Al-Shabaabs Ramadan-Offensive brachte hohe Verluste für AMISOM

von Peter Dörrie

In den frühen Morgenstunden des 26. Juni nähert sich ein Zivilfahrzeug der Basis der African Union Mission to Somalia (AMISOM) nahe der kleinen Stadt Leego, südlich von Mogadischu. Am Haupteingang der Basis, die zu dem Zeitpunkt etwa 150 burundische Peacekeeper beherbergte, explodiert der Wagen. Kurz darauf starten hunderte von Al-Shabaab Kämpfern einen koordinierten Angriff und die Basis wird komplett überrannt. Mindestens 30 burundische Soldaten kommen um, eine unbekannte Zahl wird gefangen genommen. Al-Shabaab bringt die Basis unter ihre Kontrolle und entwendet eine große Zahl leichter und schwerer Waffen, Munition und Fahrzeuge. Als ein ugandisches Kontingent 28 Stunden später zur Verstärkung eintrifft, sind die Aufständischen schon längst in den umliegenden Wäldern verschwunden.

Al-Shabaab Kämpfer marschieren ungehindert in Leego ein. Propagandafoto von Al-Shabaab

Al-Shabaab Kämpfer marschieren ungehindert in Leego ein. Propagandafoto von Al-Shabaab

Zwei Wochen zuvor, am 11. Juni, passiert ein äthiopischer AMISOM Konvoi ein abgelegenes Gebiet nahe des Buurhakaba Distrikts im südlichen Somalia. Er fährt direkt in einen Hinterhalt von Al-Shabaab. Die Rebellen behaupten später “Dutzende” äthiopische Soldaten “mit Maschinengewehren niedergemäht” zu haben. Die Propagandaeinheit von Al-Shabaab veröffentlicht Fotos ausgebrannter äthiopischer Fahrzeuge und eroberter Waffen.

Diese beiden Angriffe zählen zu den spektakulärsten Aktionen von Al-Shabaab der letzten Jahre, aber die Gruppe verübte in den letzten Wochen noch zahlreiche weitere. Ein gescheiterter Angriff richtete sich gegen den Sitz des somalischen Geheimdienstes in der Hauptstadt Mogadischu, wo auch eine Autobombe explodierte. Verschiedene andere Militärinstallationen der somalischen Armee waren ebenfalls Ziel von Angriffen, genauso wie ein Dorf nahe der kenianischen Grenzstadt Mandera. Diese Liste ist keineswegs vollständig.

Laut Cedric Barnes, Somaliaanalyst der International Crisis Group, sind diese Attacken Teil der symbolisch wichtigen Ramadan-Offensive von Al-Shabaab. “Diese Operationen sind von langer Hand geplant und mit großer Sorgfalt ausgeführt,” so Barnes im Interview mit Offiziere.ch. Zwar deute nichts darauf hin, dass Al-Shabaab an militärischer Stärke gewinne, so Barnes, die gegenwärtige Strategie von AMISOM erreiche aber ihre Grenzen (siehe auch Peter Dörrie, “Al-Shabaab in Somalia: Mit militärischen Mitteln kaum zu schlagen“, offiziere.ch, 02.09.2014).

Von Al-Shabaab in Leego eroberte Waffen und Fahrzeuge. Propagandafoto von Al-Shabaab

Von Al-Shabaab in Leego eroberte Waffen und Fahrzeuge. Propagandafoto von Al-Shabaab

Ein Blick in die Geschichte Somalias und Al-Shabaab macht deutlich, warum das so ist. Mit dem Fall des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 desintegrierte Somalia und wurde zum Schlachtfeld, auf dem sich Clanmilizen und Warlords tummelten. Die UN entsandte eine Friedensmission, maßgeblich unterstützt von den USA, die aber nach dem “Black Hawk Down-Vorfall” und 18 toten amerikanischen Soldaten ein unrühmliches Ende fand. Somalia wurde zum Paradebeispiel eines gescheiterten Staates. Somaliland und Puntland, zwei Regionen im Norden des Landes, entschieden sich eigene Wege zu gehen und erklärten ihre Unabhängigkeit, bzw. Autonomie. Im Süden und im Zentrum des Landes herrschten die Milizen in einem Zustand ständigen Bürgerkriegs.

2006 führten Gesetzlosigkeit und ausländische Interventionen zum Aufstieg der Islamic Courts Union, einem Netzwerk lokaler religiöser Gerichte auf Basis der Sharia. Die Gerichte hatten sich unter der lokalen Bevölkerung einen guten Ruf erarbeitet, indem sie das Chaos und die Anarchie des täglichen Lebens durch die strikte Umsetzung islamischer Rechtsnormen zumindest teilweise unter Kontrolle brachten. Im gleichen Jahr konnten Streitkräfte der ICU Mogadischu erobern, das bis dahin unter den Mitgliedern einer US-finanzierten Allianz verschiedener Warlords aufgeteilt war. Schon im Dezember des selben Jahres musste sich die ICU allerdings geschlagen geben – einer militärischen Intervention des Nachbarlands Äthiopien, einem engen Verbündeten der USA, war sie nicht gewachsen.

