Ein weiter Weg: Die russische Militärreform – Teil 2

von Patrick Truffer (an English version follows later). Er arbeitet seit über 15 Jahren in der Schweizer Armee, verfügt über einen Bachelor in Staatswissenschaften der ETH Zürich und über einen Master in Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin.

Dieser Artikel will der Frage nachgehen, welche Faktoren die Reform der russischen Streitkräfte angetrieben haben, wie sich die Fähigkeiten in den letzten 10 Jahren verändert haben und, basierend auf dem neusten staatlichen Rüstungsprogramm, wie sie sich bis 2030 verändern könnten. Im ersten Teil ging es um die Konsolidierungsphase nach dem Ende des Kalten Kriegs; die Unzulänglichkeiten, welche während des Kaukasuskriegs 2008 offensichtlich wurden, und schliesslich zur Serdyukov-Reform führten. In diesem Teil geht es um die progressiv einsetzende Verbesserung der russischen Streitkräfte als Konsequenz der Militärreform, welches im Krieg in der Ukraine und in Syrien sowie in den Grossübungen der letzten beiden Jahren erkennbare wurde.

Der Krieg in der Ukraine und in Syrien

Nach der Absetzung des von Russland unterstützten ukrainischen Präsidenten Viktor Yanukovych Ende Februar 2014 tauchten auf der Krim maskierte, abzeichenlose Soldaten auf, welche mit dem grünen Ratnik Infanteriekampfsystem ausgerüstet waren. Dieses besteht aus atmungsaktivem Kunststoff, der vor Feuer und Splitter schützen soll. Die Soldaten waren mit einer Schutzweste mit Keramikplatten ausgerüstet sowie mit modernen Kommunikationsmitteln, welche sich auf Glonass abstützen konnten. In einer dritten Auflage soll Ratnik ab 2020 die Konnektivität und Kampfeffizienz aller Bodentruppen erhöhen (“Ratnik Russian Future Soldier Modern Infantry Combat Gear System“, Army Recognition, 31.03.2018; Maria Martens, “Russian Military Modernization“, Science and Technology Committee, NATO Parliamentary Assembly, 11.10.2015, S. 9).

Diese “grünen Männchen” gehörten höchstwahrscheinlich zum Moskauer 45. Garderegiment der Luftlandetruppen für besondere Aufgaben und zur 3. Speznas-Brigade. Nebst ihrer modernen Ausrüstung fielen die Soldaten durch ihr selbstbewusstes, diszipliniertes, wenn auch bestimmtes Auftreten auf. Gleich ausgerüstete und disziplinierte Soldaten tauchten ab April 2014 auch in der Ostukraine auf (Hannes Adomeit, “Die Lehren der russischen Generäle“, NZZ, 18.07.2014).

Im Gegensatz zur Annexion der Krim und der Einmischung im Krieg in der Ukraine erfolgte die Militäroperation in Syrien ab Spätsommer 2015 auf Antrag der syrischen Regierung. Seitdem ist Syrien ein wichtiges Trainings-, Test- und Demonstrationsgebiet. Insgesamt sollen rund 250 Systeme, darunter 160 neue oder modernisierte Waffensysteme, getestet worden sein, wobei rund 1’200 Zivilisten von 57 russischen Firmen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen die eingesetzten Verbände begleitet haben sollen, um Lehren für die weitere Entwicklung ziehen zu können (Julian Cooper, “The Russian State Armament Programme, 2018-2027″, NATO Defense College, Mai 2018, S 3; “Chapter Five: Russia and Eurasia”, The Military Balance, vol. 118, 2018, S. 170).

The military operation in Syria certainly required certain funds, however the main part of the funding came from the Defence Ministry, their resources. Some 33 billion rubles were earmarked in the Ministry’s 2015 budget for military exercises. We simply retargeted these funds to support our group in Syria, and there is hardly a better way of training and perfecting combat skills than under real combat conditions. In this sense, it is better to use motor operating time and combat stock in combat than at a testing range. You, professionals, know this better than anyone else. — Russischer Präsident Vladimir Putin, bei einer Rede vor 700 Offizieren aller Truppengattungen im März 2016 (Vladimir Putin, “Meeting with Russian Armed Forces Service Personnel“, President of Russia, 17.03.2016).

