Raketenschutzschild der NATO im Osten: Putins Ärger

von Oberst aD Gregor Anton Roos, ehemaliger Verteidigungsattaché in Wien, Belgrad und Prag.

Radar, Rechner und Raketen der NATO auf dem Militärstützpunkt Deveselu bei Bukarest: Mitte Mai wurde im Beisein von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Rumänien ein neues Raketenabwehrsystem in Betrieb genommen. Russland hat mit heftiger Kritik reagiert.

raketenabwehr

Aus der Sicht der NATO
Für Stoltenberg ist die Inbetriebnahme ein wichtiger Schritt, weil es das erste System dieser Art an Land ist, das in Europa in Dienst geht. Es vereint die drei R (Radar, Rechner und (Abfang-)raketen). Wenn die Staats- und Regierungschefs heute in Warschau zum NATO-Gipfeltreffen zusammenkommen, können Fortschritte beim 2010 in Lissabon auf US-Betreiben beschlossenen Aufbau einer NATO-Raketenabwehr als Speerspitze realisiert werden. In Warschau soll das Projekt weiter vorangetrieben werden und ab 2020 vollständig zur Verfügung stehen.

Schon jetzt sind im spanischen Rota vier US-Schiffe mit Raketenabwehrsystemen im Einsatz. Hinzu kommt eine Frühwarn-Radarstation in der Türkei. Die Kommandozentrale befindet sich auf dem US-Stützpunkt in Ramstein in Deutschland. Schon im Jahre 2018 soll in Polen eine weitere Anlage dieser Art in Betrieb gehen (siehe Graphik Raketenabwehr der NATO).

Das alles diene dem Schutz der Bevölkerung vor den zunehmenden Bedrohungen durch die Verbreitung von ballistischen Raketen aus dem Iran und dem Nahen Osten, wie auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales festgehalten wurde.

Als Wende im Jahre 2014 und als Reaktion auf die Annexion der Krim und den von Russland geschürten Krieg in der Ostukraine hatte die Allianz die praktische Zusammenarbeit mit Russland eingestellt und sich wieder auf Abschreckung in Richtung Osten eingestellt. Es gehe um den Schutz der östlichen Bündnispartner vor einer russischen Aggression angesichts der NATO-Osterweiterung, wobei die Aufnahme des Balkanstaates Montenegro am 19. Mai 2016 beschlossen wurde. In ihrer Beziehung zu Russland kommt aber Bewegung, da beschlossen wurde, den NATO-Russland-Rat einzuberufen und zweigleisig zu agieren: Abschreckung verbunden mit politischem Dialog.

Aus der Sicht Russlands
Der russische Präsident Wladimir Putin sieht in den Schutzschildplänen der NATO eine Unterminierung der globalen Stabilität und die Gefährdung des bei den Nuklearraketen bestehenden Gleichgewichtes. Er sieht darin einen Akt der Feindseligkeit, welcher gegen sein Land gerichtet sei und betrachte dies als “Streben nach absolutem Triumph“. Für Russland ist dies der willkommene Anlass, das eigene Atomwaffenarsenal aufzurüsten. Dabei betonen russische Armeeexperten, der Raketenschirm der NATO könne den strategischen russischen Atomwaffen kaum etwas anhaben. Die neuen russischen “Hyperschall-Raketen” würden alle Abwehrschilde in Europa wie in den Staaten nivellieren. Es sei unmöglich, diese tonnenschweren Meteoriten aufzuhalten, die mit 15-facher Schallgeschwindigkeit vom Himmel stürzen wie die X-101-Luft-Boden-Raketen der Tu-160-Bomber. Und gemäss Aussagen des Kommandeurs der Raketenstreitkräfte, Generaloberst Sergei Karakajew, werde man den Anteil moderner Raketen bis 2022 von heute 56% auf 100% steigern. Die schweren ballistischen Satan-Raketen würden durch Jars-, Bulawa- und vor allem Sarmat-Komplexe ersetzt, die als eigentliche “Raketenabwehrkiller” gelten und allen westlichen Gegenstücken um 30 Jahre voraus seien.

Russland rüstet weiterhin auf: Bis zum Jahre 2020 sollen die russischen Landstreitkräfte mehr als 11’000 neue gepanzerte Kampffahrzeuge sowie rund 14’000 weitere Militärfahrzeuge erhalten.

[…] it is important to keep in mind that Gerasimov is simply explaining his view of the operational environment and the nature of future war, and not proposing a new Russian way of warfare or military doctrine, as [Gerasimov’s] article was likely drafted well before the start of the Maidan protests. — Charles K. Bartles, “Getting Gerasimov Right“, Military Review 96, January-February 2016, p. 31.

“Gerasimov-Doktrin”
General Wladimir Gerasimov ist seit 2012 Generalstabschef der russischen Streitkräfte. Seine “Eckwerte der Gerasimov-Doktrin” sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Sie fanden zum Teil bereits Anwendung in der Ost-Ukraine, wo Russland den Krieg schürt, und bei der Annexion der Krim. Diese “Doktrin” zeigt klar auf, wie strategisch und taktisch gegenüber einem Angreifer oder gegen Terroristen vorgegangen werden soll.

Gemäss Jānis Bērziņš, Direktor des Center for Security and Strategic Research der National Defence Academy of Latvia können sie wie folgt dargestellt werden (Jānis Bērziņš, “Russia’s New Generation Warfare in Ukraine: Implications for Latvian Defense Policy“, National Defence Academy of Latvia, Center for Security and Strategic Research, Policy Paper, no. 2, April 2014, p. 4; diese Sichtweise wird offensichtlich auch vom Chef der Armee, Korpskommandant André Blattmann geteilt):

  • Start der militärischen Operationen zu Friedenszeiten durch bewaffnete Gruppen (keine Kriegserklärung);
  • Führung der Kräfte im Rahmen einer gemeinsamen Informationssphäre;
  • Bewaffnete Zusammenstösse zwischen hoch-mobilen gemischt regulär-irreguläre Gruppierungen;
  • Vernichtung des gegnerischen militärischen und wirtschaftlichen Potentials durch kurzfristige präzise Schläge gegen strategische militärische und zivile Infrastruktur;
  • Simultane Angriffe auf die gegnerischen Kräfte und die gegnerische Infrastruktur im gesamten Territorium;
  • Massiver Einsatz von hochpräzisen Waffen und SOK, Robotern und Waffensystemen, die nach “neuen” physikalischen Prinzipien wirken (Laser, Strahlung etc.);
  • Einsatz von bewaffneten Zivilisten (vier Zivilisten auf einen Militärangehörigen);
  • Simultaner Kampf zu Lande, zu Wasser, in der Luft und in der Informationssphäre;
  • Einsatz unkonventioneller und indirekter Aktionsformen.

Weitere Informationen
Gemäss Charles K. Bartles, russischer Linguist und Analyst am Foreign Military Studies Office am Fort Leavenworth sei die westliche Auffassung falsch, dass es sich bei der “Gerasimov-Doktrin” um eine neue Art der russischen Kriegsführung und um eine neue russische Militärdoktrin handle. Seine Ausführungen würden bloss seine persönliche Sichtweise auf das operationelle Umfeld und auf die Natur zukünftiger Kriege erklären (siehe Zitat oben).

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