Tiger Teilersatz: Saab JAS-39 Gripen

Ein Gastbeitrag von Patrick Truffer

Gripen NG Demonstrator (MS 21)
Copyright Saab AB, Per Kustvik

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 09. September 2007 erstellt. In den letzten 2,5 Jahren hat sich einiges bei der Beschaffung eines Tiger Teilersatzes geändert, so dass beispielsweise den Anschaffungs- und Betriebskosten ein noch viel grösseres Augenmerk gewidmet werden muss. Schon lange geht es nicht mehr darum, was für ein Kampfflugzeug die Luftwaffe sich wünscht, sondern welches sich die Schweizer Armee überhaupt leisten kann. Dies zeigt sich eindrücklich in der Abnahme der Beschaffungsmenge: vor rund 3 Jahren wollte das VBS zum Ersatz der 54 F-5 Tiger 33 Kampfflugzeuge, vor rund 1,5 Jahren wurde aus finanziellen Gründen die Anzahl auf 22 Ersatzflugzeugen reduziert. Schliesslich gab Nationalrat Thomas Hurter (SVP, SH) anfangs Woche bekannt, dass er zuversichtlich sei, dass der Bundesrat diesen Mittwoch die Beschaffung von 10-12 Kampfjet beschliessen werde. Die Sitzung des Bundesrates ist nun bereits zwei Tage her und der Entscheid zur Kampfjet-Beschaffung wurde auf den Herbst verschoben. Bundesrat Ueli Maurer versicherte danach noch einmal, dass alle Optionen offen seien, “vom Übungsabbruch bis zum Kauf von 100 Stück” (Quelle: “Entscheid zu Kampfjets erst im Herbst“, NZZ, 24.06.2010). Da auch über die möglichen Kandidaten des Tiger Teilersatz heute mehr Informationen verfügbar sind als vor 2,5 Jahren, ist der Zeitpunkt gekommen noch ein letztes Mal die verbleibenden 3 Kandidaten Revue zu passieren. In 3 Artikeln will ich die Informationen über die sich noch im Rennen befindlichen Kandidaten auffrischen.
 
Beim Saab Gripen war über die letzten 2,5 Jahren eine Weiterentwicklung zu beobachten. Ursprünglich wurden der Armasuisse 22 JAS 39C/D Gripen zum Preis von 1,8 Milliarden Franken angeboten. In Schweden selber wird diese C/D-Version der Gripen als Modulsystem 19 (MS 19) bezeichnet. Mit dem Start des Gripen Demonstrator-Programms (Gripen NG) und mit den Verbesserungen, welche im Rahmen der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation umgesetzt wurden, offeriert Saab der Armasuisse in der finalisierten Offerte vom November 2009 22 Flugzeuge des Modulsystems 21 (MS 21) zum Preis von 2,2 Milliarden (vgl.: “Tiger-Ersatz bald wieder Thema im Bundesrat“, NZZ, 29.05.2010; gemäss Informationen von Saab wurden der Armasuisse verschiedene Vorschläge unterbreitet, welche unabhängig vom Flugzeugtyp gültig sind). Bei den offerierten Preise handelt es sich um Systemverkaufspreise, in welchen Ersatzteile, Waffen, Betriebskosten usw. nicht enthalten sind. Vermutlich unter diesem Gesichtspunkt ist Maurers Aussage Mitte April zu verstehen, dass der Kauf von 22 neuen Kampfjets nicht wie ursprünglich angenommen 2,2, sondern 3,5 bis 5 Milliarden Franken kosten würden. Die Armasuisse selber hat das MS 19 evaluiert, da es sich jedoch beim MS 21 nicht um ein neues Flugzeugdesign, sondern um eine technologische Verbesserung handelt, akzeptierte die Armasuisse die finalisierte Offerte. Gemäss Niels Fischer, Direktor des Gripen International Liaison Office handelt es sich dabei um einen normalen Entwicklungsprozess, welcher auch bei den anderen Herstellern erfolgt und von der Armasuisse von Beginn an berücksichtigt wurde. Die bedeutendste Verbesserung beim MS 21 liegt an seinem Triebwerk: neu ist ein General Electric F414G Mantelstromtriebwerk eingebaut, das nicht nur mehr Leistung, sondern auch Supercruise-Fähigkeit aufweist (am 21. Januar 2009 praktisch vorgestellt).
 