Die auf der Krim, im Osten der Ukraine und in Syrien eingesetzten Verbände haben einen deutlichen Fortschritt im Bereich Führung, Ausbildung, Ausrüstung und Einsatzbereitschaft gezeigt. Auch die Fähigkeiten zur elektronischen Kriegsführung und die Logistik haben sich verbessert (“Chapter Five: Russia and Eurasia”, The Military Balance, vol. 115, 2015, S. 159). Mit der Operation in Syrien haben die russischen Streitkräfte gezeigt, dass sie über genügend See- und Lufttransportmittel verfügen, bzw. diese rasch auf unkonventionelle Art beschaffen können (Einmieten und Umflaggen türkischer Handelsschiffe zu russischen Marine-Schiffen), um eine kleinere Operation ausserhalb ihres eigentlichen Einflussgebietes durchführen und logistisch unterhalten zu können. Die russischen Streitkräfte sind in der Lage sowohl streitkräfteübergreifend (insbesondere zwischen Luftstreitkräften und Seekriegsflotte), wie auch mit ausländischen Partnern zusammenzuarbeiten. Russische Kampfflugzeuge haben beispielsweise die offensiven Operationen der syrischen und iranischen Bodentruppen aus der Luft unterstützt – ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Kaukasuskrieg 2008. Weiter wurden der neue Suchoi Su-34 Jagdbomber und im Februar 2018 zwei Vorserienmodelle des Suchoi Su-57 inklusive eines Einsatzes eines Kh-59MK2 Marschflugkörpers getestet (“Su-57 fifth-generation fighter jets successfully tested in Syria“, TASS, 01.03.2018). Erste Präzisionswaffen wurden zwar bereits mit der Kalibr ab 2011 bei der Seekriegsflotte sowie bei der Kh-38 ab 2012 bei den Luftstreitkräften getestet, doch operationell haben beide Teilstreitkräfte diese neuen Waffensysteme erst in Syrien eingesetzt. Beispielsweise wurden im Oktober 2015 mit 26 Kalibr Marschflugkörpern aus drei Buyan M-Klasse Korvetten und einer Gepard-Klasse Fregatte im Kaspischen Meer 11 Ziele in Syrien zerstört (Dmitry Gorenburg, “What Russia’s Military Operation in Syria can tell us about Advances in its Capabilities“, PONARS Euarasia Policy Memos, no. 124, 18.03.2016, S. 2ff; “Russian missiles ‘hit IS in Syria from Caspian’“, BBC News, 07.10.2015). Im darauffolgenden Dezember wurde eine weitere Kalibr aus einem U-Boot im Mittelmeer abgeschossen. Bis zum heutigen Zeitpunkt verschossen die russischen Streitkräfte im Syrien-Krieg um die 90 Kalibr. Damit verfolgt Russland primär politische Ziele, denn taktisch gab es dazu keine Notwendigkeit. Es geht um eine Machtdemonstration in Richtung NATO, USA und Nachbarstaaten. Die Botschaft dabei ist klar: Nach einem langen Weg ist Russland als Grossmacht zurück. Die produktionellen und finanziellen Möglichkeiten schränken den Einsatz von Präzisionswaffen jedoch ein: Rund 80% der abgeworfenen Munition in Syrien umfasste alte, ungelenkte Fallbomben (Gorenburg, “What Russia’s Military Operation in Syria can tell us about Advances in its Capabilities“, S. 3f).

