Die Ursprünge der Drohnen und die deutsche Debatte um eine alte Waffe

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym.

Drohnen sind aus der modernen Militärtechnik nicht mehr wegzudenken. Wo einstmals Piloten gefährliche Aufklärungs-, Patrouillien- und Kampfeinsätze flogen, übernehmen zunehmend unbemannte Flugsysteme diese Aufgaben. Doch wie modern uns diese Maschinen auch anmuten, liegen ihre Ursprünge mehr als 155 Jahre zurück.

Franz Freiherr von Uchatius

Franz Freiherr von Uchatius

Während des 1. Italienischen Unabhängigkeitskrieges kam es im Sommer 1849 zur Belagerung von Venedig. Durch die Insellage der Stadt war es für die österreichische Artillerie nicht möglich, Venedig direkt vom Festland aus zu beschießen. Auf Vorschlag des österreichischen Artillerieoffiziers und späteren Feldmarschalleutnants Franz Freiherr von Uchatius versuchte man mithilfe von Ballonbomben die Verteidiger der Stadt zur Kapitulation zu zwingen. Die Ballons waren mit Wasserstoff befüllt und wurden mit 15 kg Sprengstoff bestückt. Der Abwurf erfolgte durch das Abbrennen einer Zündschnur. Als Venedig schließlich am 2. August 1849 kapitulierte, hatte das österreichische Militär bis dato etwa 110 Ballonbomben gestartet, doch nur die wenigsten hatten ihre Ziele überhaupt erreicht und diese verursachten auch nur sehr geringen Schaden. Taktisch als nutzlos bewertet, verzichtete Österreich daraufhin auf den Einsatz der Ballonbomben. Damit hatte der erste, primitive, Drohneneinsatz seine Wirkung verfehlt.

Während des Ersten Weltkrieges begannen erste Experimente mit motorgetriebenen, unbemannten Flugapparaten, wie dem Aerial Target von Archibald Low und dem Hewitt-Sperry Automatic Airplane, die aber alle keine Fronttauglichkeit erreichten. Auch der Zweite Weltkrieg förderte die Entwicklung von unbemannten Flugsystemen: die Vergeltungswaffe 1 war der erste militärisch genutzte Marschflugkörper und das Aggregat 4 durchstieß als erstes aus Menschenhand konstruiertes Objekt die Kármán-Linie.

firebees

Doch erst die Ausbildung der amerikanischen Luftabwehrkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zur Geburtsstunde moderner, unbemannter Drohnen. Ab 1951 flog die Ryan Firebee, die erste strahlgetriebene Drohne, zur Zieldarstellung im Dienste der US Air Force (USAF). Der Erfolg der Firebee und die Konfrontation mit der Sowjetunion führten 1959 zu eigenfinanzierten Analysen des Unternehmens Ryan Aeronautical, wie sich aus einer Zieldarstellungsdrohne ein Langstreckenaufklärungssystem entwickeln lassen könnte.

The only reason we need (UAVs) is that we don´t want to needlessly expend the man in the cockpit. — General George S. Brown (Air Force Systems Command), 1972 zitiert in William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones. The can-do story of Ryan´s unmanned spy planes” (Fallbrook: Armed Forces Journal International, 1982), 208.

Der Abschuss von Francis Gary Powers über sowjetischem Territorium am 1. Mai 1960 sowie zwei Monate später einer Boeing RB-47 in der Nähe der sowjetischen Grenze führten schließlich zur finanziellen Förderung der Ryan-Forschungen durch das Pentagon. Unter dem Projektnamen “Red Wagon” (Ryan Model 147) entstand die erste leistungsfähige Aufklärungsdrohne. Zwischenzeitlich sollte das Programm wieder aufgegeben werden, aber der Verlust einer U-2 über Kuba am 27. Oktober 1962 führte abermals die Notwendigkeit einer unbemannten Aufklärungsdrohne vor Augen.

