Ein weiter Weg: Die russische Militärreform – Teil 1

von Patrick Truffer (go to the English version). Er arbeitet seit über 15 Jahren in der Schweizer Armee, verfügt über einen Bachelor in Staatswissenschaften der ETH Zürich und über einen Master in Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin.

Reformen sind schmerzvolle Prozesse, insbesondere innerhalb risikoaversen, komplexen, stark hierarchisch strukturierten und institutionalisierten Organisationen. In ihnen definieren Standardabläufe die Arbeit und die Problembehandlung, insbesondere in einem Umfeld der Unsicherheit. Der Einzelne wird gemäss einem definierten System trainiert, belohnt und befördert – er wird erzogen, Aufgaben in einer ganz bestimmten Art und Weise zu erledigen und sobald diese Person den Status eines Vorgesetzten erhält, wird er auch seine Unterstellten so erziehen. Arbeitsabläufe werden damit so stark in einer Organisation institutionalisiert, dass sie sogar nach dem Ende ihrer Zweckmässigkeit erhalten bleiben und nur gegen Widerstand abgelegt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Langlebigkeit der berittenen Kavallerie in westlichen Streitkräften. Barry Posen, Professor der Politikwissenschaften und Direktor des MIT Security Studies Program, beschreibt in seinem Buch “The Sources of Military Doctrine” zwei Bedingungen unter denen militärische Organisationen bereit sind, eine grundlegende Reform durchzuführen: Wenn zivile Einflüsse ausserhalb der betroffenen militärischen Organisation dies erzwingen (Politik, Gesellschaft, fehlende Finanzen, fehlendes Personal usw.) oder nach einer Niederlage (Posen, S. 31f, 44).

Schweizer Kavallerieschwadron 1972, ein Veteranen-Traditionseinheit der Schweizer Armee, hier in der Uniform von 1972 defilierend. Als 1972 die Schweizer Armee ihre letzten 18 Dragoner-Schwadronen auflöste, endete damit die letzte echte Kavallerie in Europa

Schweizer Kavallerieschwadron 1972, ein Veteranen-Traditionseinheit der Schweizer Armee, hier in der Uniform von 1972 defilierend. Als 1972 die Schweizer Armee ihre letzten 18 Dragoner-Schwadronen auflöste, endete damit die letzte echte Kavallerie in Europa.

Dass Reformen schmerzvolle Prozesse sind, musste auch die russische Armee erfahren. Formell am 7. Mai 1992 gegründet, war sie über Jahre hinweg eine ideologische Weiterführung der sowjetischen Streitkräfte, stammte doch Personal und Material aus der Roten Armee (Carolina Vendil Pallin, “Russian Military Reform: A Failed Exercise in Defence Decision Making“, Routledge, 2008, S. 51). Auch wenn es mehrere Anläufe zu einer umfassenden Reform der russischen Streitkräfte gab, wurde diese erst rund 16 Jahre später ernsthaft in Angriff genommen. Damit zeigen die russischen Streitkräfte exemplarisch auf, wie hoch der Druck für die Umsetzung einer umfassenden Reform sein muss. Der damit verbundene finanzielle und zeitliche Aufwand ist immens. Die russischen Streitkräfte zeigen jedoch gleichzeitig, was innerhalb von 10 Jahren erreicht werden kann.

Dieser Artikel will der Frage nachgehen, welche Faktoren die Reform der russischen Streitkräfte angetrieben haben, wie sich die Fähigkeiten der russischen Streitkräfte in den letzten 10 Jahren verändert haben und, basierend auf dem neusten staatlichen Rüstungsprogramm, wie sie sich bis 2030 verändern könnten.

Konsolidierungsphase nach dem Ende des Kalten Kriegs

[…] the collapse of the Soviet Union was a major geopolitical disaster of the century. As for the Russian nation, it became a genuine drama. Tens of millions of our co-citizens and compatriots found themselves outside Russian territory. Moreover, the epidemic of disintegration infected Russia itself. Individual savings were depreciated, and old ideals destroyed. Many institutions were disbanded or reformed carelessly. – Russischer Präsident Vladimir Putin, 2005, an der jährlichen Ansprache an das russische Parlament.

