Neue maritime Verantwortung: Welche Marine braucht Deutschland?

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Trotz der enormen maritimen Interessen Deutschlands ist die gegenwärtige außenpolitische Debatte erstaunlich seeblind. Gemessen an seiner Verantwortung muss sich Berlin auf See entschieden und substanziell einbringen. Dafür ist die Deutsche Marine jedoch zu klein. Weit wahrscheinlicher als eine Erhöhung des Verteidigungsetats ist allerdings ein Ende des Deutschland-Hypes.

Korvette "Magdeburg" auf der Lauer während der NATO-Übung "Dynamic Mongoose" im Björnafjorden (Quelle: 2014 Bundeswehr / SNMG 1).

Korvette “Magdeburg” auf der Lauer während der NATO-Übung “Dynamic Mongoose” im Björnafjorden (Quelle: 2014 Bundeswehr / SNMG 1).

Seeblindes Review
Endlich gibt es eine ausführliche Debatte über Deutschlands internationale Verantwortung. Angestoßen vom Auswärtigen Amt mit dem Projekt “Review 2014” wird Außenpolitik breit und öffentlich diskutiert. Für Deutschland typisch leidet aber auch diese Debatte unter akuter Seeblindheit. Zurecht dominieren momentan die Ukraine-Krise und der Nahost die Debatte. Aber ein vom Seehandel abhängiges Land, dessen Seestreitkräfte gleichzeitig und laufend in NATO-, EU– und UN-Missionen Verantwortung übernehmen, muss ebenso seine maritime Rolle und die dafür notwendige Marine einem “Review” unterziehen.

Weder Wladimir Putin noch ISIS werden am langfristigen Trend etwas ändern, dass dieses Jahrhundert ein maritimes wird. Beide behindern das Wachstum des globalen Seehandels nicht. Im Falle Russlands eher im Gegenteil. Zur Abkehr vom russischen Gas müsste Europa stärker auf Flüssiggas-Importe über See setzen. Die Ostsee und das Schwarze Meer kehren zusätzlich auf die sicherheitspolitische Tagesordnung zurück.

Für ein maritimes Review deutscher Außenpolitik stellen sich zwei Fragen: Welche Interessen und Verantwortung hat Deutschland auf See? Mit welcher Marine könnte es dieser Verantwortung gerecht werden? Geopolitisch und strategisch hat Deutschland ein Interesse an einer stabilen und friedlichen maritimen Ordnung, die von Kooperation anstatt Konfrontation geprägt ist. Die aktuellen Trends in der internationalen und maritimen Ordnung laufen diesem Interesse diametral zu wider. Berlin hat also die Verantwortung für sich und Europa, etwas dagegen zu tun. Für Stabilität in der maritimen Ordnung ist Deutschland darauf angewiesen, dass vor allem die NATO, aber auch die EU außen als maritim-handlungsfähige Akteure wahrgenommen werden. Für Wirtschaft und Wohlstand braucht die Bundesrepublik Deutschland sichere Seewege von Gibraltar bis Schanghai.

Deutsche Marine übt mit norwegischer. Auf dem Bild: norwegisches Uboot "Utsira" und norwegische Fregatte "Thor Heyerdahl" während der NATO-Übung "Dynamic Mongoose"(Quelle: 2014 NATO) .

Deutsche Marine übt mit norwegischer. Auf dem Bild: norwegisches Uboot “Utsira” und norwegische Fregatte “Thor Heyerdahl” während der NATO-Übung “Dynamic Mongoose”(Quelle: 2014 NATO) .

Die maritim-strategischen Trends laufend gegen Europa
Die Weltmeere werden in den kommenden Dekaden ein zentraler Schauplatz geopolitischer Auseinandersetzungen sein – gerade im Indo-Pazifischen Raum. Chinas offensivere Interessendurchsetzung per Salami-Taktik im Ost- und Südchinesischen Meer ist der Anfang. Durch die Abhängigkeiten von den Seerouten und die wirtschaftlichen Folgeschäden großer Konflikte im Indo-Pazifischen Raum ist Deutschland – und sind letztlich deutsche Arbeitsplätze – von diesen Auseinandersetzungen direkt betroffen.

