Ein weiter Weg: Die russische Militärreform – Teil 3

von Patrick Truffer (go to the English version). Er arbeitet seit über 15 Jahren in der Schweizer Armee, verfügt über einen Bachelor in Staatswissenschaften der ETH Zürich und über einen Master in Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin.

Dieser Artikel will der Frage nachgehen, welche Faktoren die Reform der russischen Streitkräfte angetrieben haben, wie sich die Fähigkeiten in den letzten 10 Jahren verändert haben und, basierend auf dem neusten staatlichen Rüstungsprogramm, wie sie sich bis 2030 verändern könnten. Im ersten Teil ging es um die Konsolidierungsphase nach dem Ende des Kalten Kriegs; die Unzulänglichkeiten, welche während des Kaukasuskriegs 2008 offensichtlich wurden, und schliesslich zur Serdyukov-Reform führten. Im zweiten Teil ging es um die progressiv einsetzende Verbesserung der russischen Streitkräfte als Konsequenz der Militärreform, welches im Krieg in der Ukraine und in Syrien sowie in den Grossübungen der letzten beiden Jahren erkennbare wurde. In diesem letzten Teil wird die mögliche Weiterentwicklung der russischen Streitkräfte für die Zeitperiode bis Ende 2030 besprochen und ein abschliessendes Fazit gezogen.

Ausblick bis Ende 2030

Bis anhin bildete das staatliche Rüstungsprogramm 2011-2020 die Grundlage für die Modernisierung der russischen Streitkräfte und umfasste 20,7 Billionen Rubel, was in etwa 700 Milliarden US-Dollar für den gesamten Zeitraum bzw. einem Jahresbudget der US-Streitkräfte entsprach. Von diesem Budget wurde bis 2018 noch nicht einmal die Hälfte eingesetzt, unteranderem weil die russische Rüstungsindustrie oftmals quantitativ und qualitativ überfordert ist. So gelingt es zwar Rüstungsgüter, welche auf sowjetischem Design basieren, in Serienproduktion zu produzieren, doch die Produktion hoher Stückzahlen und die Entwicklung komplett neuer Waffensysteme bereiten Schwierigkeiten. Mit dem tiefen Ölpreis, den westlichen Sanktionen nach der Annexion der Krim und der Einmischung in den Krieg in der Ukraine sowie unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Operation in Syrien wurde es offensichtlich, dass Russland das Rüstungsprogramm langfristig nicht aufrechterhalten konnte. Deshalb bewilligte der russische Präsident Vladimir Putin im Dezember 2017 das vorgezogene Nachfolgeprogramm 2018-2027, welches ein ähnlich hohes Budget aufweist. Wegen der Inflation entspricht der Betrag in US-Dollar zwar nicht einmal mehr der Hälfte des vorhergehenden Budgets, doch da die meisten Rüstungsgüter in Russland selber produziert werden, fällt der Wertezerfall des Rubels weniger ins Gewicht (Richard Connolly und Mathieu Boulègue, “Russia’s New State Armament Programme: Implications for Russian Armed Forces and Military Capabilities to 2017“, Chatham House, The Royal Institute of International Affairs, Russia and Eurasia Programme, Mai 2018, S. 4f, 8, 10).

Auch wenn das Rüstungsprogramm klassifiziert ist, so wurden durch russische Funktionäre, Politiker, Presseartikel usw. genügend Details veröffentlicht, welche eine grobe Abschätzung der weiteren Streitkräfteentwicklung bis 2030 erlaubt. Bereits Vostok 2018 hat auf gewisse Schwerpunkte der nächsten 10 Jahre hingewiesen. Die Verbände, insbesondere die Luftlandetruppen und die Spezialkräfte, sollen mobiler werden und in kurzer Zeit auch auf grosse Entfernungen eingesetzt werden können. Die Beschaffung neuer Transport- und Tankflugzeuge spielt deshalb eine wichtige Rolle. Die Verlängerung der Einsatzmöglichkeiten der aus der Ukraine stammenden Antonov-Flugzeuge stellt jedoch keine Option dar. Sie sollen durch Ilyushin Il-476, Il-76MD Candid und womöglich Il-106 Yermark ersetzt werden. Die Serienproduktion der Il-76MD Candid hat anfangs 2018 begonnen, doch ob das Ziel von 40 Stück bis Ende 2027 erreicht werden kann, ist mehr als fraglich. (Connolly und Boulègue, S. 4, 15).