Auch in dieser Situation galt: Streiten sich zwei, freut sich der Dritte, in diesem Fall Al-Shabaab. Zuvor als Jugendorganisation der ICU lose unterstellt, konnte sich die erheblich radikalere Al-Shabaab durch geschickte Propaganda und militärische Erfolge gegen die als “Kreuzzügler” gebranntmarkten Äthiopier und ihre somalischen Verbündeten schnell emanzipieren. Bis 2009 brachten die Islamisten 80 Prozent des südlichen Somalias und große Teile der Hauptstadt unter ihre Kontrolle und etablierten eine effiziente lokale Administration in den ländlichen Gebieten, unterfüttert von oft brutaler Auslegung des islamischen Rechts.

Die 2007 etablierte AMISOM startete 2011 in Zusammenarbeit mit der somalischen Regierung eine Reihe recht erfolgreicher Offensiven gegen Al-Shabaab, die für die Gruppe in großen Geländeverlusten resultierten. In den meisten Fällen zogen sich die Widerstandskämpfer allerdings kampflos vor den militärisch überlegenen AMISOM-Einheiten zurück. Die militärische Schlagkraft der Gruppe blieb so weitestgehend intakt.

Brennender Truck nach einem Angriff von Al-Shabaab. Propagandafoto von Al-Shabaab

Brennender Truck nach einem Angriff von Al-Shabaab. Propagandafoto von Al-Shabaab

Statt eines offenen Kampfes konzentrierte sich Al-Shabaab auf Angriffe gegen die zunehmend überdehnten Nachschublinien von AMISOM. “Befreite” Ortschaften werden von Al-Shabaab oft systematisch von der Außenwelt abgeschnitten, wodurch wichtige Versorgungsgüter nicht geliefert werden können und die Preise für Zivilisten steigen. Al-Shabaab konnte außerdem erfolgreich ihre Finanzen schützen. Zwar mussten die Islamisten fast alle Hafenstädte räumen, über die der hoch lukrative regionale Handel mit somalischer Holzkohle abgewickelt wird. Doch das Hinterland, wo die Holzkohle produziert wird, ist immer noch fest in den Händen Al-Shabaab. Ein UN-Embargo auf den Export somalischer Holzkohle wird auch von AMISOM-Mitgliedern wie Kenia ignoriert, ein “absoluter Skandal”, so Barnes. Ein erheblicher Teil der Einkünfte von Al-Shabaab stammt zudem aus “schwer erreichbaren Quellen,” erklärt Barnes, vor allem “freiwilligen und quasi-freiwilligen Zahlungen,” wie lokalen Steuern und Abgaben. Diese Geldquellen werden weiter sprudeln, solange Al-Shabaab noch Gebiete kontrolliert.

Die gute Nachricht ist, dass Al-Shabaab zur Zeit nicht stärker wird. AMISOM und der somalischen Regierung ist es jedoch nicht gelungen, die Islamisten entscheidend zu schwächen. “Es handelt sich nicht so sehr um eine Wiederkehr, sondern um fortgesetzten Widerstand,” erklärt Barnes die aktuellen Erfolge Al-Shabaab. Auf einen internen Kollaps von Al-Shabaab sollte indes keiner warten. Eine Phase von Instabilität nach dem Tod des langjährigen Emirs Ahmed Abdi Godane durch einen US-amerikanischen Drohnenangriff im September 2014 hat die Gruppe scheinbar gut überwunden.

Militärisch ist für AMISOM derweil das Ende der Fahnenstange erreicht, jedenfalls wenn die Truppe nicht bedeutend verstärkt wird. Zwar sind inzwischen etwa 22’000 afrikanische Soldaten in Somalia gegen Al-Shabaab im Einsatz, von Truppen der somalischen Regierung einmal abgesehen, doch AMISOM verfügt über keine nennenswerten Kapazitäten im Bereich Lufttransport, Luftüberwachung und Luftnahunterstützung. Die verschiedenen Kontingente von AMISOM kooperieren angeblich kaum miteinander und verfolgen teils eine eigene politische Agenda in ihren Operationsgebieten, genauso wie einige der mit der Regierung verbündeten Milizen.

Al-Shabaab hingegen ist nicht nur militärisch widerstandsfähig, sondern auch politisch ihren Gegnern oft überlegen. Die Gruppierung ist der etablierteste Akteur im südlichen Somalia und kombiniert geschickt ihre radikal-orthodoxen religiösen Überzeugungen mit politischem Opportunismus um sich die Unterstützung einzelner Clans zu sichern. Al-Shabaab ist “wie praktisch niemand anderes in Somalia strategisch,” so Barnes. AMISOM und die somalische Regierung sind hingegen intern uneins und teils politisch unerfahren. Die Gegner Al-Shabaab müssten massiv in ihre politische Arbeit und lokale Dienstleistungen investieren, argumentiert Barnes. Wenn aktuell außerhalb von Mogadishu eine Schule finanziert wird, so geht dies meist auf eine Initiative der Islamisten zurück. “Al-Shabaab ist nicht populär, aber die Alternativen sind nicht überzeugend,” meint Barnes. Und so lange die meisten Somalier diese Einschätzung teilen, werden auch weitere tote Peacekeeper den Krieg mit Al-Shabaab nicht beenden.

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