Der Mittelmeerraum wird uns ebenfalls stärker beschäftigen, nicht nur durch die bleibende Flüchtlingsproblematik. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wohin sich Syrien, Ägypten, Libyen und Tunesien langfristig entwickeln werden. Jede neue Krise in diesen Mittelmeeranrainer hätte zwangsweise maritime Relevanz.

Es wäre ein kapitaler Fehler, wenn sich Deutschland einfach darauf verließe, dass die US-Navy die maritime Ordnung auch im deutschen Interesse schon aufrechterhalten wird. Natürlich werden die USA auf See dominant bleiben, aber China und andere Nationen werden die amerikanische Stärke nach und nach relativieren. Fraglich auch, wie groß der politische Wille in den USA für Machtprojektion noch ist. Vor diesem Hintergrund wird den Marinen Japans, Südkoreas und Australiens im Indo-Pazifischen Raum deutlich größere Bedeutung zukommen.

Europa ist dagegen aufgrund der Misere seiner Militäretats, seinem fehlenden strategischen Denken und dem Mangel an politischen Willen ein dauerhafter Abstiegskandidat. Das letzte Land in Europa, das sich noch traut, global-strategisch zu denken und zumindest versucht, die Fähigkeiten für hochintensive Einsätze zu erhalten, ist Großbritannien. Bei Realisierung der gegenwärtigen Rüstungsvorhaben (Flugzeugträger mit F-35B, SSN, Zerstörer, Fregatten) wird die Royal Navy ab Beginn der 2020er Jahre über zumindest eine moderne Task-Force für hochintensive und expeditionäre Einsätze verfügen. Frankreichs Militär stehen die drastischen Sparrunden noch bevor.

Angesichts Englands unsicherer Zukunft in der EU und Londons bleibenden Willen zu Alleingängen kann Deutschland die maritime Verantwortung Europas nicht allein auf britischen und schwächelnden französischen Schultern abladen.

Welche Marine braucht Deutschland?
Den Interessen und ökonomischen wie politischen Gewicht Deutschlands folgend müsste die Deutsche Marine in der Lage sein, als Führungsnation – im Rahmen von UN, NATO oder EU – das komplette Aufgabenportfolio von Seestreitkräften angefangen bei größeren, expeditionären Marineeinsätzen bis hin zu humanitären Hilfsaktionen anzuführen. Das reicht von Interventionen vom Stile Großbritanniens in Sierra Leone in 2000, Australiens auf den Salomonen in 2003 oder des maritimen Teils der NATO-Operation in Libyen 2011 ebenso wie Katastrophenhilfe in Indonesien nach dem Tsunami 2004.

Die "Baden-Würtenberg" im Bau. Es ist eine der vier neuen Fregatten 125 für die Deutsche Marine. Sie sollen ab 2017 stufenweise in Dienst gestellt werden (Foto: Dirtsc, Wikipedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported).

Die “Baden-Würtenberg” im Bau. Es ist eine der vier neuen Fregatten 125 für die Deutsche Marine. Sie sollen ab 2017 stufenweise in Dienst gestellt werden (Foto: Dirtsc, Wikipedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported).

Sein verfassungsbedingter Verzicht auf unilaterale, rein nationale Einsätze macht Deutschland zu einem entscheidenden Spieler bei multinationalen Marineeinsätzen. Um dem gerecht zu werden, muss unsere Marine in der Lage sein, sich mit ausschlaggebenden Fähigkeiten an Einsätzen mit hoher Intensität zu beteiligen – als Ultima Ratio auch mit Anwendung militärischer Gewalt.