Die Modernisierung der nuklearen Triade wird im neuen Rüstungsprogramm fortgeführt und nimmt einen wichtigen Stellenwert ein. Bei den Interkontinentalraketen wird Russland gegen Ende der 2020er-Jahre über einen Mix von RS-24 Yars (seit 2010) und RS-28 Sarmat (ab 2019) verfügen. Die RS-24 Yars kann 3-4 nukleare Sprengköpfe, die RS-28 Sarmat je nach Grösse und Masse vermutlich bis zu 24 MIRV (wahrscheinlich bis zu 3 Avangard Überschallgleiter) zum Einsatz bringen [1], welche sowohl konventionell wie nuklear bestückt ein Raketenschutzschild durchdringen können sollen (Julian Cooper, “The Russian State Armament Programme, 2018-2027″, NATO Defense College, Mai 2018, S 3). Dies sind zwei der neuen Systeme, welche Putin an seiner Rede zur Lage der Nation am 1. März 2018 dem Parlament vorgestellt hatte. Ein weiteres vorgestelltes System – ein noch namenloser durch einen Nuklearreaktor angetriebene Marschflugkörper – wird, wenn überhaupt, höchstwahrscheinlich nicht bis 2030 fertiggestellt sein (Jeffrey Lewis und Aaron Stein, “Russia’s Crashing Cruise Missile“, Arms Control Wonk, 11.06.2018). Bei den strategischen Bombern wird Russland wahrscheinlich noch bis Mitte der 2030er-Jahre auf modernisierte Tupolew Tu-95MS Bear und Tu-160M2 Blackjack basieren müssen, da der neu geplante strategische Bomber PAK DA (Unterschallgeschwindigkeit, jedoch mit einer Einsatzdistanz von 15’000 km) kaum vorher einsatzfähig sein wird. Wegen fehlender, jedoch nachrüstbarer, Luftbetankungsmöglichkeit nicht als strategischer Bomber gelistet, wird Russland zusätzlich noch über Tu-22M3 Backfire verfügen (30 der 100 werden zu Tu-22M3M modernisiert), welche im Syrienkrieg als Bomber eingesetzt wurden. Die Kh-47M2 Kinzhal Hyperschall-Luft-Boden-Rakete, ein weiteres von Putin vorgestelltes Waffensystem, welches ebenfalls ein Raketenschutzschild durchdringen können soll, ist momentan in der Entwicklung und wird im südlichen Militärbezirk getestet. Momentan kann jedoch nicht abgeschätzt werden, ob dieses System bis 2030 einsatzfähig sein wird. Die drei strategischen Borei-Klasse Unterseeboote gehören zu den modernsten russischen Waffensystemen und werden zwischen 2019 und Mitte 2025 schrittweise durch fünf weitere Unterseeboote ergänzt. Diese acht Unterseeboote können dann zusammen 128 Bulava Interkontinentalraketen tragen, welche je über 6 nukleare Sprengköpfe verfügen (Connolly und Boulègue, 16ff; “Balistic and Cruise Missile Threat“, National Air and Space Intelligence Center, Defense Intelligence Ballistic Missile Analysis Committee, Juni 2017, S. 33). Noch unklar ist, ob Russland zusätzliche neuartige Unterseeboote entwickeln wird (Project 09852, Belgorod), welche bis zu vier von Putin angekündigte weitreichende, mit nuklearen Sprengköpfen bestückte Unterwasserdrohnen Kanyon (Status-6) mitführen können (Cooper, S. 8).

