Nigerias Terrorismusproblem ist größer als Boko Haram

von Peter Dörrie

Nigeria ist ein komplexer Staat, die bevölkerungsreichste Demokratie Afrikas, ein vielseitiges Produkt britischer Kolonialgeschichte und 55 Jahren Unabhängigkeit dominiert von der Erdölwirtschaft. Im Sicherheitsbereich dominiert aber seit einigen Jahren ein einziges Thema: Boko Haram.

Boko Haram "100 Most Wanted List" by the Nigerian Army.

Boko Haram “100 Most Wanted List” by the Nigerian Army.

Der Aufstand islamischer Fundamentalisten gegen den nigerianischen Zentralstaat im Nordosten des Landes hat nach konservativen Schätzungen des Council on Foreign Relations seit 2009 19’807 Menschen das Leben gekostet. Boko Haram ist durch diesen Konflikt zu einem Synonym für die brutalste und primitivste Art sektierischer Gewalt geworden. Der international als Anführer der Gruppe auftretende Abubakar Shekau (auf dem obigen Fandungsposter die Nummer 100) hat dazu durch seine surrealen YouTube-Videos beigetragen, in denen er umringt von vermummten Bewaffneten und Kriegsgerät Massaker an Zivilisten und Sicherheitsbeamten sowie die Entführung von Internatsschülerinnen feiert.

Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari hat die Auslöschung Boko Harams und die Eliminierung Shekaus zur höchsten Priorität seiner noch jungen Amtszeit erklärt. Seitdem Boko Haram seine Aktivitäten auf die Nachbarländer Nigerias ausgedehnt hat, kann er mit internationaler Unterstützung rechnen. Momentan ist jedoch unklar, ob Buhari mit dieser Offensive Erfolg haben wird. Ausserdem ist die momentane Interpretation der Bedrohungslage problematisch. “Boko Haram” existiert nämlich nicht in der Art und Weise, wie die meisten Beobachter, einschließlich der nigerianischen Regierung, über die Aufständischen berichten. Und selbst wenn der Namen stellvertretend für ein abstraktes Phänomen stehen sollte, so kann dies die tatsächliche Gesamtheit religiösen Extremismus in Nigeria nicht wiedergeben.

Boko Haram ist keine tatsächlich existierende Organisation. Mindestens fünf unterschiedliche Gruppierungen werden regelmäßig als “Boko Haram” bezeichnet, wobei allerdings keine davon diesen Namen selbst verwendet. Stattdessen bevorzugen sie ihre “richtigen” arabischen Namen.

Shekau ist der Anführer einer dieser Gruppen, aber sie teilen keine operationellen oder finanziellen Ressourcen untereinander. Die Gemeinsamkeiten sind vor allem ideologischer Natur: alle berufen sich auf die Lehren von Mohammed Yusuf.

boko_haram-001Yusuf war ein einflussreicher und umstrittener Geistlicher, der in seiner Lehre zum Widerstand gegen den aus seiner Sicht korrumpierenden Einfluss “westlicher Ideologie” aufrief. Zu seinen Zielen gehörte eine auf den Lehren eines ultra-konservativen und fundamentalistischen Islam basierende nigerianische Regierung. Er wurde 2009 verhaftet und von Angehörigen des nigerianischen Sicherheitsapparats ermordet.

Von den terroristischen Gruppen, die sich auf Yusuf berufen, ist die von Shekau geführte Fraktion die extremste. Shekau hat sich vor einigen Monaten der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) angeschlossen und seiner Gruppierung den Namen “Westafrikanische Provinz des Islamischen Staates” (Islamic State’s West Africa Province bzw. ISWAP) gegeben.

Im Vergleich zu den anderen vier Vertretern der Yusufia-Ideologie macht ISWAP extremen Gebrauch vom Konzept des Takfir. Muslime die nicht Shekaus extreme und gewalttätige Interpretation der islamischen Rechtslehre übereinstimmen werden als Abtrünnige vom Glauben (Kafir) selbst verfolgt und getötet.

Natürlich befürworten auch die anderen Fraktionen von Boko Haram, zu denen auch eine Splittergruppe gehört, die sich nach dem Anschluss an den IS von Shekau losgesagt hat, den heiligen Krieg gegen den nigerianischen Staat und die Regierungen der benachbarten Länder. Alle befürworten die Errichtung einer konservativ-fundamentalistischen Theokratie, beziehen sich auf die Lehren von Yusuf und haben sich Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht.

Aber die Übersimplifizierung des Konfliktes steht seiner Lösung im Wege, nicht zuletzt weil sie der nigerianischen Regierung eine bequeme Möglichkeit gibt, die Gewalt einer diffusen und undurchschaubaren Organisation anzulasten. Die realen Missstände die der gewalttätigen Ideologie Yusufs zugrunde liegen werden so ignoriert.

Nigerian soldiers hold up a Boko Haram flag that they had seized in the recently retaken town of Damasak, Nigeria, on March 18, 2015. Nigerian President Muhammadu Buhari has given his administration a deadline of six months to defeat the Boko Haram insurgency. That deadline comes at the end of December.

Nigerian soldiers hold up a Boko Haram flag that they had seized in the recently retaken town of Damasak, Nigeria, on March 18, 2015. Nigerian President Muhammadu Buhari has given his administration a deadline of six months to defeat the Boko Haram insurgency. That deadline comes at the end of December.

Gleichzeitig liess ein mangelndes Verständnis der internen Dynamiken der verschiedenen als Boko Haram bezeichneten Gruppen bisher jeden Versuch, mit zumindest einem Teil der Aufständischen eine Lösung am Verhandlungstisch zu finden, scheitern (siehe dazu auch Sandra Ivanov, “Talking to Boko Haram“, offiziere.ch, 10.07.2014).

Die Breite des Etiketts “Boko Haram” bringt noch eine weitere Gefahr mit sich: es droht sowohl die Regierung, als auch die Medien gegenüber anderen Gefahren aus dem radikal-islamistischen Spektrum abzustumpfen. Weiterhin verwischt es die Trennlinie zwischen den Anhängern terroristischer Gruppen und konservativen Muslimen, die Gewalt allerdings ablehnen.

Anhänger der von Yusuf gepredigten Ideologie sehen sich selbst als Teil der salafistischen Bewegung. Der Salafismus ist eine ultra-orthdoxe Strömung des sunnitischen Islams, die eine Rückkehr zur “reinen” Lehre Mohammeds und seiner ersten Generation von Unterstützern predigt. Die meisten gewalttätigen jihadistischen Gruppen bezeichnen sich als Salafisten — die überwiegende Mehrheit der Anhänger des Salafismus, in Nigeria und weltweit, lehnen Gewalt zur Durchsetzung ihrer religiös-politischen Ziele dagegen ab.

“Ihre oberste Priorität ist die persönliche Reinheit und Befolgung der Religion,” schreibt der Journalist Graeme Wood über Salafisten, die Gewalt ablehnen in einem Essay für The Atlantic. “Und sie glauben das alles was diese Ziele untergräbt –- etwa das Auslösen von Kriegen oder Unruhe die Leben, Gebet und religiöse Studien stört –- verboten ist.”

Graeme bezieht sich auf gewaltlose Salafisten im Kontrast zum IS und stellt fest, dass erstere eine friedvolle Alternative zum gewalttätigen Islamismus darstellen. Dies gilt genauso für Nigeria. Die Lehren Yusufs werden von den religiösen Autoritäten, die bei den gemäßigten Salafisten Nigerias Ansehen genießen, strikt zurückgewiesen.

“Die Yusufische Doktrin wurde von den Klerikern und Lehrern der salafistischen Bewegung in Nigeria zurückgewiesen und widerlegt,” schreibt etwa Fulan Nasrullah, ein nigerianischer Blogger und Analyst, der sich selbst als Salafist bezeichnet.

Nigerian President Muhammadu Buhari.

Nigerian President Muhammadu Buhari.

Boko Haram ist dabei nicht die einzige terroristische Bewegung in Nigeria, die sich auf den Salafismus bezieht. Am 13. Oktober 2015 stürmten Sicherheitskräfte eine Moschee in Okene im Bundesstaat Kogi, die mit der As-Sunnah Sekte in Verbindung steht. Anhänger von As-Sunnah feuerten auf die Soldaten, die in dem Gebäude ein Waffenlager entdeckten.

Zwar gibt es hier starke Parallelen zu den täglichen Meldungen aus dem Operationsgebiet von Boko Haram, Okene ist allerdings 880 Kilometer Luftlinie von dem Einflussgebiet der yusufischen Terrorgruppen entfernt.

As-Sunnah hat keine direkten Verbindungen mit den verschiedenen Fraktionen von Boko Haram und beruft sich auf eine andere theologisch-ideologische Grundlage. Nasrullah, der in der Vergangenheit persönlichen Kontakt zu der Sekte hatte, berichtet, dass sie in den letzten Jahren große Waffenlager angelegt hat. As-Sunnah soll bei weitem nicht die einzige Gruppe sein, die sich so auf eine gewalttätige Konfrontation mit dem nigerianischen Staat vorbereitet hat.

Nigerias Probleme mit einem gewalttätigen religiösen Extremismus gehen weit über Boko Haram hinaus. Die Missstände, die schon Yusuf und seine Schüler antrieben haben zu einem weit verbreitetem religiösen Fundamentalismus beigetragen, der sich zudem auf Vorbilder in Nigerias pre-kolonialer Geschichte berufen kann.

Und während das Militär einige Erfolge im Nordosten gegen “Boko Haram” feiert, sollte die Regierung von Muhammadu Buhari nicht den Fehler machen, Symptom und Ursache des Problems zu verwechseln. Vor allem wenn momentan noch nicht einmal die Symptome gut verstanden werden.

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