemeine Entwicklungstendenzen beim Einsatz von Bodentruppen

Bis in die 1990er Jahre gingen Militärstrategen davon aus, dass bei einem Krieg in Europa primär mit raumgreifenden Operationen mechanisierter Grossverbände zu rechnen sei, unterstützt durch weitreichende Artillerie, Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter, schlimmstenfalls unter Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Aus heutiger Sicht ist eine solche konventionelle Kriegsführung in Zentral- und Westeuropa in absehbarer Zukunft eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eher ein Durchmischen konventioneller und unkonventioneller Mitteln, regulärer und irregulärer Kräfte sowie symmetrischer und asymmetrischer Kriegsführung. Damit nehmen Konflikte immer mehr eine hybride Form an, was zu einer nicht eindeutig zuzuordnenden, schwer fassbaren Bedrohung führt.

Die hybride Bedrohung ist geprägt von einer Vielzahl von Akteuren und Konfliktformen und deren Kombination.

Die hybride Bedrohung ist geprägt von einer Vielzahl von Akteuren und Konfliktformen und deren Kombination.

Um einen Staat zu Zugeständnissen zu zwingen, zielen gegnerische Aktionen auf die Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen oder der Gesellschaft als Ganze ab. Auf strategischer Stufe kommen unter anderem Wirtschaftssanktionen, diplomatischer Druck, Erpressung, Propaganda und Desinformation sowie Aktionen aus dem Cyberraum zum Einsatz. Den nichtkonventionellen Kräften, wie beispielsweise irreguläre Akteure, bewaffnete Gruppen, nicht als solche erkennbare Sonderoperationskräfte oder private Sicherheits- und Militärfirmen, kommen dabei eine wesentliche Rolle zu. Diese können den angegriffenen Staat im Innern mittels gewalttätige Aktionen gegen die Bevölkerung und die Sicherheitskräfte, Anschläge auf kritische Infrastrukturen oder gar mittels Besetzen von Geländeteilen destabilisieren. Mittel, die in der Vergangenheit in erster Linie von Streitkräften eingesetzt wurden, sind heute zunehmend auch nichtkonventionellen Kräften zugänglich. Dazu gehören neben unbemannten Waffensystemen, Mitteln der Informationskriegführung oder Cyberoperationen auch schwere Waffen, Drohnen, moderne Kommunikationsmittel und Sensoren, allenfalls sogar radiologische, chemische oder bakteriologische Substanzen. Überraschung und Täuschung sind dominierende Faktoren. Erst wenn dieses unkonventionelle Vorgehen nicht zum Ziel führt, werden offen konventionelle militärische Mittel eingesetzt, sei es durch den Aufbau einer Drohkulisse durch den Aufmarsch militärischer Verbände an der Grenze oder durch die Einnahme von Schlüsselgelände. Ein offener konventioneller bewaffneter Angriff mit militärischen Kräften erfolgt, wenn überhaupt, üblicherweise erst dann, wenn mit keiner koordinierten Abwehr mehr gerechnet werden muss oder wenn ein für den Angreifer vorteilhaftes Kräfteverhältnis besteht.

Solange unkonventionelle Mittel eingesetzt werden, fällt die Beurteilung schwierig, ob die Störungen im Innern eines Staates tatsächlich von aussen ausgeht und gesteuert wird. Anders als bei militärischen Angriffsoperationen konventioneller Art, bei denen geographische Grenzen überschritten werden müssen und bei denen klar ist, wer der Angreifer ist, lässt sich bei einem unkonventionellen Vorgehen oft nicht nachweisen, wer die Verantwortung für die Gewaltausübung trägt. Das haben sich einige Autokraten bei der eignen Machtkonsolidierung zu Nutzen gemacht. Andererseits können bereits vorhandene innenpolitische Konfliktsituationen durch gegnerische Akteure ausgenutzt, unterstützt oder gar verschärft werden. Die eigentliche Urheberschaft von Propaganda, Desinformation und Cyberangriffen kann sich hinter zivilen Unternehmen und Organisationen verstecken und ist nur schwierig nachzuweisen.

[Hybride warfare comprises] the use of military and non-military tools in an integrated campaign designed to achieve surprise, seize the initiative and gain psychological as well as physical advantages utilising diplomatic means; sophisticated and rapid information, electronic and cyber operations; covert and occasionally overt military and intelligence action; and economic pressure. — “Complex Crises Call for Adaptable and Durable Capabilities“, The Military Balance 115, 2015, S. 7).

Eine moderne militärische Operation zeichnet sich dadurch aus, dass sie in allen Wirkungsräumen gleichzeitig ausgetragen wird, und dass die Wirkungen in und aus verschiedenen Räumen eng aufeinander abgestimmt werden, sich gegenseitig ergänzen, verstärken und kumulieren. Streitkräfte werden nicht mehr bloss klassisch für die Kampfführung in zwischenstaatlichen Konflikten eingesetzt, sondern weltweit auch für die Bewältigung von hybriden Bedrohungen unterhalb der Kriegsschwelle sowie bei Hilfeleistung an die Zivilbevölkerung. Moderne Streitkräfte verfügen über Bodentruppen, welche sich sowohl konventionellen als auch nichtkonventionellen Kräften entgegenstellen, wenn notwendig jedoch auch Gebiete in Besitz nehmen, halten und kontrollieren können. Sie müssen in der Lage sein sowohl offensive eine militärische Entscheidung herbeizuführen, wie auch eher defensive eine Situation zu deeskalieren. Dabei müssen Kollateralschäden vermieden, und die Zivilbevölkerung möglichst nicht beeinträchtigt werden. Bei Schutz- und Sicherungsaufgaben oder bei der Bewältigung von Katastrophen müssen die Bodentruppen fähig sein, mit zivilen Einsatzkräften koordiniert zusammenzuarbeiten. Dieses breite Anforderungsprofil erfordert viel Flexibilität der Führung und der Truppe. Bodentruppen müssen in Lagen mit unterschiedlicher Gewaltintensität verschiedenste Rollen wahrnehmen. Im Extremfall müssen sie gleichzeitig kämpfen, schützen und helfen. Neben einem sehr hohen Ausbildungsniveau (und der entsprechenden Entlöhnung) von Kadern und Truppe, müssen militärische Systeme modulierbar sein, so dass sie für alle oder zumindest für mehrere Einsatzformen eingesetzt werden können.