Ansonsten erfährt die Seekriegsflotte keine Sonderbehandlung mehr. Im Gegenteil: Sie ist sie die eigentliche Verliererin des neuen Rüstungsbudgets. Der Grund liegt in den eingeschränkten Fähigkeiten des russischen Schiffsbaus und der Kalibr Marschflugkörper, welche es kleineren und älteren Schiffen erlauben aus einer Distanz von bis zu 2’500 km zu wirken. Deshalb sollen Zerstörer, Kreuzer, Korvetten, Fregatten und taktische Unterseeboote aus der Soviet-Ära weiter modernisiert werden, doch neue grosse Kriegsschiffe sind bis weit nach 2030 nicht vorgesehen. Wenn sie nicht vorher sinkt, wird Russland auch in den nächsten 10-15 Jahren nur über höchstens einen einzigen veralteten Flugzeugträger verfügen, die Admiral Kuznetsov, welche bis 2021 etwas modernisiert werden soll. Im günstigsten Fall werden 8 neue Gremyashchiy-Klasse Korvetten, 3 Admiral Grigorovich-Klasse Fregatten, 5 Admiral Gorshkov-Klasse Fregatten, 2 Lada-Klasse Unterseeboote, 6 Varshavyankas-Klasse Unterseeboote und 6 nuklearbetriebene Yasen-Klasse Jagd-Unterseeboote vom Stapel gelassen. Unterseeboote der 5. Generation werden wahrscheinlich kaum vor 2030 hergestellt werden. Darunter fallen die diesel-elektrisch betriebene Kalina-Klasse und die nuklearbetriebene Husky-Klasse. Auch die amphibischen Fähigkeiten werden auf einem relativ tiefen Niveau bleiben. Momentan sind 4 über 50 Jahre alte Schiffe der Alligator-Klasse, 15 über 40 Jahre alte Schiffe der Ropucha-Klasse und ein neues Schiff der Ivan Gren-Klasse aktiv. Ursprünglich waren 8 Ivan Gren-Klasse-Schiffe geplant; 6 wurden jedoch wegen anhaltenden technischen Problemen gestrichen (Connolly und Boulègue, S. 21; Dmitry Gorenburg, “Russia’s Military Modernization Plans: 2018-2027“, PONARS Euarasia Policy Memos, no. 495, 22.11.2017). Russland wird auch 2030 mit Grossbritannien und Frankreich zu den mittelgrossen Seestreitkräften gehören, welche gleichzeitig nur eine einzige grössere Operation über längere Zeit durchführen können und somit hinter den USA und China platziert bleiben.

Sukhoi Su-57 mit dem Bild der Sukhoi Okhotnik UCAV auf dem Rumpf.

Sukhoi Su-57 mit dem Bild der Sukhoi Okhotnik UCAV auf dem Rumpf.

Besser kommen die Luft- und Landstreitkräfte weg. Das Arsenal an Kampfflugzeugen soll weiter modernisiert werden. Bis Ende 2017 soll dies unter anderem mindestens 186 Sukhoi Su-30MKI Flanker-H, 200 Sukhoi Su-35S Flanker-E, 200 Sukhoi Su-34 Fullback, 24 Mikoyan MiG-35 Fulcrum-F sowie einige Mikoyan MiG-29SMT Fulcrum-E und MiG-31 Foxhound umfassen. Auch wenn zwei Prototypen in Syrien getestet wurden und 12-13 Sukhoi Su-57 zwischen 2020 und 2025 ausgeliefert werden sollen (jedoch noch mit einem alten Triebwerk weil die Entwicklung des neuen Hochleistungstriebwerks Probleme bereitet), ist es unwahrscheinlich, dass bis Ende 2027 eine grössere Anzahl Kampfflugzeuges der 5. Generation voll operationell sein wird (Vladimir Karnozov, “Russia places initial Production Order for Stealth Fighter“, Aviation International News, 03.07.2018; Connolly und Boulègue, S. 18ff).