Das Ende des Kalten Kriegs und der Zerfall des Ostblocks stellten die russischen Streitkräfte vor eine anspruchsvolle Herausforderung. Doktrinal setzte die Sowjetunion ihr Schwergewicht auf die Territorialverteidigung gegenüber einem externen, staatlichen Gegner, welcher auf konventioneller Ebene durch eine Massenarmee bekämpft werden konnte. Sowjetische Kommandanten basierten auf einer hohen Waffen- und Mannschaftsstärke, jedoch kaum auf Technologie und Mobilität (Alexei G. Arbatov, “Military Reform in Russia: Dilemmas, Obstacles, and Prospects“, International Security, vol 22, no. 4, April 1998, S. 99).

Aus finanziellen und demographischen Gründen konnte Russland eine solche Massenarmee nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht aufrechterhalten. Von den rund 3,4 Millionen sowjetischen Soldaten gingen rund 2,7 Millionen in die russischen Streitkräfte über, wurden bis 1999 jedoch auf rund eine Million zusammengekürzt. Gleichzeitig standen die russischen Streitkräfte unter einem immensen finanziellen und sozialen Druck. Waren während des Kalten Kriegs noch mindestens 15% des BIPs der Sowjetunion für militärische Zwecke vorgesehen, umfassten die Ausgaben für die russischen Streitkräfte 1999 noch rund 3% des um drei Viertel geschrumpften BIPs. Fehlende finanzielle Mittel, eine prekäre wirtschaftliche Situation aber auch der unter den russischen Politikern mehrheitlich herrschende Konsens, dass die USA und die NATO keine militärische Bedrohung darstellen würden, erschwerte die Bemühungen der russischen Generäle einen höheren Anteil des staatlichen Ausgabebudgets zu erhalten.

Statistik über einige wichtige Systeme der russischen Armee (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Statistik über einige wichtige Systeme der russischen Armee (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Die Rahmenbedingungen änderten sich 1999 jedoch grundlegend. Nicht nur stiegen die staatlichen Einnahmen wegen der weltweit steigenden Rohstoffpreise, sondern mehrere internationale Entwicklungen führten zu einer langfristigen Abkehr der Integrationsbestrebungen Russlands in die westlich geprägte Weltordnung und zu einer veränderten Bedrohungsauffassung. Die mit der Aufnahme von Polen, Tschechien und Ungarn nach Osten ausweitende NATO sowie die 12 Tage später erfolgte Bombardierung Jugoslawiens im Rahmen der NATO Operation “Allied Force” führten zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust Russlands in die langfristigen Absichten der USA. Nicht nur war Russland mit Jugoslawien kulturell, religiös aber auch militärtechnologisch verbunden und hatte ein militärisches Eingreifen der NATO im UN-Sicherheitsrat zu verhindern versucht, sondern die NATO-Operation zeigte Russland demonstrativ die Effektivität von konventionellen Präzisionswaffen und damit verglichen die Fähigkeitslücken der russischen Streitkräfte auf. Damit nicht genug: Mit der “continuing openness to the accession of new members” beabsichtigte die NATO ihre expansive Osteuropastrategie weiterzuführen. Aus russischer Sicht wandelte die zusätzliche Ermöglichung von “out-of-area” Einsätzen im neuen strategischen Konzept vom April 1999 das nordatlantische Verteidigungsbündnis zu einem offensiven militärischen Sicherheitsinstrument der USA und ihren Verbündeten.

Die im Juni 1999 durchgeführte Übung Zapad war nicht nur die grösste nach 1985, sondern ein politisches Zeichen gegenüber den USA und der NATO. Als Szenario diente eine fiktive NATO-Offensive gegen Kaliningrad und Weissrussland. Die drohende Niederlage Russlands gegenüber dem konventionell überlegenen Gegner wurde gegen Ende der Übung mit dem fiktiven Einsatz von Nuklearwaffen in Mitteleuropa und an der US-amerikanischen Westküste beantwortet (Pallin, S. 114). Strategisch handelte es sich dabei um eine “Eskalation zur Deeskalation”, wobei ein mit Massenvernichtungswaffen und/oder konventionellen Waffen übermächtiger Gegner mit einem lokal begrenzten Nuklearschlag zur Aufgabe gezwungen werden soll. Dieser strategische Ansatz verfolgte bereits die NATO während des Kalten Kriegs gegenüber der konventionell auf dem europäischen Kontinent überlegenen Sowjetunion. Dieses Vorgehen floss schliesslich in die russische Militärdoktrin 2000 ein (Matt- hew Kroenig, “The Renewed Russian Nuclear Threat and NATO Nuclear Deterrence Posture“, Issue Brief, Atlantic Council, Februar 2016).