To show potential customers that Gripen can supercruise is an important milestone and to perform this activity only nine months after the Gripen Demonstrator was shown in public for the first time, is something that few, if any aircraft can beat. — Bob Kemp, Gripen International Marketing Director.

Weiter wurde beim MS 21 ein neues Fahrwerk eingebaut, welches eine Vergrösserung des Tankraums und somit eine höhere Reichweite bzw. eine längere Verweilzeit ermöglichte. Und schliesslich wird das MS 21 mit einem Active Electronically Scanned Array (Raven AESA) ausgeliefert. Dazu haben Saab AB und SELEX Galileo eine gemeinsame Entwicklungspartnerschaft vereinbart. SELEX Galileo ist ein bedeutender Zulieferer der Avionik des Eurofighters. Im Vergleich des Gripen mit den anderen Mitkonkurrenten, müssen also die Leistungen des MS 21 herangezogen werden und nicht die des ursprünglichen JAS 39C/D Gripen.
 
Einiges hat sich jedoch während den letzten 2,5 Jahren nicht geändert: die Saab JAS-39 Gripen ist der kleinste Kandidat in der Evaluierung zum Tiger Teilersatz. Ausserdem verfügt sie im Gegensatz zu den anderen Kandidaten nur über ein Triebwerk. Gemäss Anders Carp, Direktor für die Gripen-Kampagne in der Schweiz ist die Motortechnologie von heute so sicher, dass einstrahlige Kampfflugzeuge im Vergleich zu den zweistrahligen Maschinen kein Sicherheitsdefizit mehr aufweisen. Bei derzeit über 130’000 Flugstunden kam es bei der Gripen zu keinen Verlusten aufgrund eines Motorversagens. Dass Sicherheitsbedenken bei einstrahligen Maschinen nicht notwendig sind, wird in der Praxis auch durch die einstrahlige und sehr erfolgreichen Lockheed Martin F-16 bewiesen. Mit der Hawker Hunter und der Dassault Mirage III verfügte die Schweizer Luftwaffe bereits in der Vergangenheit über einstrahlige Kampfflugzeuge und machte damit keine schlechten Erfahrungen. Schliesslich hat Lockheed Martin auch bei der F-35 auf einen einstrahligen Antrieb gesetzt. Der Vorteil bei einem einstrahligen Kampfflugzeug liegt bei den deutlich tieferen Anschaffungs- und Betriebskosten. Lennart Sindahl, stellvertretender Konzernchef von Saab und Direktor des Bereichs Aeronautics versicherte in einem Interview mit Eco (siehe Videomitschnitt unten), dass die Betriebskosten über 30 Jahre berechnet rund 2 Milliarden günstiger kommen, als bei der Anschaffung eines Konkurrenzprodukts. Gemäss diesem Beitrag würde Saab der Schweiz sogar die Betriebskosten für die nächsten 30 Jahre schriftlich garantieren. In einer anfangs Jahr durchgesickerten Zusammenfassung der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation würde das brasilianische Luftwaffe die Saab Gripen NG wegen den tieferen Anschaffungs- und Betriebskosten der Dassault Rafale und der Boeing F/A-18E/F Super Hornet Block II vorziehen (Quelle: “Leaset report: Brazilian air force ‘wants Gripen‘”, Flightglobal, 08.01.2010).