Bei den Bodentruppen sollen die insgesamt rund 2’700 T-72, T-80 und T-90 Kampfpanzer weiter modernisiert werden. Sie werden voraussichtlich bis 2030 das Rückgrad der Landstreitkräfte darstellen. Die Serienproduktion des T-14 Armata soll bis Ende nächstes Jahr beginnen, doch weil der Kampfpanzer im Gegensatz zum modernisierten T-90M relativ teuer ist, und bei den Panzertruppen offensichtlich eher gemieden wird, soll bis Ende 2027 nur eine Brigade mit rund 100 Stück des neuen Kampfpanzers ausgerüstet werden (“Chapter Five: Russia and Eurasia”, The Military Balance, vol. 118, 2018, S. 177; Connolly und Boulègue, S. 24). Ebenfalls werden ab 2021 einige wenige Kurganets-25 Schützenpanzer erwartet. Dafür sollen 540 BMP-2 Schützenpanzer und BMD-2 Luftlandepanzer modernisiert sowie der BMP-3 Dragoon ab diesem Jahr produziert werden, welcher über ähnliche Fähigkeiten wie der Kurganets-25 verfügen soll, jedoch deutlich günstiger zu produzieren ist. Vom Bumerang Radschützenpanzer und T-15 Armata Schützenpanzer ist momentan nichts mehr zu hören – eine Serienproduktion bis Ende 2027 ist eher unwahrscheinlich (Cooper, S. 11). Bei der Artillerie soll in einer ersten Phase die 15,2 cm 2S19 Msta-S Panzerhaubitze modernisiert werden und in einer zweiten Phase ab 2020 schrittweise durch die neue 15,2 cm 2S35 Koalitsiya-SV abgelöst werden, welcher Präzisionsmunition bis zu 70 km weit verschiessen soll (Nicholas de Larrinaga und Nikolai Novichkov, “Russia’s Armour Revolution“, IHS Jane’s 360, 25.04.2016). Ausserdem sollen Uragan-1M und 9A52-4 Tornado Mehrfachraketenwerfer beschafft werden. Nebst der Einführung eines modernen Feuerleitsystems sollen Artillerie-Brigaden und -Regimenter zukünftig über Drohnen zur Aufklärung, Überwachung, Zielerfassung und Zielauswertung verfügen. Die Streitkräfte verfügen momentan über mehr als 1’000 unbewaffnete Orlan-10 Drohnen welche sich rund 16h in der Luft halten können und von einer Bodenstation gesteuert, einen Einsatzradius von rund 120-140 km aufweisen. Sie werden zur Aufklärung sowie Überwachung eingesetzt und werden wahrscheinlich mittelfristig zur Zielerfassung- und Auswertung befähigt. Über bewaffnete Drohnen verfügt Russland nach wie vor nicht (Connolly und Boulègue, S. 18ff).

