Trauer und Widerstand bei Peshmerga-Beerdigung

von Vager Saadullah. Vager Saadullah (Twitter / Facebook) ist ein kurdischer Journalist und Editor in Dohuk, Irak. Er absolviert einen Masterstudiengang in Internationale Beziehungen an der Girne American University in Zypern. Die Englische Version dieses Artikels wurde auf War Is Boring veröffentlicht.

Übersetzung: Alison Haywood. Alison Haywood (Twitter) ist eine US-amerikanische Journalistin, welche momentan einen Masterstudiengang in Journalistik in Aarhus, Dänemark absolviert. Sie schreibt und berichtet für Publikationen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland.

Die Beerdigung des Peshmerga-Soldaten Sebri Bamerni in seinem Heimatdorf brachte Familienangehörige aus Deutschland und den Vereinigten Staaten zusammen und es war eine Erinnerung an all die verlorenen Menschenleben im eskalierenden Kampf gegen den IS. (Foto: Vager Saadullah).

Die Beerdigung des Peshmerga-Soldaten Sebri Bamerni in seinem Heimatdorf brachte Familienangehörige aus Deutschland und den Vereinigten Staaten zusammen und es war eine Erinnerung an all die verlorenen Menschenleben im eskalierenden Kampf gegen den IS. (Foto: Vager Saadullah).

 
Als sein Land ihn brauchte, ließ Sebri Bamerni sein Leben in Deutschland hinter sich und nahm den Kampf auf. Bamerni war einer von vielen pensionierten Peschmerga-Soldaten, die zurück ins irakische Kurdistan gekehrt sind, um gegen die eindringende IS-Miliz zu kämpfen. Bamerni starb während er die Mosul-Talsperre vor den IS-Kämpfern schützte. Er war 51 Jahre alt.

Bamerni wurde 1962 in Bamerne geboren. Er war noch ein Teenager als er sich 1979 den Peshmerga-Soldaten an der türkischen Grenze anschloss. Bereits 1984 war er verantwortlich für die Peshmerga-Kräfte in Sheikhan und Umgebung, die der Demokratische Partei Kurdistans (DPK) loyal waren. Zwischen 1984 und 1988 kämpfte er gegen das baathistische Regime Saddam Husseins.

“Ich erinnere mich daran, als wir Kinder waren haben wir uns nach Peshmerga-Helden benannt,” schrieb der kurdische Journalist Ayub Nisry auf Facebook nachdem Sebri Bamerni getötet wurde. “Einer davon war Sebri Bamerni, wegen seinem großen Engagement gegen das irakische Regime. Sein Ruhm und Mut sind bei uns hängen geblieben.”

Die baathistische Antwort auf den kurdischen Widerstand war die brutale Anfal-Operation, während deren die irakische Armee fast 3’000 kurdische Dörfer zerstörte und 182’000 Kurden tötete. Im Zuge der Operation kam es zum schlimmsten Chemiewaffenangriff der Geschichte – gegen das Dorf Halabja – sowie zu 1,5 Millionen Flüchtlingen.

Bamerni verließ den Irak und ging in ein türkisches Flüchtlingscamp, wo er kurz darauf kurdischer Camp-Manager wurde. Doch aufgrund seiner politischen Aktivität wurde er von der türkischen Regierung genauestens beobachtet und schikaniert. Er verließ deshalb die Türkei über Griechenland, bevor er sich vorübergehend in Deutschland niederliess.

Sebri Barmeni mit Waffe und Peshmerga-Uniform.

Sebri Barmeni mit Waffe und Peshmerga-Uniform.

Als US-amerikanische Kräfte 2003 in den Irak einmarschierten, kehrte Bamerni in seinen Heimatort Bamerne zurück. Er wurde stellvertretender Chef eines Zweigs der DPK in Mosul. Gemäss seinem Bruder Mustafa übte er diese Funktion bis 2006 aus. Aufgrund von Verletzungen und Operationen zog er sich anschliessend nach Deutschland zurück. Sein Bruder Mustafa, ein US-amerikanischer Bürger, war ebenfalls in den Irak gezogen. Er arbeitete bis 2009 als Dolmetscher für die amerikanische Truppen in Mosul und Baghdad. Mustafa war in Kurdistan als sein Bruder sich entschied, ein letztes Mal zu kämpfen.

“Als der IS Sinjar besezte, ist mein Bruder Sebri aus Deutschland gekommen,” sagte Mustafa. “Eines Nachts ist er in unserem Haus angekommen und am Morgen danach trat er den Peshmerga-Soldaten bei.”