Ein einstrahliges Kampfflugzeug verbraucht ausserdem weniger Kraftstoff und produziert weniger Emissionen – auch bezüglich Lärm. Bei maximaler Antriebsleistung (mit oder ohne Nachbrenner) ist die Gripen C/D (die Gripen NG wurde nicht von der Armasuisse getestet) leiser als ihre Konkurrenten (Quelle: Robert Wall und Douglas Barrie, “Fighter Competition Timelines In Doubt“, Aviation Week, 11.02.2010). Trotzdem sind gemäss Angaben der Armasuisse die Lärmemissionen aller drei Tiger Teilersatz-Kandidaten höher als diejenigen des Northrop F-5 Tiger und liegen auf dem Niveau des McDonnell Douglas F/A-18 C/D. Gemäss Max Ungricht, Chefredakteur von Cockpit werde die geringere Leistung des einstrahligen Kampfjets durch ein geringeres Gewicht kompensiert, so dass die Gripen über eine vergleichbare Steigleistung wie die Konkurrenz verfüge. Weitere Vorteile des Gripen liegen in der hohen Zuverlässigkeit, der relativ einfachen Wartung und in der Robustheit. So ist die Gripen für einen harten Wintereinsatz ausgelegt und kann auch von Behelfspisten, Autobahnen und schmutzigen Strassen starten bzw. landen. Gemäss Carp setze Schweden wie die Schweiz mit ihrem Milizprinzip hauptsächlich Wehrpflichtige für die Wartung ein, was bedeute, dass sämtliche Wartungsarbeiten lediglich die Anwesenheit eines Technikers erfordere, der die Wartung hauptsächlich in überwachender Funktion unterstützte. Dies ermögliche einen kostengünstigen und zügigen Wartungsablauf mit möglichst wenig Bodenpersonal. Betreffend der Zukunftssicherheit des Gripen brachte das schwedische Parlament seine Entschlossenheit zum Ausdruck, den Gripen für Jahrzehnte als Hauptträger seiner Verteidigungsanstrengungen einzusetzen und dessen Weiterentwicklung auch über das Jahr 2040 hinaus zu unterstützen. Welchen Weg diese Weiterentwicklung nehmen soll, kann anhand des Gripen NG Demonstrator festgestellt werden. Neben den bereits implementierten und weiter oben erläuterten Weiterentwicklungen soll die Gripen NG zusätzlich ein neues Satelliten-Kommunikationssystem und ein elektro-optischen Raketenwarnsystem umfassen (vgl.: “Gripen NG Angebot für Brasilien“, Saab AB, 02.02.2009). Bei der Wahl des Tiger Teilersatz darf auch mögliche Kooperationsangebote, wie beispielsweise Trainingsmöglichkeiten in Schweden und angebotener Technologie-Transfer nicht vernachlässigt werden. Ausserdem werden von Saab AB Kompensationsgeschäfte von mindestens 100% in Aussicht gestellt.
 
Und hier die Flugzeugdaten im Überblick (wenn nichts angegeben, stammen die Daten aus den offiziellen Unterlagen von Saab AB):

Kenngrösse Daten
Typ: Mehrzweckkampfflugzeug
Länge: 14,10 m (Zweisitzer: 14,80 m)
Flügelspannweite: 8,40 m
Flügelfläche: 25,45 m²
Höhe: 4,50 m
Leermasse: 7’000 kg
Mitgeführter Treibstoff (intern): 3’500 kg
max. Ladegut (Waffen, externe Treibstofftanks): 6’000 kg
max. Abflugmasse: 16.500 kg
Marschgeschwindigkeit: Mach 1,2 (1.470 km/h)
Höchstgeschwindigkeit: Mach 2 (Supercruise)
Steigleistung: 254 m/s (Angabe für MS 19)
Dienstgipfelhöhe: 18.000 m (Quelle: Wikipedia)
Einsatzradius: 800 km (für MS 19; Quelle: “Kurzstartfähig und mit viel Upgrade-Potenzial”, NZZ, 16.04.2008)
Flugreichweite: 4.000 km
Verweilzeit: rund 2h
Schub-Gewicht-Verhältnis: Maximal (Leergewicht): 1,42 (eigene Berechnung)
Nominal (normales Startgewicht): 0,95 (eigene Berechnung)
Minimal (maximales Startgewicht): 0,60 (eigene Berechnung)
Besatzung: Es gibt eine Einsitzer- sowie eine Zweisitzerversion.
Bewaffnung: Eine 27 mm Mauser BK-27 Kanone. Zehn Aufhängungen für Missiles, Bomben und Aussentanks.
Triebwerk: Ein General Electric F414G Mantelstromtriebwerk mit max. 98 kN Schub.
Systempreis: um 100 Mio. SFr

Legende
Diagramm Mitte rechts: Emissionsdiagramm für den Gripen C⁄D: schwarz ist ohne Nachbrenner, rot ist mit Nachbrenner (Quelle: Jürg Weber, Daniele Tamburini, Fabio Antognini, “Lärmmessungen 2008“, Medienkonferenz, 2.12.2009).

Quellen
Robert Kühni, “Interview mit Anders Carp, Director Gripen für die Schweiz“, FliegerWeb, 29.11.2009.

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