Wirkungsräume

Wirkungsräume

In den militärisch führenden, westlichen Staaten, insbesondere in den USA, werden derzeit neue Ansätze in der Aktionsführung umgesetzt, die als Multi-Domain-Battle bezeichnet werden. Es geht nicht mehr darum, wie in den 1980er-Jahren, durch den Einsatz der Luftwaffe günstige Voraussetzungen für die letztlich entscheidende Bodenoperation zu schaffen, sondern auf operativer als auch auf taktischer Stufe über die gesamte Dauer und unter Einbezug aller Wirkungsräume den Kampf als gesamtheitliche Aktion zu führen. Konventionelle militärische Mittel sollen jedoch auch bei diesem Ansatz dosiert zur Anwendung gelangen, nämlich dann und dort, wo mit präziser Wirkung eine militärische Entscheidung herbeigeführt werden kann, oder eine offene militärische Aggression abgewehrt werden muss. Dazu werden neben mechanisierten Kräften insbesondere robust ausgerüstete Infanterieverbände, aber auch die Luftwaffe eingesetzt. Letztere muss nicht nur den Luftraum schützen, sondern durch Nachrichtenbeschaffung, Luftmobilität und präzises Feuer den koordinierten Einsatz von Bodentruppen ermöglichen. Gleichzeitig erhalten Sonderoperationskräfte ein stärkeres Gewicht. Die Kombination von Polyvalenz, hoher Bereitschaft und direkter Führung sowie der Fähigkeit, Taktik, Technik und Material rasch einer neuen Situation anzupassen, macht sie zu einem nützlichen Instrument, welches bestimmte Leistungen von weitaus grösseren Verbänden ersetzen kann. Der Multi-Domain-Battle Ansatz bedeutet jedoch auch, dass moderne Führungsinformationssysteme militärische wie auch zivile Quellen aggregieren, fusionieren, und das daraus generierte Lagebild stufengerecht zur Verfügung stellen muss. Die technologische Entwicklung in den Bereichen Kommunikation, Sensorik sowie Daten- und Informationsverarbeitung wird die Leistungsfähigkeit der Hauptsysteme der Bodentruppen erhöhen und eine bessere Integration in den streitkräftegemeinsamen Verbund ermöglichen, sollten diese Systeme erneuert oder dementsprechend kampfwertgesteigert werden. Durch verbesserte Fähigkeiten in den Bereichen Führung, Nachrichtendienst und Wirkung sowie durch die Vernetzung all dieser Elemente soll der Zeitraum vom Erkennen eines Ziels bis zu dessen Bekämpfung verkürzt, und die Präzision erhöht werden.

Neue Mittel zur Nachrichtenbeschaffung aus allen Räumen sowie die Vernetzung führen zu einem transparenteren Gefechtsfeld. Dies hat sowohl für die gegnerischen wie auch für die eigenen Kräften Auswirkungen. Insbesondere im offenen Gelände können in herkömmlicher Form geschlossen eingesetzte grosse Verbände rasch aufgeklärt und aus der Distanz wirkungsvoll angegriffen werden. Grosse Verbände müssen zukünftig noch konsequenter dezentral aufgestellt und im entscheidenden Moment konzentriert eingesetzt werden. Deshalb geht die Entwicklung in den meisten westlichen Streitkräften tendenziell dahin, grosse Verbände und Truppenkörper modular aufzubauen, wobei die Brigade oder immer öfters das Bataillon als Rahmen dient. Diese Modularität wird durch einheitliche Trägerplattformen (Fahrzeuge), auf denen in relativ kurzer Zeit unterschiedliche Waffen und Sensoren montiert werden können, vereinfacht. Ein weiterer Trend geht dahin, dass anstatt schwer geschützte mechanisierte Mittel (Raupenfahrzeuge) tendenziell eher Radschützenpanzer beschafft und eingesetzt werden. Dies erhöht auch die Verlegbarkeit und reduziert die Kosten durch die Vereinfachung der Logistik.

Bei einer hybriden Bedrohung ist eine rasche Reaktionsfähigkeit und die Überlegenheit im Informationsraum zentral für den erfolgreichen Einsatz. Wer rascher über qualitativ bessere Informationen verfügt, kann sein Operationstempo erhöhen und präziser wirken. Aufklärung, Führung und Wirkung werden daher zunehmend in einen streitkräftegemeinsamen Verbund integriert. Zudem kann nur eine leistungsfähige Luftverteidigung, mit der sich gegnerische Kampfflugzeuge, Kampfhelikopter, Drohnen und anfliegende see-, boden- und luftgestützte Präzisionsabstandswaffen (Luft-Boden-Lenkwaffen, Marschflugkörper, Artillerieraketen, ballistische Gefechtsfeldraketen) wirksam bekämpfen lassen, das Überleben der Bodentruppen garantieren.

Drohnen, neue Munition, Laser- und Mikrowellenwaffen gehören vermutlich zu denjenigen Technologien, welche die Bodentruppen in den nächsten 10 Jahren am nachhaltigsten beeinflussen könnten:

Der grösste Angriff auf die weltweite Erdölversorgung seit dem Golfkrieg von 1991: Der dicke Rauch, der am 14. September 2019 von der saudiarabischen Verarbeitungsanlage Abqaiq aufsteigt, ist selbst von Satelliten im Weltall aus gut erkennbar.

Der grösste Angriff auf die weltweite Erdölversorgung seit dem Golfkrieg von 1991: Der dicke Rauch, der am 14. September 2019 von der saudiarabischen Verarbeitungsanlage Abqaiq aufsteigt, ist selbst von Satelliten im Weltall aus gut erkennbar.

  • Der Einsatz von Drohnen ist in vielen aktuellen Konflikten alltäglich. Bodentruppen verschiedener Staaten setzen für die Überwachung, Aufklärung und Ortung Klein-, Mikro- oder gar Nanodrohnen ein, insbesondere auch in überbautem Gelände. Nach wie vor verfügen dagegen nur wenige Staaten über die Fähigkeit, Drohnen auch zu bewaffnen, weil die dazu erforderliche Technologie nur äusserst restriktiv weitergegeben wird. Es ist jedoch zu erwarten, dass in zehn Jahren Drohnen(schwärme) für die Bekämpfung von ungeschützten Zielen, beispielsweise Ansammlungen von Truppen, eingesetzt werden können. Der Angriff auf die saudischen Erdölanlagen in Abqaiq und Churais am 14. September 2019 mit einem Schwarm von Drohnen und Marschflugkörpern zeigte, was in Zukunft zu erwarten ist. Dieser Angriff brachte auf einen Schlag die Hälfte der saudischen Erdölproduktion zum Erliegen (Andreas Rüesch, “Krieg in der Grauzone: Gegen das Zündeln am Golf hilft nur noch ein klares Signal der Abschreckung“, NZZ, 20.09.2019). Gelichzeitig steckt die Abwehr von Klein- und Mikrodrohnen noch in den Anfängen (siehe beispielsweise die REX-2 von Kalashnikov’s ZALA Aero oder das von der Deutschen Bundeswehr zur Beschaffung geplante System von Kongsberg). Anders als luftgestützte Systeme werden unbemannte Bodenfahrzeuge in der Regel erst über kurze Distanzen ferngesteuert und für spezielle Aufgaben (insbesondere Kampfmittelbeseitigung und Aufklärung) eingesetzt. Wegen der Komplexität der Systeme und der damit verbundenen Kosten ist in diesem Bereich kaum mit einem bevorstehenden Durchbruch zu rechnen, welcher für den Einsatz bei den Bodentruppen relevant wäre.
  • Neue Munition führt zu einer Verbesserung der Präzision. Es gibt jedoch auch andere Entwichlungen. Beispielsweise wird mit Railguns versucht, Projektile mit Magnetfeldern anstelle von Triebladungen zu beschleunigen. Weil Platzverhältnisse und Energiebedarf gross sind, ist nicht anzunehmen, dass sich solche Geschütze in den kommenden zehn Jahren bei den Bodentruppen durchsetzen werden. Bei den direktschiessenden Waffen kann bereits heute panzerbrechende Pfeilmunition mit sehr kleinem Kaliber (z. B. 30 Millimeter) verschossen werden, was unter anderem die Logistik vereinfacht. Auch nichtletale Munition (z. B. Gummigeschosse) werden militärisch bedeutend; selbst Wasserwerfer könnten in Zukunft als nichtletale Systeme zur militärischen Ausrüstung gehören.
  • Laser- und Mikrowellenwaffen für Boden- und Luftsysteme werden aufgrund der physikalischen Limitierungen durch die Atmosphäre und der beschränkten Möglichkeit zur Energieversorgung bei den Bodentruppen frühestens in zehn bis zwanzig Jahren verfügbar sein; für Schiffe sind sie teilweise bereits operationell. Auf dem freien Markt sind jedoch bereits heute Laserpointer erhältlich, mit denen Personen geblendet werden können. Schon etwas länger sind auch nichtletale Mikrowellenwaffen verfügbar. Diese Art von Einsatzmitteln könnte zukünftig vermehrt eingesetzt werden.
Bevölkerungsentwicklung und Verdichtung des Lebensraums am Beispiel von Birmensdorf.

