Nach Rückschlägen in ihrer Hochburg terrorisieren Islamischer Staat und Al-Shabab im Ausland

von Peter Dörrie

A French police officer assists a blood-covered victim near the Bataclan concert hall following attacks in Paris, Nov. 14, 2015.

A French police officer assists a blood-covered victim near the Bataclan concert hall following attacks in Paris, Nov. 14, 2015.

Inmitten des Entsetzens über die Terroranschläge von Paris fiel die Aufmerksamkeit der Online-Community auf einen sieben Monate zurückliegenden BBC-Artikel, der über einen Terroranschlag auf den Universitäts-Campus in der kenianischen Stadt Garissa berichtete. Der erneut in Umlauf gebrachte Artikel erreichte viermal so viele “Klicks” wie zur Zeit seiner Veröffentlichung. Dabei wurden Parallelen zwischen den 147 Toten (unter ihnen größtenteils Studenten) in Garissa und den 129 Opfern in Paris gezogen (“BBC Trending: Millions are sharing attack stories that aren’t about Paris“, BBC News, 16.11.2015).

Das Garissa-Attentat wurde nicht von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), sondern von der somalischen Islamistengruppe Al-Shabab verübt. Neben Boko Haram, aus deren Reihen einige Splittergruppen der IS die Treue geschworen haben, stellt Al-Shabab die aktivste und möglicherweise einflussreichste terroristische Organisation in Afrika dar.

Trotz ihrer unterschiedlichen Ursprünge teilen beide Gruppen einige erstaunliche Parallelen — und einige wichtige Unterschiede.

Zum einen ist der Islamische Staat in der westlichen Welt erheblich bekannter, obwohl die Anschläge von Al Shabab nicht weniger grausam oder tödlich sind. “Es ist ein wiederholtes Beispiel, wie wenig Aufmerksamkeit Anschlägen außerhalb der ‘westlichen Welt’ gezollt wird — oder wie manche sagen [ein Beispiel für] die ‘selektive Empörung‘, schreibt Lily Kuo im Quartz. “Die Leser dachten, es sei eine neue Geschichte, weil es das erste Mal war, dass sie davon gehört haben”.

Doch waren die Anschläge in Garissa und in Paris das Ergebnis ähnlicher Dynamiken. Sie waren beide die öffentlichkeitswirksamsten Aktionen der zwei Gruppen, jedoch bei Weitem nicht die ersten. Der IS wird für mindestens 16 verübte oder geplante Anschläge außerhalb seines Operationsgebietes in Syrien und dem Irak in Verbindung gebracht. Zuletzt erklärte der IS seine Verantwortung für Selbstmordattentate im Libanon, der Türkei und für die Zerstörung des russischen Flugzeugs über Ägypten. Mehr als 400 Menschen wurden bei diesen Anschlägen getötet, Hunderte weitere verletzt.

A mother grieves after learning her son died in the terror attack on Garissa University College on April 3, 2015 (Photo: Ben Curtis/AP).

A mother grieves after learning her son died in the terror attack on Garissa University College on April 3, 2015 (Photo: Ben Curtis/AP).

Al-Shabab kann im Hinblick auf internationale Aktionen auf eine weitaus längere Vergangenheit, bis hin zu den Bombenanschlägen in Kampala 2010, zurückblicken. Von Al-Shabab unterstützte Selbstmordattentäter nahmen die Zuschauer der Fußball-Weltmeisterschaft in der Hauptstadt Ugandas ins Visier und töteten dabei mindestens 74 Menschen. 2013 verübten Kämpfer von Al-Shabab ein Massaker an Zivilisten in der Westgate Shopping Mall von Nairobi, wobei 67 Menschen (die Terroristen mit eingeschlossen) getötet.

Die Vorgehensweise dieser Angriffe war dabei sehr ähnlich – Einzelpersonen oder kleine Gruppen von Angreifern, bewaffnet mit Sprengstoff und Sturmgewehren zielen auf belebte Orte, an denen große Menschenmengen anzutreffen sind. Solche Ziele, z.B. Bars, Konzerte oder Einkaufszentren sind oftmals nicht entsprechend gegen Angriffe gesichert, aus dem einfachen Grund weil sie es nicht sein können.

Während westliche Berichterstattung – und auch die Terroristen selbst – immer wieder Wege finden, diese Orte als Symbole “westlichen Lebensstils” darzustellen, scheinen operative Kriterien in diesen Fällen die Symbolkraft von Anschlagszielen auszustechen. Die Terroristen legen bei ihren Anschlägen mehr Wert auf eine höchstmögliche Anzahl von Opfern und nicht auf den höchsten symbolischen Nutzen des Anschlagsziels.

Es spricht einiges dafür, dass sowohl Al-Shabab als auch IS sich immer dann Attacken im Ausland zuwenden, wenn sie in ihrer Hochburg unter großem Druck stehen. Um die Attacken in Paris zu rechtfertigen, zog der Islamische Staat bewusst Verbindungen zur Teilnahme Frankreichs an Bombenangriffen in Syrien und dem Irak. Türkei, Russland und Libyen haben dabei alle an Militäreinsätzen gegen den Islamischen Staat teilgenommen. Auch wenn die Luftangriffe den IS nicht besiegt haben, wurden dessen Kapazitäten dennoch zum Teil eingeschränkt. Kurdische Truppen konnten sogar territoriale Gewinne verzeichnen, zuletzt mit der strategisch wichtigen Stadt Sinjar im Norden des Iraks.

