Neue Generation von Kampfflugzeugen: Su-35BM – Update 01

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 03. April 2008 erstellt. In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass Sukhoi an einem Kampfjet der 5. Generation mit Namen PAK FA T-50 arbeitet, auf den wir in einem späteren Artikel eingehen werden. Das Ziel dieses Updates ist den Status des Sukhoi Su-35 genauer unter die Lupe zu nehmen und dabei präziser zwischen den beiden Subvarianten zu unterscheiden. Schliesslich werden wir versuchen die Frage zu beantworten, weshalb bei der Evaluierung des Tiger-Teilersatzes kein russisches Kampfflugzeug in die Evaluierung aufgenommen wurde.

Die Kennung Su-35 (auch Su-35 Flanker E) tauchte erstmals 1992 auf, um die Exportchancen eines auf dem Design der Su-27 basierenden, russischen Kampfflugzeugs zu erhöhen. Im Gegensatz zur Su-27 wurde insbesondere die Manövrierbarkeit verbessert, wozu sie mit Entenflügel ausgestattet wurde. Wegen der ökonomische Krise in Russland nach Ende des Kalten Kriegs zog sich die Weiterentwicklung der Su-35 in die Länge, bis 2001 die Exportchancen schlecht standen. Eine in Mitte der 2000er-Jahre konzipierte Weiterentwicklung der Su-30MKI (Exportvariante der Su-30 für Indien, wobei MK für Modernizirovannyi Kommercheskiy Indiski steht = Modernized Commercial India) ohne Entenflügel wird von Sukhoi ebenfalls unter der Kennung Su-35 geführt, aber um Verwechslungen vorzubeugen in den meisten Quellen als Su-35BM (BM steht für Bolshaya Modernizatsiya = Big Modernization), Su-35M-1 oder Su-35S bezeichnet. Mit dem Vorgänger hat die Su-35BM das grundlegende aerodynamische und strukturelle Design gemein, wobei das Gewicht durch die Verwendung von Aluminium, Titan und Verbundswerkstoffen reduziert sowie die Aerodynamik verbessert werden konnte. Dadurch kann die Su-35BM 2’000kg mehr Treibstoff mit sich führen, was ihre maximale Reichweite mit zwei externen Tanks auf 4.500 km erhöht (Quelle: Flightglobal). Wie bereits die Su-30MKI verfügt sie über eine höhere Leistung als die früheren Su-35 Maschinen, wobei zwei Saturn 117S Triebwerke für je 86,3 kN (mit Nachbrenner je 142 kN) Schub sorgen. Sie erreicht damit jedoch nicht ganz die Leistung einer Lookhead Martin F-22. Gemäss Dr. Carlo Kopp von Air Power Australia verfügt die Su-35BM als erster nicht US-amerikanische Kampfjet über Supercruise-Fähigkeit. Teilweise wurde bei der Su-35BM Radarwellen absorbierendes Material (RAM) eingesetzt, was zwar den Radarquerschnitt verringert, jedoch noch nicht an die Stealthfähigkeit eines Kampfflugzeugs der 5. Generation heran kommt. Ebenfalls verbessert wurde die Avionik sowie die Radar- und Waffentechnologie. Gemäss der US-amerikanischen Einteilung der Kampfflugzeuge in Generationen (in Europa existieren teilweise andere Kriterien zur Einteilung) werden Kampfflugzeuge mit modernerer Avionik, neuerer Waffentechnologie und ersten Ansätzen von Stealth-Technologie (aber nicht “voll” stealthfähig) der 4.5 Generation zugerechnet, was auch für den Su-35BM zutrifft (vgl. auch “Su-35 multi-role Fighter“, Sukhoi Company). Bezogen auf die Leistung und wahrscheinlich auch technisch scheint der Su-35BM trotzdem diesen 4.5 Generationen Kampfjets (F/A-18E/F, Dassault Rafale, JAS 39 Gripen, Eurofighter Typhoon usw.) etwas überlegen zu sein (vgl.: Carlo Kopp, “Sukhoi/KnAAPO Su-35BM/Su-35-1/Su-35S Flanker“, Air Power Australia, August 2009). Planmässig sollte die Su-35BM die Lücke bis zur Serienproduktion der PAK FA T-50 ausfüllen, also bis zur Verfügbarkeit eines Kampfflugzeugs 5. Generation. (Quelle: “Sukhoi plans further Su-27 derivative“, Flightglobal, 06.09.2005).