Bevölkerungsentwicklung und Verdichtung des Lebensraums am Beispiel von Birmensdorf.

 

Der Einsatz der Bodentruppen in der Schweiz

Zurzeit sind im unmittelbaren Umfeld der Schweiz weder Länder noch Gruppierungen erkennbar, die über das nötige militärische Potenzial verfügen und gleichzeitig auch Absichten erkennen liessen, die Schweiz militärisch anzugreifen. Es kann jedoch nicht ignoriert werden, dass an der Peripherie Europas und im Umfeld des Kontinents offene bewaffnete Konflikte ausgetragen werden. Dass es mittel- bis langfristig auch in Mittel- und Westeuropa zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen könnte, ist zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich. Insbesondere hinsichtlich der nichtkonventionellen Bedrohungen können Lageveränderungen überraschend eintreten. Deshalb stellen neben wirtschaftlichem und politischem Druck, Cyberangriffe, Informationsoperationen, verbotener Nachrichtendienst, nichtstaatliche Gewaltakteure für die Schweiz die grössten direkten Herausforderungen dar. Längere Vorwarnzeiten, mit denen in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Kalten Krieges noch gerechnet wurden, gibt es nahezu nicht mehr. In vielen Bereichen, etwa im Cyberraum, aber auch hinsichtlich verdeckter militärischer und nichtmilitärischer Machtanwendung können Bedrohungen unmittelbar entstehen. Zuverlässige Aussagen über Jahrzehnte hinweg sind nicht möglich und eine “rasche” Nachbeschaffung von Rüstungsmaterial im Bedarfsfall eine Illusion. Nicht nur die Beschaffung von Rüstungsmaterial benötigt viele Jahre, sondern auch das Wiedererlangen von einmal verlorenem Know-how dauert rund 10 Jahre. Möglicherweise etablieren sich in den nächsten Jahren neue Bedrohungsformen, die heute noch als undenkbar erscheinen. So waren die rasante Entwicklungen im Cyberbereich, in der Drohnen- und Satellitentechnologie, in der Robotik und bei der künstlichen Intelligenz vor fünfzehn Jahren noch nicht absehbar.

Der Lageradar des NDB stellt die für die Schweiz relevanten Bedrohungen dar (vereinfachten Version ohne vertrauliche Daten; zum Vergrössern klicken).

Der Lageradar des NDB stellt die für die Schweiz relevanten Bedrohungen dar (vereinfachten Version ohne vertrauliche Daten; zum Vergrössern klicken).

Globale Machtverschiebungen, die damit einhergehenden Spannungen zwischen Gross- und Regionalmächten und die zunehmende Bedeutung nichtstaatlicher Akteure prägen das sicherheitspolitische Umfeld der Schweiz am Nachhaltigsten. Es lässt sich nicht ausschliessen, dass die Schweiz zukünftig mit einem breiten Spektrum staatlicher Machtanwendung konfrontiert sein könnte. Anzeichen, wonach grössere Gruppen nichtstaatlicher Akteure die Schweiz derart bedrohen könnten, dass die Armee zur Verteidigung eingesetzt werden müsste, gibt es derzeit jedoch nicht.

Neben Bedrohungen sind auch Gefahren für den Einsatz der Armee und damit auch für deren Weiterentwicklung relevant. Wegen ihrer Topografie ist die Schweiz Naturgefahren besonders ausgesetzt. Eine grosse Herausforderung ist diesbezüglich der Klimawandel. Dieser dürfte vermehrt zu Überschwemmungen, Murgängen oder Rutschungen führen, was sich nicht nur im Gebirge direkt auswirkt, sondern auch das Mittelland in Mitleidenschaft ziehen kann. Zudem können Hitzewellen oder Trockenheit zu Waldbränden und Wassermangel führen. Die hohe Vernetzung der Gesellschaft macht sie anfällig für technologiebedingte Störungen oder durch menschliches Einwirken. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang die Steuerungs- und Schaltanlagen der Elektrizitäts-, Energie- und Grundversorgung sowie der Telekommunikation. Die möglichen Konsequenzen eines tagelangen Stromausfalls konnte dieses Jahr im Falle Venzuelas beobachtet werden: Der Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs, der Wasserversorgung und der medizinischen Versorgung führte zu einem hohen volkswirtschaftlichen Schaden (Werner J. Marti, “Wie Die Bevölkerung Venezuelas Ohne Strom Überlebt“, NZZ, 14.03.2019).

How the population of Venezuela survives without electricity: People collect water released through a sewage drain that feeds into the Guaire River, which carries most of the city’s wastewater, in Caracas, Venezuela March 11, 2019 (Photo: Carlos Garcia Rawlins).

How the population of Venezuela survives without electricity: People collect water released through a sewage drain that feeds into the Guaire River, which carries most of the city’s wastewater, in Caracas, Venezuela March 11, 2019 (Photo: Carlos Garcia Rawlins).

Bei einer Aggression gegen die Schweiz ginge es heute weniger um die Besetzung eines Territoriums, sondern um die Lähmung von Staat und Gesellschaft, um diese gefügig zu machen. Sogar wenn gegnerische Kräfte eingesetzt würden, dürften die Ziele eines Aggressors nicht dort liegen, wo sich militärische Mittel am besten einsetzen liessen, d. h. im offenen Gelände ausserhalb von Städten und Ortschaften, sondern inmitten der Zivilbevölkerung und innerhalb dicht überbautem Gelände. Die weitere Ausweitung der Siedlungsfläche bzw. die Verdichtung in den Städten (voraussichtlich werden 2030 rund 9,5 Millionen Menschen in der Schweiz leben) erhöhen die Komplexität von Verteidigungsoperationen deutlich. Ebenfalls berücksichtig werden muss die Mobilität: Hauptverkehrsträger können nicht einfach gesperrt werden. Heute pendeln in der Schweiz täglich rund vier Millionen Erwerbstätige. Durchschnittlich legt ein Arbeitspendler pro Arbeitsweg 15 km zurück und benötigten dafür 31 Minuten. Dazu kommen noch rund 800’000 Ausbildungspendler (Schüler, Studierende, Lernende; Bundesamt für Statistik, “Pendlermobilität“). Über 325’000 Grenzgänger (Stand 3. Quartal 2019) nehmen wichtige Funktionen im Dienstleistungssektor (rund 2/3 der Grenzgänger) und in der Industrie (rund 1/3) der Schweiz wahr. Eine Grenzschliessung im Zuge einer Bedrohung der inneren Sicherheit oder eines bewaffneten Konflikts hätte bereits heute schwerwiegende Konsequenzen für die schweizerische Wirtschaft, aber auch für öffentliche Dienstleistungen wie etwa das Gesundheitswesen. Charakteristisch für das überbaute Gelände ist auch die hohe Zahl an kritischen Infrastrukturen, beispielsweise Leitstellen, Rechenzentren und Steuerungssystemen. Deren Störung, Ausfall oder Zerstörung hätte gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und den Staat und könnte zu sicherheitsrelevanten Kettenreaktionen führen.

