ARES – die Zukunft der taktischen Logistik

von Seka Smith.

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“Wir müssen uns zum Wald zurückziehen!”, schreit 1stLt. McCormick zu seinem Gefreiten, während gleichzeitig Geschossgarben den Boden vor ihnen zerpflügen. Er und seine Soldaten der US-Marines haben sich in einem Graben vor anrückenden Kämpfern verschanzt. Mit präzisen Schüssen versuchen sie den Gegner auf Distanz zu halten, doch unaufhörlich nähert sich der Moment, in dem die letzte Patrone verfeuert sein wird. “Absetzen! Absetzen!”, brüllt McCormick und zwei Marines eröffnen sofort ein Sperrfeuer. Die drei anderen Soldaten springen hoch und rennen Richtung eines kleinen Waldstücks. Weg vom Feind! Nach zwanzig Metern drehen sie sich abrupt aus dem Lauf um und feuern ihre Gewehre ab, während die verbliebenen Soldaten in ihre Richtung rennen – gestaffelter Rückzug.

Zwischen den Bäumen schaffen es McCormick und seine Männer den Gegner wenigstens für ein paar Minuten abzuschütteln. Doch es ist nur eine Frage der Zeit bis sie wieder aufschließen werden. “Hier ist es perfekt!”, sagt McCormick und schaut dabei zufrieden auf die fünfzehn Meter breite Lichtung. “Hole ARES sofort zu dieser Position!”. Der Funker nickt und während er an seinem Tablet Koordinaten durchgibt, pfeifen wieder Schüsse durch den Wald. Der Feind ist am Mann! Während der 1stLt. und seine Untergebenen den Gegner gerade noch niederhalten können, schreit bereits der erste Soldat: “Keine Munition! Keine Munition!”. Doch genau in dieser Sekunde hören sie über ihren Köpfen ein lautes Surren. ARES ist angekommen! Die Gegner entdecken das neue Ziel und bombardieren es mit ungezielten Schüssen aus ihren AKs. Die Panzerung hält und ARES landet sicher auf der Lichtung. “Los, los!”, ruft der Funker und stürmt mit einem Kameraden zum Ladungsmodul. Sie öffnen die Verkleidung und Sekunden später rennen sie mit Munitionskisten zurück.

So oder so ähnlich könnte sich ein ARES-Einsatz darstellen …

ARES: kein Ersatz von Hubschraubern, aber notwendige Ergänzung.
Das Aerial Reconfigurable Embedded System (ARES) ist ein VTOL-UAV (unmanned aerial vehicle), das unterschiedliche Lastarten transportieren kann. Das Flugmodul verfügt über ein eigenes Antriebssystem, Kraftstoffbehälter, digitale Flugkontrollinstrumente und ein Interface zur Fernsteuerung. Zwei schwenkbare Antriebsdüsen ermöglichen ein präzises Schweben und Landen. Die flexible Konfiguration der Antriebsdüsen ermöglicht zudem eine schnelle Umwandlung des Schwebefluges in den Höchstgeschwindigkeitsflug. ARES hat einen entscheidenden Vorteil, den gegenwärtige Hubschrauber der amerikanischen Streitkräfte nicht haben – und zwar die Fähigkeit zur Landung auf engem Raum.

Transporting and resupplying troops in rugged, austere terrain has become a major challenge, especially as the US military shifts to using smaller and more distributed combat units. — Kevin Renshaw in Eric Hehs, “Skunk Works ARES“, Code One by Lockheed Martin, 26.05.2013 (updated am 24.02.2014).

Many missions require dedicated vertical take-off and landing (VTOL) assets, but most ground units don’t have their own helicopters. — Ashish Bagai in “ARES Aims to Provide More Front-line Units with Mission-tailored VTOL Capabilities“, DARPA, 11.02.2014.

Die Erfahrungen der amerikanischen Streitkräfte im Irak und in Afghanistan haben gezeigt, wie schwierig es ist, Nachschub durch unpassierbares, hochgelegenes oder hochgefährdetes (z.B. durch ständige Angriffe aus dem Hinterhalt oder durch IEDs) Gelände zu transportieren.

The ability for small units in the field to get in and out of compact, austere forward bases and to move supplies or evacuate wounded troops without having to schedule high demand helicopters could revolutionize dispersed operations. — Kevin Renshaw in Eric Hehs, “Skunk Works ARES“, Code One by Lockheed Martin, 26.05.2013 (updated am 24.02.2014).

ARES soll Hubschrauber nicht ersetzen, ist dazu auch nicht imstande, er soll aber ein Teil der Lösung der Nachschubproblematik werden, denn, erstens, sind die Transportkapazität der US-Hubschrauberflotte begrenzt, um alle Transporterfordernisse der Truppe effizient erfüllen zu können und, zweitens, benötigen gewöhnliche Hubschrauber eine etwa doppelt so große Landezone als ARES.