Sukhoi strebt die Serienproduktion der Su-35BM noch in diesem Jahr an. Nach dem Georgienkrieg entschied die russische Regierung für rund 2,5 Milliarden US-Dollar neue Kampfflugzeuge zu beschaffen. Neben 12 Su-27SM3, 4 Su-30M2 sieht der am 18. August 2009 unterschrieben Vertrag auch die Lieferung von 48 Su-35BM vor, welche bis 2015 ausgeliefert sein sollen. Indien wäre ein wichtiges Exportland gewesen, doch mit dem Entscheid im November 2009 126 F/A-18E/F zu kaufen, ist die Su-35BM wohl endgültig vom Tisch. Ein weiteres wichtiges Exportland wäre Brasilien gewesen, doch im Oktober 2010 flog die Su-35BM neben dem Eurofighter Typhoon und dem Lockheed Martin F-16BR aus der F-X2 Kampfjet-Evaluation raus – Brasilien favorisiert derzeit die Anschaffung von 36 Dassault Rafale (Quelle: “Brazil’s F-X2 Fighter Competition“, Defense Industry Daily, 07.04.2010). Weitere mögliche ausländische Käufer der Su-35BM wären Venezuela, Syrien, Libyen und womöglich sogar China. (Quelle: “Sukhoi Su-35 4++ Generation Flanker“, Milavia, 18.02.2010).

Es gibt verschiedene Faktoren, weshalb keine russische Kampfflugzeuge bei der Evaluierung des Tiger-Teilersatzes berücksichtigt wurden:

  • Falsche Generation: Die Kampfflugzeuge in der Evaluierung zum Tiger-Teilersatz sind alle der 4.5 Generation zugehörig. Damit kommen die bekannten russischen Kampfflugzeuge MiG-29, Su-27 usw. für die Evaluierung nicht in Frage, da sie der 4. Generation zugehörig sind und sich somit auf dem technologischen Niveau einer F-15, F-16 oder F/A-18C/D befindet. Diese Generation basiert auf einem Kampfflieger-Design der 1970er, mit dessen langsamen Ausserdienststellung in den nächsten Jahren zu rechnen ist (vgl.: Rob Lechner und Carolynne Hiether, “Integrated Live Virtual Constructive Technologies Applied to Tactical Aviation Training“, 2008). Eine Liste möglicher russischen Kandidaten zur Evaluierung reduziert sich also auf den Su-35BM, weil er mit modernerer Avionik, neuerer Radar- und Waffentechnologie sowie ersten Ansätzen von Stealth-Technologie den anderen Kandidaten ebenbürtig, womöglich sogar überlegen sein könnte. Doch es gibt noch weitere Ausschlusskriterien als nur das technologische Niveau.
  • Fehlende Serienproduktion: Mit der Bewilligung von 8 Millionen Franken trat der Tiger-Teilersatz im Juni 2007 in seine Evaluierungsphase. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Entscheid, welche Kampfflugzeuge evaluiert werden sollten, im Verlauf des Jahres 2006 getroffen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Su-35BM noch in ihrer Entwicklungsphase (Erstflug: 19. Februar 2008).
  • Ungenügende Zuverlässigkeit der Lieferanten: Ein generelles Ausschlusskriterium für die Evaluierung eines russisches Kampfflugzeugs war auch die schlechte Ersatzteilversorgung. Deutschland macht mit den von der Deutschen Demokratischen Republik übernommenen MiG-29 in Bezug auf die Reparaturanfälligkeit, den Betriebskosten und der Ersatzteilbeschaffung schlechte Erfahrungen. Österreich testete die MiG-29 im Rahmen ihrer Kampfjetbeschaffung und erachtete das Resultat als nicht befriedigend. Trotzdem blieb die MiG-29 bis Mitte Januar 2001 im österreichischen Beschaffungsprogramm enthalten, schied aber schliesslich wegen ungenügender Absicherung der Materialversorgung während der gesamten vorgesehen Nutzungsdauer aus. (Quelle: Martin Rosenkranz, “Österreich kauft Abfangjäger“). Ob diese Probleme mit der Materialversorgung immer noch bestehen, ist schwierig zu beurteilen. Einerseits bestätigte mir im Frühling diesen Jahres ein ungarischer Offizier, dass sie früher bei ihren, immer noch im Einsatz stehenden MiG-29 tatsächlich Probleme mit der Ersatzteilversorgung hatten, dass es aber nun zu keinen Versorgungsproblemen mehr käme. Andererseits wollte sich auch Brasilien nicht mehr für die Beschaffung eines russischen Kampfflugzeugs entscheiden, wobei die schlechte Ersatzteilversorgung ein Faktor für diesen Entscheid ausmachte (Quelle: “Brazil’s F-X2 Fighter Competition“, Defense Industry Daily, 07.04.2010).
  • Interoperabilität: Was die Interoperabilität und die Kompatibilität zu den in der Schweiz bestehenden Waffensystemen angeht, ist es fragwürdig inwieweit ein russischer Kampfjet mit den anderen im Evaluationsprogramm befindlichen Kampfflugzeugen mithalten könnte. Ausserdem ist die Su-35BM wie die F/A-18E/F eher zu gross konzipiert für unsere bereits bestehenden Infrastrukturen (die Su-35BM ist grösser als der F/A-18E/F).

