Große Staaten und der Kampf um kleine Inseln – Teil 2

Von Danny Chahbouni. Danny Chahbouni studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Der Inselstreit zwischen China und Japan muss für viele Menschen grotesk wirken: Große Staaten streiten sich um kleine, vermeintlich bedeutungslose Inseln im Meer und riskieren dadurch eine offene, militärische Konfrontation. Mit dem vorliegenden Artikel sollen die Hintergründe dieses Konflikts beleuchtet werden. Dazu wird in Teil 1 ein ähnlicher “Inselstreit” aus der jüngsten Geschichte als Beispiel herangezogen – der Falkland-Krieg. Der Konflikt um die Eilande im Südatlantik zog 1982 Argentinien und Großbritannien in den Krieg gegeneinander. In Teil 2 wird anhand der historischen Ereignisse ein Blick auf die Hintergründe der Krise im ostchinesischen Meer geworfen.

Die japanische Küstenwache nimmt ein chinesisches Fischerboot vor den Senkaku-Inseln in die Zange. Quelle: USNI

Die japanische Küstenwache nimmt ein chinesisches Fischerboot vor den Senkaku-Inseln in die Zange. Quelle: USNI

Einen Krieg riskieren wegen einigen kleinen Inseln? Als Casus Belli werden oftmals einzelne Ereignisse und kurzfristige Entwicklungen gesehen. Der wahre Grund, warum Staaten in den Krieg ziehen, ist oft weniger präsent und nicht sofort erkennbar. Diese Unterscheidung geht zurück auf den antiken Geschichtsschreiber Thukydides (1, 23, 6) und seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges, der – unter Althistorikern höchstgradig strittig – auch als antiker Weltkrieg bezeichnet wird. Der Falkland-Krieg 1982 zeigt, dass in der richtigen Konstellation ein uralter Konflikt plötzlich durch Fehlkalkulation und Überheblichkeit in einem Krieg münden kann. Die wahren Gründe treten dann zumeist in den Hintergrund. Droht sich dieses “Falkland-Szenario” nun im ostchinesischen Meer zu wiederholen oder könnte sich gar weit größeres zusammenbrauen, wie es häufiger in der Presse zu lesen war?

Die Ausgangslage
Zukunftsvorhersagen sind gewöhnlich das Metier von Propheten und Weissagern. Niemand kann mit Sicherheit sagen, in welche Richtung sich die Zukunft entwickeln wird. Was man machen kann, sind historische Vergleiche anstellen und Parallelen und Unterschied identifizieren. Im Falle der Senkaku bzw. Diaoyu Inseln kommt einem zwangsläufig das Beispiel der Falklands in den Sinn. Ein uralter Streit um einige Eilande droht plötzlich einen Krieg auszulösen. Die Ausgangslage im Ostchinesischen Meer ist freilich eine gänzlich andere: Die Falklands liegen ca. 12’000 Kilometer von den britischen Inseln entfernt, sodass sich die Rückeroberung der Inseln als Vabanquespiel für Großbritannien erwieß. Dagegen liegen die Senkaku bzw. Diaoyu-Inseln mitten zwischen China, Taiwan und Japan und sind im Vergleich zu den Falklands winzig. Alles andere als klein ist hingegen die Bedeutung dieses Gebiets für das Gleichgewicht in der Region und die Kontrolle um vermutete Rohstoffvorkommen.

Felix Seidler legte in seinem Artikel “Will China Fight Falkland-Style Wars?” dar, dass die Marine der Volksbefreieungsarmee (PLAN) noch nicht dazu befähigt sei, Machtprojektion fernab der Heimat zu betreiben. Während eine Operation gegen die US-Streitkräfte auf Diego Garcia also vorerst noch nicht möglich wäre, befindet sich der gegenwärtige Schauplatz jedoch vor der eigenen Haustür. Zuständig für das ostchinesische Meer ist PLANS East See Fleet mit Hauptquartier in Ningbo. Zu dieser Flotte gehören neben Zerstörern der Sovremenny– und Luda-Klasse, zwei Flottillen mit Diesel-U-Booten (Kilo– und Song-Klasse). Da diese Marinekräfte auch für eine Operation gegen Taiwan vorgesehen wären, sind der Flotte, je nachdem ob man sich auf Global Defense oder Jane’s Fighting Ships bezieht, eine bzw. zwei amphibische Flotillen angegliedert.

