Die Ebola und ihre Kinder

von Peter Dörrie

Centers for Disease Control and Prevention workers don protective gear before entering an Ebola treatment unit in Liberia on Aug. 17, 2014 (Photo: Athalia Christie).

Centers for Disease Control and Prevention workers don protective gear before entering an Ebola treatment unit in Liberia on Aug. 17, 2014 (Photo: Athalia Christie).

Für die am stärksten betroffenen Länder – Guinea, Liberia und Sierra Leone – ist die Ebola-Epidemie schon jetzt ein einschneidendes Ereignis. Laut WHO sind bisher mehr als 3’000 Menschen an der Krankheit, gegen die es keine Impfung oder wirksame Behandlung gibt, umgekommen. Diese Zahl ist allerdings eine konservative Schätzung. Gerade in Liberia, wo in den letzten Wochen Infizierte in überfüllten Behandlungszentren abgewiesen werden mussten und die Infektionsrate exponentiell steigt, dürfte es eine hohe Dunkelziffer geben.

Die lokalen Gesundheitssysteme und Regierungen waren von dem Ausbruch der Epidemie von Anfang an überfordert, genauso wie die meisten internationalen Institutionen. Mit der Ankündigung der USA, 3’000 Militärangehörige und erhebliche finanzielle Mittel zur Bekämpfung der Krankheit zur Verfügung zu stellen, ist ein wenig Schwung in die Reaktion der internationalen Gemeinschaft gekommen. Der Schaden ist allerdings schon angerichtet.

Selbst unter der optimistischen Annahme, dass die von den USA, Deutschland und anderen Ländern angekündigte Hilfe ausreicht, um die Epidemie zu stoppen, werden noch Wochen vergehen, bevor die Hilfe Wirkung zeigt. Die WHO rechnet mit mindestens 20’000 Toten durch Ebola in den nächsten Monaten. Auf das Jahr gerechnet würde Ebola damit in Guinea, Sierra Leone und Liberia zum häufgsten Todesgrund aufsteigen, in Liberia sogar mehr Menschen umbringen, als Malaria, HIV/AIDS und Verkehrsunfälle zusammen. Ohne schnelle Hilfe könnten nach neuen Hochrechnungen bis zu 1,4 Millionen Menschen daran erkranken. Damit erreicht das Ausmaß der Zerstörung Dimensionen, die sonst eher Bürgerkriegen vorbehalten sind. Genau genommen entspricht die Sterberate in Liberia in etwa der des ersten liberianischen Bürgerkriegs. Für die betroffenen Länder und Gesellschaften wird dies enorme Konsequenzen haben.

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Ein Virus legt die Wirtschaft lahm
Am offensichtlichsten sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Ebola-Epidemie. Die Weltbank geht davon aus, dass die Wirtschaft der betroffenen Länder in diesem Jahr zwischen 2,1% (Guinea) und 3,4% (Liberia) langsamer wachsen wird, als vor dem Ebola-Ausbruch vorhergesagt. Das entspricht einer Produktionseinbusse von 280 Millionen Euro und drückt das Wirtschaftswachstum zumindest in Guinea und Liberia auf das Niveau des Bevölkerungswachstums. Berücksichtigt man die Zerstörung von Kapital und Menschenleben, die durch Ebola verursacht werden, wird die Armut in den betroffenen Ländern kurzfristig mit großer Sicherheit zunehmen.

Wie auch die Weltbank betont, werden die mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie maßgeblich von zwei Faktoren beeinflusst: wie lange es dauert, bis Ebola unter Kontrolle gebracht werden kann und wie sich die Reaktion der Bevölkerung auf die Krankheit entwickelt. Aktuell entsteht der größte wirtschaftliche Schaden nicht durch Ebola selbst, sondern durch die weitverbreitete Angst vor Ansteckung und der dadurch bedingte Rückgang wirtschaftlicher Aktivität. So hat in Liberia beispielsweise der zweitgrößte Minenkonzern seine Geschäfte seit August komplett eingestellt und viele Fluglinien fliegen die Region nicht mehr an, was auch die Bekämpfung der Seuche in den betroffenen Ländern erschwert.