Fazit

Für die Reform der russischen Streitkräfte waren zwei Faktoren massgeblich verantwortlich. Erstens schienen das Verhalten der USA sowie der NATO und mehrere Ereignisse auf internationaler Ebene im Jahre 1999 auf eine Verschiebung des Machtgleichgewichts hinzuweisen. Russland war gegenüber der NATO-Osterweiterung, der NATO Operation “Allied Force” und dem neuen expansiven, strategischen Konzept der NATO machtlos. Die Effektivität der US-amerikanischen Präzisionswaffen und die damit offensichtliche Fähigkeitslücke der russischen Streitkräfte rüttelte, trotz der Nuklearbewaffnung, am Status einer Grossmacht. Dies führte zu einer neuen Bedrohungsauffassung gegenüber den USA und der NATO, einem deutlichen Kurswechsel in der russischen Innenpolitik und zu einer langfristigen Abkehr der Integrationsbestrebungen in die westliche geprägte Weltordnung. Zusammen mit den ab 2000 wieder zunehmenden Staatseinnahmen aufgrund steigender Rohstoffpreise, und mit einem neuen, selbstbewussten russischen Präsidenten waren die Bedingungen für eine Reform der russischen Streitkräfte gegeben. In der Folge kam es zu einer quantitativen Konsolidierung sowie zu Investitionen beim Erhalt und der Modernisierung des strategischen Kernwaffenarsenals, doch für eine umfassende Reform war der Druck noch zu wenig hoch. Die institutionelle Trägheit und der Widerstand der Generäle standen im Weg. Erst der zweite Faktor, die für eine Grossmacht blamable Leistung im Kaukasuskrieg 2008, führte sowohl bei den politischen wie auch militärisch Verantwortlichen zur Bereitschaft einer kompromisslosen Durchsetzung der Militärreform. Die dazu notwendige Umstrukturierung konnte relativ zügig umgesetzt werden. Zwar gab es immer noch Generäle, welche sich gegen eine umfassende Reform positionierten, diese wurden jedoch durch den russischen den Verteidigungsminister Anatoliy Serdyukov mit dem Rückhalt Putins in den Ruhestand geschickt. Einflussreiche Posten wurden im Gegenzug mit eher jüngeren, progressiven Offizieren bestückt. Die Modernisierung der russischen Streitkräfte stellte sich wegen der nach dem Kalten Krieg vernachlässigten Rüstungsindustrie jedoch als bedeutend grössere Herausforderung heraus.

Die ab 2011 in grösseren Stückzahlen an die Verbände gelieferten neueren Waffensysteme basieren deshalb immer noch auf sowjetischer Technologie. Trotzdem konnten in den 10 Jahren seit dem Kaukasuskrieg die russischen Streitkräfte in vielerlei Hinsicht modernisiert werden. Ein wichtiger Schritt war beispielsweise die Einführung des Ratnik Infanteriekampfsystems, welches die persönliche Ausrüstung der Soldaten auf einem modernen Stand bringt. Nur mit einer modernen Ausrüstung und einem adäquaten Schutz können langfristig die richtigen Soldaten gefunden werden, welche diszipliniert unter erschwerten Bedingungen kampfbereit sind. Dieser Wandel konnte ab 2014 bei der Annexion der Krim, der Einmischung im Krieg in der Ukraine und in der Operation in Syrien beobachtet werden. Die Truppenkommandanten sind besser trainiert, die Truppe verhält sich diszipliniert und ist einsatzbereit. In den letzten 10 Jahren wurden ausserdem bedeutende Verbesserungen in der Operationsführung, Mobilität, Logistik und bei den konventionellen Waffensystemen erzielt. So verfügt Russland in einer beschränkten Quantität über Präzisionswaffen, welche von verschiedensten Trägerplattformen aus über weite Strecken eingesetzt werden können (Eric Schmitt, “Vast Exercise Demonstrated Russia’s Growing Military Prowess“, The New York Times, 22.12.2017; Lamont Colucci, “The Coming Russian Aggression“, US News & World Report, 10.10.2017). Basierend auf Zapad 2017 und Vostok 2018 kann davon ausgegangen werden, dass die russischen Streitkräfte ihr Territorium und das ihrer Verbündeten schlagkräftig und nachhaltig verteidigen können, wobei das Schwergewicht auf den westlichen und südlichen Militärbezirk gelegt wird. Die Offensivfähigkeiten bleiben jedoch eher konservativ, wenn von einem regionalen Nuklearschlag abgesehen wird.