Im September 1995 - angeblich vom damaligen russischen Verteidigungsminister Pavel Grachev genehmigt - wurden mögliche russische Gegenmassnahmen zur NATO-Osterweiterung diskutiert, darunter der Einsatz taktischer Atomwaffen. Im Oktober 1995 veröffentlichte die Nezavisimaya Gazette eine Karte, die angeblich vom russischen Verteidigungsministerium stammte und einen russischen Atomschlag gegen Tschechien und Polen sowie eine gemeinsame konventionelle Offensive gegen die baltischen Staaten darstellt. (Quelle: Peter Szyszlo, “Countering NATO Expansion: A Case Study of Belarus-Russia Rapprochement“, NATO Research Fellowship 2001-2003, June 2003, p. 9f).

Im September 1995 – angeblich vom damaligen russischen Verteidigungsminister Pavel Grachev genehmigt – wurden mögliche russische Gegenmassnahmen zur NATO-Osterweiterung diskutiert, darunter der Einsatz taktischer Atomwaffen. Im Oktober 1995 veröffentlichte die Nezavisimaya Gazette eine Karte, die angeblich vom russischen Verteidigungsministerium stammte und einen russischen Atomschlag gegen Tschechien und Polen sowie eine gemeinsame konventionelle Offensive gegen die baltischen Staaten darstellt. (Quelle: Peter Szyszlo, “Countering NATO Expansion: A Case Study of Belarus-Russia Rapprochement“, NATO Research Fellowship 2001-2003, June 2003, p. 9f).

Die Realität wies jedoch auf ein innerstaatliches, aus dem Süden stammendes Bedrohungspotential hin, auf welches die russischen Streitkräfte nicht vorbereitet waren. Ausbildung, Ausrüstung und Vorgehen aus der Sowjet-Ära erwiesen sich im Ersten Tschetschenienkrieg zwischen Ende 1994 und Herbst 1996 als völlig unzureichend. Während einer von tschetschenischen Separatisten durchgeführten Serie von Bombenanschlägen auf Wohnhäuser ab Anfang September 1999 kamen 239 Personen ums Leben und mehr als 1’000 Personen wurden verletzt. Bis zum Ende des Zweiten Tschetschenienkriegs 2009 kam es in Russland immer wieder zu medienwirksamen, gewalttätigen Übergriffen tschetschenischer Separatisten. Beispiele sind die Geiselnahme von rund 850 Personen im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002, bei deren Befreiung mindestens 170 Personen ums Leben kamen, oder die Geiselnahme von rund 1’100 Personen (darunter 777 Kinder) in der Schule von Beslan im September 2004. Im Falle Beslans wurde die Erstürmung der Schule durch mehrere T-72B Kampfpanzer, BTR-80 Schützenpanzer und Kampfhelikopter unterstützt. Dabei wurde sowohl mit dem 14,5mm Wladimirow KPW Maschinengewehr des BTR-80 wie auch mit der 125mm Kanone des T-72B auf die Schule geschossen. Dementsprechend hoch waren die Verluste: 334 Tote (Kim Murphy, “Aching To Know“, Los Angeles Times, 27.08.2005). Nicht nur erforderten diese neuen Bedrohungsarten eine andere militärische Struktur, Operationsführung und Taktik, sondern auch andere Gerätschaften, mehr Technologie, Präzisionswaffen und eine höhere Mobilität. Trotzdem sperrten sich die Generäle erfolgreich gegen eine umfassende Reform. Weder war der politische und gesellschaftliche Druck hoch genug, noch waren die dazu notwendigen finanziellen Mitteln vorhanden. Das änderte auch nach 1999 nicht schlagartig, denn trotz höherem Budget flossen bis in die 2000er-Jahre hinein die vorhandenen finanziellen Mitteln mehrheitlich in den Unterhalt, in die Lohnausgaben und in Sozialleistungen anstatt in Forschung, Entwicklung und Rüstung (Mike Bowker und Cameron Ross, “Russia After the Cold War“, Routledge, 2000, S. 223ff). Die fehlenden Investitionen in die Rüstungsindustrie und die Tatsache, dass strategisch wichtige Teile davon sich in der Ukraine befanden, hatte einen bis heute spürbaren Effekt auf die Entwicklung neuer Waffensysteme, welche zwar oftmals vollmundig angekündigt, jedoch nicht in den erwünschten Stückzahlen produziert werden können.

