Nigeria geht gegen Boko Haram in die Offensive

von Peter Dörrie. Peter Dörrie ist Gründer und Chefredaktor bei AfrikaEcho. If you don’t understand German, then check out “Nigeria Is at War With Islamist Ghosts” about the same topic, also written by Peter Dörrie, published on “War is Boring”.

Nigerianischer Polizist in Somalia als Teil der Friedenstruppe AMISOM (Photo: AU/UN).

Nigerianischer Polizist in Somalia als Teil der Friedenstruppe AMISOM (Photo: AU/UN).

Im Nord-Osten Nigerias herrscht Krieg. Mehr als 8.000 Soldaten, unterstützt durch Polizei und Geheimdienste, gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie und Kampfhubschrauber kämpfen gegen Boko Haram, eine islamisch-fundamentalistische Rebellengruppe. Bei Zusammenstößen werden regelmäßig dutzende Kämpfer beider Seiten sowie Zivilisten getötet. Es ist einer der intensivsten Konflikte der Gegenwart und Informationen dringen nur spärlich nach außen – vor allem über Boko Haram selbst.

Die Gruppe wurde 2001/2002 von Mohammed Yusuf gegründet und war zumindest anfangs wohl nicht gewalttätig, wenn auch schon immer in ihren religiös-sozialen Ansichten sehr radikal. Hauptziel war und ist die Abschaffung des als korrupt und unfähig wahrgenommen laizistischen Staates und die Errichtung eines fundamentalistischen islamischen Rechtswesens. Nach einigen Jahren begannen sich Mitglieder von Boko Haram zu bewaffnen und im Jahr 2009 schließlich schritt der Staat ein – zu spät, wie sich herausstellen sollte. Bei Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Anhängern von Boko Haram und darauf folgenden religiösen Unruhen wurden mindestens 700 Menschen getötet. Mohammed Yusuf kam in Polizeigewahrsam um, vermutlich als Opfer einer gezielten aussergerichtlichen Hinrichtung.

Geschwächt hat das Boko Haram nicht, eher im Gegenteil. Die Organisation radikalisierte sich weiter und begann nun gezielt Repräsentanten des Staats, Sicherheitskräfte und Zivilisten zu attackieren. Mittel der Wahl waren Sprengstoffanschläge (auch mittels Selbstmordattentätern), mit Schnellfeuergewehren bewaffnete Motorradfahrer und plötzliche Angriffe auf Gefängnisse und Polizeistationen, um Kameraden zu befreien und Waffenlager zu plündern. Mindestens 4.000 Menschen kamen seit 2009 durch Angriffe von Boko Haram und durch die Gegengewalt des Staates ums Leben.

Ein undurchsichtiger Feind
Für das Maß an Zerstörung, das Boko Haram anrichtet, weiß man erstaunlich wenig über die Organisation. Die Gruppe ist nach dem Tod ihres Gründers Yusuf zersplittert und es gibt keine sicheren Erkenntnisse über eine übergreifende Führungsebene oder wenigstens Befehlsstrukturen innerhalb der einzelnen Splittergruppen. Anders als beispielsweise Al Qaida betreibt Boko Haram auch keine eigene Öffentlichkeitsarbeit oder systematische Propaganda, was es schwer macht, Einblicke in die Funktionsweise der Gruppe zu erhalten. Nicht einmal über die Interpretation des Namens besteht absolute Sicherheit und Übersetzungen sowohl der aus dem Haussa stammenden Kurzform “Boko Haram”, wie auch des offiziellen arabischen Namen “Ahl al Sunna li al Da’wa wa al Jihad” haben Mühe, ein realistisches Selbstbild der Gruppe zu zeichnen.

Vermutlich wissen selbst Angehörige der Gruppierung nicht immer, wo Boko Haram anfängt und aufhört. In der Vergangenheit gab es etwa immer wieder Berichte, dass Elemente von Boko Haram durch lokale Politiker unterstützt wurden, obwohl Mohammed Yussuf seinen Anhängern eine Kooperation mit den Institutionen des Staates explizit verboten hat. Außerdem werden viele konventionelle Straftaten, etwa Banküberfälle, im Namen von Boko Haram begangen. Ob für einen bestimmten Vorfall tatsächlich die jihadistische Gruppe, oder nur Trittbrettfahrer verantwortlich waren, lässt sich nur schwer beurteilen.

Für Boko Haram selbst hatte diese besondere Form des institutionalisierten Chaos bisher vor allem positive Konsequenzen. Auch nach der ersten Offensive 2009 scheiterte die Regierung Nigerias mehrfach mit konzertierten Aktionen zur Zerschlagung der Organisation – vor allem, weil keine wirklich vitalen Bestandteile derselben identifiziert und neutralisiert werden konnten.

Nigerian Police

Nigerian Police

Als Konsequenz verlegten sich die Sicherheitsbehörden, die im Falle von Boko Haram als “Joint Task Force” (JFT), also Kooperation zwischen Armee, Polizei und Geheimdiensten auftreten, auf eine Strategie der gewaltsamen Unterdrückung. Straßensperren wurden errichtet, Märkte geschlossen und die Benutzung von Motorrädern zeitweise untersagt. Schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten durchsuchen ganze Stadtviertel nach Boko-Haram Anhängern und machen diese schon mal in stundenlangen Feuergefechten dem Erdboden gleich, wenn sie dabei auf Widerstand stoßen. Nach solchen Operation wird oft eine beeindruckend hohe Anzahl getöteter “Terroristen” bekanntgeben. Allerdings lässt die rücksichtslose Methodik und die nur geringe Einschränkung der Operationalität von Boko Haram darauf schließen, dass ein großer Teil der Getöteten tatsächlich entweder komplett unbeteiligt war, oder in die Kategorie “gewaltloser Sympathisant” fiel.

