Bombardiert von türkischen Kampfflugzeugen

von Vager Saadullah. Vager Saadullah (Twitter / Facebook) ist ein kurdischer Journalist und Editor in Dohuk, Irak. Er absolviert einen Masterstudiengang in Internationale Beziehungen an der Girne American University in Zypern. Übersetzung: offiziere.ch.

Durch türkische Luftangriffe zerstörtes Haus im Norden Iraks.

Durch türkische Luftangriffe zerstörtes Haus im Norden Iraks.

Die gebirgige Grenze zwischen der Autonome Region Kurdistan im Irak und der Türkei ist übersät mit verlassenen Dörfern, unterbevölkerten Städten und Stützpunkten der Untergrundorganisation “Arbeiterpartei Kurdistans“, auch PKK genannt. Die PKK wird von den USA, der EU und der Türkei — nicht jedoch von der Schweiz — als terroristische Organisation eingestuft.

Am 25. Juli bombardierten türkische Jets nach jahrelanger relativer Ruhe Dörfer und Stellungen der PKK im Norden Iraks. Während einer kürzlichen Reise des Autors zu mehreren betroffenen Dörfern, beschuldigten die Bewohner die PKK, die Angriffe provoziert und ihre Lebensgrundlage zerstört zu haben. In dem kleinen, malerischen Bergdorf Sergele haben türkische Luftangriffe Bauernhöfe und Felder in Brand gesetzt sowie für die Wasserversorgung des Dorfes wichtige Rohrleitungen zerstört, was Panik unter den Dorfbewohnern ausgelöst hatte.

“Wir haben die PKK wiederholt gebeten, ihre Stellungen nicht im Dorf oder in dessen Nähe zu bauen” erzählte uns Husni, das Oberhaupt des Dorfes, in einem Interview. “Aber sie hörten nicht auf uns und kamen immer näher.”

In den 1990er Jahren war Sergele der Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der PKK und dem türkischen Militär. Vor diesem Krieg hatte das Dorf etwa 160 Häuser, die fast alle zerstört oder verlassen wurden. Davon hat sich das Dorf nie vollständig erholt. Heute hat Sergele etwa 70 Häuser und eine, wenn auch kleine, PKK-Präsenz. Mehrere Bewohner haben die Kurdische Regionalregierung(KRG) gebeten dagegen vorzugehen.

Eine generelle Übersichtskarte zum PKK-Konflikt der Türkei (Stand Ende 2010 von Rosso Robot, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported).

Eine generelle Übersichtskarte zum PKK-Konflikt der Türkei (Stand Ende 2010 von Rosso Robot, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported).

“Wir möchten, dass die Kurdische Regionalregierung die PKK auffordert, weit ausserhalb unseres Dorfes zu bleiben. Wir selbst haben die PKK schon oft dazu aufgefordert, aber nie eine Antwort erhalten” sagte Husni. “Die Regierung kann das tun. Wir wollen nicht, dass Guerillas der PKK getötet werden — schließlich sind sie ja auch Kurden — aber wir wollen auch nicht, dass sie uns noch mehr Unheil bringen. Es ist wichtig, dass sie von uns fern bleiben.”

In den Nächten vom 28. und 29. Juli führten türkische Kampfflugzeuge auch Luftangriffe auf das Dorf Mje durch. Etwa 100 Meter vom Dorf entfernt befanden sich PKK-Stellungen. Um ihr Leben zu Retten, flohen rund 10 Familien aus dem Dorf. Hiro Ahmad Mji aus dem Dorf sagte, dass die Guerillas der PKK das Gebiet verlassen sollten. “Wir bitten die KRG, diese Stellungen der PKK weit von uns weg zu verlegen, weil jetzt landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet werden müssen.” sagte Hiro. “Wir arbeiten schon seit dem Frühjahr und werden in diesem Monat die Ernte einholen.”

