Afghanistan: “Die Politik weigert sich, die eigenen Fehler, insbesondere das Fehlen einer Strategie der vergangenen 16 Jahre zuzugeben …”

Ein Interview mit dem deutschen Oberstarzt a. D. Dr. Reinhard Erös. Er errichtete und betreibt mit der Hilfe afghanischer Mitarbeiter und der von ihm und seiner Frau vor 15 Jahren ins Leben gerufene Familien-Initiative “Kinderhilfe Afghanistan” zahlreiche Bildungs- und medizinische Einrichtungen in Afghanistan. Das Interview wurde von Josef König, Chefredakteur von “Kompass. Soldat in Welt und Kirche“, Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die deutsche Bundeswehr, durchgeführt und in der Ausgabe Juli/August-Ausgabe 2018 veröffentlicht. Die Zweitveröffentlichung geschieht mit Erlaubnis von Josef König – vielen Dank.

Dr. Reinhard und Annette Erös beim Besuch einer der 29 Schulen in fünf afghanischen Provinzen, in denen die Oberpfälzer rund 60 000 Schülerinnen und Schüler unterrichten lassen.

Dr. Reinhard und Annette Erös beim Besuch einer der 29 Schulen in fünf afghanischen Provinzen, in denen die Oberpfälzer rund 60 000 Schülerinnen und Schüler unterrichten lassen.

König: Ihr Ziel ist es, realistische Perspektiven für eine friedliche Zukunft des Landes am Hindukusch zu bieten. Welche Erfahrungen haben Sie dabei bisher im Umgang mit afghanischen staatlichen Einrichtungen und Behörden gemacht?

Erlös: Um die Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Ich kenne Afghanistan nicht erst seit 15 Jahren. Schon 1985, während des sowjetischen Besatzungskriegs (1979–1989), habe ich mich – damals im Dienstgrad Oberfeldarzt – von der Bundeswehr unbezahlt beurlauben lassen, um in Afghanistan als Arzt zu helfen. Der Krieg hatte schon nach wenigen Jahren die medizinische Infrastruktur auf dem Land zerstört und fast alle Ärzte vertrieben. Laut einem Bericht des UNO-Menschenrechtsbeauftragten Professor Felix Ermakora lag die Ärztedichte damals bei 1:250’000 Einwohner. Unterstützt von Freunden aus dem Studium – ich hatte in den 70er Jahren in Freiburg Medizin und Politologie studiert –, gründete ich zunächst eine Hilfsorganisation und sammelte Spenden.

1985 zog ich dann mit meiner Frau und unseren vier kleinen Buben aus dem “Paradies Deutschland” nach Peshawar, in die “Vorhölle” des pakistanisch-afghanischen Grenzgebiets. Dort lebten damals ca. vier Millionen afghanische Flüchtlinge, die durch hunderte Hilfsorganisationen halbwegs gut versorgt waren. Meine Frau – sie ist Lehrerin – baute dort zunächst eine Schule auf, an der afghanische Flüchtlingskinder zusammen mit unseren eigenen Kindern unterrichtet wurden. Den Einsatz von Hilfsorganisationen in Afghanistan selbst – auch zur ärztlichen Versorgung – hatten die sowjetischen Besatzer verboten. Auf ausländische Ärzte waren sogar Kopfgelder ausgesetzt. Da ich zuvor nie im Land gewesen war, Sprache und Kultur nicht kannte, musste ich Aufbau und Einsatz der von mir geplanten medizinischen “Cross-Border-Organisation” mit Führern des afghanischen Widerstands vorbereiten und organisieren. Hierbei halfen mir die als Offizier und Arzt bei der Bundeswehr erlernten Fähigkeiten.

Eröffnung der 31. Schule in Afghanistan am 01. Dezember 2018.

Eröffnung der 31. Schule in Afghanistan am 01. Dezember 2018.

Unter dem Schutz paschtunischer Freiheitskämpfer überquerte ich in den Folgejahren regelmäßig zu Fuß und bei Nacht die 4’000 Meter hohen Berge des Hindukusch, arbeitete tagsüber versteckt in zerbombten Dörfern und Höhlen und versorgte mit primitivsten Mitteln vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen der paschtunischen Bergdörfer; immer unter dem Damoklesschwert der sowjetischen Luftwaffe. Ein Großteil meiner afghanischen Begleiter kam in diesen Jahren ums Leben. Ich erlernte die Landessprache Paschtu, habe die uns Europäern fremdartige Kultur zu verstehen und zu verinnerlichen versucht, und konnte so als einer der nur Handvoll ausländischen Ärzte das Vertrauen der Paschtunen gewinnen. Dieses Vertrauen hält bis heute an und ist ein entscheidendes Pfand beim Umgang mit afghanischen Offiziellen und beim Erfolg meiner jetzigen Arbeit in einer archaischen Welt.