Die Annexion der Krim und die Einmischung in den Krieg in der Ukraine hat für die russische Rüstungsindustrie negative Konsequenzen, welche die Modernisierung der russischen Streitkräfte zukünftig beeinflussen wird. Durch die Sanktionen wurde der Erwerb westlicher Rüstungsgüter und der damit verbundene Technologietransfer verunmöglicht. Dies bekam insbesondere die Seekriegsflotte zu spüren als der Kauf der beiden Mistral-Schiffe von Frankreich rückgängig gemacht sowie Schiffsantriebe von Deutschland und der Ukraine zurückbehalten wurden. Die fehlenden Schiffsantriebe hatten den geplanten Bau neuer Zerstörer, Korvetten und Fregatten verzögert. Die Ukraine war ausserdem ein wichtiger Lieferant von Flugzeug- und Helikoptertriebwerke. Auch die Wartung der momentan noch 46 SS-18 Satan Interkontinentalraketen wurde von der staatlichen Firma Yuzhmash in der Ukraine sichergestellt. Ab diesem Jahr sollen die SS-18 Satan schrittweise durch die neue, vollkommen in Russland hergestellten RS-28 Sarmat ersetzt werden. Ein weiteres Problem stellen die Sanktionen auf Dual-Use-Güter dar, worunter insbesondere elektronische Komponenten in der Satellitentechnik und in der Drohnennentwicklung fallen. Russland versucht die westlichen Sanktionen so gut wie möglich durch Importsubstitutionen aus Weissrussland und den asiatischen Staaten abzufedern. Dies ist mittelfristig jedoch nicht in allen Bereichen möglich, verursacht zusätzliche Kosten und führt zu Verzögerungen beim Bau moderner Waffensysteme (Julian Cooper, “Russia’s State Armament Programme to 2020: A Quantitative Assessment of Implementation 2011-2015“, Swedish Defence Research, 2016, S. 37ff).

Status Quo

Gemäss der aktuellen russischen Militärdoktrin von Ende 2014 stellt die Ausweitung der militärischen Infrastrukturen der NATO innerhalb der osteuropäischen Mitgliedsstaaten, eine mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens und damit verbunden eine politische wie auch militärischen Druckausübung eine Bedrohung für Russland dar. Aus russischer Sicht versuchen die USA und ihre Verbündeten mit einer hybriden Kriegsführung den Einfluss Russlands über seine Nachbarstaaten zu unterbinden. Dabei seien sie bereit Chaos in den russischen Nachbarstaaten zu verbreiten, um eine Grundlage für eine Intervention in diesen Staaten zu bilden und eine pro-westliche Regierung einsetzen zu können (Dmitry Gorenburg, “Russia’s Strategic Calculus: Threat Perceptions and Military Doctrine“, PONARS Euarasia Policy Memos, no. 448, 11.11.2016, S. 2).

Seit 1999 zieht sich diese Bedrohungswahrnehmung wie ein roter Faden durch die Zapad-Übungen, wobei das Schwergewicht der Szenarien auf konventionelle Operationen in regionalen Konflikten mit möglicher Eskalation mit einem konventionell ebenbürtigen Gegner liegt (Stephen J. Cimbala und Roger N. McDermott, “Putin and the Nuclear Dimension to Russian Strategy“, The Journal of Slavic Military Studies, vol. 29, no. 4, Oktober 2016, S. 536).

Soldaten, die keine identifizierenden Abzeichen trugen und es ablehnten zu sagen, ob sie Russen oder Ukrainer waren, patrouillierten vor dem Internationalen Flughafen Simferopol, nachdem sich am 28. Februar 2014 eine pro-russische Menge in der Nähe von Simferopol versammelt hatte.

Soldaten, die keine identifizierenden Abzeichen trugen und es ablehnten zu sagen, ob sie Russen oder Ukrainer waren, patrouillierten vor dem Internationalen Flughafen Simferopol, nachdem sich am 28. Februar 2014 eine pro-russische Menge in der Nähe von Simferopol versammelt hatte.

Nach der Vostok 2010, bei der in einem fiktiven Konflikt mit China Russland am Ende einen regional begrenzten Nuklearschlag vorgesehen hatte, wurde auf weitere fiktive Nuklearschläge als Antwort auf einen konventionell übermächtigen Gegner jedoch weitgehend verzichtet [1]. Dies deckt sich zeitlich mit der Verfügbarkeit von Präzisionswaffen, welche mit konventionellen Sprengköpfen bestückt werden können (Roger N. McDermott und Tor Bukkvoll, “Tools of Future Wars – Russia Is Entering the Precision-Strike Regime“, The Journal of Slavic Military Studies, vol. 31, no. 2, April 2018, S. 192). Mit anderen Worten: Je besser Russland konventionell ausgerüstet ist, umso unwahrscheinlicher wird der Einsatz von Nuklearwaffen. Bei der Zapad 2013 ging es beispielsweise um die Verteidigung Weissrusslands gegen baltische Terroristen, was zu ausgedehnten Operationen in überbautem Gelände und damit zu einem Mix von Aufstandsbekämpfung sowie konventionellen Operationen führte. Gegen Ende der Übung wurde eine gegnerische amphibische Landung an der Ostseeküste mit konventionellen Mitteln abgewehrt (Stephen Blank, “What Do the Zapad 2013 Exercises Reveal? (Part One)“, Eurasia Daily Monitor, The Jamestown Foundation, 04.12.2013). Das ändert jedoch nichts daran, dass der Einsatz von Nuklearwaffen im Rahmen der “Eskalation zur Deeskalation” doktrinal immer noch festgehalten ist – beispielsweise zuletzt in der Doktrin der russischen Marine von 2017 (Katarzyna Zysk, “Escalation and Nuclear Weapons in Russia’s Military Strategy“, The RUSI Journal, vol. 163, no. 2, März 2018).