Bamernis 24-jähriger Neffe Fawzi ist ebenfals Peshmerga-Kämpfer, und hat wie sein Onkel an der Mosul-Talsperre gekämpft: “Zwei Tage bevor er getötet wurde, war ich mit ihm an der Front,” sagte Fawzi. “Er befahl mir, ein Paar Dokumente nach Dohuk zu bringen. Ich habe ihn gefragt, ob ich bei ihm bleiben dürfe, aber er hat es abgelehnt und gesagt: ‘geh!’ Er sagte mir: ‘Niemand kann mich an der Front töten,'” so Fawzi. “Die Peshmerga-Soldaten, die bei Sebri waren als er starb, haben uns gesagt, es hätte einen schweren Kampf im Dorf gegeben,” erklärte Fawzi. “Es gab zwei Scharfschützen in einem Haus. Sie haben so lange gegen sie gekämpft, dass sie dachten, sie hätten sie getötet. Sie gingen ins Haus. Sebri war der Erste, der ins Haus eingetreten ist.” Die Peshmerga durchsuchten das Haus. Aber es gab noch einen verletzten Kämpfer im Haus – einen russischen Dschihadist. Als Sebri das Haus verlassen wollte, schoss er ihm in den Rücken.

“Eine Woche vor seinem Tod gab Sebri mir eine Patrone und steckte einen anderen in seine Tasche,” erinnert sich Fawzi. “Er sagte, ‘Wir sind Männer, wir sind hier um zu kämpfen und nicht um wegzulaufen. Wir werden so lange kämpfen, wie wir können, und wenn wir wissen, wir werden vom IS gefangen genommen, dann töten wir uns mit diesem Schuss.’ Er hat die Patrone in meinen Hand gelegt und gesagt, ‘Du nutzt diesen Schuss nur um dich zu töten.'”

Fawzi mit der Patrone, welche ihm sein Onkel gegeben hatte (Foto: Vager Saadullah).

Fawzi mit der Patrone, welche ihm sein Onkel gegeben hatte (Foto: Vager Saadullah).

Bamernis ältester Sohn Party Sebri, 22, wurde in Deutschland geboren und reiste nach für die Beerdigung Kurdistan. Sein Vater habe ihn beauftragt, sich um die Familie zu kümmern während er im Kampf sei. “Ich werde mich um die Familie kümmern, wie versprochen,” versicherte er. Bamernis 46-jähriger Bruder Idris wohnt in Nashville, Tennessee – der größten kurdischen Gemeinde der Vereinigten Staaten: “Ich war bei einem Bewerbungsgespräch,” sagte er. “Als ich nach Hause kam, sah ich meine Freunde vor unserem Haus in Nashville, und meine Familie benahm sich ungewöhnlich. Sie haben mir gesagt, dass mein Bruder sich aufgeopfert habe. Wir haben die Trauerfeier über vier Tage abgehalten. In unserer Kultur dauern Beerdigungen üblicherweise drei Tage, aber wir haben eine große kurdische Gemeinde in Nashville und unsere Familienangehörigen sind von weit entfernten Städten in den Vereinigten Staaten gekommen.” Doch nicht nur die kurdische Gemeinde unterstützte die Familie Bamerni. “Unsere amerikanischen Nachbarn sind gekommen und haben uns mit Essen, Wasser, Tischen und Parkplätzen für die anreisenden Angehörigen unterstützt,” sagte Idris. Nach der vier-Tage-Beerdigung in Nashville sind Idris uns seine Mutter nach Kurdistan geflogen, um Bamernis Grab zu besuchen und an seinem Begräbnis dort teilzunehmen.

Bamernis Abenteuer inspirieren seine Familie. “In den 80er Jahren, wurde ich von Saddams Regime festgenommen als ich noch Schüler war, weil ich ein Foto vom kurdischen Anführer Massoud Barzani in der Hosentasche hatte,” sagte Idris. “Das Regime hat uns schikaniert weil mein Bruder Sebri ein Peshmerga-Kommandant war und er viele Aktivitäten gegen das Regime durchgeführt hat. Ich wurde am 18 April 1987 aus der Haft entlassen, habe die Schule verlassen und bin in die Berge gegangen um bei den Peschmerga einzutreten.”