Das Gleiche trifft für Uganda und Kenia im Falle von Al-Shabab zu. Beide Länder nehmen an Missionen der Afrikanischen Union, bekannt als AMISOM, teil und sind aktiv involviert in den Kampf gegen Al-Shabab vor Ort. In beiden Fällen, den Anschlägen in Kampala und den Angriffen in Garissa, ereigneten sich die Anschläge in Zeiten als Al-Shabab gegen schwere eigene Geländeverluste ankämpfen musste.

Trotzdem sollten die Ähnlichkeiten zwischen den zwei Gruppen nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Geschichte, Strategie und Ideologie sehr unterschiedlich sind. Al-Shabab teilt keine operativen Ressourcen mit dem IS und es gibt keinerlei Verbindungen zwischen den beiden Gruppen. Im Gegenteil, Sympathisanten des Islamischen Staats werden von Al-Shabab aktiv bekämpft.

Während Al-Shabab dem Netzwerk von Al-Qaida angehört, hat der IS mit diesem gebrochen. Der entscheidende Streitpunkt war dabei die Frage, ob man die territoriale Kontrolle im Irak dazu nutzen sollte ein eigenes Kalifat auszurufen.

Al-Shabab tritt darüber hinaus weniger als Eroberer auf, sondern vielmehr als Verteidiger ihrer Interessensgruppe, wenn auch in brutaler Weise. Die Gruppe stützt sich dabei stark auf einen nationalen Diskurs und behauptet lediglich Somalia und seine muslimische Bevölkerung gegen ausländische Eindringlinge zu verteidigen. Dass alle zurzeit in Somalia intervenierenden Staaten christlich sind, unterstützt diese Rhetorik.

Westgate shopping mall attack in September 2013: A police officer tries to secure an area inside the Westgate Shopping Centre where gunmen went on a shooting spree in Nairobi, Kenia.

Westgate shopping mall attack in September 2013: A police officer tries to secure an area inside the Westgate Shopping Centre where gunmen went on a shooting spree in Nairobi, Kenia.

Al-Shabab nutzt dabei ihr exzellentes Verständnis lokaler Politik. Sie managed das komplizierte politische Gleichgewicht zwischen Somalias vielen Clans und arbeitet Kompromisse aus wo es notwendig erscheint. Dies funktioniert nur, weil sie nie in großem Stil von ausländischen Kämpfern abhängig war, mit der Ausnahme ethnischer Somalis aus Kenia.

Im Vergleich dazu ist der IS in wesentlich geringerem Maße kompromissbereit. Ausländische Kämpfer stellen einen entscheidenden Anteil der IS-Einheiten dar, was vielleicht auch dazu beiträgt, dass die Brutalität gegen jeden wahrgenommenen Feind noch größer ist. Dort wo Al-Shabab versucht Grundlagen für eine auch langfristige politische Dominanz aufzubauen, was sie zuletzt durch die Etablierung lokaler Führer zumindest teilweise erreicht hat, bereitet sich der Islamische Staat eher auf die eintreffende Apokalypse vor.

Zwar verfolgen beiden Gruppen eine globale Vision vom Islamismus, in dem alles auf ein wiedergeborenes Kalifat hinausläuft. Doch während der Islamische Staat seine Vision aktiv vorantreibt und unter anderem versucht “Provinzen” in Libyen und Nigeria zu etablieren, hat Al-Shabab nur sehr begrenzte internationale Ziele.

Wegen des Jahrzehnte andauernden Bürgerkriegs lebt eine große Anzahl von Somalis im Ausland, viele davon in westlichen Ländern. Nur ein geringer Anteil davon sympathisiert mit Al-Shabab und noch weniger würden wirklich in den Kampf ziehen wollen.

Stattdessen konzentriert sich Al-Shabab auf die finanziellen Mittel von im Westen lebenden Sympathisanten und auf die Besteuerung von Rückführungen. Dieses Geschäft ist sehr lukrativ und würde nur untergraben werden, wenn es zur direkten Vorbereitung von Anschlägen genutzt werden würde. Das wiederum zeigt deutlich die Prioritäten – politische und militärische Kontrolle in Somalia zuerst – alles andere folgt erst danach.

Für den IS verhält es sich genau umgekehrt: Aufwendig inszenierte öffentliche Enthauptungen von Geiseln und Kampagnen in sozialen Netzwerken werden bewusst eingesetzt, um ausländische Kämpfer anzulocken und internationale Aufmerksamkeit zu generieren.

Al-Shabab wiederum will ganz bewusst alleine gelassen werden um seine Vision eines theokratischen Staates in Somalia aufzubauen. Aktionen wie in Garissa und Kampala dienen dabei dem Ziel, von ausländische Interventionen abzuschrecken.

Im Gegensatz dazu will der Islamische Staat die ganze Welt bekämpfen und muss gleichzeitig Rekruten anlocken. Wenn Enthauptungsvideos dabei selbst für hartgesottene Unterstützer ihren Charme verlieren, können Angriffe wie in Paris gut Teil einer neuen Strategie der Öffentlichkeitsarbeit zugeordnet werden, die sowohl auf potentielle Feinde als auch Freunde abzielen.

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