Der strategische Mehrwert deutscher U-Boote für Singapur

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Glückwunsch, Singapur! In 2020 erhält der Stadtstaat die modernsten, nicht-nukleargetriebenen U-Boote im Indo-Pazifischen Raum. Für China sind die U-Boote eine Herausforderung, für Deutschland ein sicherheitspolitischer Zugang ins maritime Asien.

Das erste U-Boot mit Brennstoffzellen-Antrieb der Klasse 214 wurde im April 2004 in Kiel bei der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) zu Wasser gelassen, nachdem es vorher auf den Namen "Papanikolis" getauft und ist fuer die griechische Marine bestimmt (Foto: Insa Korth).

Das erste U-Boot mit Brennstoffzellen-Antrieb der Klasse 214 wurde im April 2004 in Kiel bei der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) zu Wasser gelassen, nachdem es vorher auf den Namen “Papanikolis” getauft und ist fuer die griechische Marine bestimmt (Foto: Insa Korth).

U-Bootklasse 218?
Die Marine Singapurs kauft von Thyssen/HDW zwei U-Boote des Typs 218SG. Über einen Typ 218 war mir bisher noch nichts bekannt. Vom Konzept Typ 216 war öfter schon zu lesen, von Typ 218 bisher nicht. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine speziell auf die Bedürfnisse Singapurs (deswegen SG) angepasste Version des Typs 214. Dafür spricht, dass sich Typ 214 von seiner Größe her bestens für Operationen in küstennahen Gewässern, wie denen rund um Singapur, eignet. Der von Thyssen/HDW angebotene Typ 216 ist dafür zu groß.

Dank des außenluftunabhängigen Brennstoffzellenantriebs fährt das U-Boot quasi geräuschlos wie ein Atom-U-Boot, aber ohne die durch den Reaktor verursachte Wärmesignatur. Um 2020 erhält Singapur damit die modernsten, nicht-nukleargetriebenen U-Boote im Indo-Pazifischen Raum.

Warum braucht Singapur U-Boote?
In letzter Zeit galt die internationale Aufmerksamkeit weitgehend Flugzeugträgern und, durch Chinas Air Defense Identification Zone (ADIZ), den Luftstreitkräften. Der Rüstungswettlauf Asiens unter Wasser steht dem über Wasser allerdings nicht nach. China baut seine Flotte an nuklear und konventionell getriebenen Angriffs-U-Booten qualitativ und quantitativ aus. Die USA werden noch mehr neue SSN der Virginia-Klasse einführen.

Japan, Südkorea, Vietnam, Indonesien, Australien, die Philippinen und Pakistan unterhalten alle Programme zur Modernisierung und Ausbau ihrer U-Bootflotten. Südkorea war auch schon mehrfach Kunde in Deutschland. Gerade kleinere Staaten, denen die Mittel für expeditionäre Kapazitäten und Großprojekte fehlen, werden auf die steigenden Fähigkeiten der großen Mächte, allen voran Chinas, mit dem Ausbau ihrer U-Bootwaffe reagieren.

Die Beschaffung moderner deutscher U-Boote für Singapur wird den USA und den Briten gefallen. Singapur ist mit beiden verbündet. China dagegen machen die 218er das Leben sicher nicht einfacher. Alle chinesischen Kriegsschiffe auf dem Weg in den Indischen Ozean müssen durch die flachen Gewässer rund um Singapur fahren und geraten damit in die Reichweite der kaum entdeckbaren 218er.

Der Hafen von Singapur - einer der grössten Häfen der Welt - mit der Sentosa-Insel im Hintergrund.

Der Hafen von Singapur – einer der grössten Häfen der Welt – mit der Sentosa-Insel im Hintergrund.

Mit dem Kauf eines deutschen Produktes wird Singapur interoperabel mit westlichen Marinen. Das ist für uns insofern von Vorteil, als das durch fortgesetzte chinesische “Assertiveness” eventuell die Bildung neuer Koalitionen in Südostasien notwendig werden kann. Mal angenommen, China wollte im Südchinesischen Meer auch eine ADIZ einrichten: Zu deren Durchsetzung müsste es in den Süden des Südchinesischen Meeres einen Flugzeugträger schicken. Vom Festland aus ist der Weg für Kampfjets zu weit bzw. durch Luftbetankung zu kompliziert. Die 218er wären aber für einen chinesischen Trägerverband eine ernstzunehmende Herausforderung.

Wie weit Chinas Sonartechnik zum Aufspüren von U-Booten ist, ist schwer zu sagen. Wenn aber deutsche U-Boote 212er durch die U-Abwehr von US-Flugzeugträgern hindurch kommen, dürften die fortgeschrittenen 218er mit den chinesischen Fähigkeiten keine großen Schwierigkeiten haben.

Die Zahl von zwei U-Booten ist allerdings zu wenig. Eigentlich gilt für Kriegsschiffe und U-Boote die Regel: Eines auf See, eines in Bereitschaft und eines in der Werft. Das wissen sie auch in Singapur. Man wird sehen, ob es bei einem erfolgreichen Programmverlauf noch einen Folgeauftrag gibt.

Strategischer Mehrwert für Deutschland
Abseits des Erhalts der deutschen Rüstungsindustrie, der gesicherten Arbeitsplätze und der Einnahmen stellt sich die Frage nach einem strategischen Mehrwert des Deals. Interessanterweise gab es, soweit mir bekannt, nie Fahrten deutscher U-Boote nach Singapur, so dass man sich dort vor Ort einen Eindruck der Boote hätte machen können. Auch der U-Boot-Deal mit Südkorea hat in der praktischen Sicherheitspolitik bis heute nie einen direkten Mehrwert abgeworfen.

Deutschland betritt also Neuland, denn es hatte bisher keinerlei sicherheitspolitisch-maritimen Zugang östlich von Malakka. Schon Deutschlands Rolle im Indischen Ozean blieb bisher unter ihrer Möglichkeit. Durch zwei Kunden statt einen könnte sich das ändern. Mit der nun entstehenden maritimen Rüstungskooperation in Südostasien hat Deutschland dort nun einen Fuß in der Tür. Schließlich ist Singapur nach 2020 von deutschen Ersatzteillieferungen abhängig.

U-Boot-Klasse 214

U-Boot-Klasse 214

Durch den Kauf amphibischer Landungsschiffe, neuer Fregatten und F-35 ist Singapur in seiner zentralen geostrategischen Stellung auf bestem Wege, eine starke militärische Hausnummer zu werden. Es ist daher im Interesse einer vom Seehandel abhängigen Nation wie Deutschland, mit dem Land eines der wichtigsten Häfen der Welt gute Beziehungen zu unterhalten.

Darüber hinaus hat Deutschland Interesse an einer stabilen, friedlichen maritimen Ordnung zwischen Singapur und Wladiwostok. Chinas Aufrüstung gepaart mit offensiverer Militärdoktrin und deren aggressiverer Durchsetzung sorgt aber für das genaue Gegenteil. Da man dank US-Präsident Barack Obama und dem Haushalt an Amerika zweifeln kann, müssen die Staaten der Region selbst in die Lage versetzt werden, Chinas Aufstieg zumindest teilweise auszubalancieren.

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