Die starke Kammerung des Geländes, die hohe Siedlungs- und Infrastrukturdichte und die begrenzte Anzahl von leistungsfähigen Verkehrsträgern lassen im Grenzraum und Mittelland einen grösseren, umfassenden und zusammenhängenden Einsatz von Grossverbänden im herkömmlichen Sinne kaum mehr zu. Eine militärische Auseinandersetzung im überbauten Gelände würde folglich in mehreren zusammenhängenden Aktionen auf der unteren taktischen Stufe ausgetragen. Dies gilt sowohl für die eigene als auch die gegnerische Kampfführung. Mit dezentral bereitgestellten Kräften würde die Wirkung konzentriert erfolgen, um sich ergebende Chancen im Kampf rasch nutzen zu können. Aufgrund der technologischen Entwicklung von Aufklärungs- und Ortungssystemen sind grosse Teile der Schweiz vor allem mit grenznah aufgestellten Sensoren am Boden, aus der Luft, mit Mitteln der elektronischen Kriegführung und aus dem Weltraum einsehbar. Einmal entdeckte Verbände oder sogar einzelne Systeme könnten mit weitreichenden Waffensystemen aus grösserer Distanz bekämpft werden. Eine unbemerkte Bereitstellung und Verschiebung grösserer militärischer Verbände ist somit kaum mehr möglich.

 

Mittel- bis langfristige Fähigkeitsentwicklung

Aufgrund der beschränkten finanziellen Mittel muss bei der Weiterentwicklung der Armee langfristig ein mittleres Technologieniveau angestrebt werden, mit Schwergewichten in einzelnen Bereichen, wo ein hohes Technologieniveau erforderlich ist. Da der Kampf in eigenem überbautem Gelände stattfindet, müssen Bodentruppen ihre Wirkmittel dosiert, verhältnismässig und präzise zum Einsatz bringen können — dies gilt auch bei Nacht, schlechten Sichtbedingungen (z. B. in Tunnels, Tiefgaragen, Kanalisationen u. ä.) und unter allen Witterungsbedingungen. Die Bodentruppen müssen die Fähigkeit besitzen aus Strassenschluchten heraus direkt in höher gelegene Stockwerke wirken zu können. Ziele müssen in Räumen, hinter improvisierten Ausbauten oder durch Mauern hindurch neutralisiert oder vernichtet werden können. Nichtletale Munition erlaubt es, verhältnismässig vorzugehen und Kollateralschäden zu vermeiden. In der Regel wird der Einsatz abgesessene durchgeführt, unterstützt von Waffenstationen, die auf Fahrzeugen montiert sind.

Der Kampfpanzer 87 Leopard ist nur bedingt für diese Aufgaben geeignet. Zwar kann auf eine Distanz von 2’500 m im Direktschuss auf Sicht ein gepanzertes, sich bewegendes Objekt vernichtet werden, doch Geländeteile, wo Panzerverbände in Bataillonsstärke auf Maximaldistanz wirken können, gibt es in der Schweiz nur noch wenige. Der Leo weisst jedoch deutliche Mängel bei einem Einsatz im überbauten Gelände auf. In Strassenschluchten kann er nicht auf Ziele in höher gelegene Stockwerke wirken, unteranderem auch deshalb, weil eine vom Inneren des Fahrzeugs bedienbare Sekundärwaffenstation fehlt. Bei einem Einsatz sind Kollateralschäden vorprogrammiert, die hohen Schall- und Druckemissionen können die eigene Kräfte in nächster Nähe gefährden und moderne aktive Schutzsysteme sind nicht vorhanden (siehe auch Patrick Truffer, “Härtetest für den Leopard 2 Panzer“, offiziere.ch, 03.02.2017). Immerhin verfügen die mechanisierten Verbände für den abgesessenen Kampf über den Schützenpanzer 2000, welcher mit seiner 30-mm-Kanone panzerbrechende und Mehrzweckmunition verschiessen kann. Im überbauten Gelände kann die 30-mm-Kanone im Unterschied zur 12-cm-Panzerkanone auch gegen Ziele in höheren Stockwerken und gegen langsam bzw tief fliegende Luftfahrzeuge eingesetzt werden. Ohne werterhaltende Massnahmen wird der Schützenpanzer 2000 sein geplantes Nutzungsende jedoch spätestens Mitte der 2020er Jahre erreichen.

Als Ersatz für die in die Jahre gekommene Panzerfaust 90 wurde mit dem Rüstungsprogramm 2016 ein Beschaffungskredit für drei Typen von schultergestützten Mehrzweckwaffen genehmigt. Es handelt sich dabei um das Mehrzweckwaffensystem Heat and Hesh RGW 90 HH (Einsatz bis 300 m; Gewicht: ca. 9 kg) zur Bekämpfung von leicht gepanzerten Fahrzeugen und Schützenpanzern sowie Gebäudeinfrastrukturen, die Next Generation Light Anti-Tank Weapon NLAW (Einsatz bis 800 m; Gewicht: ca. 13 kg) einsetzbar gegen fahrende Kampfpanzer sowie Gebäudestrukturen und die Light Anti-Armor Weapon M72 LAW Mk2 (Einsatz bis 200 m; Gewicht: ca. 4 kg) zur Bekämpfung von leicht gepanzerten Fahrzeugen und Strukturzielen (siehe Bild unten). Die Einführung wird wahrscheinlich ab 2022 erfolgen. Umgekehrt wird aber bald die Fähigkeit verschwinden, gepanzerte Objekte jenseits von 800 m zu bekämpfen, nämlich dann, wenn der Panzerjäger 93 noch vor Mitte der 2020er Jahre ausser Dienst gestellt wird. Ebenfalls mit dem Rüstungsprogramm 2016 wurde das Geld für 32 12-cm-Mörser 16 gesprochen, welcher nach der Ausserdienststellung der 12-cm-Minenwerferpanzer 64/91 im Jahre 2009 endlich wieder die indirekte Feuerunterstützung auf kurze Distanz ermöglichen soll. Mit dem Rüstungsprogramm 2019 wird zusätzlich der 8,1 cm Minenwerfer ersetzt.

Das mit dem Rüstungsprogramm 2015 beschaffte Aufklärungsdrohnensystem (ADS) 15 hat geringere Lärmemissionen als das Vorgängersystem, kann höher fliegen und länger im Einsatzraum verweilen. Dank seiner Allwettertauglichkeit ist es flexibler einsetzbar und hat eine grössere Nutzlast. Obschon das ADS 15 eine bessere Leistung in der Nachrichtenbeschaffung erbringen kann, sind Aufklärungsdrohne und Helikopter mit Infrarotkameras keine Mittel der taktischen Stufe. Luftgestützte Sensoren auf dieser Stufe, z. B. Klein- oder Minidrohnen, fehlen heute noch. Gemäss dem Grundlagenbericht “Boden” hätten diese Sensoren mit dem Rüstungsprogramm 2019 dem Parlament zu Genehmigung beantragt werden sollen — davon findet man im Rüstungsprogramm jedoch nichts.