Der halb versunkene U-Boot-Jäger "Slawny" (links) befindet sich am 22. Dezember 1994 im Hafen von Baltiysk in Kaliningrad, einer von nur noch zwei verbliebenen Basen der einst stolzen sowjetischen Flotte.

Der halb versunkene U-Boot-Jäger “Slawny” (links) befindet sich am 22. Dezember 1994 im Hafen von Baltiysk in Kaliningrad, einer von nur noch zwei verbliebenen Basen der einst stolzen sowjetischen Flotte.

Trotz Widerstand einiger Generäle wurde auf politischen Druck in einer Konsolidierungsphase bis 2003 zahlreiche sowjetische Waffensysteme ausgemustert. Diese Systeme waren technologisch veraltet, im Unterhalt zu teuer, zahlenmässig viel zu umfangreich vorhanden und hatten bei der innerstaatlichen Krisenbewältigung keinen Nutzen. Vom Ersten Tschetschenienkrieg geprägt wurde der Fokus auf die innerstaatliche Krisenintervention und ab 1999 – als Kompensation für die fehlenden modernen konventionellen Systeme – schwergewichtig auf den Erhalt des strategischen Kernwaffenarsenals gelegt. Die Strategische Raketentruppe war die einzige Teilstreitkraft, welche personell nahezu vollständig besetzt war, eine hohe Kampfbereitschaft sowie Kommando- und Kontroll-Fähigkeiten aufweisen konnte (Arbatov, “Military Reform in Russia”, 123). Ab 1999 wurden die SS-27 Topol-M (mobile ICBM, non-MIRV) Bestände stetig ausgeweitet, ab 2010 die RS-24 Yars (ICBM, MIRV) eingeführt. Ausserdem kaufte Russland 1999 bzw. 2000 3 Tupolev Tu-95 Bear und 8 Tupolev Tu-160 Blackjack (strategische Bomber) von der Ukraine und begann mit der Modernisierung der bestehenden strategischen Flotte (“Russia”, The Military Balance, vol. 100, 2000, S. 117).

Der Kaukasuskrieg 2008 und die Serdyukov-Reform

Seit seinem Amtsantritt im Januar 2004 versuchte der georgische Präsident Mikheil Saakashvili erfolglos mit politischen Mitteln die abtrünnigen georgischen Regionen Südossetien und Abchasien wieder einzugliedern und erwog ab 2005, wenn notwendig, dazu militärische Mittel einzusetzen. Als die georgischen Streitkräfte in der Nacht auf den 8. August 2008 die Sezessionisten in der südossetischen Stadt Tskhinvali mit der Artillerie bombardierten, erwartete Saakashvili, dass mit US-amerikanischer Unterstützung eine Gegenaktion der Russen verhindert werden kann (Heidi Tagliavini, “Lessons of the Georgia Conflict“, The New York Times, 30.09.2009). Die Russen haben jedoch nur auf eine solche Gelegenheit gewartet: Bereits vor dem Kaukasuskrieg 2008 haben sie ihr Truppenkontingent in Nordossetien auf rund 9’000 Mann aufgestockt und in der Grenzregion zu Abchasien die Eisenbahninfrastruktur ausgebaut. Kurz nach der georgischen Bombardierung stiessen die Panzer der russischen 58. Armee durch den Roki-Tunnel nach Südossetien vor. Innert kürzester Zeit standen sich in Südossetien und Abchasien rund 25’000-30’000 russische, sowie 12’000-15’000 georgische Soldaten gegenüber. Russland setzte ausserdem rund 200 Flugzeuge, 40 Helikopter und 1’200 gepanzerte Fahrzeuge ein (Pavel Felgenhauer, “After August 7: The Escalation of the Russia-Georgia War”, in The Guns of August 2008: Russia’s War in Georgia, Routledge, 2009, S. 173; Ariel Cohen und Robert E. Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War: Lessons and Implications“, Strategic Studies Institute, U.S. Army War College, June 2011, S. 12). Bei ihrem Vorgehen basierten die russischen Streitkräfte auf der sowjetischen Einsatzdoktrin schnell eine übermächtige Konzentration aufzubauen, bei gegnerischen Kontakt die Wucht auszunützen sowie ohne grosse Feuerunterstützung und Flankenschutz möglichst weit vorzustossen. Für den russischen Erfolg war somit das rasche Einfliessen grosser Mengen gepanzerter Mittel in Südossetien sowie die Eröffnung einer zweiten Front in Abchasien entscheidend – taktisches Können war eher zweitrangig (Cohen und Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War”, S. 26ff).