Sollte die Seuche glimpflich verlaufen und bis Ende des Jahres weitgehend unter Kontrolle sein, so würde laut Weltbank das Wirtschaftswachstum in Sierra Leone und Guinea im Jahr 2015 kaum beeinträchtigt werden. Allein Liberia würde auch nächstes Jahr noch bedeutende wirtschaftliche Einbußen erleiden. Die Region insgesamt sollte sich schnell von den Auswirkungen geschlossener Grenzen und eingeschränkter Reisefreiheit erholen.

Anders sieht es aus, wenn Ebola auch bis weit in das Jahr 2015 hinein wüten und sogar auf weitere Länder übergreifen sollte. Für diesen Fall wird Liberias Wirtschaft um etwa 5 Prozentpunkte schrumpfen, während das Wirtschaftswachstum in Guinea deutlich unter dem Bevölkerungswachstum liegen wird. Allein Sierra Leone dürfte dank der starken Ausrichtung der Wirtschaft auf den Eisenbergbau auch im schlimmsten Fall noch ein deutliches Wachstum vorweisen können. In diesem Szenario würde auch die wirtschaftliche Integrität der gesamten Region leiden. Die Wirtschaft Westafrikas ist von der Landwirtschaft zum Bergbau maßgeblich auf den lokalen und regionalen Handel zugeschnitten und angewiesen. Die bisherigen Erfahrungen mit Ebola legen nahe, dass gerade dieser Bereich von einer Ausbreitung der Seuche massiv betroffen wäre.

Welches Szenario zutrifft ist derzeit noch völlig offen. Entscheidend werden die nächsten Wochen und die Wirksamkeit der internationalen Interventionen sein.

Scientists handle samples taken from animals near an Ebola outbreak in Democratic Republic of Congo.

Scientists handle samples taken from animals near an Ebola outbreak in Democratic Republic of Congo.

 
Soziale und politische Auswirkungen
Die Konsequenzen der Ebola-Epidemie auf lokaler Ebene sind kaum zu überschätzen. Ganze Familien werden ausgelöscht, am Ende des Jahres werden vermutlich tausende Kinder zu Waisen geworden sein. Tragisch ist die Seuche vor allem vor dem Hintergrund, dass in Liberia und Sierra Leone gerade die erste Generation heranwächst, welche die jeweiligen Bürgerkriege nicht selbst miterlebt hat. Ihre Chance auf eine Jugend ohne zutiefst traumatische gesellschaftliche Katastrophen ist innerhalb weniger Wochen zunichte gemacht worden.

Besonders in Liberia könnten viele der Fortschritte der letzten Jahre zerstört werden. Das schon vor der Epidemie nur in Ansätzen existente Gesundheitssystem ist durch durch die Infektion und Flucht vieler medizinischer Fachkräfte praktisch ausgelöscht worden. Dramatisch sind aber auch die tiefen Gräben, die sich zwischen der allgemeinen Bevölkerung und der politischen Elite des Landes aufgetan haben. Erhebliche Teile der Bevölkerung in allen drei Ländern hielten Ebola anfangs entweder für eine Erfindung der Regierung, oder sogar eine von den Autoritäten mutwillig verbreitete Krankheit. Die Katastrophe, so die Volksweisheit, sei dazu gedacht, mehr Hilfsgelder in das Land zu holen. Die Regierungen wiederum reagierten mit Überforderung und Unverständnis auf die Herausforderungen der Seuche. Der Einsatz von Sicherheitskräften zur Durchsetzung von Quarantänemaßnahmen, deren Nutzen zumindest fraglich ist, hat mehrere Verletzte und Tote gefordert. Der Präsident von Sierra Leone, Ernest Bai Koroma, äußerte sich erst nach mehreren Wochen öffentlich zu Ebola, als schon mehrere hundert seiner Staatsbürger an der Krankheit verstorben waren.