Armeeangehörige benötigen eine für Einsätze im überbauten Gelände taugliche Ausrüstung, die nicht nur vor ballistischer Einwirkung und unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen Schutz bietet, sondern auch gegen das Blenden mit Laser oder vor Angriffen mit anderen nichtletalen Waffen schützt. Die heute noch im Einsatz stehende ballistische Schutzausrüstung erreichte ihr Nutzungsende 2018 und soll durch ein modulares Bekleidungs- und Ausrüstungssystem ersetzt werden, dessen Beschaffungskredit mit dem Rüstungsprogramm 2018 bewilligt wurde und ab 2022 die alte Ausrüstung ersetzen soll. Die Mängel beim Schutz gegen nichtletale Waffen wie Laser und beim Schutz vor unkonventionellen Sprengvorrichtungen werden nach heutigem Planungsstand in den 2020er-Jahren bestehen bleiben. Bei den unkonventionellen Sprengvorrichtungen betrifft dies auch das Detektieren und Entschärfen solcher Waffen. In Verbindung mit einem hybriden Bedrohungsumfeld ist diese Lücke nicht zu unterschätzen — dem Schutz von Fahrzeugen und Infrastrukturen gegenüber improvisierten Sprengmitteln oder indirekt wirkenden Waffen muss eine besondere Bedeutung zukommen. Angesichts der auch in Zukunft bestehenden Bedrohung durch radiologische, chemische oder biologische Substanzen benötigen die Armeeangehörigen ebenfalls eine zeitgemässe ABC-Schutzausrüstung, die noch mehr als heute auf den Einsatz im überbauten Gelände ausgerichtet sein muss. Die heutige Schutzausrüstung (ICS 90) erreicht ihr Nutzungsende gegen Mitte der 2020er Jahre.

Trotz all den Neubeschaffungen werden beim Einsatz in überbautem Gelände weitere Fähigkeitslücken bestehen bleiben. Da grosskalibrige Mittel, wie der Kampfpanzer 87 Leopard, schwerfällig sind und kaum differenziert über grössere Distanzen wirken können, fehlt dem Gros der Verbände die Fähigkeit gepanzerte Fahrzeuge mit weitreichenden Mitteln zu bekämpfen. Die Artillerie ist nicht in der Lage Ziele in komplexem, überbautem Gelände über mittlere und grosse Distanzen auf wenige Meter genau zu eliminieren. Ausserdem kann mit den einzelnen Mitteln nicht gleichzeitig gegen verschiedene Ziele gewirkt werden und die unteren taktischen Stufen können Ziele weder präzise vermessen noch beleuchten. Es fehlen ausserdem Mittel zur elektronischen Kriegsführung, beispielsweise zum Stören von funkbasierten Auslösern improvisierter Sprengsätze. Wesentliche Fähigkeitslücken bestehen auch in den Bereichen Nachrichtendienst und Führung. Namentlich fehlt die Fähigkeit, zusammen mit den zivilen Behörden in einem komplexen Umfeld Nachrichten über nichtkonventionelle Kräfte zu beschaffen, Sensordaten für die Einsatzkräfte zu verdichten, ein stufengerechtes Lagebild zu erstellen und Nachrichten mit krisen- und konfliktresistenten Telekommunikationsmitteln rasch über verschiedene Stufen hinweg zu verbreiten. Den Stäben der Bodentruppen fehlt zudem die Fähigkeit artfremde Formationen zu führen. Die Verbände sind nicht so organisiert und ausgerüstet, dass sie ohne weiteres in eine der Grundgliederung abweichenden Einsatzgliederung integriert werden können.

 

Optionen für die konkrete Weiterentwicklung der Bodentruppen der Schweizer Armee

Der Grundlagenbericht “Boden” präsentiert drei mögliche Optionen für die Weiterentwicklung der Bodentruppen. Dabei wird berücksichtigt, dass im gleichen Zeitraum auch die Fähigkeiten zum Schutz des Luftraums erneuert, regelmässig in die Führungs-, Nachrichtendienst- und Logistikfähigkeiten investiert, und neue Fähigkeiten aufgebaut werden müssen, namentlich solche zur Abwehr von Cyberbedrohungen.

Option 1

Option 1

Option 1: Eine Erneuerung der Fähigkeiten der Bodentruppen schwergewichtig für die Aufgabenerfüllung in einem bewaffneten Konflikt.
Bei der Option 1 geht es primär um die Abwehr eines bewaffneten Angriffs konventioneller Art. Gleichzeitig wird damit auch bei der Erfüllung der Schutzaufgaben im Falle erhöhter Spannungen ein sehr gutes Leistungsvermögen erreicht. Die Fähigkeiten der heutigen Armee und deren Ausrichtung auf Kampf- und Schutzaufgaben würden erhalten und durch Systemerneuerungen schrittweise modernisiert werden. Die Fähigkeit zur Unterstützung der zivilen Behörden im Bereich der Katastrophenhilfe bliebe gleich wie heute. Die Bodentruppen wären fähig, die Schweiz gegen einen Verbund von primär konventionellen Streitkräften und nichtkonventionellen Kräften zu verteidigen. Die schweren Kräfte würden über eine starke konventionelle Duellfähigkeit verfügen, wie sie heute für die mechanisierten Verbände charakteristisch ist.

Die heutige Flotte der schweren Mittel würde durch eine grosse Anzahl neuer (gepanzerter, geschützter und ungeschützter) Fahrzeuge gleicher Art ersetzt — dabei würde der Fokus auf die gepanzerten Fahrzeuge gelegt werden. Die Fähigkeiten für die direkte Wirkung (Panzerabwehr im Direktschuss) und den abgesessenen Kampf würden dem aktuellen Technologieniveau entsprechend in einer ähnlichen Ausprägung wie heute erneuert. Die Artillerie würde gegenüber heute beim Kaliber 15,5-cm bestandesmässig reduziert, dafür würden Präzision und Reichweite erheblich erhöht werden, letztere auf bis zu 100 km. Generell würde bei den Bodentruppen die indirekte Wirkung und die geschützte Mobilität verbessert. Im Bereich der Unterstützung und Durchhaltefähigkeit würde für die Einsatzlogistik ein grosser Anteil schwerer geschützter Radfahrzeuge beschafft. Mit dieser Option würde die Schweizer Armee einer ähnlichen Entwicklungslinie folgen wie verschiedene andere europäische Staaten, die angesichts der gestiegenen Spannungen beabsichtigen, zusätzliche schwere Mittel zu beschaffen, um einen konventionellen Angriff am Boden abzuwehren.

Der Nachteil liegt bei dieser Option beim offensiven Charakter der Bodentruppen, was ein verhältnismässiges Vorgehen im Falle erhöhter Spannungen gegen nichtstaatliche bewaffnete Akteure im überbauten Gelände erschwert. Ausserdem verursacht der hohe Anteil schwerer Mittel auch in Friedenszeiten einen relativ hohen Aufwand was mit relativ hohen Betriebskosten verbunden ist. Zudem wären die Bodentruppen auf Gelände angewiesen, das eine mobile Kampfführung geschlossen eingesetzter grosser Verbände zulassen würde – Gelände, das sich in der Schweiz immer weniger findet.

Finanzierungsbedarf: rund 11,5 Milliarden Schweizer Franken über rund 10 Jahre. Die jährlichen Betriebskosten für die Systeme der Bodentruppen für Ersatzmaterial und Instandhaltung sowie für Munitions- und Betriebsstoffverbrauch lägen bei rund 230 Millionen Franken, also im Vergleich zu heute rund um 25 Millionen Franken höher.