“Es ist schon lange her, dass sich mein Vater den Peshmerga anschloss, und er in vielen Gefechten gegen Saddams Regime kämpfte,” sagte Peiv Sebri, Bamernis 18-jährige Tochter, die in Deutschland geboren wurde. “Er hoffte darauf, nicht von den Arabern getötet zu werden, und wir waren stolz als uns gesagt wurde, dass der Terrorist der ihn getötet hat kein Araber war, sondern ein Russe. Mein Vater diente dem kurdischen Staat eine lange Zeit, aber leider hat die kurdische Regierung ihn ignoriert,” so Piev weiter. “Er kämpfte sogar dann gegen die Terroristen, als er über keine ausreichenden Waffen verfügte, aber erst jetzt kommen sie und erzählen uns, dass unserer Vater ein Held sei!”

Peiman Sebri, 23, wurde in Griechenland geboren bevor ihr Vater sich in Deutschland niederließ. “Mein Vater fürchtete sich vor niemand, außer Gott,” sagte sie, weinend. “Als manche Propaganda gemacht haben, dass der IS nach Dohuk kommt, hat mein Vater uns angerufen und gesagt, ‘Keine Angst, ich bin an der Front. Ich lasse sie nicht dorthin kommen’.”

Sebri's Söhne und Töchter mit Ausnahme eines Sohnes, welcher bereits nach Deutschland zurückgereist ist (Foto: Vager Saadullah).

Sebri’s Söhne und Töchter mit Ausnahme eines Sohnes, welcher bereits nach Deutschland zurückgereist ist (Foto: Vager Saadullah).

“Wir sind so stolz, dass mein Bruder sich für Kurdistan, die kurdische Ehre und Werte aufgeopfert hat,” sagte Idris. “Warum sollte ich über seinen Märtyrertod traurig sein? Er war 51 Jahre alt und als er gegen Saddams Regime gekämpft hatte, wurde er mehr als viermal verletzt. Wenn er im Krankenhaus gestorben wäre, würde niemand nach ihm fragen. Aber da er Märtyrer im Kampf gegen die IS-Terroristen geworden ist, sind wir stolz auf ihn. Und als Familie von Sebri sind wir bereit, gegen den IS zu kämpfen.”

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Anmerkung von offiziere.ch
Da andere Staaten keine Bodentruppen einsetzen, tragen die verschiedenen kurdischen Einheiten in Syrien und Irak die Hauptlast des Kampfes gegen die IS. Manche der daran beteiligten kurdischen Organisationen werden von einigen Staaten als terroristische Organisation eingestuft (beispielsweise die PKK in der Türkei, der EU und den USA). Dies ist bei den Peschmerga nicht der Fall – es handelte es sich um die Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan im Irak und damit um die bewaffneten Einheiten der anerkannten politischen Parteien DPK und Patriotische Union Kurdistans. Im Status einer Regionalgarde innerhalb Iraks werden die Peschmerga seit 2003 von den US-Streitkräften unterstützt und ausgerüstet. Seit anfangs September liefert auch die Deutsche Bundeswehr den Peschmerga Waffen und bildet sie daran aus (siehe “Deutsche Waffen für ‘kurdischen Sicherheitskräfte’“, offiziere.ch, 02.09.2014).

Der obige Artikel zeigt das Schicksal eines getöteten Peshmerga-Soldaten und seiner Familie auf. Im Gegensatz zu gefallenen US-amerikanischen oder europäischen Soldaten tauchen gefallene Soldaten der “verbündeten” Kräfte aus dem Nahen Osten kaum in den westlichen Medien auf. Es drängt sich deshalb etwas das Bild auf, dass momentan die kurdischen Kämpfer als Kanonenfutter missbraucht werden, denn “Boots on the ground” wird von etlichen Staaten kategorisch ausgeschlossen. Im Gegensatz dazu reisen Einzelpersonen in die Krisengebiete, um gegen die IS zu kämpfen. Alleine die PKK soll anscheinend bereits gegen 50 Personen in Deutschland zum Kampf gegen die IS rekrutiert haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit beteiligen sich auch einzelne Schweizer am Kampf gegen den IS, wie das Beispiel eines ehemaligen Berufsunteroffiziers der Schweizer Armee zeigt. Was Schweizer Staatsangehörige angeht, so ist der Eintritt in fremden Militärdienst verboten und wird gemäss Art. 94 Militärstrafgesetz mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe geahndet.

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2 Responses to Trauer und Widerstand bei Peshmerga-Beerdigung

  1. Holger Übersax says:

    Zum Kommentar von offiziere.ch: Es heisst nicht ‘DPK’ sondern ‘PDK’.

    • Hallo Holger,
      danke für die Bemerkung. Das kommt jedoch auf die verwendete Sprache an.
      Deutsch: Demokratische Partei Kurdistans (DPK) – siehe auch im Text ganz oben.
      Kurdisch: Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK)

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