Die Entwicklung von ARES geht auf die Forderung der amerikanischen Streitkräfte zurück, insbesondere der US Marines, ein VTOL-Fahrzeug für amphibische Angriffe und für Sondereinsätze zu erhalten. Ursprünglich als eine Art “fliegendes Auto” für vier Personen gedacht, entwickelte sich das System letztlich zu einem unbemannten, modularen und leicht gepanzerten Flugsystem.

Um dieser Herausforderung zu begegnen, wurde 2009 das Transformer (TX) Programm ins Leben gerufen. Es sollte ein Systemprototyp entwickelt werden, der eine flexible, geländeunabhängige Transportlösung für Logistik, Personentransport und taktische Unterstützungsmissionen gewährleisten konnte. Das Ziel war also die Bereitstellung eines flexiblen, geländeunabhängigen und günstigen Transports.

Das System wurde so ausgelegt, dass es zwischen seiner Heimatbasis und den Feldzielen autonom fliegen kann. Die Zuladung erfolgt durch zurüstbare Missionsmodule, die entsprechend der Einsatzart gewählt werden können. So bestehen Module für den Gütertransport, Verletztenbergung, Aufklärung und Überwachung. Die Ladekapazität soll etwa 1.360 kg betragen. Das sind mehr als 40 % des Abfluggewichts.

Obwohl ARES darauf ausgelegt ist, autonom Zielpunkte anzufliegen, kann die Flugroute durch die Soldaten selbst per Fernsteuerung geändert werden. Dazu sollen entsprechende Interface-Systeme als Apps für Mobiltelefone und Tablets entwickelt werden.

ARES1Entwicklungsverlauf
Im Oktober 2010 stieß das Unternehmen Lockheed Martin zu einem Unternehmenskonglomerat, dass das Projekt bereits in verschiedenen Bereichen vorantrieb, so u.a. das US Army Research Laboratory, dass die Rotoranalysen durchführte, Bell Helicopter, Textron Marine & Land Systems, Piasecki Aircraft, Ricardo, Carnegie Mellon University undPratt & Whitney Rocketdyne, die einen eigenen Dieselmotor für das Transformer (TX) Programm entwickeln sollten, sowie Aurora Flight Sciences, ThinGap, Terrafugia und Metis Design.

Im Verlauf der Entwicklung sollte das Projektfahrzeug ein Gewicht von 3.400 kg aufweisen und mit einem 1.200 Wellen-PS Honeywell HTS900 Turboshaft-Antrieb ausgerüstet werden, der wiederum vier elektrische Motoren antreiben sollte. Die Bodengeschwindigkeit war auf ca. 130 km/h ausgelegt, die Fluggeschwindigkeit sollte zwischen 92 bis 287 km/h liegen. Eine Maximalgipfelhöhe von 3.000 Metern war angestrebt.

Da die ursprüngliche Planung vorsah, dass Infanteristen und keine ausgebildeten Piloten das Fluggerät steuern sollten, musste das System hochautomatisiert ausgelegt werden, indem z.B. der Soldat nicht das Gerät selbst fliegt, sondern die GPS-Koordination für den automatischen Flug eingibt. Der gesamte Start, Flug sowie die Landung sollten dann autonom und computergesteuert durchgeführt werden. Soldaten an Bord hätten aber während des Fluges die Möglichkeit gehabt, die Flugroute zu verändern, einen Schwebeflug einzuleiten oder eine (Not-)Landung zu initiieren.

2012 beschloss man, dass das System doch für den bemannten Einsatz durch einen Piloten ausgelegt werden sollte, aber weiterhin mit der Möglichkeit der Programmierung eines semi-autonomen Fluges. Bereits ein Jahr später stellte sich heraus, dass das Militär das Konzept eines “fliegenden Autos” nicht mehr weiterverfolgte und so wurden auch die Projektspezifika verändert. Das gesamte Programm wurde daraufhin zu einem unbemannten VTOL-Projekt umgewidmet, das nun den Namen ARES erhielt.

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Lockheed Martin startete 2014 mit der Entwicklung der Flugsoftware und Piasecki wurde beauftragt, das Flugfahrzeug und die dafür benötigten Systeme herzustellen. ARES wird durch zwei Turboshaft-Triebwerke, die seitlich angeordnet sind, angetrieben. Das Fahrzeug wird eine Breite von 2,6 Metern, eine Länge zwischen 9,1 Metern bis 13 Metern aufweisen. Die Transportgeschwindkeit wird zwischen 240-280 km/h und die Höchstgeschwindigkeit 370 km/h betragen.

Kommt ARES zum Einsatz wird es dem US-Militär eine neue Generation von kompakten, schnellen, autonomen und unbemannten VTOL-Fahrzeugen zur Verfügung stellen. Das Ziel der Entwicklungsbemühungen ist es, bis Anfang 2015 einen Prototypen herzustellen und Mitte des Jahres mit den Flugversuchen zu beginnen.

Weitere Informationen
Projekt-Seite der DARPA.
Projekt-Seite von Lockheed Martin.

Fotos: Lockheed Martin, DARPA

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