Fazit: Bei der Option 1 würde die Armee weiterhin eine schwere, sehr gut geschützte, aber auch sehr heterogene und kaum modulare Flotte an Gefechtsfahrzeugen betreiben. Die Systemvielfalt würde die Bildung einsatzgegliederter Verbände nicht nur aus logistischen Gründen erschweren, sondern hätte im Vergleich zur Option 2 auch höhere Betriebskosten zur Folge.

Option 2 und 3

Option 2 und 3

Option 2: Eine Erneuerung der Fähigkeiten für die Aufgabenerfüllung in einem hybriden Konfliktumfeld.
Bei der Option 2 geht es primär um die Durchsetzungsfähigkeit der Bodentruppen in einem hybriden Konfliktumfeld. Bereits in der Phase einer erhöhten Spannung würden die Bodentruppen über eine erhöhte Abhaltewirkung und über ein hohes Leistungsvermögen gegenüber nichtkonventionellen Kräften verfügen, um eine Eskalation möglichst frühzeitig zu verhindern. Fals dies nicht gelingen würde, könnten die Bodentruppen möglichst friktionslos in die Abwehr eines bewaffneten Angriffs übergehen. Die Bodentruppen könnten in verschiedener Zusammensetzung einsatzspezifisch zusammengestellt werden, hätten aber schon in der Grundgliederung alle Fähigkeiten, die für eine Eskalation erforderlich wären. Damit wäre die Option 2 im Vergleich zur Option 1 sicherheitspolitisch angemessener, denn Angriffe nichtkonventioneller Kräfte gegen kritische Infrastrukturen stellen für das Funktionieren der Schweiz nicht nur eine erhebliche Herausforderung dar, sondern sind auch wahrscheinlicher als ein konventioneller bewaffneter Angriff. Die Bodentruppen würden bei dieser Option überdies stärker auf Einsätze im überbauten Gelände ausgerichtet werden. Das Leistungsvermögen zur Unterstützung der zivilen Behörden im Bereich der Katastrophenhilfe bliebe gleich wie heute; verbessert hingegen würde jenes zur Erfüllung von Schutzaufgaben.

Im Gegensatz zur Option 1 wäre der Schutzgrad der gesamten Armee im Durchschnitt etwas tiefer, weil die schweren Kräfte und die Kampfunterstützungskräfte nicht mit schweren gepanzerten Fahrzeugen ausgerüstet würden. Damit wäre auch die Durchsetzungsfähigkeit der Bodentruppen gegen eine konventionelle Bedrohung etwas tiefer, insbesondere wenn es darum ginge, verlorenes Gelände auf konventionelle Art und Wiese zurückzugewinnen. Mit dieser Option würden die Bodentruppen in eine Richtung weiterentwickelt, die eher dem modernen Konfliktbild mit seinen Unwägbarkeiten und nach kurzer Vorwarnzeit überraschend vorgetragenen Aktionen entspricht.

Finanzierungsbedarf: rund 7-7,5 Milliarden Schweizer Franken. Die jährlichen Betriebskosten für die Systeme der Bodentruppen für Ersatzmaterial und Instandhaltung sowie für Munitions- und Betriebsstoffverbrauch lägen bei rund 205 Millionen Franken, was ungefähr dem heutigen Betriebskosten entspricht.

Fazit: Bei der Option 2 handelt es sich um eine module Konfiguration, welche den Einsatz der Bodentruppen massgeblich vereinfachen würde. Im Vergleich zur Option 1 würden die Bodentruppen zwar gegenüber direkt wirkenden konventionellen Kräften ausserhalb des überbauten Geländes über einen geringeren Schutzgrad verfügen. Dies wäre jedoch vertretbar, weil eine solche Kampfführung wegen der zunehmenden dichten Überbauungen und der verbesserten Aufklärung immer weniger erfolgversprechend ist.

Option 3: eine Erneuerung der Fähigkeiten für die Aufgabenerfüllung in einem hybriden Konfliktumfeld bei gleichzeitiger Erhöhung der Durchhaltefähigkeit.
Konzeptionell entspricht Option 3 der Option 2. Der Unterschied liegt darin, dass bei der Option 3 der Sollbestand der Armee von gegenwärtig 100’000 auf 120’000 AdA erhöht werden würde. Die zusätzlichen Truppen würden entweder zu einer Erhöhung der Truppendichte bei der Wahrnehmung von Schutzaufgaben bzw. einer Erhöhung der Durchhaltefähigkeit bei längerdauernden Einsätzen führen oder in einer Verbesserung der Schutzwirkung (Schutz zusätzlicher Objekte) durch Schaffung zusätzlicher, vollständig ausgerüsteter mittlerer Kräfte.

Finanzierungsbedarf: Der Finanzierungsbedarf ist davon abhängig, ob einfach ausgerüstete leichte oder besser mit Korpsmaterial ausgerüstete mittlere Kräfte gebildet würden. Geht es bei der Bildung von leichten und mittleren Kräfte ausschliesslich um die Erhöhung der Durchhaltefähigkeit, so würde der Finanzierungsbedarf etwa der Option 2 entsprechen. Würden stattdessen zusätzliche mittlere Kräfte gebildet und mit Korpsmaterial ausgerüstet, so hätte dies Investitionen von mehreren 100 Millionen Franken zur Folge. Die Kosten lägen insgesamt in einer geschätzten Grössenordnung von etwa 8,5–9 Milliarden Franken. Die jährlichen Betriebskosten würden je nach Ausprägung zwischen 230-240 Millionen Franken betragen.

Fazit: Mit Blick auf das Leistungsvermögen und insbesondere auf die Durchhaltefähigkeit bei längerdauernden Einsätzen wäre eine Erhöhung des Bestandes zweifellos ein Vorteil. Die Herausforderung besteht jedoch darin, ohne Erhöhung der Verweildauer genügend AdA und insbesondere genügend Kader zu finden.

 

Mögliche Umsetzung in den 2020er und frühen 2030er Jahren

Bei der Beschreibung der möglichen Umsetzung konzentriert sich der Grundlagenbericht “Boden” auf die Optionen 2 und 3. Dabei wird davon ausgegangen, dass die momentan gültigen Eckwerte — insbesondere die zu erfüllenden Aufgaben (Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 58 Abs. 2) und das Milizprinzip (Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 58 Abs. 1) — auch noch in 10-15 Jahren Gültigkeit haben werden. Betreffend den Finanzen haben die eidgenössischen Räte in der Frühjahrssession 2016 einen Zahlungsrahmen in der Höhe von 20 Milliarden Franken für die Jahre 2017–2020 bewilligt, was durchschnittlich 5 Milliarden Franken pro Jahr entspricht. Wegen den zusätzlichen Kosten bei der Erneuerung der Bodentruppen soll ausserdem das Armeebudget ab 2021 für zehn Jahre jährlich um real 1,4 Prozent wachsen, was zusammengefasst noch einmal etwas über drei Milliarden Franken ausmachen wird. Insbesondere am Anfang der 2020er-Jahre wird von den rund 5 Milliarden Franken Jahresbudget für