Der Vietnamkrieg und Einsätze über China wurden schließlich zur Feuertaufe der amerikanischen Drohnen. Die USAF nutze die Ryan Firebee als “unmanned aerial vehicles” (UAVs) zur fotografischen Gefechtsfeldaufklärung. Allein das 100th Strategic Reconnaissance Wing flog während des Krieges insgesamt 3’435 Aufklärungsmissionen, bei denen 554 Drohnen verloren ginge (William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones”, 200, 212). Was wiederum bedeutete, dass das Leben von mindestens 554 Piloten durch die USAF nicht riskiert werden musste.

[W]e let the drone do the high-risk flying […] the loss rate is high, but we are willing to risk more of them […] they save lives!General John C. Meyer (Strategic Air Command), 1972, zitiert in William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones”, 208.

Die Drohnen bewiesen ihren Nutzwert für die amerikanischen Streitkräfte und allmählich entwickelte sich aus den UAV eine bewaffnete Variante heraus – die unmanned combat aerial vehicles (UCAVs), die schließlich während des Kriegs in Afghanistan und der Operation Iraqi Freedom einen wichtigen Bestandteil des taktischen Einsatzkonzeptes bildeten.

Wurden Drohnen in den Anfangstagen ihrer Entwicklung dazu eingesetzt, selbständig ein Ziel anzusteuern und zu zerstören, wird diese Aufgabe heutzutage von Raketen resp. Marschflugkörpern erledigt. Den Begriff des unbemannten Flugsystems kann man vielfältig be- und umschreiben. Beispielsweise sehr weit fassend: “The term UAV is a very broad and encompasses vehicles such as cruise missiles (which can be described as single mission UAVs), target drones, and decoys […] (Kumar Rajesh, “Tactical Reconnaissance. UAVs versus manned aircraft“, Air Command and Staff College, March 1997, 8). Oder eng definiert: U(C)AVs sind wiederverwertbare, ferngesteuerte oder autonom fliegende Systeme, die über Kommunikations- und Sensorensysteme zur Aufklärung sowie Waffensysteme zur punktuellen Bekämpfung von feindlichen Zielen tragen. Durch ihre hohe Reichweite und Verweildauer befähigen sie die Einsatzzentrale zur s.g. Zerstörung bei Bedarf.

Der ökonomische Nutzen von U(C)AVs
Feindliche Jäger, Flugabwehrstellungen, technisches und menschliches Versagen bergen bei bemannten Einsätzen das Risiko des Besatzungsverlustes. Das ist menschlich, aber auch ökonomisch tragisch, denn die Ausbildung eines Flugzeugführers dauert mehrere Jahre und ist teuer. Gegenwärtig betragen die Kosten einer militärischen Pilotenausbildung bei der USAF mindestens 2,6 Mio. US-Dollar, je nach Flugzeugmuster auch mehr als 6 Mio. US-Dollar. Die Ausbildung eines U(C)AV-Operators kostet hingegen circa 135’000 US-Dollar (Thomas Ricks, “Cutting the Pentagon budget: Get rid of officer pilots, let enlisted fly drones“, Foreign Policy, 15.09.2010) und auch das Gehalt ist deutlich niedriger als das eines USAF-Piloten (Erik Bartos and Asad Hussain, “Boeing: Cleared for takeoff. Transforming military might to an emerging civilian market” Ivey Business Review, Spring 2013, 40). Ähnliche ökonomische Differenzen ergeben sich bei den Anschaffungskosten der Flugsysteme (“Top 10 Kampfflugzeuge nach Kosten in Millionen Euro“, Statista, 2014; “Department of Defense Fiscal Year (FY) 2013 President’s Budget Submission: Aircraft Procurement“, February 2012 and “Defense Acquisitions: Assessments of Selected Weapon Programs“, United States Government Accountability Office, March 2013):

Bemanntes System Stückkosten
B-2 Spirit 1000 Mio. Euro
F-22 Raptor 141 Mio. Euro
F-15 Eagle 105 Mio. Euro
Unbemanntes System Stückkosten
RQ-4 Global Hawk 75 Mio. Euro
MQ-9 Reaper 13 Mio. Euro
MQ-1 Predator 3 Mio. Euro

Drohnen benötigen keine zusätzlichen Lebenserhaltungs- und Steuerungssysteme für einen Piloten oder weitere Besatzungsmitglieder. Die Verweildauer am Einsatzort orientiert sich also nicht mehr an der Leistungsfähigkeit der Flugzeugbesatzung. Somit sind 24 h-Einsätze möglich. Auch das Gewicht und die Abmessungen des Flugsystems sind geringer und damit die Kosten einer Flugstunde.

Die deutsche Drohnen-Debatte
Die Beschaffung von bewaffneten Drohnen wird in Deutschland hitzig diskutiert, sei es die Frage um die militärische Notwendigkeit, die Kosten oder die Frage, ob es moralisch überhaupt zu rechtfertigen ist, eine Drohne im Krieg einzusetzen. Letztlich begegnet man aber in der Diskussion vier immer wiederkehrenden Annahmen:

    1. Drohnen sind etwas Neuartiges in der Bundeswehr: Falsch – Drohnen werden seit langem von der Bundeswehr genutzt. Zwar sind diese unbewaffnet, aber längst im Einsatz, wie z.B. Aladin, Heron, KZO, Luna, Mikado und bis 2009 CL-289.

 

    1. Drohnen sind “Killerroboter”: Falsch – die zu beschaffenden Drohnen sind keine vollautomatischen Waffen, die feindliche Ziele selbständig identifizieren und ohne menschlichen Einsatzbefehl zerstören. Dieses Fehlinterpretation kritisierte bereits Generalleutnant Hans-Werner Fritz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam, in seinem Sachverständigenvortrag im Verteidigungsausschuss des Bundestages (Deutscher Bundestag, “Stenografisches Protokoll der 16. Sitzung des Verteidigungsausschusses“, Sachverständigenberichte zum Thema bewaffnete Drohnen, 30.06.2014, 18-19).

 

    1. Drohnen lassen sich moralisch nicht rechtfertigen: Die moralische Frage nach dem Einsatz von Drohnen stellt sich überhaupt nicht. Waffen töten Menschen. Das ist eine grundlegende Eigenschaft dieser “Werkzeuge”. Will man eine moralische Diskussion führen, muss sie an einem gänzlich anderen Punkt anknüpfen und zwar, ob und wenn ja, wie Kriege geführt werden sollen. Ob es einen (un-) gerechten Krieg geben kann und des Weiteren inwieweit Deutschland bereit ist Menschen vor systematischen Kriegsverbrechen zu schützen (Responsibility to Protect).

 

  1. Der Einsatz von bewaffneten Drohnen senkt die Hemmschwelle zum Töten: Der Waffeneinsatz eines UCAV erfordert immer das Kommando des Operators oder des befehlshabenden Offiziers. Ob der Feind durch einen Messerstich, eine Pistolenkugel oder letztlich durch eine von einer Drohne abgefeuerten Rakete stirbt, macht die Last der Verantwortung nicht unpersönlicher. Man hat getötet (vgl. dazu Jean Otto und Bryant Webber, “Mental health diagnoses and counseling among of pilots of remotely piloted aircraft in the United States Air Force“, Medical Surveillance Monthly Report, Vol. 20, No. 3, March 2013: 3-8). Dieser Debattenpunkt verhält sich ähnlich zur einstigen Ächtung der Armbrust wegen ihrer Reichweite und Durschlagskraft auf dem Zweiten Laterankonzil (1193, Canon 29) durch Papst Innozenz II. Jochen Bittner, Europakorrespondent der ZEIT hat diesen Kritikpunkt bestens auf den Punkt gebracht:

Wer der Bundeswehr einen solchen Schutz vorenthalten will, wer glaubt, mit solchen Neuerungen werde die Hemmschwelle für Einsätze gesenkt, der plädiere bitte auch dafür, die Panzerung von Patrouillenfahrzeugen abzuschrauben. Die senkt nämlich auch die Hemmschwelle zum Ausrücken. Zutreffen dürfte eine Hemmschwellenwirkung eher in die andere Richtung: Aufseiten der Angreifer wird sie steigen. — Jochen Bittner, “Brauchen wir Drohnen?“, ZEIT Online, 17.02.2013.

Fakt ist, Drohnen schützen das Leben von Bundeswehrsoldaten, sei es durch Aufklärung oder durch den (zukünftigen) Einsatz ihrer Bordwaffen. Entschließt sich ein Feind zum Krieg, ist er bereit zum Töten. Die Ausübung militärischer Gewalt ist dabei ein Selbstzweck. Emphatie ist in dieser Situation fehl am Platz, ebenso die idealisierte Vorstellung eines auf allen Ebenen fairen Duells. In der Realität wird man jede Schwäche des anderen zum eigenen Vorteil ausnutzen. Alles andere kostet nur unnötig Leben.

 

Übersicht gegenwärtiger und zukünftiger Drohnen (Auswahl)

General Atomics MQ-1B Predator (USA)

MQ1B

Kennwert Daten
Länge 8,23 m
Höhe 2,10 m
Spannweite 14,84 m
Max. Startgewicht 1’020 kg
Höchstgeschwindigkeit 222 km/h
Dienstgipfelhöhe 7.620 m
Reichweite 3.704 km
Einsatzprofil Seit 1995 im Einsatz bei den amerikanischen Streitkräften. Zählt zum wichtigsten US-Bestandteil der taktischen Luftaufklärung.

General Atomics MQ-9 Reaper (USA)

Reaper

Kennwert Daten
Länge 10,97 m
Höhe 3,80 m
Spannweite 20,12 m
Max. Startgewicht 4’763 kg
Höchstgeschwindigkeit 482 km/h
Dienstgipfelhöhe 15’400 m
Reichweite 1’852 km
Einsatzprofil Aus der MQ-1 als reiner UCAV entwickelt. 2008 begannen F-16 Piloten mit der Umschulung auf den Reaper und formierten die erste UCAV-Attack Squadron der USAF.

Northrop Grumman RQ-4B Global Hawk (USA)

GlobalHawk

Kennwert Daten
Länge 14,50 m
Höhe 4,63 m
Spannweite 39,89 m
Max. Startgewicht 14’628 kg
Höchstgeschwindigkeit 637 km/h
Dienstgipfelhöhe 19’811 m
Reichweite 22’780 km
Einsatzprofil Höhenaufklärungsdrohne mit hoher Reichweite. Global Hawk ermöglicht die tägliche Überwachung eines Gebiets von ca. 100.000 km2. 2013 kam es in Deutschland zur Euro Hawk-Affäre. Der Bundesrechnungshof stellte ein folgenschweres Organisationsversagen der Bundeswehr bei der Beschaffung der Drohne fest.

EADS Barracuda (Deutschland / Spanien)

Baracuda

Kennwert Daten
Länge 8,25 m
Höhe kA
Spannweite 7,22 m
Max. Startgewicht 3’250 kg
Höchstgeschwindigkeit 902 km/h
Dienstgipfelhöhe 6’100 m
Reichweite 200 km
Einsatzprofil UCAV-Technologiedemonstrator. Erstflug im April 2006. Nach dem Absturz des ersten Prototypen im September 2006 wurde ein zweiter gebaut und für weitere Tests verwendet.

Dassault nEUROn (Frankreich / Schweden / Schweiz / Italien / Griechenland / Spanien)

neuron

Kennwert Daten
Länge 9,5 m
Höhe kA
Spannweite 12,5 m
Max. Startgewicht kA
Höchstgeschwindigkeit 980 m/h
Dienstgipfelhöhe 14’000 m
Reichweite kA
Einsatzprofil UCAV-Technologiedemonstrator auf Stealh-Basis. Insgesamt wurden nEUROn 405 Mio. Euro an Forschungsgeldern zur Verfügung gestellt. Der Erstflug erfolgte am 1. Dezember 2012.

 

Weiterführende Literatur

• • •

Fotos/Bilder: Teledyne Ryan, USAF (Tech. Sgt. Sabrina Johnson), USAF (Senior Airman Larry E. Reid Jr.), USAF (John Schwab), Barracuda (Jean-Patrick Donzey, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license), Dassault Aviation (K. Tokunaga).

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