Nachgefragt beim Generalsekretariat VBS (16.04.2008)

Frage: Aus welchen Gründen wird beim Tiger-Teilersatz auf die Evaluierung eines russischen Kampfflugzeugs verzichtet?

Antwort von Sebastian Hueber, Sprecher VBS:
Es werden Flugzeuge evaluiert, welche für die Luftwaffen der Herstellerländer in Produktion stehen, 2008 in der Schweiz erprobt und im Herbst 2010 bestellt werden können. Die vier Typen Eurofighter, F/A-18E/F, Gripen und Rafale sind die einzigen Kandidaten auf dem Markt, welche im Einklang mit der Strategie stehen. Nicht mit einbezogen wurden der F-22 und der F-35. Der F-22 Raptor als Nachfolger des F-15 deckt ein Leistungsspektrum ab, welches ausserhalb der Möglichkeiten der Schweiz liegt. Der F-35 Joint Strike Fighter steht noch in Entwicklung und steht damit im Widerspruch zur Strategie.
Die Schweiz hat in der Vergangenheit Kampfflugzeuge aus Grossbritannien, Frankreich und den USA beschafft. Die Beschaffung eines Kampfflugzeugs aus Russland, und vor allem seine Integration in die Infrastruktur der Luftwaffe, wäre Neuland mit Unbekannten und Risiken. Bisher haben keine west- und mitteleuropäischen Staaten russische Kampfflugzeuge beschafft. Die deutsche Luftwaffe übernahm nach der Wiedervereinigung die ostdeutschen MiG-29, musterte sie aber nach wenigen Jahren wieder aus, weil die Instandhaltungskosten sehr hoch und die Beschaffung von Ersatzteilen schwierig waren.
Mit den vier in der Evaluation stehenden Typen ist ein echter Wettbewerb sichergestellt, welcher zu den bestmöglichen Preisen führt und mit der Erprobung in der Schweiz kann der operationelle Nutzen unter Schweizer Einsatzbedingungen ermittelt werden. Das daraus entstehende Evaluationsdossier wird der Schweiz ermöglichen dasjenige Modell auszuwählen, welches den besten Gegenwert für die investierten Mittel bietet.

 

Und hier die Flugzeugdaten im Überblick (Quelle: KNAAPO, “Su-35 – Single-seat multi-functional super-maneuverable fighter“, 2010):

Kenngrösse Daten
Typ:  Mehrzweckkampfflugzeug / Luftüberlegenheitsjäger
Länge:    21,9 m
Flügelspannweite:    15,30 m
Höhe:    5,9 m
Leermasse:  25.300 kg
max. Abflugmasse:  34.500 kg
max. Waffenlast:  8.000 kg
max. Treibstofflast (ohne Zusatztanks):  11.500 kg
g-Limits:    9 g
Marschgeschwindigkeit:  1,400 km/h
Höchstgeschwindigkeit:  ca. 2.095 km/h; Mach 2,3
Dienstgipfelhöhe:  18.000 m
Einsatzradius:  1.580 km (mit internem Treibstoff)
Flugreichweite:  4.500 km (mit zwei externen PTB-2000 Treibstofftanks)
Bewaffnung:    12 Aufhängungen, wobei 2 an den Flügelseiten. Mögliche Last: Mittelstrecken- und Langstrecken-Raketen der Wympel R-27 – Familie, Kurzstrecken-Luft-Luft-Raketen R-73 – Familie, Marschflugkörper der Kh-59 – Familie, Luft-Boden-Raketen bzw. Antischiffs-Rakete der S-25, Kh-29 und Kh-31 – Familie, lasergelenkte Bombe LGB-250, KAB-500, KAB-1500, ungelenkte 250kg sowie 500kg Bomben, Zusatztanks, EloKa- und Aufklärungsbehälter. (Vgl.: Carlo Kopp, “Sukhoi/KnAAPO Su-35BM/Su-35-1/Su-35S Flanker“, Air Power Australia, August 2009).
Eine Revolverkanone vom Typ Grjazew-Schipunow 30mm-Kanone GSh-301 (9A-4071K) mit bis zu 150 Schuss.

Triebwerk:  zwei Saturn 117S Triebwerke mit je 86,3 kN (mit Nachbrenner je 142 kN)
Stückpreis:  unbekannt

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