Zum Vergrössern klicken

Zum Vergrössern klicken

die Beschaffung neuen Rüstungsmaterials nur rund 1 Milliarde Franken zur Verfügung stehen (siehe Diagramm rechts). Zusammengerechnet und unter Berücksichtigung der stetigen realen Erhöhung des Armeebudgets werden in den Jahren 2023-2032 insgesamt rund 15 Milliarden Franken für Neubeschaffungen zur Verfügung stehen: 8 Milliarden für den Schutz des Luftraums und 7 Milliarden für die übrigen Teile der Armee. Neben dem Schutz des Luftraums hat die Cyberabwehr in den 2020er Jahren die höchste Priorität. Für den Aufbau von Cyberfähigkeiten ist in erster Linie jedoch eine Aufstockung des Personals erforderlich und weniger umfangreiche Rüstungsmaterialbeschaffungen. Trotzdem, unter Berücksichtigung des weiteren Investitionsbedarfs in Führung, Ausbildung, Nachrichtenbeschaffung, Informationsaustausch, elektronische Kriegführung und Logistik reicht der vorgesehene Finanzrahmen nicht aus, um Option 2 oder 3 bis 2032 vollumfänglich zu realisieren — dazu wären total rund 18 Milliarden Franken notwendig (inklusive Luftwaffe). Effektiv werden von den vorgesehenen 7 Milliarden Franken für die Weiterentwicklung der Bodentruppen in den Jahren 2023–2032 nur etwas über 3 Milliarden Franken verfügbar sein. Die übrigen 4 Milliarden Franken werden für andere Fähigkeiten aufgewendet werden müssen, welche für das Funktionieren der Armee als Gesamtsystem wesentlich sind. Dies bedeutet, dass die Armee in den Jahren 2023–2032 bei der Fähigkeitsentwicklung – also dem Ersatz von an ihr Nutzungsende gelangenden Grosssystemen der Bodentruppen und dem Aufbau neuer Fähigkeiten – gegenüber dem tatsächlichen Bedarf Abstriche vornehmen, Investitionen erstrecken und verschiedenste Vorhaben in die Zeit nach 2032 verschieben muss. Dazu ist eine Priorisierung notwendig:

  1. Sensor-Führung-Wirkungsverbundes: Wesentliche Schlüsselfähigkeiten befinden sich in der Führung, im Nachrichtendienst und in der Vernetzung mit den Wirkmitteln. Ohne vernetzten Führungsverbund können die Bodentruppen nicht koordiniert eingesetzt werden und folglich auch keine Wirkung erzeugen.
  2. Wirkung: Die Bodentruppen müssen fähig sein, in einem komplexen Umfeld verhältnismässig und präzise zu wirken.
  3. Mobilität: Die Bodentruppen müssen in der Lage sein, in ihrem Einsatzraum zu manövrieren. Eine grosse Schutzwirkung gegenüber direkter Einwirkung ist primär bei den schweren Kräften erforderlich (schwer geschützte Radfahrzeuge). Bei den mittleren Kräften und den Kampfunterstützungskräften können Abstriche in Kauf genommen werden; sie benötigen vor allem leichte geschützte Radfahrzeuge, teilweise auch ungeschützte. Für die leichten Kräfte ist ein individueller ballistischer Schutz für die Armeeangehörigen ausreichend; sie werden entweder statisch eingesetzt, um Präsenz zu markieren, oder bewegen sich in Patrouillen im zivilen Umfeld, um Nachrichten zu beschaffen, und können dazu auch mit ungeschützten Fahrzeugen verschieben, ohne dass untragbare Risiken eingegangen werden müssen.
Fokus der Investitionen

Fokus der Investitionen

Die dreihundert Aufklärungsfahrzeugen 93 werden nur teilweise ersetzt werden können. Die Nachrichtenbeschaffung soll weiterhin mobil erfolgen, jedoch zukünftig mit leicht geschützten Fahrzeugen. Zwar soll die Nachrichtenbeschaffung weiterhin mobil erfolgen, jedoch mit leichter geschützten Fahrzeugen. Die mittleren Kräfte sollen mit einem tragbaren Sensor-System ausgerüstet werden, das fallweise sogar ungeschützt transportiert werden kann. Die leichten Kräfte müssen über die Fähigkeit verfügen, Nachrichten in einem Umfeld mit eher geringer Bedrohung zu beschaffen, wozu sie keinen besonderen Schutz benötigen. Bei den nachrichtendienstlichen Fähigkeiten dürften in den nächsten Jahren Miniaturisierung, Energieautarkie und künstliche Intelligenz einen Entwicklungsschub auslösen.

Die heutigen gepanzerten Systeme sollen mittel- bis langfristig durch geschützte und durchsetzungsfähige, aber leichtere und im überbauten Gelände besser einsetzbarere Mittel ersetzt werden, um den Anforderungen in einem hybriden Konfliktumfeld besser zu genügen. So soll der Kampfpanzer 87 Leopard bis 2030 durch Radschützenpanzer mit weitreichenden Lenkwaffen oder grosskalibrigen Rohrwaffen ersetzt werden. Alternativ wäre auch eine Kampfwertsteigerung denkbar. Ein Hinauszögern wäre vermutlich auch möglich, wenn Ende der 2020er oder Anfang der 2030er Jahre auf die stillgelegten Kampfpanzer 87 Leopard als Ersatzteillieferanten zurückgegriffen würde.

Beim Schützenpanzer 2000 müssen nutzungsverlängernde Massnahmen vorgenommen werden, welche einen weiteren Einsatz für die kommenden 10-15 Jahre sicherstellen würde, denn ein Ersatz wird nicht finanzierbar sein. Ein entsprechender Kredit soll dem Parlament mit der Armeebotschaft 2020 beantragt werden. Koordiniert mit dem Kampfpanzer 87 Leopard könnte ein gemeinsamer Ersatz geplant werden, was auch deshalb Sinn macht, weil beide Systeme im Verbund eingesetzt werden. Nutzungsverlängerungen haben jedoch den Nachteil, dass zusätzlich zu den Kosten der Nutzungsverlängerung erhebliche Finanzmittel für die Nachbeschaffung der Munition aufgewendet müssen.

Die Fähigkeit zur mobilen weitreichenden Panzerabwehr, die heute mit dem Panzerjäger 90 abgedeckt wird, soll in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre mit einem leichten Boden-Boden-Lenkwaffensystem weiterentwickelt werden. Auf einen mobilen Schutz muss dann jedoch vorläufig verzichtet werden.

