Energierevolution aus der Wüste

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym.

Eine Initiative von vornehmlich deutschen Unternehmen will die Strombranche revolutionieren. Der Name:Desertec – das Ziel: die Einspeisung von “Wüstenstrom” aus Nordafrika und dem Nahen Osten in das europäische Netz.

Das DESERTEC Konzept ermöglicht mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung effizienten Zugang zu Solar- und Windstrom aus den energiereichen Wüstengebieten der Erde – und damit auch eine günstige Ergänzung des jeweiligen regionalen regenerativen Energiemixes. — Desertec Foundation, Red Paper. Seite 7.

Derzeit werden etwa 85 % des weltweiten Bedarfs an Energie durch fossile Energiequellen gedeckt, d.h. mithilfe von Erdöl, Erdgas und Biomasse. Die europäische Industrie ist zum größten Teil vom Strom aus fossilen Energieträgern abhängig, dessen Verbrennung große Mengen an umweltschädlichen CO2-Gasen produziert und damit maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich ist.

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Solar- und Windenergie in der EU-MENA-Region

Volkswirtschaftlich ist die Verwendung von Öl und Gas ein teures Vergnügen. Die Verknappung der Öl- und Gasvorräte sowie Konflikte in den Förderländern ließen die Preise in der Vergangenheit enorm ansteigen. Innerhalb von zehn Jahren (2000 – 2010) kletterte der Preis eines Barrel Öls von 26,80 US-Dollar auf 78,92 US-Dollar, das ist ein Anstieg um 294,48%. Gegenwärtig (Juni 2014) liegt der Barrelpreis bei 103,13 US-Dollar. Die graduelle Teuerung hat ernsthafte Folgen: bereits die Erhöhung des Barrel-Preises um einen US-Dollar bedeutet eine weltweite Zusatzbelastung der Wirtschaft um 31 Milliarden US-Dollar. Steigt der Gaspreis ebenfalls um denselben Betrag, so verdoppelt sich die wirtschaftliche Zusatzbelastung auf ca. 62 Milliarden US-Dollar.

Nimmt man für Deutschland eine Strompreissteigerung von nur 0,1 Cent/KWh an, fallen damit Zusatzbelastungen in Höhe von 550 Mio. Euro für die deutschen Haushalte und die einheimische Wirtschaft an. Aber auch trotz der zunehmenden Kosten darf ein wichtiger Aspekt nicht vergessen werden, der des Umweltschutzes und der notwendigen Investitionen in die erneuerbare Energieerzeugung.

Wüstenstrom für Deutschland

Prognosedaten – Deutschland

Die Technik hinter Desertec
Durch HGÜ-Leitungen wird der durch Windkraftwerke und solarthermische Anlagen gewonnene Strom nach Europa geliefert. Für die langen Transportstrecken eignen sich nur Spezialleitungen, da herkömmliche Kabel über eine Strecke von 3.000 km einen Leistungsverlust von 45 % aufweisen. HGÜ-Kabel hingegen haben einen Leistungsverlust von nur etwa 10 %. Der Nachteil: Diese Leitungen sind sehr teuer. Nach Berechnungen des DLR müssten allein für den Bau von 20 HGÜ-Leitungen mit einer Kapazität von je fünf GW in der EU-MENA-Region eine Gesamtinvestitionssumme von 45 Mrd. Euro aufgewendet werden.

Der Strom soll in erster Linie mit solarthermischen Kraftwerken gewonnen werden. Sie fangen mit großen Parabolrinnenkollektoren Licht ein, lenken sie auf eine Trägerflüssigkeit (z.B. spezielle Öle) und erhitzen diese. Der daraus gewonnene Dampf treibt dann Turbinen zur Stromerzeugung an. Diese Wärme kann später in Flüssigsalztanks gespeichert und in der Nacht zur Stromgewinnung genutzt oder Nachfragespitzen abgedeckt werden. Damit wäre eine 24-stündige Stromentnahme gewährleistet. Mit dem Ausbau dieser Anlagen könnte für Deutschland der Ausstieg aus der Atomkraft sichergestellt werden, ohne Befürchtungen hegen zu müssen, die Versorgungsnachhaltigkeit [1] könnte beeinträchtigt werden.

