Von Ost nach West: Neue Fronten im Kampf gegen Piraterie in Afrika

If you don’t understand German, then check out “African Piracy Goes West” about the same topic, also written by Peter Dörrie, published on “War is Boring”.

Anti-PiracyMit nur 11 Angriffen – wovon nur zwei in Entführungen endeten – war es bisher eines der friedlichsten Jahre vor Somalias Küste. Zum Vergleich: 2012 gab es zu diesem Zeitpunkt schon über 70 Zwischenfälle, zwischen 2008 und 2010 wurden jährlich hunderte Schiffe von somalischen Piraten angegriffen.

Für diese Entwicklung sehen Experten unterschiedliche Gründe, vor allem aber den Einsatz bewaffneter Sicherheitskräfte auf Handelsschiffen und die Präsenz der internationalen Task Force mit Beteiligung von Marineeinheiten unterschiedlichster Nationen. Auch ist Piraterie für somalische Männer nicht mehr wie früher eine größtenteils gefahrlose Beschäftigung: Eine Reihe von Piraten wurden durch westliche Soldaten getötet, am spektakulärsten wohl die Entführer von Kapitän Richard Phillips, dem Führer der MV Maersk Alabama. Gefangen genommene Piraten werden inzwischen in vielen Nationen vor Gericht gestellt, 1’148 wurden verurteilt oder sitzen in Untersuchungshaft.

Das alles kostet natürlich Geld, aber das ist es wohl wert. Lösegelder für Schiff und Crew haben in der Vergangenheit oft hohe Millionenbeträge erreicht und Versicherungsprämien für die Passage des Horns von Afrika waren auf Rekordniveau gestiegen.

Neuer Brennpunkt Nigeria
Langsam wendet sich wegen der besseren Lage vor Somalia nun die internationale Aufmerksamkeit zum Westen des Kontinents. Wie das Horn von Afrika ist der Golf von Guinea eine wichtige Schifffahrtslinie im Netz des Welthandels und wird jährlich von tausenden Schiffen passiert. Von Piraterie betroffen ist vor allem Nigeria, einer der größten Erdölproduzenten des Kontinents, in dessen Gewässern viele Schiffe mit Erdöl, Diesel oder wichtigen Gütern für den Offshore-Bohrbetrieb verkehren.

Für Piraten gibt es hier darum einiges zu holen und diese Möglichkeit wird auch genutzt. In nigerianischen Gewässern, aber auch entlang der Küste bis zur Elfenbeinküste sind inzwischen Piraten aktiv, die wohl zum großen Teil nigerianischen Ursprungs sind. In diesem Jahr wurden bisher schon 40 Schiffe angegriffen und sieben entführt, folgt man den Zahlen des International Maritime Bureau (IBM). Damit ist der Golf von Guinea inzwischen für Seefahrer erheblich gefährlicher als die Küste von Somalia.

A combined force of NATO led counter-piracy troops intercept a suspected Somali pirated vessel. RFA Fort Victoria's Lynx Mk 8 helicopter and their embarked Royal Marine boarding team from the Fleet Standby Rifle Squadron apprehended the 13 suspected pirates and secured the vessel (Photo: Kyle Heller).

A combined force of NATO led counter-piracy troops intercept a suspected Somali pirated vessel. RFA Fort Victoria’s Lynx Mk 8 helicopter and their embarked Royal Marine boarding team from the Fleet Standby Rifle Squadron apprehended the 13 suspected pirates and secured the vessel (Photo: Kyle Heller).

Natürlich gibt es wichtige Unterschiede zwischen den Regionen: Keiner der Anrainerstaaten des Golfs von Guinea ist beispielsweise ein “Failed State” vom Schlage Somalias. Ein entführtes Schiff monatelang festzuhalten, während über das Lösegeld verhandelt wird, ist hier für Piraten nicht möglich. Diese konzentrieren sich darum auf Raub und Diebstahl: Ziel sind vor allem die Besitztümer der Crew und die Ladung des Schiffes. Gekaperte Schiffe werden in informelle Häfen an der Küste Nigerias gesteuert. Dort werden die geladenen Güter an Land gebracht und die gebunkerten Treibstoffe auf Tanklaster verladen. Handelt es sich bei der Ladung um Rohöl, so wird dies oft in rudimentären Raffinerien zu Diesel verarbeitet und dann verkauft. Die Schiffe werden danach in der Regel aufgegeben, einzelne Crewmitglieder aber zum Teil an Land gebracht, versteckt und nur gegen Lösegeld freigelassen. Diese Praxis der gewinnorientierten Entführung ist in Nigeria ein einträgliches Business und trifft selbst Familienmitglieder hoher Regierungsbeamte.

Die Regierungen der Region und die westliche Mächte beginnen, die Gefahr der Piraterie im Golf von Guinea ernst zu nehmen und viele der Methoden, die vor Somalia erfolgreich eingesetzt wurden auch hier zur Anwendung zu bringen. Die Küstenwachen von Nigeria, Benin, Togo, Ghanan und der Elfenbeinküste rüsten auf und versuchen, ihre Einsätze stärker zu Koordinieren. Westliche Geber unterstützen diese Bemühungen mit Geld und Ausbildern und der Einsatz eigener Kriegsschiffe wird jedenfalls von keiner Seite ausgeschlossen.

Keine allgemeingültige Lösung
Allerdings lassen die schon angesprochenen Unterschiede zwischen Ost und West Afrika eine bloße Übertragung der Lösungsansätze wenig erfolgversprechend erscheinen. Vor Somalia war eine der ersten Reaktion der Handelsschiffe, einen größeren Abstand von der Küste zu wahren. Das machte es für Piraten schwerer, mögliche Ziele ausfindig zu machen und sich unbemerkt zu nähern.

In West Afrika ist das nicht möglich. Die meisten Schiffe sind hier nicht auf der Durchreise, sondern wollen in einem der Häfen der Region anlanden. Darum liegen zu jedem Zeitpunkt hunderte Schiffe vor den Häfen von Lagos, Cotonou und Lomé vor Anker. Diese Schiffe können keine Ausweichmanöver fahren und Piraten sind schwer zu erkennen, denn in den Gewässern gibt es jede Menge legitimen Verkehr in kleinen Booten.

A man collects polluted water at an illegal oil refinery site near river Nun in Nigeria's oil state of Bayelsa November 27, 2012. Thousands of people in Nigeria engage in a practice known locally as 'oil bunkering' - hacking into pipelines to steal crude then refining it or selling it abroad. The practice, which leaves oil spewing from pipelines for miles around, managed to lift around a fifth of Nigeria's two million barrel a day production last year according to the finance ministry (Photo: Akintunde Akinleye / Reuters).

A man collects polluted water at an illegal oil refinery site near river Nun in Nigeria’s oil state of Bayelsa November 27, 2012. Thousands of people in Nigeria engage in a practice known locally as ‘oil bunkering’ – hacking into pipelines to steal crude then refining it or selling it abroad. The practice, which leaves oil spewing from pipelines for miles around, managed to lift around a fifth of Nigeria’s two million barrel a day production last year according to the finance ministry (Photo: Akintunde Akinleye / Reuters).

Wenn ein Schiff erst mal von Piraten geentert wurde, ist eine Befreiungsaktion oft zu gefährlich – die Piraten sind gut bewaffnet und nicht jedes Land hat ein SEAL Team zur Verfügung. Erfolgversprechend wäre ein Abfangen der Piraten bei der Anlandung ihrer Beute, dann macht aber die Realität der Korruption den Gegner der Piraterie einen Strich durch die Rechnung. Polizei und Justizsystem sind in Nigeria hoch korrupt und waren dies schon vor dem verstärken Aufkommen der Piraterie. Die Gründe hierfür sind komplex und das Ergebnis historischer Prozesse – die Lösung dieses Problems lässt sich kaum aus der Perspektive des Kampfs gegen die Piraterie realisieren.

Für viele Nigerianer, wie auch Somalis, ist die Piraterie und Praktiken wie das Anzapfen von Pipelines die einzige Möglichkeit, vom Ölbusiness zu profitieren. Zwar wird in Nigeria seit 60 Jahren Erdöl gefördert, für die allermeisten Bewohner der Fördergebiete brachte das aber keinen Wohlstand, sondern die Zerstörung der Lebensgrundlagen Fischerei und Landwirtschaft durch die einhergehende Umweltverschmutzung. Um die Piraterie in West Afrika in den Griff zu bekommen, wird man sich also mehr einfallen lassen müssen, als nur Geld und Kriegsschiffe nach dem Problem zu werfen.

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