China im Abseits: Geopolitische Folgen des Taifuns Haiyan

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Peking hat sich durch Nichtstun isoliert und seiner Soft Power einen Bärendienst erwiesen. Dagegen hat Amerika gezeigt, wer der Herr im Hause ist, und London ist zurück auf der pazifischen Bühne.

Eine Woche nach dem Taifun Haiyan: zerstörte Häuser, fehlende elektrische Versorgung, dafür Lagerfeuer überall (Foto: David Guttenfelder, AP, 14.11.2013).

Eine Woche nach dem Taifun Haiyan: zerstörte Häuser, fehlende elektrische Versorgung, dafür Lagerfeuer überall (Foto: David Guttenfelder, AP, 14.11.2013).

Maritime Hilfe und Pekings Abseits
Selbst die in Ostasien militärisch irrelevanten Briten schicken Hilfe. Der Zerstörer HMS Daring ist vor Ort, der Helikopterträger HMS Illustrious ist auf dem Weg. Die USA sind ebenfalls dem Träger USS George Washington präsent und schicken weitere Schiffe. Japan hat seine Streitkräfte inklusive eines Helikopterträgers (Osumi Class) zur “largest overseas relief operation ever” in Marsch gesetzt. Dies gibt vielleicht die Gelegenheit, die britisch-japanische Sicherheitskooperation nach vielen Worten das erste Mal östlich von Malakka mit Taten zu füllen.

Aber wo ist China? Wo ist die aufstrebenste, am meisten aufrüstende Marine der Region? Sie übt vor Malaysia, aber hilft nicht vor Tacloban. Das ist auch ein Weg, sein regionales Image zu ruinieren. Angesichts der Größe der chinesischen Flotte zieht die Ausrede nicht, man habe keine Kapazitäten frei. Oder aber die People’s Liberation Army Navy (PLAN) ist bei Weitem nicht so einsatzbereit, wie ihre Führung suggeriert.

Strategisch sinnvoll wäre es aus chinesischer Sicht gewesen, den Philippinen gerade jetzt zu helfen. Peking hätte enorm an Ansehen gewinnen können, hätte es bewiesen, dass es bereit ist, im Katastrophenfall territoriale Differenzen einmal ruhen zu lassen. Nebenbei hätte die PLAN weitere operative Erfahrungen im Zusammenspiel mit Amerikanern und Briten, eventuell ja sogar mit den Japanern gewinnen können. Chance verpasst.

Später hätte Peking auch politischen Profit daraus schlagen können, wenn die Philippinen auf Konfrontationskurs zu China gehen. Nach dem Motto: “Sieh her Manila! Als Ihr in Not wart, haben wir euch trotz aller Differenzen geholfen. Jetzt haltet den Ball flach.” Stattdessen kam es soweit, dass Ikea zeitweise mehr Geld für die Philippinen gespendet hat, als die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Mittlerweile ist Chinas Hilfe auf 2,75 Mio. Dollar erhöht worden, aber das ist immer noch eine lächerliche Summe. Spätestens bei diesem Mangel an strategischem Weitblick über den politischen Nutzen von Katastrophenhilfe wird klar, warum sich China einen Nationalen Sicherheitsrat schafft.

Crewmen from the USS George Washington load relief supplies for air drops to villages isolated by last week's typhoon at Tacloban City airport, Leyte province in central Philippines. (Photo: Bullit Marquez, AP, 15.11.2013).

Crewmen from the USS George Washington load relief supplies for air drops to villages isolated by last week’s typhoon at Tacloban City airport, Leyte province in central Philippines. (Photo: Bullit Marquez, AP, 15.11.2013).

Ausdruck von US-Dominanz
Die maritime Katastrophenhilfe vor den Philippinen ist ein starker Beweis für die bestehende Dominanz der US-Navy. Binnen kurzer Zeit hat sie eine große, schlagkräftige Zahl an Schiffen in Marsch gesetzt. Allen Sparmaßnahmen zum Trotz sind Kapazitäten und Reaktionsfähigkeit also doch vorhanden, wenn der Ereignisdruck groß genug ist. Was bei Katastrophenhilfe funktioniert, dürfte erst recht bei kritischen Konflikten im Süd- oder Ostchinesischen Meer funktionieren.

In den chinesischen Stäben dürfte man wahrnehmen, wie schnell die Amerikaner zum Handeln in der Lage sind. Ein Grund für Chinas Zurückhaltung könnte auch sein, neben Amerikanern, Japanern und selbst den Briten lächerlich auszusehen, wenn Chinas maritimer Beitrag zur Katastrophenhilfe mangels einsatzbereiter Schiffe nur marginal ausfällt. Wie auch immer: Die USA haben klargestellt, wer mitsamt Alliierten der Herr im indo-pazifischen Hause ist.

Großbritannien und Japan
Die Briten haben immer noch kleine Versorgungsstützpunkte in Singapur und Brunei. Da könnte die HMS Illustrious anhalten, um auf dem Weg ins Katastrophengebiet alle Vorräte und den Treibstoff aufzufüllen. Von dort zur Versorgung allerdings immer wieder durch das Südchinesische Meer zurückzufahren, wäre für den Einsatz wenig hilfreich. Um die Durchhaltefähigkeit zu erhöhen, könnte die Royal Navy sich von japanischen Versorgern helfen lassen. Ansonsten hilft eben Uncle Sam.

Typhoon Haiyan, PhilippinesFunktioniert die britisch-japanische Kooperation jetzt, kann sie immer wieder funktionieren. Geht die Sache schief oder operiert man unkoordiniert nebeneinander her, haben Tokio und London ihre Vereinbarungen als Papiertiger entlarvt. Wenngleich auf Minimalniveau, ist Großbritannien zurück im Pazifik, da es demonstriert hat, binnen kurzer Zeit handlungsfähig zu sein. Der Abe-Regierung ist das nur recht, da man in Tokio mehr britisches Engagement schon länger befürwortet.

Royal Navy 2013 heißt aber auch: Einerseits ist man unterwegs im Südchinesischen Meer zur Katastrophenhilfe auf den Philippinen, andererseits aber zur Erfüllung der NATO-Verpflichtungen in Standing NATO Maritime Group 1 und Standing NATO Maritime Group 2 nicht mehr in der Lage. London muss sich fragen, ob die Balance zwischen globaler Präsenz und der Einhaltung von Bündnisverpflichtungen noch in der richtigen Balance ist.

Der Nutzen von Trägern
Bei Artikeln über Flugzeugträger fragt sich der eine oder andere, ob das Trägerzeitalter nicht vorbei und Schiffe dieser Art überholt seien. Fehlanzeige. Ein US-Flugzeug- sowie je ein britischer und japanischer Helikopterträger für die Katastrophenhilfe sind erneut ein Ausdruck dafür, dass Flugzeugträger ein wesentliches Mittel moderner Marinen sind und bleiben.

Amerika, Japan und Großbritannien tun mit ihrer Katastrophenhilfe gerade viel Gutes für ihre Außenwahrnehmung. Dass China nichts dergleichen tun kann oder will, spricht für sich. Geopolitisch hat Taifun Haiyan gerade die maritimen Machtverhältnisse zulasten Chinas hin zu den USA und ihren Verbündeten verschoben.

Weitere Informationen

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3 Responses to China im Abseits: Geopolitische Folgen des Taifuns Haiyan

  1. Aus der Facebook-Gruppe Sicherheitspolitik:

    “Hier noch mal die graphische Aufarbeitung von Felix’ Aussage: die “Weltmacht” China und ihr bescheidener Beitrag zur Katastrophenbewältigung auf den Philippinen…”

    Hier noch mal die graphische Aufarbeitung von Felix' Aussage: die "Weltmacht" China und ihr bescheidener Beitrag zur Katastrophenbewältigung auf den Philippinen...

  2. The Chinese navy’s hospital ship Peace Ark has begun search-and-rescue operations in the Philippines, some three weeks after one of history’s biggest recorded typhoons smashed into the archipelago nation and killed thousands of people.

    Meanwhile America’s own Pacific Ocean hospital ship, the much larger Mercy, remains in port in California. Washington having determined that, nearly a month after the storm, Manila no longer needs the vessel’s expansive, cutting-edge facilities. “The medical situation in The Philippines has dramatically improved over the last two weeks,” said Cmdr. Steve Curry, a Navy spokesman.

    Read more: David Axe, “China’s Hospital Ship Helps Out in The Philippines—America’s Stays Home“, War is Boring, 29.11.2013.

  3. Patrick says:

    Beim obigen Artikel von David Axe geht es darum, dass das Spitalschiff „Mercy“ in Kalifornien bleibt und nicht in die Philippinen entsendet wird. Was aber im Artikel nicht erwähnt wird: Die USA haben die USS George Washington und die dazugehörige “Carrier Strike Group Five“ zur Katastrophenhilfe eingesetzt, welche nun von den beiden Docklandungsschiffen “USS Germantown” und “USS Ashland“ abgelöst werden (vgl.: Seth Robson, “US sending additional military to aid in Philippines typhoon relief“, Stars and Stripes, 16.11.2013).

    Die Distanz Kalifornien – Philippinen beträgt rund 12’000 km. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 17,5 kn würde die „Mercy“ rund 25 Tage benötigen, bis sie im Einsatzgebiet angekommen wäre. Diese Hilfe scheint dann nicht mehr notwendig zu sein (vgl.: “Hospital Ship Mercy Returns to Reduced Operating Status“, U.S. Pacific Fleet Public Affairs, 26.11.2013).

    Im Artikel von David Axe geht es nicht darum, wie den Menschen am effektivsten geholfen werden kann, sondern um die PR-Schlacht um die Hilfsbemühungen. In diesem Zusammenhang schreibt er:

    […] hospital ships are uniquely visible and therefore more powerfully symbolic […] Painted white and emblazoned with giant red crosses, they more than any other ship or plane represent a country’s determination to help out after a disaster. America was first to The Philippines after the storm, but with Peace Ark now looming off the damaged coast, alone among hospital ships, Beijing may ultimately come out ahead in the hearts and minds of Filipinos. — David Axe, “China’s Hospital Ship Helps Out in The Philippines—America’s Stays Home“, War is Boring, 29.11.2013.

    Dieser Aspekt finde ich interessant – es ist jedoch nur ein Detail, welches nicht in den übergeordneten Kontext gestellt wird. Die USA sind mit ihrer Hilfe dermassen sichtbar, dass es zweifelhaft ist, dass ein chinesisches Spitalschiff an dem erarbeiteten guten Image der USA in den Philippinen etwas ändern wird.

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