Zwar besteht die Möglichkeit, dass Bevölkerung und Regierung die aktuelle Krise zum Anlass nehmen, um über ihre gesellschaftlichen und politischen Ursachen zu reflektieren und entsprechende Lehren zu ziehen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich das schon vorher existierende Misstrauen zwischen Bevölkerung und Elite verstärkt – im Übrigen auch eine mögliche Gefahr für die öffentliche Wahrnehmung westlicher Länder und internationaler Institutionen, die lange nicht angemessen auf Ebola reagiert haben.

A woman walks past signs warning of ebola in Freetown, Sierra Leone on August 13, 2014 (Photo: Carl de Souza).

A woman walks past signs warning of ebola in Freetown, Sierra Leone on August 13, 2014 (Photo: Carl de Souza).

 
Eine Gefahr für die internationale Sicherheit?
Besonders die UN gibt sich aktuell Mühe, verlorenen Boden wieder gut zu machen. In einer einstimmig verabschiedeten Resolution des Sicherheitsrats wurde der Ebola-Ausbruch in Westafrika am 18. September zur “Bedrohung für den internationalen Frieden und Sicherheit” erklärt. Damit ist Ebola die erste Seuche, die mit dieser Bewertung von Seiten der UN bedacht wird. Die Wortwahl dürfte vor allem auf das Bedürfnis der USA zurück zu führen sein, die Entsendung von 3’000 Soldaten auch der eigenen Bevölkerung gegenüber zu rechtfertigen. Ob die “Securitization” von Ebola sich im Nachhinein als sinnvoll erweist, muss zumindest angezweifelt werden.

Tatsächlich bedroht Ebola in jedem Fall die wirtschaftliche Integrität der betroffenen Länder und im Fall von Liberia auch die politische Stabilität. Im Falle einer unkontrollierten Ausbreitung könnten sich diese Zustände auch auf weitere Nachbarstaaten ausbreiten. Die Bedingungen in Westafrika sind allerdings sehr speziell. Gerade die schwache Staatlichkeit der betroffenen Länder hat es Ebola ermöglicht, sich so rasant auszubreiten. Vorherige Ausbrüche in Uganda und eine kürzliche Migration des Virus aus Guinea nach Nigeria und in den Senegal konnten schnell unter Kontrolle gebracht werden. Einzelne Fälle in asiatischen oder westlichen Ländern können bei einer länger anhaltenden Seuche kaum ausgeschlossen werden, hier bestehen aber ideale Voraussetzungen, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Entsprechend wird Ebola auch im schlimmsten Fall vor allem in Westafrika negative Folgen haben. Das entbindet den Rest der Welt natürlich nicht von seiner moralischen Verpflichtung, alles menschenmögliche zur Eindämmung der Krankheit zu tun. Für Afrika als Kontinent sollte die aktuelle Krise ein Warnschuss sein: Ebola und Katastrophen ähnlichen Ausmasses können auch in anderen Regionen auftreten. Es gibt genug Staaten, die darauf ähnlich schlecht vorbereitet sind. Eine effektive Vorbeugung kann aber nicht nur aus mehr Ärzten und besseren Krankenhäusern bestehen. Ausschlaggebend für die rasche Ausbreitung von Ebola waren schwache, ineffiziente und in Verruf geratene politische Eliten. Genauso wie Hungersnöte und Ressourcenmanagement sind Seuchen spätestens mit Ebola im Bereich des politischen angekommen.

Weitere Informationen
Rechtzeitig zum Artikel von Peter Dörrie hat Vice News eine interessante dreiteilige Serie über den Kampf gegen Ebola in Liberia gestartet. Sie zeigt die katastrophalen Zustände in der liberianischen Hauptstadt Monrovia und in deren Umgebung auf: Spitäler sind überfüllt und sogar Ärzte ohne Grenzen muss neue Patienten abweisen, welche dann zurück in ihre Kommune zurückkehren und eventuell weitere Personen in ihrer Nähe anstecken.

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