Bei der letzten Zapad-Übung 2017 ging es um die Abwehr eines hybriden Gegners. Drei koalierende, an Weissrussland angrenzende Staaten, nutzten die verschlechternde wirtschaftliche Situation in Russland und Weissrussland, um mit Hilfe von Informationsoperationen zwischen den beiden Staaten Unfrieden zu sähen. In den ersten 48 Stunden der Übung ging es mehrheitlich um Terrorbekämpfung und die Eindämmung der hybriden Kriegsführung auf weissrussischem Territorium. Es entspricht dem Zeitbedarf, welcher die russischen Streitkräfte im Idealfall für ihre Mobilisation benötigen. Danach wurde eine gegnerische Invasion aus den drei fiktiven Staaten verhindert, wobei deren eindrückliches militärisches Potential an die NATO erinnerte. Schliesslich holten die russischen Kräfte in Weissrussland zum Gegenschlag aus. Am letzten Tag der Übung eskalierte das Szenario in der Barentssee und im Schwarzen Meer (Pavel Felgenhauer, “Lukashenka and Russian Officials Part Ways During Zapad 2017“, Eurasia Daily Monitor, The Jamestown Foundation, 22.09.2017). Die Nordflotte hatte dazu 20 Kriegsschiffe und 5’000 Mann im Einsatz. Ausserdem wurden vom Kosmodrom Plessezk aus zwei RS-24 Yars Interkontinentalraketen eingesetzt (eine aus dem Silo, eine von einer mobilen Plattform), welche Ziele im 6’000 km entfernten Kamchatka in Ostasien bekämpften. Bei dem Einsatz der RS-24 Yars ging es einerseits um einen Test, andererseits um eine Machtdemonstration gegenüber den USA (Daniel Brown, “Russia just finished the Zapad military exercises that freaked out NATO – Here’s what we know“, Business Insider, 25.09.2017; Alex Gorka, “Russia tests Yars RS-24 ICBM as part of its Nuclear Modernization Effort“, Strategic Culture Foundation, 03.10.2017).

Zapad 2017 demonstrierte, dass Russland sein eigenes Territorium und das seiner Verbündeten wirkungsvoll verteidigen kann. Mit ihrer Luftabwehr sind sie auf die Anfangsphase einer militärischen Operation vorbereitet, welche bei den USA und der NATO durch massives Feuer der Luftstreitkräfte gekennzeichnet ist. Die bereits stationierten S-400 Triumf in Kaliningrad und Sankt Petersburg sowie die S-300 Systeme in Weissrussland konnten während Zapad 2017 schnell durch weitere S-400, S-300 und Pantsir-S1 Systeme ergänzt werden. Die Baltische Flotte kann die Luftabwehr zusätzlich verstärken sowie gegnerische Ziele in der Luft, im Wasser und an der Küste bekämpfen. Gleichzeitig können die Luftstreitkräfte Bodenziele ausserhalb des russischen Territoriums mit eskortierten Bombern und/oder taktischen Lenkwaffen bekämpfen. Während der Übung wurde mit einer Iskander-M (kann mit einem nuklearen oder konventionellen Sprengkopf versehen werden) aus dem zentralen Militärbezirk erfolgreich ein 480 km entferntes Ziel in Kasachstan zerstört. An der Zapad 2017 wurden insbesondere Su-27, Su-35S, Su-30SM sowie MiG-31 zur Bekämpfung gegnerischer Kampfflugzeuge, Su-34 als Bomber, eine Su-24MR sowie auf taktischer Stufe rund 30 verschiedene Drohnensysteme zur Aufklärung und Zielbezeichnung eingesetzt (Michael Kofman, “Zapad Watch – Summary of Day Four“, Russia Military Analysis, 18.09.2017). Die C2-Fähigkeiten erlauben es Verbände auf dem gesamten Territorium und auf einer Frontlänge von über 600 km zu führen. Während der Zapad 2017 wurden die terrestrischen Kräfte durch Mi-35M, Ka-52, Mi-28N und Mi-8AMTSh Helikopter unterstützt (Roger N. McDermott, “Zapad 2017 and the Initial Period of War“, The Jamestown Foundation, 20.09.2017). Logistisch sind die russischen Streitkräfte in der Lage auf der Schiene mindestens eine gepanzerte Division über weite Strecken zu verschieben und mindestens ein leichtes Bataillon rasch mittels Lufttransport zum Einsatz zu bringen (Michael Kofman, “Zapad Watch – Summary of Day Five“, Russia Military Analysis, 19.09.2017; Sergey Sukhankin, “Zapad-2017: What Did These Military Exercises Reveal?“, ICDS, 24.10.2017).

