Rezension: Sicherheitspolitik Verstehen

Von Marcus Seyfarth. Marcus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere deutsches und europäisches Verwaltungsrecht, von Prof. Ulrich Stelkens an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Als Mitgründer der Facebookgruppe “Sicherheitspolitik” engagiert er sich ehrenamtlich im sicherheitspolitischen Umfeld.

Sicherheitspolitik verstehenSicherheitspolitik ist gerade für Laien eine schwer zu durchdringende Materie. Mit einem knapp 200 Seiten starken Buch – unter dem Titel “Sicherheitspolitik verstehen: Handlungsfelder, Kontroversen und Lösungsansätze” – haben sich der Generalleutnant a.D. Kersten Lahl und Prof. Dr. Johannes Varwick von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der Aufgabe gestellt, die Grundlagen zum besseren Verstehen zu vermitteln.

Wie gut dies gelungen ist, soll in dieser kurzen Rezension einem prüfenden Blick unterzogen werden. Der Verlag hat uns hierzu dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Nachdem Deutschland in den 90er-Jahren von “Freunden umzingelt” war, ist im Zuge der letzten Dekade auch im allgemeinen Bewusstsein das Erfordernis einer aktiven Beschäftigung mit Sicherheitspolitik zurückgekehrt. Die Liste der gegenwärtigen sicherheitspolitischen Herausforderungen ist entsprechend lang, beginnend vor der südlichen Haustür Europas in Nordafrika, dem zunehmend aggressiveren Auftretens Russlands in Georgien (2008) und in der Ukraine (seit 2014), die nukleare Aufrüstung in Asien als auch dem jüngst angeschlagenen Verhältnis in den Beziehungen zu den USA. Dazu treten globale Phänomene wie internationaler Terrorismus, Staatszerfall und unkontrollierte Migrationsbewegungen, so dass auch die Autoren konstatieren: “Krisen kennzeichnen heute den Normalfall im internationalen Alltag – und Europa bleibt davon keineswegs unberührt”.

Umso wichtiger sei es den Autoren nach in der öffentlichen Debatte einen breiten und aufgeklärten Diskurs über die Hintergründe, Zusammenhänge, Perspektiven und Risiken zu führen, um eine hinreichende Akzeptanz für oft unbequeme politische Entscheidungen zu gewinnen. Die Autoren warnen eindringlich davor, dass dafür keine einfachen Patentrezepte existieren und viel von den gesetzten politischen Prioritäten und getroffenen Wertungen abhängt. Auch gäbe es immer z.T. erhebliche Ungewissheiten, so dass jegliches Handeln oder Unterlassen keine Erfolgsgarantie mitbringt.

Der Anspruch, den die Autoren bei der Vermittlung der Grundkenntnisse an sich selbst stellen, ist hoch. So heißt es im Vorwort, dass man “ohne dogmatische Verengung, aber auch ohne Scheu vor unbequemen Argumenten die enorme Komplexität heutiger Sicherheitspolitik für die Leserinnen und Leser reduzieren, strategische Zusammenhänge sichtbar machen und auf diesem Wege die Dialogfähigkeit in der öffentlichen Meinungsbildung stärken” will.