Ende 1990 kehrte ich wieder nach Deutschland und zur Bundeswehr zurück. Von 1991 bis 1993 durfte ich, auch wegen meiner Erfahrungen in Afghanistan, als Kommandeur des Sanitätslehrbataillons die ersten außereuropäischen Auslandseinsätze im Iran und in Kambodscha führen. Als Dozent an der Führungsakademie 1996–1999 unterrichtete ich die angehenden Generalstabsoffiziere mit meinen Auslandserfahrungen sehr praxisnah in der Thematik “Interkulturelle Kompetenz als wesentliche Führungseigenschaft bei Auslandseinsätzen” und “Präven tion Posttraumatischer Belastungsstörungen beim Einsatz in fremden Kulturen“.

Ende 2003, zwei Jahre nach Beginn des von US-Präsident George W. Bush verkündeten “War on Terror” und der Erklärung des Bundeskanzlers Gerhard Schröder einer “uneingeschränkten Solidarität“, habe ich mich von der Bundeswehr vorzeitig pensionieren lassen, um in Afghanistan meinen “eigenen Krieg” zu führen. Einen “Krieg” an der Bildungsfront für die Kinder dieses geschundenen Landes. Dabei kommen mir meine Kontakte aus den 80er Jahren natürlich zu Gute. Seit 2003 habe ich im Paschtunen-Gebiet, in den ehemaligen Taliban-Hochburgen der Ostprovinzen, 30 Schulen für ca. 60’000 Buben und Mädchen, Computer-Ausbildungszentren, Berufsschulen für Solartechniker und Schneiderinnen, eine Universität und Mutter-Kind-Kliniken gebaut und eingerichtet. In diesen Einrichtungen finden mehr als 2’500 Afghanen und Afghaninnen Brot und Arbeit. Alle unsere Einrichtungen wurden und werden in enger Absprache und in Augenhöhe mit den Dorf- und Stammesältesten geplant, organisiert und betrieben. Ich gelte dort nicht als der “reiche Onkel” aus dem Westen, der von oben herab den “dummen” Afghanen mit Geld unsere westlichen Werte vermitteln will. Die afghanische Kultur ist Jahrtausende älter als die deutsche.

Auf sogenannten “militärischen Schutz” verzichten wir, denn diesen gibt es nicht. Unsere Sicherheit wird gewährleistet durch das Vertrauen, welches wir den Afghanen gegenüber zeigen und das wir von der Bevölkerung erfahren. Ein Vertrauen auf Gegenseitigkeit. Anders als bei den meisten Hilfsorganisationen werden unsere Projekte ausschließlich durch private Spenden, ohne öffentliche Mittel, finanziert. Die Afghanen wissen, wie mühsam ich bei inzwischen mehr als 3’000 Vorträgen und Veranstaltungen in ganz Europa Spenden akquiriere, und dass unsere Projekte z.B. von Schulklassen, Studentengruppen, Kirchengemeinden, sozialen Clubs und einfachen Leuten finanziert werden. Dies ist einer personenbezogenen Kultur wie die der Paschtunen von entscheidender Bedeutung. Ein strikter Verzicht auf Bakschisch und Korruption, persönlicher Einsatz, Sprachkenntnis und kulturadäquates Verhalten sind die entscheidenden Gründe, weshalb bislang keines unserer Projekte durch die Aufständischen bedroht oder gar zerstört wurde. Keiner unserer afghanischen Mitarbeiter kam durch die Taliban zu Schaden. “Mit Geld kannst du jeden Afghanen zwar bestechen, aber nie sein Vertrauen gewinnen”, lautet ein afghanisches Sprichwort.

König: Welche Rolle spielten und spielen Ihrer Meinung nach Wahlen in Afghanistan?

Erlös: In einer “Ranking-Liste” der für die Afghanen wesentlichen Probleme und Nöte rangiert die Bedeutung politischer Wahlen weit hinten. In Abwandlung des Wortes von Bertolt Brecht “Erst kommt das Fressen, dann die Moral” müssen Mütter und Väter täglich um das Überleben ihrer Kinder kämpfen. 40 Prozent aller Kleinkinder sind unterernährt. Zwei Drittel der Familien haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, 60 Prozent haben aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung. Ein Großteil der Jugendlichen findet keine Arbeit. Das Durchschnittseinkommen der Väter – falls sie überhaupt Arbeit haben – liegt bei 3 Euro pro Tag.