RS-28 Sarmat

RS-28 Sarmat

Neben den Sanktionen westlicher Staaten und wirtschaftlichen Problemen hat insbesondere die Operation in Syrien zu einer frühzeitigen Ablösung des staatlichen Rüstungsprogramms 2011-2020 geführt und das Folgeprogramm für den Zeitraum 2018-2027 nachhaltig beeinflusst. In den nächsten 10 Jahren ist eine qualitative Aufwertung der nuklearen Triade zu erwarten, denn Russland will in Zusammenhang mit dem letztjährigen US-amerikanischen Nuclear Posture Review und dem geplanten US-amerikanischen Raketenschutzschild eine zuverlässige Zweitschlagfähigkeit sicherzustellen. In Kombination mit der Abwertung der internationalen Rüstungskontroll-Verträge besteht eine hohe Gefahr eines erneuten Wettrüstens.

Auch die konventionellen Waffensysteme werden in den nächsten 10 Jahren weiter modernisiert werden. Paradoxerweise liegt dies im Interesse der westlichen Staaten, denn wird die “Eskalation zur Deeskalation”-Doktrin berücksichtigt, bedeutet ein besser konventionell ausgerüstetes Russland eine geringere Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen. Trotz vollmundigen Ankündigungen handelt es sich beim staatlichen Rüstungsprogramm für die nächsten 10 Jahre eher um eine Evolution als um eine Revolution. Die russische Rüstungsindustrie hat quantitativ und qualitativ noch viel nachzuholen. Mit den Sanktionen westlicher Staaten wird dies insbesondere bei den elektronischen Systemen für den Bau von Navigationssatelliten und Kampfdrohnen sowie beim Schiffsbau schwierig. Trotz offensichtlicher Fortschritte seit dem Kaukasuskrieg 2008 haben die russischen Streitkräfte auch zukünftig bei der Modernisierung noch einen weiten Weg zurückzulegen.

Fussnoten
[1] Bei den Angaben, wieviele Avangard Überschallgleiter die RS-28 Sarmat zum Einsatz bringen kann, gibt es unterschiedliche Meinungen. Gemäss deagel.com: “the MIRVed Sarmat will carry 10-15 or up 24 Yu-74 nuclear warheads [(Projektname des Avangard Überschallgleiters)] delivering them to suborbital trajectories which will allow them to reach any target on Earth following any trajectory. […] As ICBM the missile is armed with 10 750-kiloton warheads (7.5 megatons) which are at the same time independently targetable (MIRV) and maneuverable (MARV). As carrier the missile is armed with 16 hypersonic glide vehicles yielding 500 kilotons each (8 megatons) or 24 hypersonic glide vehicles each yielding 150 kilotons (3.6 megatons).”

Abklärungen durch Bernhard Schulyok, Fachoffizier der Abteilung Militärstrategie des österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung, im Rahmen der Interdisziplinäre Technologiegespräche 2019 (eine Veranstaltung in Kooperation mit dem österreichischen Bundesheer, dem Amt für Rüstung und Wehrtechnik, des Austria Institute für Europa- und Sicherheitspolitik und des Center for Security Studies der ETH Zürich) ergaben, dass die RS-28 Sarmat je nach Grösse und Masse vermutlich bis zu 24 MIRV (zum Beispiel Sprengköpfe) tragen könne, dass aber von den Ausmassen her nur bis zu 3 Avangard Überschallgleiter wahrscheinlich seien. Ich danke Bernhard Schulyok für die Abklärungen und das dementsprechende Feedback.


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6 Responses to Ein weiter Weg: Die russische Militärreform – Teil 3

  1. peter says:

    Russian Karnivora Drones are ready for military use. The limiting point is the INF Treaty as Russia claims against US with Article 2 a Treaty violation. (Drones) Therefore Drones have not been in the Main Focus for Weapons. Bulova-M missile are able to hold 10 Nuclear Warheads. (UPI in 2005) Limiting Factor is the “START Treaty” which limits to every Missile to 6 Warheads.The “Stealth” term is widely overrated in the West. Russian S-300 – till S-500 (only in Russia) are able to kill that “Stealth” Airplane. (All NATO Airplanes till F-22) Russia sent 5 Kosmos Satellites in Space Nov 2018. There is no need to believe that Capacities are limited. T-14 Tanks anf T-57 SU Fighters have one in common. Both exists as single Product – but b) those advanced technics are also upgrade Paths for Tanks and all SU-30 Fighters and above.