Diese Erkenntnisse wurden in der diesjährigen Vostok-Übung erhärtet. Die Hauptziele der Übung bestand in der Überprüfung der Bereitschaft der Streitkräfte, der Fähigkeit Verbände über weite Strecken unter Miteinbezug der zivilen Infrastruktur zu verschieben und der Koordination zwischen Bodentruppen und Seekriegsflotte. Ausserdem nahmen an der Vostok 2018 zum ersten Mal die chinesischen Streitkräfte teil, was auch als politisches Signal gegenüber den USA zu verstehen ist. Bei der Übung wurde ein komplett neuer Ansatz gewählt: Die Verbände des zentralen Militärbezirks hatten die Aufgabe in den Raum des östlichen Militärbezirks einzufallen. Die dazu notwendigen Verbände wurden mittels 1,500 Güterwagons und 50 Transportflugzeugen aus dem zentralen Militärbezirk nach Osten verschoben – im Falle der 31. Luftlandebrigade bis zu 4’500 km (Miko Vranic und Samuel Cranny-Evans, “Analysis: ‘Vostok 2018’ a Window on Russia’s Strategic Ambitions“, Jane’s Defence Industry and Markets Intelligence Centre, 2018). Gleichzeitig verschob die Nordflotte in den pazifischen Raum und versuchte dort den Kampf mit der Pazifikflotte aufzunehmen. Zur Verteidigung wurde der östliche Militärbezirk mit rund 3’500 Mann und 24 Helikopter sowie 6 Kampfflugzeugen chinesischer Verbände sowie mit einer kleineren Anzahl mongolischer Truppen verstärkt. Die eigentlichen Kampfübungen der Bodentruppen und der Luftstreitkräfte wurden im Raum Tsygol in der Region Transbaikalien in der Nähe des russisch-chinesisch-mongolischen Dreiländerecks durchgeführt. Russland setzte dabei 25’000 Militärs, 7’000 Kriegsgeräte sowie 250 Kampfflugzeuge und -helikopter ein (Michael Kofman, “Vostok 2018 Strategic Maneuvers: Exercise Plan“, Russia Military Analysis, 10.09.2018). Bei Luftlandeübungen wurden mehr als 700 Soldaten und 51 BMD-2 Luftlandepanzer mittels Fallschirm in den Einsatz gebracht (Michael Kofman, “Vostok 2018 – Day 3 (September 13)“, Russia Military Analysis, 14.09.2018). Präzisionsmunition wurde während der Übung so gut wie keine eingesetzt, was darauf hinweisen könnte, dass die russischen Streitkräfte nur über wenig Reserven verfügen und diese deshalb eher für den Einsatz in Syrien als für Übungen vorbehalten (Michael Kofman, “Vostok 2018 Days 5-6 (September 15-16)“, Russia Military Analysis, 17.09.2018).