Nach Angaben von Zeugen haben sich PKK-Kämpfer während der türkischen Luftangriffe aus ihren Stellungen in das Dorf begeben. Die Dorfbewohner wurden gewissermaßen als menschliche Schutzschilder missbraucht. Ein weiterer Dorfbewohner, der seinen Namen nicht nennen wollte, war aufgebracht: “Die KRG, politische Parteien und Medien fühlen sich für uns nicht verantwortlich. Alle paar Jahre zünden sie unser Dorf an und alle schweigen.”

“Ein Journalist kam und sprach mit den Dorfbewohnern”, fügte er hinzu. “Nach ein paar Minuten kam die PKK und sie haben ihn gefangen genommen. Seit dieser Zeit wagt es niemand mehr, zu uns zu kommen und zu fragen, was passiert ist. Wir wollen, dass die Regierung eine Lösung für uns findet.”

Anfangs August 2015 haben PKK-Kämpfer im Osten der Türkei einen mit Sprengstoff befüllten Lastwagen in einen Aussenposten der türkischen Streitkräfte gefahren und zur Detonation gebracht. Dabei kamen zwei Personen ums Leben.

Anfangs August 2015 haben PKK-Kämpfer im Osten der Türkei einen mit Sprengstoff befüllten Lastwagen in einen Aussenposten der türkischen Streitkräfte gefahren und zur Detonation gebracht. Dabei kamen zwei Personen ums Leben.

Zagros Hiwa, ein Sprecher der PKK, dementierte, dass ihre Präsenz Zivilisten bedrohen würde. Er kritisierte die KRG, dass sie nicht härter gegen die Türkei vorgehe: “Falls die KRG Hoheitsgewalt hat und ihre Leute schützen will, dann muss sie zu den Angriffen der Türkei Stellung beziehen. Die KRG muss dieses Problem lösen, denn es handelt sich um einen Angriff auf die KRG und die Souveränität des Irak. Aber wir haben nicht gesehen, dass die KRG Stellung bezieht. Hauptziel der Türkei ist das kurdische Volk als Ganzes und die KRG sollte eine kurdische Haltung einnehmen.”

Zagros bestritt, dass die Dorfbewohner wegen der Anwesenheit der PKK aufgebracht wären. “Dies ist einfach nicht wahr” sagte er. “Manchmal zeigen Spionage- und Geheimdienste in den Medien Menschen aus den Dörfern und bringen sie dazu, solche Reden zu halten. Aber die Menschen in unseren Schutzgebieten sind der PKK dankbar und ihre Sicherheit ist in den Händen der PKK-Guerilla gut aufgehoben.”

Die KRG sieht das anders: “Die Existenz der PKK in den Grenzgebieten hat eine negative Auswirkung auf das Leben der Menschen”, so KRG-Sprecher Safin Dzay. “In den 1990er Jahren gab es einen bewaffneten Konflikt zwischen der PKK und der Peshmerga in diesen Gebieten, aber wir haben nie einen Krieg unterstützt, und wir haben die PKK aufgefordert, gegenüber den Menschen aus diesen Gebieten eine verantwortungsvolle Haltung einzunehmen, damit ihnen nichts zustößt. Es stimmt, dass es Menschen gibt, die unter den Angriffen der Türkei auf die PKK gelitten haben, doch wir bitten dringend darum, dass niemand zur Gewalt greift und wir unterstützen die Fortführung des Friedensprozesses.”

Die Bevölkerung aus den Dörfern argumentieren jedoch, dass die KRG nicht genug getan hat und dass sie den Rebellen befehlen sollte, das Gebiet zu verlassen. Eine Vertreibung der PKK unter Einsatz von Gewalt hat die KRG jedoch ausgeschlossen. “Wir haben es der PKK schon gesagt, und wir sagen es nun erneut: sie sollten ihre Stellungen nicht auf dem Eigentum der Bevölkerung oder in der Nähe von Häusern und Dörfern errichten” sagte Safin. “Aber wenn die PKK nicht auf uns hört, was können wir dann für die Dörfer und ihre Menschen tun? Die PKK bekämpfen?”