Durch ihre zahlenmässige Überlegenheit haben die russischen Streitkräfte den Kaukasuskrieg 2008 zwar für sich entschieden, die Leistung war jedoch äusserst blamabel. Aus verschiedensten Gründen war der Generalstab bei Kriegsausbruch nicht in der Lage die Operation von Moskau aus zu führen und mit den eingesetzten Verbänden eine sichere Verbindung aufzubauen (Cohen und Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War”, S. 23). Zur Not wurden die Verbände über Netze georgischer Telekommunikationsanbieter mittels Mobiltelefon befehligt (Pavel Felgenhauer, “After August 7”, S. 67). Doch auch die Verbände waren nicht auf den Krieg vorbereitet. Gemäss dem russischen Generalstabschef Nikolay Makarov waren nur 17% der Bodentruppen, 5 der 150 Regimenter der Luftstreitkräfte und rund die Hälfte der Kriegsschiffe kampfbereit (Dmitry Solovyov, “Russian Army not fit for Modern War: Top General“, Reuters, 16.12.2008). Das russische globale Satellitennavigationssystem Glonass, Präzisionswaffen, satelliten- oder lasergesteuerte Geschosse, anti-radar Raketen und Drohnen standen nicht zur Verfügung. Fehlender Zugriff auf Satellitenbilder veranlassten die Russen einen Tupolev Tu-22 Bomber zur Aufklärung über Georgien einzusetzen, wo er schliesslich durch die georgische Luftabwehr abgeschossen wurde (Cohen und Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War”, S. 34f). Die eingesetzten Helikopter verfügten über keine Ausrüstung zur Freund-Feind-Erkennung und über kein Funksystem, welches mit den Bodentruppen interoperabel gewesen wäre, weshalb sie zur Luftnahunterstützung der Infanterie nicht eingesetzt werden konnten (Dale R. Herspring, “Is Military Reform in Russia for ‘Real’? Yes, But …”, in The Russian Military Today and Tomorrow: Essays in Memory of Mary Fitzgerald, Strategic Studies Institute, U.S. Army War College, 2010, S. 154). Ausserdem verfügten die Kampfflugzeuge nur über limitierte Fähigkeiten zur elektronischen Kriegsführung und sie konnten während der Nacht nicht eingesetzt werden. Trotzdem sicherte sich Russland die Luftüberlegenheit über das gesamte Gebiet, was aber durch die Tatsache, dass Georgien nur über 8 Kampfflugzeuge und 24 Helikopter verfügte und diese bewusst nicht einsetzte, keine aussergewöhnliche Leistung darstellte (Cohen und Hamilton, The Russian Military and the Georgia War, S. 37).

Ein Konvoi russischer Truppen auf dem Weg durch die Berge zum bewaffneten Konflikt nach Südossetien am 9. August 2008.

Ein Konvoi russischer Truppen auf dem Weg durch die Berge zum bewaffneten Konflikt nach Südossetien am 9. August 2008.

Während den fünf Kriegstagen verloren die russischen Streitkräfte sechs Kampfflugzeuge, wobei vier von den eigenen Truppen abgeschossen wurden (Bettina Renz und Rod Thornton, “Russian Military Modernization“, Problems of Post-Communism, vol 57, no. 1, Februar 2012, S. 48). Trotz fehlender Gegenwehr konnte die amphibische Operation in Abchasien nur mit Müh und Not durchgeführt werden. Dies war der Auslöser für den Kauf der französischen Mistral-Schiffe (Cohen und Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War”, S. 51). Bei 60-75% der eingesetzten Kampfpanzer handelte es sich um alte T-62, T-72M und T-72BM, welche über keine moderne Reaktivpanzerung, keine Nachtsichtausrüstung, keine fortschrittlichen Kommunikationsmittel und kein überlegenes Feuerkontrollsystem verfügten (Roger N. McDermott, “Russia’s Conventional Armed Forces and the Georgian War“, Parameters 39, Spring 2009, S. 72). Die sowjetische Einsatzdoktrin gegen die nach westlichen Massstäben trainierten und mit moderner Technologie ausgerüsteten georgischen Verbänden hatte desaströse Konsequenzen: Beinahe alle 30 Fahrzeuge der Kommandogruppe der 58. Armee wurden zerstört, dabei viele der Stabsoffiziere getötet oder verwundet, darunter auch der Kommandant (Cohen und Hamilton, “The Russian Military and the Georgia War”, S. 28f). Einzig die Luftlandetruppen und der Lufttransport von Mannschaft, Ausrüstung und Nachschub hatten im Kaukasuskrieg 2008 überzeugt.