Den chinesischen Kräften gegenüber liegen die Kräfte der JMSDF, der Marine Japans. Aufgrund der Territorialstreitigkeiten mit China hat die JMSDF damit begonnen eine ebenfalls amphibische Kapazitäten aufzubauen, die sich an den amerikanischen Marine Expeditionary Units orientieren. Zu den japanischen Kräften hinzu kommen die amerikanischen Truppen in Japan, die neben der 7. US Flotte auch Kräfte des Marine Corps, der Army und Air Force umfassen.

Die Gefahr einer weiteren Eskalation wird durch diesen großen Aufmarsch nicht wirklich vermindert. Ein Falkland-ähnlicher Handstreich scheint gerade durch die amphibischen Kapazitäten beider Seiten zwar theoretisch möglich, durch die große militärische Präsenz und die geographischen Gegebenheiten allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Dafür wird das Gebiet durch die Küstenwachen und die Patrouillen-Flüge der Luftwaffen, vor allem seit Ausrufung der ADIZ, auch zu stark überwacht.

Chinesische Kriegsschiffe bei einer Übung. Die zunehmende Stärke Chinas verschiebt das Gleichgewicht in Asien. Quelle: Die Zeit / PLAN

Chinesische Kriegsschiffe bei einer Übung. Die zunehmende Stärke Chinas verschiebt das Gleichgewicht in Asien. Quelle: Die Zeit / PLAN

Die politischen Hintergründe
Bei all dem Säbelrasseln bleibt die Frage nach der politischen Bedeutung dieser Krise. Schließlich handelt es sich um einen Konflikt, der seit mehr als hundert Jahren immer wieder Zwischenfälle provoziert hat. Warum also die gewollte Zuspitzung durch die unilaterale Ausrufung der ADIZ Chinas? Zwar kann man Argentinen und China in keinem Fall gleichsetzen, aber interessante Parallelen gibt es trotzdem. Im Falkland-Konflikt war es die argentinische Junta, die die Invasion der Inseln zur innenpolitischen Konsolidierung nutzen wollte. Es gibt ebenfalls Stimmen, die hinter der plötzlichen Proklamation der Luftverteidigungszone innenpolitisches Kalkül seitens der chinesischen Führung vermuten. Zumindest außenpolitisch war der Schachzug allerdings nicht wirklich reputationsfördernd. Ein gutes Beispiel sind die Beziehungen zu Südkorea, die auf dem Wege der Besserung schienen, aber nun durch diesen Schritt erneut stark angeschlagen sind.

Interessant ist auch die internationale Großwetterlage, in welcher der chinesische Vorstoß kam: Die USA, als stärkster Verbündeter Japans, haben im vergangenen Jahr bei der Bewältigung internationaler Krisen nicht die beste Figur gemacht: Man denke nur an Obamas Zick-Zack-Kurs in der Syrien-Frage. Hinzu kommen die Sparzwänge für das US-Militär, die der prekären Haushaltslage der USA geschuldet sind und die “Kriegsmüdigkeit” der US-Bevölkerung. Ganz ähnlich war die Situation 1982: Der angeschlagenen Eindruck, den Großbritannien in den 70er Jahren machte, bestärkte die argentinische Führung darin, das Abenteuer auf den Falklands zu wagen. Gänzlich anders als bei diesem Konflikt müssen sich die heutigen Streitparteien allerdings keine Gedanke über den Selbstbestimmungswillen irgendeiner Bevölkerung machen: Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg ist keine der Senkaku bzw. Diaoyu-Inseln mehr bewohnt. Mehr Konfliktpotenzial birgt da schon der Rohstoffreichtum im Meeresboden um die Inseln herum, der gerade für Japan, das unter chronischer Rohstoffarmut leidet, ein vitales Interesse darstellt. Im September 2012 kaufte die japanische Regierung die ursprünglich in Privatbesitz befindlichen Inseln: Die Furcht, dass China oder Taiwan durch Mittelsmänner die Inseln kaufen und kontrollieren könnten, war zu groß.

"Den letzten und wahren Grund, von dem man freilich am wenigsten sprach, sehe ich im Machtzuwachs der Athener, der den Lakedaimoniern Furcht einflößte und sie zum Krieg zwang." Thuk. I, 23, 6.  Quelle: Wikipedia

“Den letzten und wahren Grund, von dem man freilich am wenigsten sprach, sehe ich im Machtzuwachs der Athener, der den Lakedaimoniern Furcht einflößte und sie zum Krieg zwang.” Thuk. I, 23, 6.
Quelle: Wikipedia

Der “letzte und wahre Grund”
Um noch einmal auf Thukydides zurückzukommen, muss man sich den rasanten Aufstieg Chinas vergegenwärtigen und die historisch belasteten Beziehungen zwischen Japan und China, die vor allem durch japanische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg geprägt sind. Erst kürzlich machte der Besuch von Japans Ministerpräsident Shinzo Abe am Yasukuni Schrein Schlagzeilen. Der Schrein dient der Ehrung japanischer Gefallener, wobei auch die in den Tokioter Prozessen verurteilten Kriegsverbrecher in dieser Kultstätte verehrt werden. Die Reaktionen aus Peking waren entsprechend scharf. Es ist diese Mischung aus zunehmender Machtkonkurrenz und den nicht verheilten oder wieder aufgerissenen, alten Wunden, die zunehmend Nationalismus in beiden Staaten schürt.

Führt der Aufstieg Chinas, verbunden mit den nationalistischen Stimmungen, die in beiden Ländern herrschen, sowie der Bündnisarchitektur Japans mit den USA in die “Thucydides Trap“, wie sie der US-Politologe Joseph Nye nennt? Gemeint ist damit ein Krieg, der entsteht, weil die eine Seite sich vor dem Aufstieg der jeweils anderen Seite fürchtet, verbunden mit dem Credo, dass ein Krieg früher oder später unvermeidlich sei, ganz so wie die Spartaner im klassischen Griechenland, die sich vor dem Aufstieg der Athener fürchteten. Der Peloponnesische Krieg brach schließlich 431 v. Chr. aufgrund von verschiedenen isolierten Ereignissen aus, die zunächst die eigentlichen – machtpolitischen Gründe – nicht sofort erkennen ließen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, bekommt der vermeintlich kleinliche Streit um einige Felseninseln im Meer eine andere Dimension, wie die begrenzte Operation zur Rückeroberung der Falklands.

In Europa jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal der Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Krise im Ostchinesischen Meer bietet eine Steilvorlage für Vergleiche mit der Juli-Krise, wie u. a. in der ZEIT und jüngst im SPIEGEL zu lesen war. Die Rahmenbedingungen sind heute jedoch gänzlich andere und die chinesische Außenpolitik zielt nicht darauf ab den “Platz an der Sonne” zu erkämpfen (vgl. dazu: Felix Seidler, “Warum 2014 nicht 1914 wird“, Seidlers Sicherheitspolitik, 01.01.2014). Sollten sich die Zwischenfälle zwischen China und Japan jedoch nicht mehr nur auf Schiffe der Küstenwache beschränken, so wie fast vor einem Jahr, als ein Schiff der JMSDF durch chinesisches Feuerleitradar erfasst wurde, werden wir in Zukunft vermutlich häufiger solche Vergleiche zu lesen bekommen.

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