  2. Peter Camenzind says:

    When reading this report of abysmal Russian weapons, and shortage of money to upgrade to world class western standards – I cant help but seriously wonder why recently we hear the increasingly hysterical and hyperventilating demands in the West for countering the Russian menace with more ‘beautiful’ weapons, or converting more ferries to warships like the Brits are planning? Are the Russians indeed dangerous, or still based mostly on the old soviet rust bucket army that the western armies could crush like a tin can…….?

    Sadly, the idea of starting a war is no longer an abhorrent aberration in the minds of some mad dog generals, but covertly introduced into the public debate like the outcome of the football world championship……..it appears mankind as whole needs a catastrophic smack down at least once every century to remind us how horrific and destructive war really is – the daily pictures out of Syria or Yemen don’t do it, oh wait…..there are no pictures, cant show that on TV, or the hoi polloi could suddenly lose their enthusiasm for a beautiful new war……

    • Dear Mr. Camenzind,

      Thank you for your comments. According to Liddell Hart, the strategy is “the art of distributing and applying military means to fulfill the ends of policy”. Accordingly, a military strategy is defined by existing military means and political intentions. My series of articles on Russian military reform focuses on military resources, not their possible use, which presupposes a political intention. Incidentally: just because many of the military assets are based on Soviet technology, the Russian forces are far from being an “old Soviet rust bucket army.” As part 2 of the series shows, Russian forces have made a remarkable reformation in the last ten years. They are able to defend their territory and that of their allies effectively – malice would be out of place.

      The discussion of how the Russian forces pose a threat to the “West” is quite another matter. So, if we want to study political intentions, it must always be assumed that we have rationally operating actors – even if this rationality does not always correspond to our point of view. If we superficially assume that the current political intention of Russia is to gain the greatest possible freedom of action as a great power, then a large offensive war with another major power (USA-Europe or China) can be considered to be less rational. The annexation of Crimea, the military interference in eastern Ukraine and the military intervention in Syria shows that political goals can be achieved with significantly less effort and risk. Subsequent operations in the Central African Republic, Sudan or Libya would be comparatively simple and associated with little risk. Even if Russia came up with the rather absurd idea of militarily challenging NATO, mobilizing the Russian population in Ida-Viru, Estonia, and subsequently “intervening” to protect the Russian-speaking population would be a more effective strategy than mounting a nuclear war of aggression against Poland. Concerning the first scenario, it would be interesting to see if NATO was indeed willing to deploy massive military assets to defend this eastern tip of Estonia. I believe that it does not take major wars to shake the foundations of NATO; however, I also believe that this is currently not in the interest of Russia.

      The Kremlin says Moscow will strive to protect the interests of Russians and Russian speakers wherever they may be. This map by Radio Free Europe / Radio Liberty shows the regions with the highest concentrations of Russian citizens, ethnic Russians, and native Russian speakers live, outside the borders of the Russian Federation.

      The Kremlin says Moscow will strive to protect the interests of Russians and Russian speakers wherever they may be. This map by Radio Free Europe / Radio Liberty shows the regions with the highest concentrations of Russian citizens, ethnic Russians, and native Russian speakers live, outside the borders of the Russian Federation.

      In recent days, a report by the Swedish Defense Research Agency (FOI) has been mentioned on several news sites allegedly underlining the Russian threat. Also, this report focuses on military means and capabilities – not on the political intentions of a rationally operating actor. Without this crucial factor, however, it is difficult to assess the likelihood of aggressive use of military means. The fact that Russia has carried out major, sometimes strategic exercises every year for the past ten years cannot be taken as an indication of preparation for a war of aggression. A primarily intended defensive use of military means does not necessarily lead to smaller exercises. Why should a state renounce large-scale, realistic exercises if it has these options? On the contrary, for a state like Russia (international position as a great power, area, extent of borders, number and character of neighboring states, etc.) it would be incomprehensible to renounce strategic exercises.