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Parabolrinnenkollektoren

Für den Bau der Windkraft- und solarthermischen Anlagen mit einer Gesamtfläche von mehr als 50 km² müssten bis 2050 mindestens 355 Mrd. Euro investiert werden. Ab 2050 könnte das Industriekonsortium anschließend mit einem Jahresumsatz von ca. 35 Mrd. Euro rechnen. Die derzeitige Kostenschätzung geht davon aus, dass der “Wüstenstrom” zwischen 10 und 20 Cent/kWh inklusive des Transports aus Nordafrika oder dem Nahen Osten kosten wird. Derzeit bezahlen Privathaushalte für eine Kwh im Durchschnitt 26,4 Cent.

Bis 2050 könnte der Anteil des “Wüstenstroms” zwischen 10 und 25 % am Energiemix betragen. Langfristig könnte Europa sogar bis zu 85% seines Stroms aus alternativen Quellen, d.h. nicht fossilen und nichtatomaren, beziehen. Damit würde der CO2-Ausstoß bis 2050 um 25 % gesenkt werden können. [2]

Energiemix 2010

Energiemix 2010

Energiemix 2050

Energiemix 2050

Der Strom aus der Wüste: ein Ausblick
Die Studie “Concentrating Solar Power for the Mediterranean Region – Final Report” des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLE) kam zum Ergebnis, dass

  • nur durch die Installation von erneuerbaren Energiequellen die ökonomische, soziale und umweltpolitische Entwicklung [3] der EU-MENA-Region entscheidend verbessert werden kann,
  • ein gut austarierter Mix erneuerbarer Energiesysteme Nachfragespitzen abdecken kann und die Verfügbarkeit von fossilen Quellen verlängert,
  • erneuerbare Energiequellen die kostengünstigste Option für Energie- und Wassersicherheit in der EU-MENA-Region darstellen.

Sauberer Strom aus den Wüsten der Erde kann innerhalb weniger Jahrzehnte einen erheblichen Beitrag zu Klima- und Energiesicherheit leisten. Besonders die Region rund um das Mittelmeer würde, wie es das DESERTEC Konzept vorsieht, wirtschaftlich wie humanitär von der Nutzung der Sonnen- und Windkraft in den Wüstengebieten profitieren. — Max Schön, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome / Kuratoriumsmitglied der Desertec Foundation und seit 2010 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Bundesregierung, Pressemitteilung Desertec (17.03.2009).

Das Projekt ist für diese Region, also für Afrika und Europa, aber auch für viele andere Regionen in der Welt von großer Bedeutung. — Klaus Töpfer, Bundesumweltminister a.D. / Exekutivdirektor am IASS in Potsdam, Interview mit dem Deutschlandfunk (10.07.2013).

Kraftzentren in der EU-MENA-Region

Kraftzentren in der EU-MENA-Region

Doch bevor Desertec bzw. Dii den “Wüstenstrom” nach Europa exportieren wird, müssen politische Rahmenbedingungen geklärt werden. Insbesondere die des Technologietransfers, der Finanzierung und der Versorgungssicherheit. Kritiker wenden ein, dass sich Europa durch die Auslagerung der Stromproduktion nach Nordafrika politisch erpressbar machen könnte, z.B. durch Lieferstopps (analog: Gasstreit Ukraine-Russland) oder der Drohung der Enteignung durch Verstaatlichung. [4] Nichtsdestotrotz würden diese Maßnahmen mittel- bis langfristig den entsprechenden Ländern mehr schaden als nützen. Des Weiteren könnte eine intensive Vernetzung (Supergrid) der Kraftwerke in der EU-MENA-Region regionale Ausfälle kompensieren helfen.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Instabilität der MENA-Region, zu der u.a. Ägypten, Algerien, Israel, Libyen, Saudi-Arabien, Syrien, der Irak und Iran zählen. Also Staaten, in denen insbesondere die Sicherheitslage relativ bis äußerst labil ist (Syrischer Bürgerkrieg, Staatskrise in Ägypten; generell: Arabischer Frühling) oder eine terroristische Bedrohung (ISIL in Syrien und im Irak, al-Qaida im Maghreb, Hamas, Ansar al-Scharia, al-Nusra Front, Ansar Bait al-Maqdis u.a.) aufweist.

Andererseits würden die Region durch die Energie-Kooperation einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren. Nicht nur die eigene Abhängigkeit von teuren Ölimporten würde sinken, die etwaige Entsorgung von radioaktivem Abfall würde entfallen ebenso die Möglichkeit der Plutonium-Proliferation, die langfristige Subventionierung von Atomkraftwerken könnte eingespart werden und eine klimaschonende Technik Vorzug finden. Ebenso könnte auch die Wasserversorgung in der Region beträchtlich verbessert werden, indem der Solarstrom für die emmissionsfreie Entsalzung von Meereswasser und damit zur Trinkwasserproduktion verwendet werden könnte. [5]

Dem Desertec-Weißbuch [6] zufolge werden 10 Milliarden Euro als Initialförderung benötigt und der Ausbau der solarthermischen Kraftwerke geht stetig weiter: Andasol 1 bis 3 in Südspanien, El Kureimat in Ägypten und Hassi R´mel in Algerien und ein weiteres Kraftwerk, Ain-Ben-Mathar, wurde in Marokko in Betrieb genommen. [7] Mit einem konsequenten Ausbau will man bis 2020 mindestens 50 GW an Leistung emittieren können sowie eine oder zwei interkontinentale Stromleitungen zwischen Nordafrika und Europa (z.B. zwischen Tunesien und Italien) gebaut haben. [8]

Die Finanzierung des gesamten Projektes und die politische Instabilität der MENA-Region entwickeln sich derzeit unbefriedigend. Gründungsmitglied E.ON sowie das Unternehmen Bilfinger werden bis zum Ende des Jahres 2014 das Konsortium Dii (Desertec Industrial Initiative) verlassen. Bereits am 27. Juni 2013 hat die Desertec Foundation, die Ideen- und Namensgeberin des Desertec-Konzeptes, einstimmig beschlossen, die Industriekooperation wegen “unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten bezüglich der zukünftigen Strategie, den Aufgaben und der dafür notwendigen Kommunikation sowie nicht zuletzt des Führungsstils der Dii-Spitze zu verlassen”. [9] Im Gegensatz dazu konnte ein neuer potenter Partner gewonnen werden – der weltweit größte Stromnetzbetreiber: State Grid Corporation of China.

Desertec/Dii stehen vor großen Herausforderungen – politischer wie finanzieller Natur, doch das Ziel ist überaus erstrebenswert. Mit dem “Wüstenstrom” könnte Europa einen wichtigen und nötigen Schritt in eine grüne und nachhaltige Zukunft gehen.

Weitere Informationen

Legende

CO2 Kohlenstoffdioxid
DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
EU-MENA Europe, Middle East, North Africa
HGÜ-Leitungen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen
GW Gigawatt
kWh Kilowattstunde

Fotos/Grafiken
Dii EUMENA

Fussnoten
[1] Zur Versorgungsnachhaltigkeit zählt: Kostengünstige Energie, möglichst geringe Auswirkungen auf die Umwelt, geringes Konfliktpotential, Ressourcenschutz, fairer Energiezugang, wirtschaftliche Stabilität, Energieversorgungsgewährleistung, Power on Demand, internationale Energiekooperation.
[2] Im Vergleich zum Jahr 2000.
[3] Vgl. dazu auch:TRANS-CSP Trans-Mediterranean interconnection for Concentrating Solar Power – Final Report. S. 105 ff.
[4] Bspw. Verstaatlichung oder Drohung mit Enteignung der auslänischen Ölindustrie wie u.a. in Venezuela, Bolivien und Ecuador.
[5] Vgl. dazu auch: AQUA-CSP Concentrating Solar Power for Seawater Desalination – Final Report.
[6] Desertec (2009): Clean Power from Desertes. S. 58.
[7] Siehe auch: Solar Thermal Power Stations Announced In Other Countries.
[8] Bisher besteht zwischen Europa und Nordafrika eine Wechselspannungsverbindung.
[9] Pressemitteilung Desertec (1.07.2013).
 

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