Des Präsidenten neuer Abhörchef: Admiral Michael S. Rogers

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym. 

Bald wird es soweit sein. Der bisherige Chef der National Security Agency (NSA), Gen. Keith Alexander, wird abgelöst werden.

Baldiger Admiral und Leiter der National Security Agency (NSA): Michael S. Rogers.

Baldiger Admiral und Leiter der National Security Agency (NSA): Michael S. Rogers.

Seit den Enthüllungen durch Edward Snowden im Juni 2013 sind die amerikanischen und britischen Geheimdienste in heftige öffentliche Kritik geraten. Insbesondere als in der Bundesrepublik bekannt wurde, dass die deutsche Telefon-, Telefax- und Internetkommunikation in großem Umfang abgefangen, gespeichert und ausgewertet wird. Betroffen waren deutsche Bürger, Industrieunternehmen sowie Politiker im Berliner Regierungsviertel, die u.a. vom Dach der amerikanischen Botschaft am Pariser Platz durch die CIA und NSA angepeilt wurden. Darunter befand sich auch das (ungesicherte) Telefon der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die globale Spionageaffäre enthüllte aber auch eine offene Flanke der deutschen Sicherheitspolitik – und zwar die amateurhafte, bisweilen nicht existente, elektronische Spionageabwehr des Bundesnachrichtendienstes (BND), Militärischen Abschirmdienstes (MAD) sowie des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) und seiner Landesverfassungsschutzämter (siehe dazu Artikel auf Offiziere.ch: „Der `Kalte Cyberkrieg´ hat längst begonnen!“)

Als das Ausmaß der Überwachung bekannt wurde, erhob sich weltweit Protest gegen die umfangreichen Überwachungsmaßnahmen der ausländischen Geheimdienste. Deutschland als eines der Hauptzielländer der Überwachung versuchte daraufhin mit den USA ein No-Spy-Abkommen zu unterzeichnen, doch die Verhandlungen führten, trotz mehrerer hochrangiger Konsultationen, zu keinem Ergebnis.

Wenig später wurde publik, dass die amerikanischen Geheimdienste auch Telekommunikationsdaten im US-Inland abschöpfen würden. Daraufhin verurteilte ein US-Gericht die Spionageaktivitäten. Damit geriet US-Präsident Barack Obama unter so hohen politischen Druck, dass er sich genötigt sah, die NSA zu reformieren. Eine daraufhin bestellte Kommission erarbeitete 46 Reformvorschläge zur Neuausrichtung des Geheimdienstes. Zwar soll nun effektiver kontrolliert und sichergestellt werden, dass keine Daten von US-Bürgern im Inland abgefangen werden und verbündete Staats- und Regierungschefs nicht mehr abgehört werden, doch die grundsätzliche Devise blieb unangetastet: es wird weiterhin intensiv spioniert werden – ob verbündet oder nicht. Die Antwort der deutschen Sicherheitsbehörden beschränkte sich darauf, Einrichtungen, in denen ausländische Spionageaktivitäten vermutet werden, selbst zu überwachen und die bestehenden Sicherheitsmechanismen zu überprüfen.

Keith Alexander geht in Pension
Der bisherige Direktor, General Keith Alexander, führte die NSA seit 2005 und wird am 14. März in Pension gehen. Im Zuge der Spionageaffäre musste Alexander heftige Kritik an der Arbeit der NSA hinnehmen. Vor allem seitens der Europäischen Union, Lateinamerikas und mehrerer amerikanischer Bürgerrechtsgruppierungen, die ihm den Bruch der US-Verfassung vorwarfen.

Ein Kommentar eines Lesers auf der Seite der Zeitung Washington Post fasste die Stimmung der Bürgerrechtler zusammen:

Gen. Keith Alexander certainly deserves his retirement. It’s got to be exhausting being a Constitution-destroying terrorist.

Vier Monate nach den Snowdenenthüllungen, am 16. Oktober 2013, wurde bekannt, dass Alexander und sein Stellvertreter, John Inglis, im kommenden Jahr abgelöst werden würden.