In Zeiten europäischen Machtverlusts auf den Ozeanen müsste Deutschland eigentlich deutlich mehr zum Erhalt von Handlungsfähigkeit beitragen. Sprich, die Deutsche Marine sollte an einem Schauplatz eine größere Operation führen und an zwei weiteren Präsenz zeigen können. Allerdings wird Deutschland keine “Falklands-Style” Missionen unternehmen. Daher braucht Deutschland auch keine großen Flugzeugträger von 50.000 Bruttoregistertonnen und mehr, wie sie Großbritannien, China und Indien bauen. Ebenso brauchen wir keinen kleinen Flugzeugträger (wie Spanien oder Italien), da so ein Schiff durch die Beschaffung von F-35B schnell zum Milliardengrab würde.

Für die Wahrnehmung der angesprochenen Rolle als Führungsnation bei multilateralen Einsätzen sowie für Machtprojektion, Marinekooperation mit anderen großen Staaten und humanitäre Hilfe könnte Deutschland ein Schiff, etwa ein LHD, gut gebrauchen, von dem man mehr als drei Hubschrauber und Drohnen einsetzen kann. Eines Tages könnte und sollte die Deutsche Marine über die Fähigkeit verfügen, größere Drohnen, auch bewaffnet, von ihren Schiffen zu starten. Natürlich ist das Zukunftsmusik und man wird sehen, inwieweit sich Regierung und Parlament überhaupt zur Beschaffung eines Joint Support Ships durchringen könnten.

Für alle ihre Aufgaben braucht die Marine weiter eine ausreichende Zahl an “Arbeitspferden” – Sprich: Fregatten, Korvetten, Einsatzgruppenversorger, Tender und natürlich auch U-Boote. Deren gegenwärtige Anzahl und – vor allem – die Personalstärke der Marine sind, gemessen an Deutschlands maritimer Verantwortung, eigentlich viel zu wenig. Daher sollte die Politik die Marine kurzfristig von weiteren Reduzierungen verschonen und mittelfristig wieder eine Aufstockung ins Auge fassen.

Systemstudie zum modularen maritimen Fähigkeitsträger "Mehrzweckkampfschiff Klasse 180". Die Beschaffung von 6 Schiffen der Klasse 180 ist frühestens ab 2015 vorgesehen.

Systemstudie zum modularen maritimen Fähigkeitsträger “Mehrzweckkampfschiff Klasse 180”. Die Beschaffung von 6 Schiffen der Klasse 180 ist frühestens ab 2015 vorgesehen.

Schließlich sind mit der Ukraine-Krise auch die Aufgaben der Marine gewachsen. Neben Mittelmeer und Indischem Ozean sind auch Ostsee und Schwarzes Meer wieder relevant. Darüber hinaus darf die Marine ihre Fähigkeiten für Kampfeinsätze und Bündnisverteidigung nicht aufgaben. Ein reiner Fokus auf die Bewältigung asymmetrischer Bedrohungen wäre verkehrt.

Zu reden sein wird langfristig, so der Mineralienabbau dort wirklich beginnt, auch über die Herstellung von maritimer Handlungsfähigkeit in den deutschen Tiefsee-Claims im Indischen und Pazifischen Ozean. Offizielle Auslandsbasen waren in Deutschland bisher ein Tabu, obwohl in Djibouti seit 2002 de facto ein Auslandsstützpunkt existiert. Gerade um sich die langen An- und Abmarschwege rund um Europa zu sparen, muss man sich der Frage stellen, ob man nicht mindestens eine deutsche Fregatte zum Beispiel dauerhaft in Toulon stationiert.

…und wenn der Deutschland-Hype endet?
Nicht nur muss das Absinken des Verteidigungshaushaltes gestoppt und das vorhandene Geld besser genutzt werden, die geo- und sicherheitspolitischen Trends machen es vielmehr erforderlich, den Verteidigungsetat wieder zu erhöhen. Weit wahrscheinlicher als eine Erhöhung des Marinebudgets ist allerdings ein Ende des Deutschland-Hypes. Wir erinnern uns daran: Vor Jahren wurden Literaturfeuerwerke über den irreversiblen Aufstieg der BRICS abgebrannt. Die diversen wirtschaftlichen und sozialen Probleme der BRICS haben diesen Hype allerdings beendet. Gleichermaßen werden Demografie und Staatsfinanzen Deutschlands in ein paar Jahren für ein Ende des Hypes um die Bundesrepublik Deutschland sorgen.