Fussnoten
[1] In 2013, jedoch nicht während der Übung Zapad, wurde ein fiktiver nuklearer Angriff auf Schweden simuliert, wobei sich zwei TU-22M3 Backfire-C Bomber, eskortiert durch vier Su-27 Flanker, rund 30-40 km an die schwedische Insel Gotland annäherten. Dies sind jedoch keine unüblichen technischen Übungen und deshalb nicht überzubewerten (David Cenciotti, “Russian Tu-22M Backfire Bombers Escorted by Su-27 Flankers Simulate Night Attack on Sweden“, The Aviationist, 22.04.2013; Zysk, 2018, S. 9).

Im dritten Teil wird die mögliche Weiterentwicklung der russischen Streitkräfte für die Zeitperiode bis Ende 2030 besprochen und ein abschliessendes Fazit gezogen.

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2 Responses to Ein weiter Weg: Die russische Militärreform – Teil 2

  1. pm says:

    Der Autor unterliegt einer kompletten Fehleinschätzung betreffend er Ukrainischen Lieferungen.
    Die Schiffsantriebe sind seit Mitte 2017 vollständig kompensiert durch Russische Werke. Die Mitarbeiter haben ein fast 3-faches Salär erhalten im Durchschnitt. Ebenso läuft in 2019 der letzte Ukrainische Vertrag von 2011 aus. Der Vertrag Laufzeit 5 Jahre wurde schon seit einiger Zeit mit eigenen Russischen Helikopter Triebwerken kompensiert. (Kamaz eigene). In vielen Fällen ist Russland nicht auf die Satan Raketen mehr angewiesen. Kaliber-M reichen in vielen Fällen aus – problemlos. Mit Sevastopol und Vladiwostok ab 2020 erhält Russland 2 sehr grosse Schiffsbaukomplexe die vor allem Stückzahlen generieren. Fakt ist, dass Russland extrem profitiert hat, dass die Ukraine nicht mehr liefert weil die Projekte deutlich schneller realisiert werden können.

    • Danke für Ihren Kommentar.

      Es stimmt, dass diese Lieferengpässe teilweise mit eigenen Produkten substituiert wurden, doch dies war mit einem hohen Aufwand verbunden und führte teilweise zu jahrelangen Verzögerungen; beispielsweise bei den Gasturbine, welche in den Admiral-Gorschkow-Klasse und der Admiral Grigorovich-Klasse (Projekt 11356) Fregatten eingesetzt wurden:

      Alexei Rakhmanov, president of Russia’s United Shipbuilding Corporation (USC), announced on 1 June that the yard will resume construction in 2018 of three more Project 11356 frigates – Admiral Butakov , Admiral Istomin , and Admiral Kornilov – to join three already with the Baltic Fleet, state-controlled media have reported.

      Production was suspended in 2015 because of Ukraine’s refusal to supply gas turbine engines for the vessels. The decision to resume work was made after positive preliminary tests on Russian M70FRU and M90FR gas turbine engines developed by NPO Saturn, part of Russia’s United Engine Corporation.

      — Bruce Jones, “USC Announces Restart of Project 11356 Frigates“, Jane’s 360, IHS Jane’s Defence Weekly, 08.06.2017.

      Interessanterweise wurde die Admiral Butakov an die indische Marine verkauft, welche anschliessend womöglich die Gasturbinen direkt aus der Ukraine beschaffen und nachträglich einbauen wird (Franz-Stefan Gady, “India, Russia Sign $950 Million Deal For 2 Guided-Missile Frigates“, The Diplomat, 29.10.2018).

      Was Zerstörer, Fregatten und Korvetten angeht, so finden Sie näher Informationen in der im Text angegebenen Quelle (Julian Cooper, “Russia’s State Armament Programme to 2020: A Quantitative Assessment of Implementation 2011-2015“, Swedish Defence Research, 2016, S. 106), welche auf weitere zum Teil auch russische Quellen verweist.

      Auch wenn ich Ihre optimistische Einschätzung nicht teile, gebe ich zu, dass das Wort “grösstenteils verunmöglicht” (im Satz “Die fehlenden Schiffsantriebe hatten den geplanten Bau neuer Zerstörern, Korvetten und Fregatten grösstenteils verunmöglicht.”) wohl etwas zu Verwirrung führen kann, weshalb ich es mit dem Wort “verzögert” ersetzt habe.

      Übrigens: Ihre Argumente hätten mehr Gewicht, wenn Sie ebenfalls brauchbare Quellen dazu angeben würden.

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