Die Antwort auf diese Frage lautet nein. Der Irakisch-Kurdische Präsidenten Masud Barzani hat einen solchen Schritt ausgeschlossen. Die kurdischen Peshmerga führen momentan einen brutalen Krieg gegen die Terrororganisation “Islamischen Staat” entlang einer 1’000 Kilometer langen Frontlinie. “Die Menschen warten darauf, dass sich die KRG für sie einsetzt, aber unser einziger Schritt ist politischer Druck auf die PKK” sagte der Sprecher.

Ein PKK-Kämpfer im Gebirge (Dezember 2008).

Ein PKK-Kämpfer im Gebirge (Dezember 2008).

Mehr als 300 verlassene Dörfer sind über die nördlichen Regionen des irakischen Kurdistan verstreut. Viele andere haben sich nie vollständig vom letzten Krieg zwischen der Türkei und der PKK erholt. Viele verlassene Dörfer liegen mehr als 60 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Trotzdem bestreitet die PKK, dass ihre Anwesenheit die Leute vertreibt. “So etwas gibt es nicht,” sagt Zagros Hiwa, der PKK-Sprecher. “Die Menschen eines jeden Dorfes können in ihr Dorf gehen und die Guerrillas halten sich von ihnen fern und kommen nicht in die Nähe ihrer Orte. In dieser Situation liegt es an der KRG, die Türkei aufzufordern, nicht länger die PKK in Kurdistan zu bekämpfen. Falls die KRG Dienstleistungen für irgendein Gebiet in Süd-Kurdistan bereitstellen will, werden die Guerilla kein Hindernis dafür sein, selbst wenn die besagten Gebiete unter Kontrolle der PKK sind. Vielleicht sind einige politische Parteien nicht glücklich mit der PKK und provozieren uns deshalb.”

Safin Dzay, der KRG-Sprecher, sagte, die Lage wäre “das genaue Gegenteil — die PKK war das Hindernis zum Wiederaufbau dieser Dörfer. Sie lassen uns keine Einrichtungen, Krankenhäuser oder Polizeistationen in diese Gebiete bringen und haben dort ihre Kontrollpunkte errichtet und verlangen Steuern von den Bewohnern. Die Regierung hat viele Versuche unternommen, aber die PKK war das Hindernis.”

Ismail Cemil, ein Bewohner von Barwari Bala, beschuldigt die PKK, dass er seine gewohnte Lebensweise aufgeben musste: “Nach einem Waffenstillstand habe ich einen Brunnen unter einem Walnussbaum in meinem Dorf gebaut und ich bin oft dorthin gegangen und habe dort die Nacht verbracht. Aber dann kamen die PKK-Guerillas und errichteten dort ihre Stellung und hinderten mich darin, dorthin zu gehen.”

Türkische Kampfflugzeuge haben den Brunnen am 25. Juli bombardiert. “Ich bin froh, dass diejenigen, die mich daran gehindert haben, zu meinem Brunnen zu gehen, nicht länger davon profitieren”, sagte Ismail.

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Die PKK ist in der Schweiz nicht als terroristische Organisation eingestuft, doch sie ist unter Beobachtung des Nachrichtendienstes des Bundes. Im diesjährigen Lagebericht des Nachrichtendienstes des Bundes wird festgehalten, dass die PKK sich als dominierende Repräsentantin der Kurden versteht. In der Schweiz beschränken sich die Aktivitäten auf Propaganda und Kundgebungen, die überwiegend friedlich verlaufen. Daneben wird – teilweise unter Druck – Geld gesammelt, das der PKK zugute kommt. Gewalttätige Aktionen und Kundgebungen sind in der Schweiz zwar wenig wahrscheinlich, aber jederzeit möglich.

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