Bis zum Ende des Hypes liegt Deutschlands maritime Verantwortung darin, eine gemeinsame europäische Handlungsfähigkeit auf See zu sichern. Sobald Deutschland wieder der kranke man Europas ist, bleibt die wichtigste Fähigkeit der Marine die gute alte Improvisationskunst.

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3 Responses to Neue maritime Verantwortung: Welche Marine braucht Deutschland?

  1. Richard Teltschik says:

    Deutschland sollte die zwei amphibischen Landungsschiffe von Frankreich kaufen, die für Rußland bestimmt sind. Es sind die perfekten Waffen für Putins imperiale Destabilisierungspolitik, deshalb darf er sie nicht bekommen, um damit das Schwarze Meer zu terrorisieren.
    Deutschland hingegen braucht derartige Plattformen, um weltweit bei Rettungs-, Evakuierungs- und Stabilisierungsmissionen mitmachen zu können. Alternativ könnte man die Schiffe auch als europäische Fähigkeiten ausbauen und mit anderen NATO-Staaten gemeinsam nutzen, um hier mal einen Anfang zu machen.

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  3. allexm78 says:

    Es ist “leider” ein zutreffender Beitrag!! 6 Jahre später hat sich kaum etwas gebessert. Frau Merkel erzählt immer, das man mehr Verantwortung übernehmen muss was aber die Ausstattung der Bundeswehr angeht, mit Hauptwaffensystemen, schaut mehr als mau aus. Eine mittelgroße Nation wie die unsere sollte eine größere Bundeswehr insgesamt besitzen. Das Wiederspruch sich allerdings mit dem Neuausrichtungsplan vom ehemaligen VM de Maiziere von 2010/ 2011, der die ganze Abrüstungs-Thematik auf die Spitze trieb. Die Deutsche Marine hat Stand 2020 16.462 Soldaten. Selbst die SanTruppe hat über 19.000+ Soldaten. Die Korvette K130 ist nicht schlecht. Allerdings hat man vergessen den Hangar so zu Entwickeln das dieser nicht nur Drohnen aufnehmen kann sondern auch NH90 Helis dort geparkt werden können. Leider hat ex BK Schröder vergessen Arleigh-Burke Zerstörer zu kaufen als Ersatz für die Lütjens Klasse. Keine deutsche Fregatte kann als 100% Ersatz für eine Fregatte her-halten. Denn keine deutsche Fregatte hat weit-reichende Munition die mindestens 1.600 Km Reichweite hat. Ich finde es als Bundesbürger erbärmlich wie die Bundeswehr halbwegs ruinös aufgestellt wurde, zwischen 2000/ 2005 – 2015/ 20. Nach dem Motto: Je weniger desto besser. Hauptsache wir machen so gut wie alle Einsätze mit. Schröder sagte wenigstens mal Nein. Dazu kommt noch das vieles ausgelagert und verkauft wurde, vieles sollte Privat-Wirtschaftlich organisiert sein, kaum noch etwas wurde auf Vorrat gelegt. Ich hätte als BK längst 6-8 Zerstörer, 11-12 Fregatten, 15 Korvetten, 2 Mistral Hubschrauberträger, 3-4 Docklandungsschiffe der Rotterdam-Klasse im Bestand, 14 statt nur 6 U-Boote, 7-8 EGVs statt nur 3. Die Luftwaffe hätte 233 EFs, 83 A400M statt 53….165 Eurocopter Tiger statt 53. Ein 2. Marinearsenal in Wismar mit einem Republik.-Betrieb in Kiel. 2 Mfgs in getrennten Standorten, je 2 pro Geschwader. Die Marine würde von 16.462 Soldaten auf wenigstens 27.800. Mit Frau Merkel wird das aber kaum Umsetzbar sein.

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