      Unfortunately, the content of the report was not represented correctly in all news releases, because despite the somewhat sensational title, it hardly refers to a threat shift for the “West”. The fact that the strategic capabilities of the Russian forces entail an asymmetrical disadvantage for many European states is less attributable to the Russians than to the lack of will on the European side (see page 51 in the report).

      Russia claims that all STRATEXes are defensive in nature. Whether a STRATEX is offensive or defensive is ultimately in the eye of the beholder. — Johan Norberg, “Training for War: Russia’s Strategic-Level Military Exercises 2009 – 2017“, Swedish Defense Research Agency, October 2018, p. 50.

  3. Noch ist wenig bekannt, doch es gibt bereits Informationen über die nächste grosse russische Übung im September 2019: Tsentr 2019. Gemäss dem russischen Verteidigungsministerium sollen im Rahmen der Übung Truppen vom zentralen Militärbezirk zusammen mit der Nord- und Pazifikflotte ihre Kampfbereitschaft in der Arktis (zwischen Novaya Zemlya und New Siberian Islands) demonstrieren. Die Übung soll ähnlich wie Vostok 2018 auf strategischer Ebene ablaufen und gleichzeitig eine Reihe neuer Waffen hinsichtlich der Auswirkungen der kalten und nassen Bedingungen geprüft werden. Es sollen sich dabei um Flugabwehrsysteme (Tor-M2DT and Pantsyr-SA), gepanzerte Fahrzeuge (MT-LBV, BTR-82A, T-80BV and the Toros support vehicle), Spezialfahrzeuge für arktische Bedingungen (DT-10PM and DT-30PM) und Unterstützungsausrüstung handeln.

    Quelle: Atle Staalesen, “A Large-Scale Russian Military Exercise Is Coming to the Arctic“, The Independent Barents Observer, 20.12.2018.

  4. pm says:

    First a correction for the name is not Tsentir – correct would be: Tsenter-2019 or Center-2019.
    Center-2019 was used by Itar-Tass at 4th December 2018. Center in short for “Central Military District” meaning from Novaya Zemlya to Kazan and to the East Altai Region at Mongolia and Kazakhstan border. (in total over 7 Mio. km2. The Term “Arctic” is for the whole Territory as even in Altai Region Temperature are -20 to – 40. Therefore the “Barents Observer” may be wrong with the “Arctic” interpretation.
    That equipment is tested under such difficult decision is the standard. Date September 2019 according Itar-Tass.

    • Thanks for your comment. Yes, you are right, there was a typo in the text: the right name is “Tsentr” (or even better would be “центр”) — it’s now corrected!

      The main point of “The Independent Barents Observer” is not from where the troops are coming (the Central Military District), but where the main geographical focus of the exercise will be. This is based on a report on “Известия” (other news report cite this source, too): Александр Круглов и Алексей Рамм, “В Арктике будет жарко: войска испытают Крайним Севером“, Известия, 18 дека́брь 2018.

      In its report, Izvestia is referring to information given by the Russian Ministry of Defence:

      Как рассказали «Известиям» в Минобороны, стратегические учения «Центр-2019» состоятся в августе–сентябре следующего года. Несколько важных этапов пройдут в арктическом регионе: на территории от Новой Земли до Новосибирских островов. Сейчас для маневров готовится инфраструктура. Создаются портовая и причальная зоны для переброски войск.

      В учениях максимально задействуют силы объединенного стратегического командования «Север». В полном составе будут «воевать» две арктические мотострелковые бригады. Сухопутным силам предстоит действовать в сложных климатических условиях. Особое внимание уделят решению тактических задач, а также тыловому и техническому обеспечению в Арктике.

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