Nach den Erfahrungen der letzten Wahlen gilt im Land der traurige Satz: “Wie gewählt wird, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, wie ausgezählt wird.” Wahlbetrug, falsche Wahlversprechen und politische Korruption haben seit den Nationalwahlen 2005 die Masse der Afghanen zutiefst enttäuscht. Diese Enttäuschung bestimmt auch die zukünftigen Wahlen. Unsere westlichen Vorstellungen von kompetenten, uneigennützigen, dem Wohl des Landes verpflichteten Kandidaten (Parteien können nicht gewählt werden), sind vielleicht für die Intellektuellen in Kabul, vor allem aber für die wohlhabenden Afghanen und westliche Beobachter (!) von Bedeutung. Bei den über 70 Prozent Analphabeten im Land ist entscheidend, wer in ihren Gemeinden – zwei Drittel der Afghanen leben in Dörfern und Gemeinden – den Malik (Bürger- meister) stellt. Dieser muss in der Lage sein, mit persönlicher Autorität und den Machtmitteln Geld und Sicherheit die Probleme, Bedürfnisse und Nöte der Bewohner zu lösen. Den staatlichen Sicherheitskräften misstraut man zu Recht; die Polizei gilt als in weiten Teilen korrupt, die Armee erweist sich als unfähig. Sicherheit muss lokal und regional gewährleistet werden.

Die für die Bevölkerungsmehrheit entscheidenden Machtträger, die Bürgermeister in den 329 Distrikten, werden in Direktwahlen von der Shura, der männlichen Dorfgemeinschaft, nach oft tagelangen Diskussionen bestimmt. “Afghanistan ist groß und Kabul ist weit”, lautet ein weiteres typisch afghanisches Sprichwort. Wer bei den nächsten Nationalwahlen – falls diese überhaupt stattfinden – im Parlament sitzt oder Präsident wird, hat für die Mehrheit der Bevölkerung wenig bis gar keine Bedeutung. Die Sätze “Die in den Parlamenten und der Regierung in Kabul wollen sich nur bereichern, unsere Probleme interessieren dort doch niemanden. Und der Westen unterstützt und finanziert auch noch diese Verbrecher.”, höre ich regelmäßig bei meinen Besuchen im Land.

König: Noch einmal nachgefragt: Sind der Ausgang und das Ergebnis der diesjährigen Wahlen [Anmerkung offiziere.ch: fanden am 20./21.10.2018 statt] wichtig für Ihre vielfältigen Initiativen im Land?

Erlös: Nein. Wir werden unabhängig vom Ergebnis unsere bislang erfolgreiche Arbeit in enger Absprache mit den regionalen und religiösen Autoritäten fortsetzen. Für eine positive Entwicklung des Landes gilt: “Bildung, Ausbildung und fair bezahlte Jobs für möglichst Viele“. Vor 100 Jahren hat der deutsche Sozialdemokrat Karl Liebknecht den Satz formu- liert: “Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft.” Für das Afghanistan von heute trifft dieser Satz in besonderer Weise zu: “Nur eine gebildete Jugend garantiert eine gute Zukunft.”

König: Irgendwie, so scheint es, ist die Situation in Afghanistan seit dem Ende des ISAF-Einsatzes aus dem Blickfeld geraten. Ein großes öffentliches Interesse kann nicht mehr so recht registriert werden – außer es finden Selbstmordanschläge in Kabul oder anderswo statt. Wie kommt es Ihrer Meinung nach zu diesem Desinteresse – wohl nicht nur in Deutschland?

Erlös: Der Analyse stimme ich zu. Die Frage sollten Sie aber unseren Politikern und Medien stellen. Die Politik weigert sich, die eigenen Fehler – insbesondere das Fehlen einer Strategie in den vergangenen 16 Jahren – zuzugeben, und die Presse stürzt sich fast ausschließlich auf das Thema Anschläge der Taliban. 2017 kamen bei deren Anschlägen 605 Zivilisten ums Leben, 1’620 wurden verletzt. Kaum berichtet wird in unseren Medien dagegen, dass sich im selben Jahr die US-geführten Luftangriffe auf 4’361 gesteigert haben, bei denen mindestens 295 Zivilisten, meist Kinder und Frauen, getötet und mehr als 600 schwer verletzt wurden. Eine saubere Analyse der Fehler und Versäumnisse – in der NATO spricht man von “Lessons Learned” – haben bislang nur die USA mit dem “Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction” (SIGAR) und Norwegen erarbeitet und vorgelegt. In Deutschland, wo jedes Jahr der Bundes- und die Landesrechnungshöfe zwar ausführlich die Mängel im Inland veröffentlichen, fehlt bis heute ein Erfahrungsbericht zu Erfolg und Misserfolg des deutschen zivilen und militärischen Engagements am Hindukusch. Die mehr als 200’000 afghanischen Flüchtlinge seit 2014 allein in Deutschland sollten ausreichend Grund und Anlass sein, diesen Missstand endlich zu beenden.

This entry was posted in Afghanistan, Peacekeeping, Security Policy.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *