Wofür Israel und Hamas diesmal wirklich kämpfen – über Berichterstattung und Krieg in Gaza

von Sascha Bruchmann. Sascha Bruchmann hat Internationales Recht und Internationale Politik in München und den USA studiert. Er war zuletzt als Analyst für den Raum MENA eingesetzt.

Der Unterschied zwischen Anlass und Ursache eines Konfliktes, ist der zwischen dem offensichtlichen Akt und der dahinter liegenden Struktur der Beziehung der Akteure. Im Juli 2014, nach dem Mord an drei jüdischen Religionsschülern und einem noch ungeklärten Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen ist ein erneuter Konflikt zwischen Israel und der Hamas ausgebrochen. Der Anlass des Konfliktes folgt der gleichen Kontingenz der früheren israelisch-arabischen Konflikten. Um jedoch zu verstehen was die Akteure wollen und wie sie interagieren, muss die Betrachtung von der oberflächlichen Darstellung moralischer Aspekte der Kriegführung auf beiden Seiten als auch der taktischen Details gelöst werden.

Smoke and flames are seen following what police said was an Israeli air strike in Rafah in the southern Gaza Strip July 8 (Photo: Ibraheem Abu Mustafa / Reuters).

Smoke and flames are seen following what police said was an Israeli air strike in Rafah in the southern Gaza Strip July 8 (Photo: Ibraheem Abu Mustafa / Reuters).

Hinter der Berichterstattung
Die Medienberichterstattung des aktuellen Gazakonfliktes fokussiert sich auf die humanitäre Tragödie auf beiden Seiten. Auch die politischen Entscheidungsträger äußern sich zusehends auf moralischer Basis. Die Titel vom 21.07.2014 auf Al Jazeera beispielsweise geben Ban Ki Moons Sorge über “atrocious Gaza killings” wieder, während die ARD mit “Eskalation trotz steigender Opferzahlen” aufwartet. Jenseits der moralischen Perspektive verlieren sich die Nachrichtenportale in taktischen Details, welche häufig die Unkenntnis über die Zustände am Boden dokumentieren. Im Zeitpunkt des Verfassens des Artikels rätseln die Medien beispielsweise über das Pressestatement der Hamas und dem Dementi der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) über die Entführung eines israelischen Soldaten. Die Lage ist unklar, die Berichterstattung folgt dennoch.

Den Akteuren in diesem Konflikt gelingt es auf politischer Ebene Propaganda mit moralischem Inhalt zu verbreiten (Zivile Opfer versus Raketen auf Großstädte), als auch auf taktischer Ebene Informationsoperationen zu lancieren. Zwischen diesen beiden Ebenen fehlt die Berichterstattung über die Hintergründe des aktuellen Konfliktes. Militärisch gesprochen fehlt die operative Ebene, also der Kriegsgrund. Die Gründe für diesen Krieg erklären aber zugleich auch wie er geführt wird. Mit dem Wissen über die Lage, insbesondere der Hamas, erklärt sich die Vorgehensweise sowohl von Hamas als auch IDF. Die vorliegende Analyse soll die Besonderheit des aktuellen Konflikts aufzeigen und damit auch dem medial verbreiteten Narrativ entgegentreten.

Israeli reserve soldiers go inside a cement pipe used as an air raid bomb shelter in a field along the southern Israeli border with the Gaza Strip, early July 15, when several 'red alert' alerts sounded (Photo: Jim Hollander).

Israeli reserve soldiers go inside a cement pipe used as an air raid bomb shelter in a field along the southern Israeli border with the Gaza Strip, early July 15, when several ‘red alert’ alerts sounded (Photo: Jim Hollander).

Nach der Gewaltspirale – ein Konflikt analysiert
Cui bono – wem nützt es? Gemäss Hussein Ibish, Forscher an der American Task Force on Palestine, ist Israel wegen der risikoscheuen Einstellung Benjamin Netanjahus nur sehr verhalten und zögerlich in diesen Krieg eingestiegen (Hussein Ibish, “Bibi’s First War“, Foreign Affairs, 16.07.2014). Er fürchtete die Auswirkungen einer gescheiterten Offensive und die daraus resultierende Delegitimisierung seiner Siedlungspolitik in Israel. Netanjahus Politik ist zwar expansionistisch im Siedlungsbau, aber er ist konservativ im Einsatz von Militär – die Konflikte 2006, 2009 und 2012 als auch die Kritik der Generäle und ehemaligen Leiter von Shin Beth und Mossad über die Iran-Politik haben ihn verunsichert. Er mag als Hardliner gelten, aber er ist kein Militarist. Ausserdem wäre ein Unentschieden – wie im Libanon 2006 – eine Niederlage für Israel. Zudem ist das Land extrem sensibel was eigene Gefallene angeht.

“Experience teaches that in times like these, it is incumbent on us to act calmly and responsibly, not with carelessness and loud rhetoric”. So zitieren israelische Medien Netanjahu, als er von Ministern seines Kabinetts zu militärischem Handeln aufgefordert wurde. Darunter waren der israelische Außeniminister Avigdor Liberman und der Likud-Innenminister Gideon Sa’ar. Aus Kritik an Netanjahus Zögern kündigte Liberman die Koalition zwischen seiner Yisrael Beytenu Partei und Netanjahus Likud auf (Gil Hofmann, “Liberman announces Yisrael Beytenu splitting from Likud“, The Jerusalem Post, 07.07.2013).

Suggestions to wait, listen, delay – it’s not clear to me what we’re waiting for. At the end of 2015, [Hamas] will have thousands of rockets [that can reach 80 kilometers]. We have to end this. We can’t live under this permanent threat, where 1.5 million people have to be ready to run to shelters at a moment’s notice. — Israelischer Aussenminister Avigdor Liberman, zitiert in Haviv Rettig Gur, “Netanyahu, the conciliatory conservative“, The Times of Israel, 10.07.2014.

Wenn Netanjahu nur widerwillig den Militäreinsatz anordnete, dann liegt der Grund für die israelische Eskalation nicht nur in der Innenpolitik sondern auch an der israelischen Wahrnehmung des Gegners. Sie beginnt mit den drei ermordeten israelischen Jugendlichen Eyal Yifrach, Gilad Shaar und Naftali Frenkel, der militärischen Suchaktion, die in den Palästinensergebieten als Kollektivbestrafung wahrgenommen wurde, und dem Rachemord an dem 16jährigen palästinensischen Jugendlichen Mohammed Abu Khdeir. Tatsächlich ist die latente Gewalt in den besetzten Gebieten nicht außergewöhnlich. Auch 2014 gab es bereits mehrere tödliche Zwischenfälle zwischen Israelis und Palästinensern. Beispielsweise kostete bereits ein anderer Zwischenfall am 23.01.2014 an einem Checkpoint einem jungen Palästinenser das Leben. Jeder der Vorfälle zwischen dem 23.01. und dem 10.07. hätte gleich gut oder schlecht zur Eskalation genutzt werden können. Der entscheidende Unterschied anfangs Juli: Das Scheitern der Friedensverhandlungen am 29.04.2014, was wiederum auf die Hamas-Fatah Aussöhnung und Vereinbarung vom 23.04.2014 zurückgeht. Laut durchgesickerten Informationen der Unterhändler wollten sowohl Israel als auch die Fatah die Friedensverhandlungen torpedieren. Auf palästinensischer Seite nutzte die Fatah dabei die Hamas und die Versöhnungsgespräche aus.

The reconciliation deal between Hams and Fatah was welcomed with celebrations by Palestinians in Gaza City.

The reconciliation deal between Hams and Fatah was welcomed with celebrations by Palestinians in Gaza City.

 
Es scheint aus Sicht der Hamas widersprüchlich, dass sie ihren Konflikt mit der Fatah beendet indem sie auf Macht verzichtet, und sich von ihr instrumentalisieren lässt, nur um später anzugreifen. Doch die Hamas kann sich weder den Konflikt mit der Fatah, noch den “Frieden” mit Israel leisten. Die Hamas kämpfte bereits vor dem Konflikt um ihr (politisches) Überleben – auch sie steht innenpolitisch unter Druck. Wirtschaftlich steht der Gazastreifen seit Sommer letzten Jahres am Rande des Ruins. Nachdem das ägyptische Militär die Muslimbrüder weggeputscht hatte, wurde die Grenze zum Gazastreifen abgeriegelt und die meisten der geschätzten 1’200 Tunnel wurden zerstört. Den wirtschaftlichen Schaden dieser Abriegelung beziffert die Hamas laut ihrem Sprecher Hatem Oweida auf 230 Millionen US-Dollar pro Monat. Der Grund liegt in der historischen Herkunft der Hamas als Ableger der ägyptischen Muslimbrüder.

Ausserdem fordern andere nihilistischere Milizen die Hamas im Gazastreifen heraus. Die Islamic Jihad Movement in Palestine, mit 8.000 Kämpfern Nummer zwei im Gazastreifen, und die Hamas haben sich im Juni 2013 gewaltsam überworfen. Nur wenn sie sich die Hamas als Primus des palästinensischen Kampfes gegen Israel behauptet, hat sie ein Existenzrecht. Lokal haben diese Gruppierungen sich am Aufstand auf dem Sinai beteiligt, global werden sie jedoch von den Erfolgen der ISIS angestachelt.

The Ally you’ve called is temporarily not available…
Der Hamas gehen ausserdem die Verbündeten aus: Während die ägyptischen Muslimbrüder zu Hunderten auf die Umwandlung ihrer Todesstrafe in lebenslange Haft warten und ihre Anführer wahrscheinlich hingerichtet werden, sind die syrischen Muslimbrüder als Teil der “Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte” gegen Baschar al-Assad, die al-Nusra-Front und die ISIS in der Defensive. Die Muslimbrüder als panarabische Bewegung sind auf absehbare Zeit neutralisiert – es könnte gar nach etwas über 80 Jahren das Ende der Muslimbrüder in Ägypten darstellen.

A student supporter of the Muslim Brotherhood and ousted Egyptian President Mohamed Mursi waves the yellow flag bearing the four-fingered Rabaa sign during a demonstration outside Cairo University May 14, 2014 (Photo: Mohamed Abd El Ghany / Reuters).

A student supporter of the Muslim Brotherhood and ousted Egyptian President Mohamed Mursi waves the yellow flag bearing the four-fingered Rabaa sign during a demonstration outside Cairo University May 14, 2014 (Photo: Mohamed Abd El Ghany / Reuters).

Der Iran kämpft an allen Fronten. Qassim Sulaimani, der Kommandeur der Al Quds-Brigaden, der Spezialabteilung für Auslandsaktivitäten der iranischen Revolutionsgarden, macht momentan Überstunden. Seine Gegner beschreiben ihn als den mächtigsten power broker des Nahen Ostens. Er managed alle pro-Assad Gruppen in Syrien und koordiniert im Irak die Asaib Ahl al-Haq, Muqtada al-Sadr’s Milizen, sowie die iranischen Bodentruppen und Kampfflugzeuge. Dennoch, der iranische Einfluss in Syrien und im Irak schwankt, mittelbar damit auch der im Libanon. Alles was die islamische Republik seit 1979 außerhalb ihrer Grenzen aufgebaut hat, ist gefährdet.

Außerdem ist die Hamas sunnitisch, der Iran jedoch schiitisch. Im Kampf gegen Israel war das zweitrangig – das Narrativ “Resistance” konnte alle vereinen. Seit die Hamas letztes Jahr in Syrien gegen die Hizbollah in der Schlacht um Al Qusayr aufgetreten ist, bleibt das Verhältnis unterkühlt. Der sunnitisch-schiitische Konflikt ist mittlerweile zu sehr in den Vordergrund getreten. Der Iran kann die Islamisten nicht mehr zum gemeinsamen Kampf gegen die USA und Israel mobilisieren; die konfessionelle Aufladung der Konflikte schadet den iranischen Interessen massiv. In einer innerislamischen Krisenzeit, wenn wichtige Hauptverbündete wie Nuri al-Maliki und Baschar al-Assad wanken, werden die iranischen Ressourcen außerhalb Gazas gebraucht.

Letztendlich bleibt Qatar als Verbündeter der Hamas übrig. Dort sitzt Khaled Mashal, der politische Führer der Hamas. Qatar ist aber in den gleichen Konflikten gebunden wie der Iran, nur eben auf der sunnitischen Seite. Seit letztem Juni hat zudem die Führung gewechselt und Tamam bin Hamad al-Thani hat das Amt von seinem Vater übernommen. Der Vater war als erstes Staatsoberhaupt seit der israelischen Räumung 2006 in Gaza und hat dort 300 Millionen Dollar verteilt. Qatar hat gegen Muammar al-Gaddafi gekämpft, die Muslimbrüder in Ägypten finanziert, in sunnitische Kämpfer in Syrien und im Irak investiert – ohne Ergebnisse. Sein Sohn hat in der Außenpolitik die Notbremse gezogen: Es gibt zwar keine grundsätzlichen Veränderungen, jedoch von allem ein bisschen weniger. Das spart Geld und bringt ein bisschen weniger Konflikt mit dem großen Bruder Saudi-Arabien, der sich schon in seiner Führungsrolle unter den Sunniten herausgefordert sah und Qatar auf die Finger klopfte.

Den Zenit überschritten – Hamas 2014
Seit Israel 2006 den Gaza geräumt hatte, konnte sich die Hamas konsolidieren und politische Macht erlangen. Mit ihrem Wahlsieg kamen die ausländischen Unterstützer – staatliche wie private. Mit Mohammed Mursi als Nachbarn schien die Zukunft aussichtsreich. Im Frühling 2013 war die Hamas, auf dem Zenit ihrer Macht, dann überschlugen sich die Ereignisse. Heute kämpft sie gegen den Abstieg und um ihr (politisches) Überleben. Sie muss ihrer eigenen Bevölkerung ihren Wert beweisen, die wirtschaftliche Zukunft des Gaza ermöglichen und die anderen Milizen von der Macht fernhalten – drei Herkulesaufgaben.

Palestinian onlookers and motorists pause to inspect an Israeli army bomb laying unexploded on the road that links northern and southern Gaza, in Deir al-Balah, in the central Gaza Strip, on August 1, 2014 (Photo: Marco Longari / AFP).

Palestinian onlookers and motorists pause to inspect an Israeli army bomb laying unexploded on the road that links northern and southern Gaza, in Deir al-Balah, in the central Gaza Strip, on August 1, 2014 (Photo: Marco Longari / AFP).

Die Hamas stellt zugleich soziale, politische und militärische Bewegung dar. Der soziale Anteil ist dabei nicht der Schwerpunkt der Organisation. Gemäss Nathan J. Brown vom Carnegie Endowment for International Peace stellt die Hamas zwar Arbeit und Wohlfahrt zur Verfügung, aber sie kann dabei nicht mit der Fatah konkurrieren. Ausserdem profitieren nur wenige Palästinenser davon. Ihre Legitimität liegt im Kampf gegen Israel, im Narrativ der “Resistance”. Sie steht als nicht kompromittierbar und unbestechlich im Gegensatz zur korrupten Fatah. Deshalb hat der Wahlsieg 2007 der Hamas letztlich geschadet. Wie die Fatah musste sie sich um die selbe schmutzige Tagespolitik kümmern – Müllabfuhren statt Mittelstreckenraketen.

Die Einigung im Juni auf eine palästinensische, technokratische Einheitsregierung ohne direkte Hamas-Beteiligung wurde von einigen Beobachtern, wie Daoud Kuttab von Al-Monitor, als Niederlage der Hamas gewertet. Eine Niederlage, die sie aufgrund der fehlenden Verbündeten und daher Schwäche eingestehen müsse. Tatsächlich befreite sich die Hamas von den Fängen der Politik und besann sich auf ihr Kerngeschäft zurück, den bewaffneten Widerstand. Das bringt aber nur Handlungsspielraum und keine Ressourcen oder Legitimität mit sich. Die Hamas braucht die Öffnung der Wirtschaftsblockade damit die Bevölkerung im Gazastreifen wieder handeln kann, ansonsten wird die eigene Bevölkerung sie zunehmend in Frage stellen.

Nur wenn es der Hamas gelingt die Kosten dieses Konfliktes für Israel zu erhöhen, kann sie Israel an den Verhandlungstisch zwingen. Dies umfasst sowhol militärische wie auch zivile Kosten (beispielsweise die Demoralisierung der israelischen Bevölkerung durch ständige Raketenangriffe). Ausserdem muss sie den internationale Druck auf Israel steigern, was einerseits durch die Hilfe der arabischen Staaten, andererseits durch Israels Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung gelingen kann. Unter Berufung auf einen hohen palästinensischen Hamas-Vertreter listete Le Monde die Bedingungen der Hamas zur Einstellung ihrer Angriffe auf (“La Hamas détaille à plusieurs pays ses conditions pour accepter une trêve avec Israël à Gaza“, Le Monde, 20.07.2014). Neben dem “Ende der [israelischen] Aggression gegen das palästinensische Volk” und der Freilassung von Gefangenen sind die restlichen fünf Bedingungen rein wirtschaftlicher Natur:

  • Ende der Blockade;
  • Öffnung des Grenzübergangs Rafah zu Ägypten;
  • Bewegungsfreheit der Palästinenser an der gaza-israelischen Grenze;
  • Aufhebung der Pufferzone;
  • Fischereirechte innerhalb der 12 Meilen-Zone.

 
Israels Taktik – die Schwäche der Hamas im Blick
Die israelischen Generäle haben die schwierige Lage der Hamas erkannt. Operation “Protective Edge” besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil besteht aus Luftangriffen, die von einer großen Informationsoperation begleitet werden. Der zweite Teil visiert die Zerschlagung der Hamas durch eine begrenzte Bodenoffensive an.

Flyers are dropped over Gaza City by the Israeli army urging residents to evacuate their homes on July 30, 2014 (Photo: Mohammed Abed / AFP / Getty Images).

Flyers are dropped over Gaza City by the Israeli army urging residents to evacuate their homes on July 30, 2014 (Photo: Mohammed Abed / AFP / Getty Images).

Bei der Operationsplanung nahm die IDF an, dass die Hamas-Kämpfer sich unter die Bevölkerung mischen und diese als Schutzschild missbrauchen würden. Mittels Abwurf von Flugblättern, telefonische Warnarnrufe und dem “Roof knocking” (“Vorwarnung” durch kleine, inerte Granaten wenige Minuten vor der Bombardierung; siehe Video unten und dazugehörige Beschreibung) werden Zivilisten zum Verlassen der Gebäuden aufgefordert. Natürlich werden damit auch die Hamas-Kämpfer gewarnt, was einen militärischen Nachteil darstellt. Andererseit beobachtet eine Drohne das Verlassen der Hausbewohner und wenn sich die Hamas-Kämpfer von der Gruppe der Hausbewohner löst, können die Kämpfer neutralisiert oder verfolgt werden. Diese befinden sich insbesondere in einem Streifen nahe der Grenze. In der Nacht vom 17. auf den 18.07. schlichen die ersten Kommandos über die Grenze. Nachdem sie so genug Informationen über das Stellungssystem der Hamas gesammelt hatte, begann die IDF ihre Bodenoffensive.

Die hohen zivilen Verluste auf palästinensicher Seite sind einerseits die Folge der Taktik der Hamas sich in zivilen Infrastrukturen zu verstecken, andererseits die Folge der israelischen Interpretation, dass diese zivilen Infrastrukturen dadurch legitime militärische Ziele darstellen (Anmerkung des Administrators: völkerrechtlich ist die israelische Interpretation kaum haltbar, siehe: “Der Versuch einer Analyse der Israel-Libanon-Krise“, offiziere.ch, 21.07.2006). Keine der beiden Seiten ist bereit von ihrer Taktik abzuweichen und akzeptiert den Tod Unschuldiger. Die Hamas erzielt Sympathien und lenkt die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Israel. Zudem bewegen sich die Verbündeten wieder leicht auf sie zu. Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hizbollah, verkündeten halb-öffentlich die Unterstützung der Hamas. Gleichzeitig kann Israel militärische Erfolge gegen die Hamas vorweisen. Laut Eintrag des IDF-Blog vom Sonntag, dem 27.07.2014 hat sie 31 Tunnel gefunden und über 40 “Terrorziele” bekämpft, fünf Tage zuvor waren es sogar 260 Ziele.

Hat Israel im Angesicht dieser Erfolge Blut gerochen? Ursprünglich trat Israel eher wiederwillig in diesen Konflikt ein, doch mittlerweilen könnten die militärischen Entscheidungsträger die Chance erkennen, die Hamas dermassen zu zerschlagen, dass sie auf Jahre nicht mehr agieren kann. Die zur Zeit der Abfassung des Artikels 63 getöteten Soldaten sind anzahlmässig im Vergleich mit den über 1’500 palästinensichen Toten zwar als “gering” zu bezeichnen, aus israelischer Wahrnehmung ist die Zahl jedoch deutlich zu hoch. Es besteht also die Möglichkeit ,dass während die IDF in Orts- und Häuserkämpfen auf Tage und Wochen nur langsam die Hamas zerschlagen kann, die politische Führung die Kosten des Konfliktes gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung scheut und die Operation beendet.

Ein Pyrrhussieg
Es bleibt abzuwarten was die militärische und politische Führung in Tel Aviv beschließen. Der militärische Plan hinter der Operation “Protective Edge” ist aus militärischer Sicht effektiv. Die politische Führung wird jedoch vor unagenehme Herausforderungen gestellt: wie viel Blut soll auf beiden Seiten vergossen werden? Angesichts der steigenden Anzahl toter israelischer Soldaten, dem steigenden internationalen Druck verursacht durch die Zerstörung ziviler Infrastrukturen in Gaza und der hohen Zahl palästinensischer Toten, könnte ein Abbruch der Operation gut möglich sein. Derzeit sind aus Israel vage formuliertes Oerationsziele (Wiederherrstellung von Ruhe und Sicherheit für Israel) zu hören. Ausgedrückt als operatives Ziel, kann dies verschiedenartig interpretiert werden:

  • Die Zerschlagung der Hamas als Organisation: Dieses Ziel erfordert Ausdauer – Orts- und Häuserkampf würden sich über Wochen oder gar Monate hinziehen. Auf Seite der Palästinenser aber auch auf Seite der israelischen Soldaten würden die Verluste weiter steigen. Damit ist dieses Ziel politisch und militärisch heikel und das Machtvakuum im Gazastreifen würde mit grosser Wahrscheinlichkeit durch andere Milizen gefüllt werden.
  • Die Zerstörung der Hamas-Infrastruktur, insbesondere der Tunnel: Dies scheint ein schwieriges Unterfangen darzustellen, doch genau deshalb hat Israel die Bodenoffensive begonnen – und gemäss Angaben der IDF wurden in diesem Bereich taktische Erfolge erzielt. Doch was soll damit langfristig erreicht werden? Solange die Hamas (und andere Milizen) nicht zerschlagen ist, wird sie ihre Infrastruktur nach dem Operationsende wieder aufbauen.
  • Demilitarisierung des Gaza-Streifens: Dieses Ziel ist kaum erreichbar, da Israel nicht einmal während der Besatzung des Gaza-Streifens eine Demilitarisierung durchsetzen konnte.

Israel muss sich nun klar werden, was es genau mit ihrer Operation erreichen will und welche Konsequenzen daraus erwachsen. Trotz den taktischen Erfolgen, könnte sich die Gesamtoperation zu einem teuren Pyrrhussieg entwickeln.

An Israeli soldier lifts a shell at a site where mobile artillery units are deployed, outside the Gaza Strip, July 21 (Photo: Nir Elias/Reuters).

An Israeli soldier lifts a shell at a site where mobile artillery units are deployed, outside the Gaza Strip, July 21 (Photo: Nir Elias/Reuters).

 

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3 Responses to Wofür Israel und Hamas diesmal wirklich kämpfen – über Berichterstattung und Krieg in Gaza

  1. Weitere Informationen
    Zur Aussenpolitik Qatar’s: Bilal Y. Saab, “The Dishonest Broker: Why Qatar’s Peacemaking Shouldn’t Be Trusted“, Foreign Affairs, 30.07.2014.

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