Der neue Mann: Michael S. Rogers
Rogers diente mehr als 30 Jahre in der US Navy und kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Seine bisherige Arbeit macht ihn zum Fachmann auf dem Gebiet der Kryptologie und die Leitung des Fleet Cyber Command befähigt den Vizeadmiral in jeder Hinsicht zum Direktor der National Security Agency. Seine Kernkompetenzen liegen in der elektronischen Aufklärung sowie in der gesamten Bandbreite der Cyberkriegsführung. Passender geht es nicht mehr.

Vizeadmiral Rogers, Kommandant des US Fleet Cyber Command und der 10. US-Flotte, bei einer Ansprache vor Studenten am Center for Information Dominante in Monterey.

Vizeadmiral Rogers, Kommandant des US Fleet Cyber Command und der 10. US-Flotte, bei einer Ansprache vor Studenten am Center for Information Dominante in Monterey.

1977 erlangte Rogers seinen Schulabschluss an der New Trier High School und graduierte vier Jahre später an der Auburn University, an der er ein Stipendium des US Naval Reserve Officers Training Corps erhielt, um sich kurz danach zur amerikanischen Marine zu melden. Ursprünglich hatte er sich vorgenommen nach der High School zur US Naval Academy in Annapolis zu wechseln, doch damals hatte er den Sporttest nicht bestanden und wurde trotz guter Noten nicht aufgenommen.

Zu Beginn seiner militärischen Karriere zu einem Special Warfare Officer ausgebildet, fand Rogers auf dem Zerstörer USS Caron (DD 970) von 1982 bis 1985 Verwendung als Information Center Officer und Anti-Submarine Warfare Officer. Während dieser Zeit nahm er an Einsätzen in Grenada, Beirut und El Salvador teil. 1986 wechselte Rogers endgültig zur Kryptologie und wurde zunächst ins Naval Military Personnel Command nach Washington versetzt. Bereits ein Jahr später meldete er sich in der Naval Communication Station im spanischen Rota zur Verwendung als Electronic Warfare Officer und Direct Support Officer auf Schiffen und U-Booten, die im Mittelmeer und im Persischen Golf operierten. Dabei nahm er auch an der Operation Earnest Will teil.

Besuch Rogers´ im Gespräch mit Soldaten der Information Dominance Corps Seilers während eines Besuchs des US Naval Forces Southern Command und des Hauptquartiers der 4. US-Flotte.

Besuch Rogers´ im Gespräch mit Soldaten der Information Dominance Corps Seilers während eines Besuchs des US Naval Forces Southern Command und des Hauptquartiers der 4. US-Flotte.

Von 1990 bis 1993 diente er in den Stäben des US Atlantic Command u.a. als Leiter der Abteilung Cryptologic Plans, Policy, Programs and Requirements Branch. Daraufhin übernahm er eine Stelle als Stabskryptologe des kommandierenden Offiziers in der Carrier Group 2/John F. Kennedy Strike Group, die Operationen im Baltischen Meer durchführte und als Combined Joint Task Force 120 an der Operation Uphold Democracy (Haiti) teilnahm. 1995 führte in seine weitere Verwendung wieder an Land als Cryptologic Junior Officer im Burea of Personnel in Washington und von 1997 bis 1998 als Assistent des Kommandanten in Fort Meade und als Commanding Officer in der Naval Security Group Activity in Winter Harbor (Maine).

Im Jahr 2000 übernahm Rogers seinen Dienst als Fleet Information Operations Officer und Fleet Cryptologist im Stab des Kommandaten der 6. US-Flotte auf der USS LaSalle. Seine Dienstzeit auf dem Schiff führte ihn zur Unterstützung von NATO-Einheiten auf dem Balkan sowie zum Einsatz während der Operation Enduring Freedom. 2003 meldete er sich beim Joint Staff und leitete dort die Abteilung Computer Network Attack/Defense. Am 9. September 2009 wurde Rogers zum Director for Intelligence im Joint Staff befördert. Bereits zuvor hatte er von Dezember 2007 bis September 2009 als Director for Intelligence im US Pacific Command gearbeitet.

Chief of Naval Operations Admiral Jonathan Greenert und Vizeadmiral Rogers bei der Kommandoübernahme des US Fleet Cyber Command und der 10. US-Flotte.

Chief of Naval Operations Admiral Jonathan Greenert und Vizeadmiral Rogers bei der Kommandoübernahme des US Fleet Cyber Command und der 10. US-Flotte.

Am 30. September 2011  wurde Rogers zum Kommandanten des US Fleet Cyber Command und der 10. US-Flotte ernannt. Er war damit der erste Nachrichtenoffizier, der ein Kommando über einen Flottenverband erhielt. Bei der Zeremonie zur Kommandoübernahme sagte Chief of Naval Operations Admiral Jonathan Greenert:

Cyber warfare is a new challenge. The next major conflict, we are absolutely convinced, will start virtually. It won´t be a kinetic strike. The first strike will be somebody trying to paralyze information, weapons, sensors or our command and control systems.

… und ergänzte zum Fleet Cyber Command:

This command is our defense and our offense. Their mission is to operationalize cyber.

Rogers ist des Weiteren Absolvent des National War College und des Naval War College. Er war Fellow am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT, Seminar XXI) und besitzt einen Master of Science in National Security Strategy.

Mit der Ernennung zum Direktor der NSA wird Rogers gleichzeitig zum Admiral befördert und übernimmt ebenfalls die Leitung über das US Cyber Command.

Wird es Änderungen bei der NSA geben?
Wenn Rogers im März 2014 die Leitung der NSA übernimmt, wird er vor der Herausforderungen stehen, den Geheimdienst aus der medialen und öffentlichen Feuerzone zu nehmen. Das wird in erster Linie heißen, in der NSA Reformen durchzuführen ohne die Spionagekompetenzen merklich einschränken zu müssen.

Doch wird Vizeadmiral Rogers wirklich so viel anders als sein Vorgänger General Alexander handeln? Wohl nicht! Beide Männer verbindet ein gutes kollegiales Miteinander und beide haben ähnliche Ansichten zu strategischen Ausrichtung der Streitkräfte und Geheimdienste im Cyberspace.

Erst vor Kurzem, am 11. März 2013, hat Rogers vor dem US Senate Armed Services Committee die Wichtigkeit der Telefonüberwachung für die Sicherheit der USA bekräftigt und für die Weiterführung der globalen Überwachungsmaßnahmen plädiert. Ebenso wird sich der künftige Admiral dafür einsetzen, Synergieeffekte zwischen den US-Teilstreitkräften zu stärken und füreinander nutzbar zu machen. Er betonte aber auch, dass die Öffentlichkeit verstehen muss, wieso der Geheimdienst verdeckte Aktionen durchführt und versprach in Zukunft eine größere Transparenz der Organisation:

Transparency can be ensured by establishing procedures for receiving, retaining, using, and disclosing cyber threat information. In turn, compliance with these procedures should be subject to independent review and oversight by cleared trusted U.S. Government and private sector third parties. Due to the criticality of real-time sharing of cyber threat information, we must also leverage technology that enables a transparent, policy-based, machine-speed infrastructure that automatically enforces the rules for use and any lawful restrictions on sharing.

Letztlich kann man festhalten: Neuer Kapitän auf altem Schiff mit fast demselben Kurs.

Ordensspange von Vizeadmiral Michael S. Rogers

Ordensspange von Vizeadmiral Michael S. Rogers

Orden und Auszeichnungen
1 x Defense Superior Service Medal
3 x Meritorious Service Medal
1 x Joint Service Commendation Medal
1 x Navy Commendation Medal
4 x Joint Meritorious Unit Award
1 x Navy Unit Commendation
3 x Navy Meritorious Unit Commendation
1 x Navy „E“ Ribbon
4 x Navy Expeditionary Medal
1 x Information Dominance Officer Badge
1 x Surface Warfare Officer Badge
1 x Office of the Joint Chiefs of Staff Identification Badge
2 x National Defense Service Medal
2 x Armed Forces Expeditionary Medal
1 x Global War on Terrorism Expeditionary Medal
1 x Global War on Terrorism Service Medal
1 x Outstanding Volunteer Service Medal
3 x Navy Sea Service Deployment Ribbon
5 x Navy & Marine Corps Overseas Service Ribbon
1 x Navy Expert Rifleman Ribbon
1 x Navy Expert Pistol Ribbon mit Silver „E“

 

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