 
Gleich zu beginn werden 7 Thesen formuliert, welche einen Bogen das gesamte Werk hindurch spannen. Dazu gehört etwa, dass Prävention in aller Regel die effizienteste und wirkungsvollste Form der Sicherheitsvorsorge ist, ein vernetzter Ansatz aller Akteure und Instrumente unverzichtbar ist, viele verschiedene Perspektiven und Narrative zu berücksichtigen sind, Solidarität und Lastenteilung auch mitunter einen militärischen Beitrag Deutschlands erfordern und die Zukunft der europäischen Sicherheitsvorsorge in multilateralen Verbünden liegt. In sechs Kapiteln (Inhaltsverzeichnis siehe oben) werden jene Thesen weiter vertieft. Dabei wird zunächst ein Blick auf die Grundideen moderner Sicherheitsvorsorge geworfen, zudem wird herausgearbeitet was heute leistbar ist und wünschenswert wäre, und bei all dem die Suche nach der strategisch richtigen Balance bei der Ressourcenallokation nicht vergessen. Zudem wird ein Blick auf verschiedene Denkschulen geworfen, welche die Internationalen Beziehungen durchziehen. In weiteren Kapiteln werden konkrete “Treiber der Unsicherheit” beschrieben, u.a. Pandemien, Auseinandersetzungen um Ressourcen oder Flucht und Migrationsbewegungen oder strategische Handlungsfelder, Instrumente und Akteure der Sicherheitspolitik vorgestellt. Zuletzt wird der sicherheitspolitische Handlungsbedarf für Deutschland umrissen – in diesem Kapitel führt eine Analyse der gegenwärtigen Defizite auf eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen für die Politik.

Mit Ausnahme des letzten Kapitels endet jeder Abschnitt mit drei grundlegenden Diskussionsfragen, die sehr breit angelegt sind und ein wenig an eine mündliche Prüfung erinnern. Diese sollen neben der Festigung des Stoffes der Reflektion dienen.

Findet man im Buch leider nicht! Bilder sagen manchmal mehr als Tausend Worte!

Bilder sagen mehr als Worte!

Bewertung
Lobend ist die Zielsetzung sowie das Füllen der Lücke zu erwähnen sicherheitspolitischen Laien einen ersten Kompass mit auf den Weg zu geben. Das Werk bietet inhaltlich auch einen aktuellen Überblick über zentrale Aspekte der Sicherheitspolitik, deren Verständnis unverzichtbar für eine bessere Durchdringung gegenwärtiger Fragen sind.

Stellenweise sind die Ausführungen etwas knapp geraten und wohl dem Anliegen geschuldet, den Umfang des Werkes nicht zu stark ausufern zu lassen. Das ist grundsätzlich ein lobenswerter Gedanke. Doch fehlt es punktuell damit an Raum, um dem Stoff mehr Tiefe oder dem Leser weitere hilfreiche Erläuterungen zu geben. Inhaltlich könnte man etwa die Reformdiskussionen um die Vereinten Nationen weiter ausführen und die Fehler der gegenwärtigen Konstruktionen sowie mögliche Konzepte diese zu beseitigen noch umfassender heraus arbeiten. Dafür könnte in den ersten beiden theoretischen Kapiteln durch eine stärkere Konzentration auf das unbedingt Notwendige Platz geschaffen werden.

Das Lesevergnügen schwerwiegender beeinträchtigt, dass die Autoren dem Ziel der Komplexitätsreduzierung zumindest in sprachlicher Hinsicht nicht vollends gerecht geworden sind. Man muss es ganz offen sagen, die erzählerische Umsetzung ist – wie in der deutschen Fachliteratur leider üblich – über weite Strecken überaus abstrakt, distanziert und wissenschaftlich-professoral gehalten.

Auf die Bedürfnisse der nicht fachkundigen Leser könnten die Autoren durch eine stärkere sprachliche Vereinfachung und Prägnanz, einem bildhaften Erzählstil oder stellenweise tiefer gehenden Erläuterungen noch deutlich besser eingehen. Mit anderen Worten: Laien könnten bei der Reise auf fremdes Terrain noch besser mitgenommen werden. Dazu täte dem Werk die ein oder andere Tabelle oder Grafik zur besseren Übersicht gut, etwa um die Rüstungsausgaben und Kräfteverhältnisse zu veranschaulichen. In der gegenwärtigen Fassung ist das Werk damit eher einem akademischen Publikum mit großem Interesse und genügendem Vorwissen als Überblickswerk empfohlen, weniger der breiten Masse.

Lahl, Kersten und Varwick, Johannes: Sicherheitspolitik verstehen: Handlungsfelder, Kontroversen und Lösungsansätze. Frankfurt/M: Wochenschau Verlag, 2018.

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