Die Priorität bei der Weiterentwicklung des indirekten Feuers soll in den 2020er Jahren bei der mittleren Reichweite liegen. Die Panzerhaubitze M109, welche die Anforderungen bereits heute nicht mehr erfüllt. soll Mitte der 2020er-Jahre ausser Dienst gestellt werden. Ein Nachfolgesystem sollte eine höhere Mobilität, Präzision und Reichweite (bis rund 100 km) aufweisen. Eine Kampfwertsteigerung der M109 ist aus Kosten-Nutzen Sicht nicht vertretbar, weil der Kostenaufwand einer Neubeschaffung entsprechen würde. Eine quantitative Reduktion der Systeme ist vertretbar, weil sich die geringere Anzahl durch die grössere Wirkung (Reichweite, Präzision, Feuerkadenz) grösstenteils kompensieren lässt, ebenso ein geringerer Schutz durch höhere Mobilität. Für die indirekte Feuerunterstützung auf kurze Distanz steht mit dem 12-cm-Mörser 16, welcher der Truppe frühestens ab Beginn der 2020er Jahre zugeführt wird, ein sehr modernes System zur Verfügung (gemäss Berichten von Ende April dieses Jahres gibt es jedoch technische Probleme, welche die RUAG als Produzent des Systems in den Griff bekommen muss; siehe Video unten). Bei der indirekten Feuerunterstützung gilt es zu berücksichtigen, dass die neuen Kampfflugzeuge fähig sein sollen, Bodentruppen auf grössere Distanzen mit präzisem Luft-Boden-Feuer zu unterstützen. Weitreichendes Luft-Boden- und Boden-Boden-Feuer ergänzen sich. Der Fähigkeitsaufbau mit dem neuen Kampfflugzeug soll prioritär angegangen werden. Dies erlaubt es, Erfahrungen zu sammeln, die zu einem späteren Zeitpunkt auch in den Aufbau des weitreichenden Unterstützungsfeuers Boden-Boden einfliessen können (z. B. Zielaufklärung auf grosse Distanz, Zielbeleuchtung, Einsatz von Präzisionsmunition). Durch den vermehrten Einsatz von Präzisionsmunition lässt sich das Munitionsvolumen reduzieren, wobei die Lagerfläche für eine höhere Bevorratung und damit zur Erhöhung der Autonomie in Krisenzeiten genutzt werden kann. Allerdings ist Präzisionsmunition wesentlich teurer in Beschaffung und Unterhalt und sie stellt bezüglich Temperatur, Feuchtigkeit und Schutz hohe Anforderungen an die Lagerung. Die Gesamtkosten für die Munitionsbewirtschaftung werden sich deshalb insgesamt kaum wesentlich verändern.

Bei der Ausserdienststellung des Radschützenpanzers 93 und des geschützten Mannschaftstransportfahrzeuges (GMTF; geschützter Duro IIIP) können durch Ersatzbeschaffungen maximal zwei Drittel des eigentlichen Bedarfs abgedeckt werden. Als Folge wird der Schutzgrad des Gros der Kräfte abnehmen. Drei Viertel der Verbände wird nur über einen minimalen Schutz verfügen. Damit reduziert sich deren Fähigkeit, sich bei Interventionen gegen nichtkonventionelle Akteure durchzusetzen. Zudem können sie die schweren Kräfte bei der Abwehr eines konventionellen bewaffneten Angriffs nur eingeschränkt unterstützen.

Mit dem Konzept, einsatzgegliederte Kräfte zur Abwehr eines terrestrischen Vorstosses innerhalb von bestimmten Zonen einzusetzen, soll künftig auf raumgreifende Manöver mit grossen Verbänden verzichtet werden. Dadurch wird auch die operative Mobilität im herkömmlichen Sinn eine geringere Bedeutung haben. Werden schwere und mittlere Kräfte zonengebunden eingesetzt, müssen jedoch zur Wahrung der Handlungsfreiheit auf operativer und oberer taktischer Stufe schnell einsetzbare Eingreifkräfte bereitstehen — hier wird die Luftmobilität entscheidend sein. Rund die Hälfte der für den Zeitraum bis 2032 geplanten Investitionen im Bereich der Mobilität (ca. 2,3 Milliarden Franken) werden daher in die Erneuerung der Transporthelikopterflotte fliessen.

Betreffend der Mobilität auf dem Boden, konnte die Schweizer Armee bis Ende der 1990er-Jahren noch auf aus dem Zivilen requirierten Fahrzeugen abstützen, welche kostengünstig in Zeiten hoher Mobilitätsbedürfnissen die Spitzenlast brechen konnten. Seit die Requisition mit der Armee XXI faktisch abgeschafft wurde, muss die Armee ihre Transportbedürfnisse vollständig mit eigenen Mitteln decken. Dazu hat sie eine Fahrzeugflotte von rund 2’500 schweren Lastwagen. Bei einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von etwa 15 Jahren müssen jedes Jahr rund 175 Lastwagen ersetzt werden (Anhänger nicht mitberücksichtigt). Diese laufend anfallenden Beschaffungen gehen auf Kosten anderer Erneuerungen. Innerhalb der für die Logistik vorgesehenen Investitionen von ungefähr 900 Millionen Franken fliesst daher bis 2032 ungefähr ein Viertel in die Erneuerung der Fahrzeugflotte. Dieser Investitionsbedarf muss gesenkt werden. Voraussichtlich müssen bei der Fähigkeit zur Durchführung von Transporten Abstriche um rund die Hälfte vorgenommen werden. Eine Neueinführung der Requisition ziviler Fahrzeuge oder das Einmieten von Transportkapazitäten im Einsatzfall könnte eine erhebliche Reduktion des Bedarfs mit sich bringen.

 

Fazit

Mit dem Ende des Kalten Krieges ist die Bedrohungslage im stetigen Wandel: asymetrische und hybride Kriegsführung sind nur zwei der Tendenzen. Ausserdem wird von den Bodentruppen ein grösseres Einsatzspektrum erwartet, welches in der Schweiz Armee mit “Kämpfen, Schützen, Helfen” umschrieben wird. Der Infanterist ist nicht mehr ein Kämpfer aus dem Schützengraben sondern ein polyvalenter Krisenbewältiger, der kritisch von seiner Umwelt beurteilt wird. Eine unvorteilhafte Medienpräsenz eines einzigen Soldaten kann heute den Erfolg einer militärischen Aktion in Frage stellen. Die Schweizer Armee ist mit ihrer Wehrpflicht und dem Milizsystem gut auf diese Herausforderung vorbereitet. Der Bürger in Uniform hat jedoch gleichzeitig auch das Anrecht möglichst gut ausgerüstet zu sein, so dass er möglichst gut geschützt seine Aufgaben effizient bewältigen kann. Dazu gehört neben einer effektiven Luftverteidigung, welche überhaupt Bodenoperationen ermöglicht, unter anderem auch Mobilität, Feuerunterstützung, Aufklärung, Nachrichtendienst, Genie, Logistik und Führungsunterstützung — die Armee kann nur als Gesamtsystem erfolgreich sein. Nicht zuletzt treiben neue Technologien den Erneuerungszyklus von militärischen Systemen an, was die Kosten erhöht. Der aufgestaute Erneurungsbedarf der Schweizer Armee ist grösstenteils auch selbst gemacht: Anstatt die Erneuerung tranchenweise sicherzustellen, haben falsche Hoffnungen nach Ende des Kalten Krieges Investitionen in moderne Rüstungsgüter verhindert. Die Ablehnung des Fonds zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen E am 18. Mai 2014 hat zusätzlich dazu geführt, dass quasi gleichzeitig die Systeme der Luftwaffe und Bodentruppen grundlegend erneuert werden müssen. Die Beschaffung neuer Kampfflugzeug und das System zur bodengestützten Luftabwehr grösserer Reichweite scheinen momentan auf gutem Kurs zu sein. Für die Bodensysteme stellt der Grundlagenbericht “Boden” mit der Option 2 für die Weiterentwicklung der Bodentruppen eine solide Basis dar (die Option 3 ist politisch und gesellschaftlich momentan kaum umsetzbar). Er zeigt auf, dass je mehr Finanzmittel nebst der Erneuerung der Mittel zur Luftverteidigung in den 2020er und frühen 2030er Jahren zur Verfügung stehen, desto rascher und früher lassen sich die erforderlichen Fähigkeiten erlangen. Muss die Fähigkeitsentwicklung zeitlich erstreckt werden, steigt das Risiko von Fähigkeitslücken. Doch auch wenn die Erneuerung der Bodentruppen optimal ablaufen würde, so kann nicht alles, was wünschenswert wäre, auch finanziert werden.

This entry was posted in Armed Forces, Security Policy, Switzerland.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *