Rückblick: Krieg in der Ostukraine 2014/15 – Die russo-seperatistische Winteroffensive 2015 (Teil 3/4)

von Dr. Phil. Fritz Kälin, Militärhistoriker, Stab MND. Dieser Artikel wurde zuvor auf dem Blog der OG Panzer veröffentlicht — ich danke dem Autor und der OG Panzer für die Erlaubnis einer Zweitveröffentlichung.

Diese Artikelserie schildert den Kriegsverlauf in der Ostukraine mit Fokus auf die intensivsten Kampfhandlungen der Jahre 2014 und 2015. Wochenlange, intensive Kämpfe hatten die Frontlinien hin und her verschoben. Im September 2014 willigten die Konfliktparteien dem in Minsk ausgehandelten Waffenstillstand zu. Dabei dürfte der beidseitige Bedarf nach einer Kampfpause für die ausgepowerten eigenen Truppen eine grössere Rolle gespielt haben, als der erreichte Frontverlauf. Kiew war nicht bereit, seine beiden östlichsten Provinzen aufzugeben und die Seperatisten wollten ihr Gebiet mit Hilfe der russischen Bataillone in einer nächsten Offensive mindestens abrunden. Dazu mussten sie den Flughafen Donezk einnehmen und den ukrainischen Frontvorsprung bei Debalzeve eindrücken. Oder hatte die Offensive gar noch weiter gesteckte Ziele?

The main terminal of Donetsk International Airport hit by shelling during fighting between pro-Russian rebels and Ukrainian government forces on October 8, 2014.

The main terminal of Donetsk International Airport hit by shelling during fighting between pro-Russian rebels and Ukrainian government forces on October 8, 2014.

Die Flughäfen Donezk und Luhansk
Am 5. September 2014 war das Minsker Abkommen von der Ukraine, dem “Föderativen Staat Neurussland“, Russland und von der OSZE unterzeichnet worden. Im ersten von zwölf Punkten forderte es die unverzügliche beiderseitige Unterbrechung der Anwendung von Waffengewalt. Davon war an einigen Frontabschnitten jedoch nichts zu spüren. Den wochenlang umkämpften Flughafen bei Luhansk mussten die ukrainischen Verteidiger bereits am 1. September 2014 räumen.

Pufferzone, die durch das Minsker Protokoll während des Donbass-Krieges festgelegt wurde.

Pufferzone, die durch das Minsker Protokoll während des Donbass-Krieges festgelegt wurde.

Die schweren Kämpfe um den Flughafen Donezk hielten ungeachtet des Waffenstillstandes an. Dieser Internationale Flughafen war erst im Mai 2012 für die Fussballeuropameisterschaft fertiggestellt worden. Am 25./26. Mai 2014 hatten die Separatisten den Flughafen zum ersten Mal besetzt, wurden jedoch tags darauf wieder vertrieben. Ende September/Anfang Oktober unternahmen sie einen weiteren, erfolglosen Einnahmeversuch.

Der Donezker Flughafen fiel endgültig im Zuge der Winteroffensive im Januar 2015. Nach dem Scheitern ihrer Gegenangriffe räumten die Ukraine den Verlust am 21. Januar ein. Die 240-tägige Verteidigung des Donezker Flughafens wird im (wenig informativen) ukrainischen Film “Cyborgs” heroisiert. Doch was durchbrach diesen zähen Widerstand? Bei den Flughäfen von Luhansk und Donezk soll der Beschuss durch russische Mörserselbstfahrlafetten (Typ 2S4 Tyulpan) die Entscheidung herbeigeführt haben. Die 130kg schweren Geschosse vom Kaliber 240mm reissen Krater von 10m Durchmesser. Angesichts solcher Feuerkraft erübrigen sich nähere Ausführungen darüber, wie genau den russisch-separatistischen Angreifern die Einnahme der Flughäfen gelang.

Ukrainians reported significant Russian use of unmanned aerial vehicles for surveillance and targeting purposes. The Russians combined this capability with MLRS and artillery with devastating effect; one Ukrainian officer stated that 70 percent of Ukrainian casualties were from MLRS and artillery strikes. Ukrainian military officers said that they have no capabilities to jam or down Russian UAVs. — Ivo H. Daalder et al., “Preserving Ukraine’s Independence, Resisting Russian Aggression: What the United States and NATO Must Do“,Atlantic Council, 2015, S. 12.

Die Kräfteverhältnisse Ende 2014/Anfang 2015
Beidseitig wurden die Kräfte im ostukrainischen Donbass im Januar 2015 auf 34’000 ukrainische Soldaten und 36’000 Separatisten geschätzt, darin integriert 8’500-10’000 reguläre russische Soldaten (8–10 Battalion Tactical Groups). Die Zahl der Kampfpanzer auf Separatistengebiet wurde auf mindestens 250, die Zahl der Schützenpanzer auf mindestens 800 geschätzt. Demgegenüber waren mehr als drei Viertel der Panzerabwehrwaffenbestände der Ukrainer über 20 Jahre alt bzw. zu rund 70% nicht mehr funktionstüchtig (Ivo H. Daalder et al., “Preserving Ukraine’s Independence, Resisting Russian Aggression: What the United States and NATO Must Do“,Atlantic Council, 2015, S. 12). Kiew hatte seit Konfliktbeginn gut die Hälfte seiner eingesetzten Panzer verloren. Die ukrainische Luftwaffe griff seit Minsk nicht mehr in die Kämpfe ein – worauf im nächsten Teil näher eingegangen wird.

Die Ukrainer unternahmen grosse Anstrengungen, um seit Jahren abgestelltes Kriegsgerät aller Art wieder flott zu machen. Trotz hohem Eigenbedarf sollten die Waffenexporte hochgekurbelt werden. Gemäss dem Ukrainischen Präsidenten Petro Poroshenko sollte sein Land bis 2020 zu einem der fünf grössten Waffenexporteure der Welt werden (Nolan Peterson, “The Truth About the War in Ukraine“, The Daily Signal, 10.08.2017). Die schmerzhaftesten Ausrüstungsmängel der Ukrainer bestanden jedoch nicht bei den Waffensystemen, sondern bei den Logistikleistungen, wie beispielsweise bei der medizinischen Versorgung der Truppe. Freiwillige zivile Helfer und Crowdfunding-Aufrufe durch die Truppe sind Symptome eines Staates, dessen Leistungsfähigkeit in keinem Verhältnis zum Wehrwillen seiner Bürger steht. Seit September 2014 konnten die ukrainischen Sicherheitskräfte höchstens Kampferfahrung, jedoch kaum neue materiellen und personellen Kräfte sammeln. Die Gegenseite rüstete derweil zum Jahreswechsel unübersehbar mit schwerstem Gerät auf. Ebenso offensichtlich war das Hauptziel einer pro-russischen Winteroffensive: der Frontvorsprung der Ukrainer bei der Stadt Debalzeve. Inwiefern die Offensive weitere Ziele verfolgte (Durchbruch in bis zu sechs Richtungen, u.a. entlang des Schwarzen Meeres und in Richtungen West und Nordwest) ist bis heute umstritten und nicht Teil dieser Ausführungen (Karber, “The Russian Military Forum“, 49′).

Kampf um Debalzewe mitte Januar bis Mitte Februar 2015.

Kampf um Debalzewe mitte Januar bis Mitte Februar 2015.

 
Beidseitiger Aufmarsch für die Schlacht um Debalzeve
Debalzeve liegt mit seiner Bahnverladestation auf der Schienenverbindung zwischen Donezk und Luhansk. Die Kontrolle über Debalzeve war für Kiew gewissermassen das letzte verbliebene Druckmittel. Aber ein Frontvorsprung nützt am Ende immer der insgesamt stärkeren Seite. Die Behauptung des Debalzeve-Vorsprungs hatte demnach bis Mitte 2014 Sinn gemacht, solange die Ukrainer nur gegen militärisch unterlegene Separatisten kämpften. Gegenüber der in jeder Hinsicht, aber insbesondere an Artillerie überlegenen Russischen Armee wurde aus dem Pfand eine tödliche Falle. Weitere ukrainische Truppen in einen schmalen, rein passiv verteidigten Frontbogen heineinzudrücken war geradezu unverantwortlich. Angaben zu ihrer Stärke variieren von 2’500 bis 8’000, wobei die tiefere Zahl wohl dem entspricht, was permanent zuvorderst im Frontvorsprung postiert war. In Debalzeve sollen laut Karber die Brigaden 25, 30, 80, 128 und eine Luftlandebrigade (rotierend) zum Einsatz gekommen sein (vgl. Karber, “The Russian Military Forum“, 55′). Bei den Kräfteangaben gilt es zu bedenken: Ukrainische Bataillone wiesen Ende 2014 oftmals nur noch Kompaniestärke auf und es bestanden keine operativen Reserven mehr. Die russisch-separatistische Seite soll für die Einnahme des Debalzeve-Frontbogens über 15’000 Mann eingesetzt haben. Die Hauptlast hätten dabei die regulären Truppen der russischen Armee mit modernen Kampfpanzern (T-72B3 und T-90) getragen.

Kommunikationsisolation und Artillerievorbereitung
Am 28. Januar begann ein sechstägiges Artilleriebombardement auf die Ukrainer im Frontvorsprung. Deren Internet- und Mobilkommunikation war bereits seit dem 20. Januar unterbrochen. Parallel wurde versucht, die Mobiltelefone der von der Aussenwelt kommunikativ isolierten ukrainischen Soldaten gegen sie selbst einzusetzen:

[…] Keeping us cut off from the rest of the world in Debaltseve, the Russian-led terrorists increased the intensity of their attacks and disseminated disinformation about Ukrainian losses in our battalion. […] During daily attacks in January–February, the Russian-sponsored terrorists used portable cell transmitters to deliver fake and provocative text messages to our mobiles, in order to instigate anger or panic among our troops and destabilize order in our units. […] Indeed, the terrorists had been taking control of our cell phones for up to 5–10 minutes, in order to deliver their propaganda messages. Sure, the SMS texts were anonymous and false. And not one of us fled, not one of us left our positions. Many times our unit commanders banned the use of cell phones in the battle zone, but our servicemen’s wish to reach relatives was so strong that they often ignored the ban and tried to catch any signal as best they could. — Viktor Kovalenko, “Debaltseve Diary 2: No Mobile Communications”, Debaltseve Diary, 17.04.2015, nicht mehr öffentlich abrufbar.

Am 2. Februar wurden Kräfte vom “Anti-Terrorist Operation”-Hauptquartier in Kramatorsk in Richtung Debalzeve verlegt (Maxim Tucker, “Ukraine Throws Reinforcements at Debaltseve, Separatists Vow to Escalate War“, KyivPost, 02.02.2015). Trotzdem gelang den Angreifern nach mehrtägigen schweren Kämpfen am 5. Februar die Einnahme von Wuhlehirsk, etwa 13 Kilometer westlich von Debalzeve. Von drei Seiten wuchs der Druck auf den Frontvorsprung.

Fake-SMS an einen ukraininschen Soldaten (zum Vergrössern klicken).

Fake-SMS an einen ukraininschen Soldaten (zum Vergrössern klicken).

Zeit, Kraft, Raum: Wenn der Verlust eines kleinen Ortes das Schicksal von 3’000 Mann besiegeln kann
Die wichtigste Strasse für die Ukrainer war die M-03 von Artemiwsk nach Debalzeve. Trotz beständigem, aber eher zufälligem Artilleriebeschuss blieb das etwa 50 Kilometer lange Wegstück für den Risikogewillten “offen”. Das an dieser Strasse gelegenes Dorf Lowhynowe war von den Ukrainern jedoch so schwach besetzt, dass eine kleine Spezialeinheit der Pro-Russen den Ort am 9. Februar einnehmen konnte. Dort blockierten sie die wichtige Strasse mit ihren Waffen, Panzerminen und Holzhindernissen. Die ukrainischen Truppen weiter vorne wurden nicht über den Verlust des Dorfes informiert. Diverse Fahrzeuge fuhren während der Folgestunden arglos in die Sperre und damit in ihr Verderben – unter anderem Lastwagen voller Artilleriemunition für die Geschütze und Mörser in Debalzeve. Dies führte dort in den zehn nächsten, entscheidenden Kampftagen zu Munitionsmangel bei diesen essentiellen Unterstützungswaffen.

Als diese Strassenblockade endlich bemerkt wurde, konnten aus den Verteidigern Debalzeves keine Kräfte für einen Gegenangriff auf das kleine Dorf freigemacht werden. Erst am 12. Februar wurden dafür von ausserhalb Einheiten der Brigaden 30 und 24 sowie von der 79. Luftlandebrigade zusammengezogen. Aber nicht alle der für den Angriff designierten Einheiten trafen rechtzeitig ein, während die Gegenseite zwischenzeitlich ihre Verteidigung mit Panzern und effektivem Artilleriefeuer verstärkt hatte. Der ukrainische Angriff misslang. Beteiligte sagten, mit nur einem Bataillon mehr wäre er geglückt.

In Minsk wurde parallel zu diesen schwersten Kampfhandlungen eine erneute “Waffenruhe” ausgehandelt. Das Minsk II-Abkommen wurde am 12. Februar 2015 abgeschlossen, am Tag des missglückten ukrainischen Gegenangriffs auf Lowhynowe. Der Verlust wie auch die gescheiterte Rückeroberung eines einzigen kleinen Dorfes entlang der wichtigsten Strasse im ganzen Kriegsgebiet kann auf puren Kräftemangel zurückgeführt werden.

Lowhynowe dürfte der letzte Sargnagel gewesen sein, den der Debalzeve-Frontvorsprung schon lange zu werden drohte. Dessen Räumung wurde dadurch unumgänglich. Am 17./18. Februar versuchten gegen 3’000 ukrainische Soldaten sich abzusetzen. Die Karte rechts zeigt links zeigt den Weg (blau), den das 40. Ukrainische Bataillon nahm. Die vom Gegner einsehbare Strasse M-03 (in der Karte rechts braun gekennzeichnet) musste dazu grösstenteils gemieden werden. Auf dem Rückzug entstanden substantielle Verluste an Menschen und Material. Die Gegenseite hatte entsprechend der russischen Doktrin der Rückzugsweg nicht komplett unterbrochen. Dies hätte die verlustreiche Abwehr verzweifelter Ausbruchversuche erfordert. Im Gegenteil konnte so die Bekämpfung des kanalisierten Gegners der Artillerie überlassen werden. Karber beziffert die ukrainischen Debalzeve-Verluste mit 100 Kampfpanzern, 250 gepanzerte Kampffahrzeuge, über 100 Artilleriegeschützen und 700 Lastwagen (Modern War Institute, “Dr. Phillip Karber Explains Russian Operations in Ukraine“, West Point, 13.04.2017, 23′).

Debalzeve – Defensiver Achtungserfolg oder schlecht gewählter Verhandlungspfand der Ukrainer?
Es lässt sich nur spekulieren, welche operativen Ziele die russisch-separatistische Winteroffensive ursprünglich hatte. Bei Donezk und Debalzeve dürften zumindest Minimalziele erreicht worden sein, mit hohen Verlusten für beide Seiten. Besonders der Kampf um den Frontbogen stärkte klar die Verhandlungsposition der russischen Seite in den Minsk II-Verhandlungen. Natürlich erlitt auch die Gegenseite Verluste, die aber weder unersetzbar noch “vergebens” gewesen sein dürften. In der Ukraine hingegen wurde das Vertrauen in eigene militärische und politische Führung erschüttert. Gut ein Jahr später hebt ein ukrainischen “Dokumentarfilm” über diese Schlacht bei der Erwähnung von Orten wie Lowhynowe und Wuhlehirsk angestrengt die Kampferfolge einzelner Soldaten hervor. Dem letztendlichen Verlust des Frontbogens wird die vermeintliche Vereitelung weiterreichender Ziele der gegnerischen Winteroffensive gegenübergestellt. Letztlich trägt der damalige Präsident Petro Poroschenko die politische Verantwortung dafür, dass seine Soldaten ohne Eingreifreserven in einer exponierten Lage zu lange und passiv ausharren mussten.

Der Mitteleinsatz und Ressourcenverschleiss für die Schlacht um Debalzeve sollte jedem zu denken geben, der in mechanisierten Truppen nur ein nostalgisches Relikt aus dem Kalten Krieg sehen will. Auch im Zeitalter der “Hacker und Trolle” ging es am Ende darum, dass eine Seite (die russisch-separatistische) sich erfolgreich auf die Verbindungslinie der (ukrainischen) Gegenseite legte und ihre eigenen erfolgreich schützte. Es gibt also keinen Grund, im 21. Jahrhundert auf die Lektüre von Klassikern wie Antoine-Henri Jomini zu verzichten. Der Kämpfer am Computer und der Drohnenoperateur sind nur weitere Kameraden, auf den die Grenadiere und Panzerbesatzungen heute genauso angewiesen sind, wie auf die Aufklärer vor ihnen, die Piloten über ihnen, die Infanteristen an ihren Seiten und den Artilleristen, Übermittlern, Stabsoffizieren u.v.m. hinter ihnen.

This entry was posted in Armed Forces, Fritz Kälin, International, Ukraine.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *