Ist die Zentralafrikanische Republik auf dem Weg in den Völkermord?

If you don’t understand German, then check out “Here’s Where the Next Genocide Is About to Happen” about the same topic, also written by Peter Dörrie, published on “War is Boring”.

Rebel in northern Central African Republic (Photo: hdptcar).

Rebel in northern Central African Republic (Photo: hdptcar).

Die Zentralafrikanische Republik war nie eines der stabilsten Länder, durchläuft momentan aber eine beispielslose Krise. Es ist gute sechs Monate her, dass Rebellen den autoritär regierenden Präsidenten François Bozizé aus dem Amt gejagt haben. Seitdem sind weite Teile des Landes und selbst der Hauptstadt Bangui der Kontrolle der Regierung entglitten. Michel Djotodia, selbsternanntes neues Staatsoberhaupt, hat mit der Rebellenkoalition Séléka, die ihn ins Amt gehievt hatte, gebrochen. Jetzt sind Teile von Séléka, bewaffnete Anhänger von Bozizé und lokale Selbstverteidigungsgruppen im ganzen Land in blutige Konflikte verwickelt, die die Ausmaße eines Völkermords annehmen könnten, wenn nicht bald etwas unternommen wird.

Besorgt aber machtlose – die Vereinte Nationen
Adama Dieng ist der Sonderberater der Vereinten Nationen für die Verhinderung von Genoziden und war der erste, der auf die Gefahr eines Völkermords in Zentralafrika hingewiesen hat: “Wir sehen, wie bewaffnete Gruppen Menschen unter dem Vorwand ihrer Religion töten und mein Gefühl ist, dass das darin enden wird, das christliche und muslimische Gruppen sich gegenseitig töten,” sagte er Anfang des Monats nach einer Sitzung des U.N. Sicherheitsrats. “Wenn wir jetzt nicht entschieden handeln, dann werde ich die Möglichkeit eines Genozids in der Zentralafrikanischen Republik nicht ausschließen.”

Der Begriff “Genozid” ist politisch aufgeladen, und ob ein gegebener Konflikt den offiziellen Kriterien für eine solche Einordnung entspricht kann oft nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Sicher ist allerdings, dass sich die Zentralafrikansiche Republik schon jetzt in einer dramatischen humanitären Notlage befindet. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben Berichte über systematische Menschrechtsverletzungen durch Séléka und andere Gruppen gegen die Zivilbevölkerung veröffentlicht und Al Jazeera konnte Beweise für ein Massaker an Zivilisten finden. Das jüngste Opfer soll nur zwei Wochen alt gewesen sein.

Ein Teil dieser Konflikte ist tatsächlich religiös motiviert. Die Séléka-Rebellen sind überwiegend aus dem muslimischen Nord-Osten des Landes, während Bozizé Repräsentant des christlichen Nord-Westens und Südens ist. Aber es wäre zu einfach, das aktuelle Chaos in Zentralafrika auf religiösen Fanatismus zu reduzieren.

Child in a rebel camp in the north-eastern Central African Republic (Photo: Pierre Holtz / UNICEF CAR)

Child in a rebel camp in the north-eastern Central African Republic (Photo: Pierre Holtz / UNICEF CAR)

Sich überlagernde Konflikte
Ein Teil der aktuellen Gewalt hat nur wenig mit Religion, oder auch nur mit Politik zu tun. Sie ist einfach Ergebnis des totalen Zusammenbruchs aller staatlichen Systeme nach Jahrzehnten des Missmanagements und der jüngsten Rebellion. Bozizé hatte selbst niemals die volle Kontrolle über das Land, konnte aber zumindest einen rudimentären Sicherheitapparat aufrechterhalten. Nachdem seine Armee aber zuerst von Séléka geschlagen wurde und Séléka danach in eine Reihe unkontrollierbare Fraktionen zersplittert ist, gibt es jetzt keine zentrale Macht mehr im Land. Selbst in Bangui reicht der Einfluss der Regierung nur wenig über die Schwelle des Präsidentenpalastes hinaus.

Ex-Rebellen, Ex-Regierungstruppen und Banditen haben dies als Einladung verstanden, die gesamte Bevölkerung zum Ziel zu machen. Diese wiederum setzt sich zu Wehr und bildet anti-Balaka genannte Milizen zur Selbstverteidigung. Zwar sind einige dieser Gruppen entlang religiöser Grenzen organisiert, es überwiegt aber vermutlich schlicht das Bedürfnis nach Sicherheit.

Religiöse Konflitke sollten auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch immer noch ein mörderischer politischer Konflikt um die Macht im Land ausgefochten wird. Ex-Präsident Bozizé hat von seinem Pariser Exil aus erklärt, dass er gerne die Macht im Land wieder übernehmen würde. Zu diesem Zweck hat er auch eine eigene bewaffnete Gruppe gegründet, die Front for the Return to Constitutional Order in Central Africa, FROCCA.

Besonders im Norden des Landes gibt es außerdem Auseinandersetzungen zwischen Ackerbauern und nomadischen Viehhirten um Zugang zu Land und Wasser. Ein internes Memo einer großen humanitären Hilfsorganisation, das Offiziere.ch vorliegt, warnt vor einem hohen Risiko der Eskalation dieser Konflikte. Dies würde die humanitäre Lage des Landes dramatisch verschlechtern.

Hilflosigkeit und Unwille zu helfen
Die Zentralafrikanische Republik hat kein Mangel an Problemen, aber Lösungen sind nur wenige in Sicht. Eine 2.500 Mann starke Friedenstruppe der Afrikanischen Union, die in dem Land stationiert ist, konnte den Sturz von Bozizé nicht verhindern und auch dem darauf folgenden Chaos kein Einhalt gebieten. Frankreich, ehemalige Kolonialmacht des Landes, hat sich darauf beschränkt den Flughafen und die diplomatischen Vertretungen der Hauptstadt zu sichern – einer stärkeren Einmischung hat Paris eine klare Absage erteilt.

Das Wichtigste wäre wohl, zumindest ein grundlegendes Maß an Sicherheit wieder herzustellen. Dies könnte aber nur eine Friedensmission mit einem robusten Mandat und mehreren zehntausend Soldaten gewährleisten. Selbst wenn die internationale Gemeinschaft und die Nachbarländer der Zentralafrikanischen Republik den politischen Willen und die finanziellen Mittel für eine solche Intervention aufbringen würden, bräuchte es Monate oder gar Jahre, bis die nötigen Truppensteller gefunden und die Mission einsatzbereit wäre. Und selbst eine solche Friedensmission würde nur die Symptome der politischen Krise der Zentralafrikanischen Republik lindern, nicht aber die grundlegenden Probleme des Landes. Dafür müssten sowohl die wichtigsten afrikanischen, als auch die westlichen Mächte enormen Einsatz zeigen und mit den lokalen politischen Eliten an einem Strang ziehen. Angesichts aktueller Entwicklungen scheint nichts davon besonders realistisch zu sein.

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1 Response to Ist die Zentralafrikanische Republik auf dem Weg in den Völkermord?

  1. Thousands flee fresh fighting in Central African Republic. The Economic Community of Central African States has deployed a 2,500-strong regional peacekeeping force in Central African Republic. The African Union is due to take charge of that force next month and boost its size to 3,600 troops. U.N. Secretary-General Ban Ki-moon said on Monday that the United Nations was preparing to possibly deploy peacekeepers, but regional powers had requested to combat the crisis themselves first. (Quelle: Reuters, 19.11.2013).

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