We must focus on the modernization of our armaments. The Caucasian crisis, the Georgian aggression, and ongoing militarization make this task a top priority of our state. – Russischer Präsident Dmitry Medvedev am 11. September 2008 zitiert in Roger N. McDermott, “Russia’s Conventional Armed Forces and the Georgian War”, S. 68.

Einsatzdoktrin, Ausbildung, Führung, Ausrüstung und Infrastruktur der russischen Streitkräfte waren irgendwo zwischen 1970 und 1980 stecken geblieben (Herspring, “Is Military Reform in Russia for ‘Real’?”, 2010, S. 152-56). Das abgegebene Bild im Kaukasuskrieg 2008 stimmte nicht mit den Grossmachtsansprüchen der politischen und militärischen Führung überrein. Dieses bittere Eingeständnis ermöglichte die erste umfassende Reform, welche durch den Verteidigungsminister Anatoliy Serdyukov eingeleitet wurde. Mit der Reform sollten die Streitkräfte einsatzbereiter, mobiler und professioneller sowie technologisch besser ausgestattet werden (Bettina Renz, “Russian Military Capabilities after 20 Years of Reform“, Survival, vol. 56, no. 3, Mai 2014, S. 61). Dazu wechselte Serdyukov in einer ersten Phase von einem auf Divisionen zu einem auf Brigaden basierendem System. Dies sollte zu mehr Handlungsfreiheit, Flexibilität und Führbarkeit verhelfen. Gleichzeitig wurde der Personalbestand um rund 200’000 Mann reduziert. Es handelte sich dabei grösstenteils um reformkritische und ältere Offiziere (Keir Giles und Andrew Monaghan, “Russian Military Transformation – Goal in Sight?“, U.S. Army War College, Strategic Studies Institute, 2014, S. 7). Erst in einer zweiten Phase ging es um die Modernisierung der Waffensysteme, was sich jedoch als schwierig erwies. Die Eigenproduktionen basierten ausschliesslich auf sowjetischer Technologie, so dass einige Systeme aus dem Ausland beschafft werden mussten. Im Rahmen der Modernisierungsanstrengungen wurden bei den Bodentruppen ab 2010 mehr als 20’000 T-72 und T-80 Kampfpanzer sowie um die 18’000 Schützenpanzer verschrottet. Die verbleibenden Panzer wurden kampfwertgesteigert – beispielsweise der T-72 zum T-72B3. Insbesondere die Einheiten im südlichen Militärdistrikt wurden mit T-90A Kampfpanzer und BTR-82A Schützenpanzer ausgestattet (Keir Giles, “A New Phase in Russian Military Transformation“, The Journal of Slavic Military Studies, vol. 27, no. 1, January 2014, S. 153). In den Jahren 2011/12 wurden signifikant mehr Kampfflugzeuge an die Luftstreitkräfte ausgeliefert, welche jedoch mit keinen fundamental neuen Technologien aufwarteten. Auch der aus der Serdyukov-Reform stammende Suchoi Su-57 (aka PAK FA T-50) – gemäss russischen Angaben ein Kampfjet der 5. Generation – basiert prinzipiell auf sowjetischer Technologie (Vladimir Karnozov, “Russia places initial Production Order for Stealth Fighter“, Aviation International News, 03.07.2018). Wegen einer nach dem Kalten Krieg vernachlässigten Rüstungsindustrie und dem damit verbundenen Know-How-Verlust gab es bis zum Ende der Serdyukov-Reform grosse Defizite bei der Informations- und Radartechnologie sowie bei den Präzisionswaffensystemen (Jonas Grätz, “Russlands Militärreform: Fortschritte und Hürden“, hrsg. Christian Nünlist und Matthias Bieri, CSS Analysen zur Sicherheitspolitik, no. 152, April 2014, S. 4).

Im zweiten Teil geht es um die progressiv einsetzende Verbesserung der russischen Streitkräfte als Konsequenz der Militärreform, welches im Krieg in der Ukraine und in Syrien sowie in den Grossübungen der letzten beiden Jahren offensichtlich wurde. Schliesslich im dritten Teil wird die mögliche Weiterentwicklung der russischen Streitkräfte für die Zeitperiode bis Ende 2030 besprochen und ein abschliessendes Fazit gezogen.

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