Unabhängig überprüfen lässt sich nur wenig, was über diesen Krieg bekannt wird. Weite Teile des Mobilfunknetzes in den betroffenen Gebieten funktioniert nicht mehr, weil sowohl die Regierung als auch Boko Haram die Funkmasten abschalten, wenn sie sich davon einen taktischen Vorteil versprechen. All dies hat für viele Menschen zu einer drastischen Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage geführt, von den Belastungen durch die tägliche Gewalt ganz zu schweigen.

Keine effektive Terrorismus-Bekämpfung
Die brutale Gegengewalt des Staates hat bisher wohl vor allem den Rekrutierungsbemühungen Boko Harams genutzt. Zu Beginn dieses Jahres waren jedenfalls trotz wiederholter Offensiven weite Teile der Bundesstaaten Borno, Yowe und Adamawa der Kontrolle der Zentralregierung entzogen.

Im Mai verhängte Präsident Goodluck Jonathan darum den Notstand in diesen Bundesstaaten und erhöhte den Einsatz: In einer ersten Phase verstärkte die JTF ihre Aktionen und setzte dabei verstärkt auf Kooperationen mit zivilen Bürgerwehren. In der seit letzter Woche laufenden zweiten Phase ging die Verantwortung für den Kampf gegen Boko Haram auf eine reguläre Division der Armee über: 8.000 Soldaten mit Unterstützung durch gepanzerte Fahrzeuge, Kampfhubschrauber und Artillerie. Ein Teil der abkommandierten Soldaten war bis vor kurzem noch in Mali im Einsatz, im Kampf gegen andere jihadistische Gruppen.

Soldiers from Lagos, Nigeria are part of an expected 1,000 reinforcements sent to Adamawa state to fight Boko Haram Islamists, with the 23rd Armoured Brigade (May 20, 2013).

Soldiers from Lagos, Nigeria, are part of an expected 1,000 reinforcements sent to Adamawa state to fight Boko Haram Islamists, with the 23rd Armoured Brigade (May 20, 2013).

Die Armee beeilte sich, ihre Bereitschaft zu zeigen. Am Donnerstag gab sie bekannt, ein Lager von Boko Haram zusammen mit 50 der Aufständischen ausgelöscht zu haben. Man sei den Kämpfern per Luftüberwachung gefolgt, nachdem diese 24 Mitglieder einer Bürgerwehr in einen Hinterhalt gelockt und getötet hätten. Das Lager sei danach umstellt und von Kampfhubschraubern bombardiert worden, so die Armee. Wenn diese Darstellung stimmt, dann vermittelt sie nicht nur einen guten Eindruck von der Gewalttätigkeit und Intensität des Konflikts, sondern verschafft auch interessante Einblicke in die Fähigkeiten der nigerianischen Armee.

Die nigerianische Regierung und die Armee hoffen bei dieser erneuten Offensive darauf, dass Boko Haram in den letzten Monaten einen strategischen Fehler gemacht hat. Die Aufständischen versuchen sich nicht mehr nur an Selbstmordattentaten und Motorrad-Überfällen, sondern versuchen verstärkt auch territoriale Kontrolle zu erlangen. Das, so die Hoffnung, sei aber genau die Art von Konflikt, für die die nigeranischen Streitkräfte ausgebildet sind und den sie auch gewinnen können.

Boko Haram an den Verhandlungstisch zwingen
Die Politiker und Generäle wollen durch den massiven militärischen Druck endlich Bewegung in eine mögliche Verhandlungslösung bringen. Ein oft diskutiertes Vorbild hierfür sind die Friedensabkommen der letzten Jahre mit Aufständischen im Niger-Delta. Hierbei legten große Teile der dortigen Kämpfer die Waffen nieder, während die Regierung ihnen mit einer Amnestie und politisch-ökonomischen Zugeständnissen entgegen kam.

Allerdings ist die Lage im Nordosten des Landes eine andere. Während es im Delta vor allem um wirtschaftliche Teilhabe am Ölreichtum des Landes ging, der in dieser Region erwirtschaftet wird, hat Boko Haram eine soziale und moralische Agenda: es geht um eine fundamentalistische Auslegung des Islams und die Ineffizienz und Korruption in der Regierung. Wie diese Regierung hier am Verhandlungstisch glaubhafte Zugeständnisse machen kann, ist völlig unklar.

Ideal wäre es natürlich, wenn zeitgleich zur Offensive der Sicherheitskräfte auch die Wurzeln des Konflikts adressiert würden. Dazu gehört die weit verbreitete Armut im Öl-Land Nigeria und die schon häufiger angesprochene Korruption, die für die meisten Nigerianer jede Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg zerstört. Die Erfahrung zeigt aber, dass die nigerianischen Politiker eher der Realpolitik Vorrang geben werden, also auf Unterdrückung des Aufstandes durch Armee und Sicherheitsbehörden hoffen. Das könnte durchaus gelingen, denn der Sicherheitsapparat Nigerias ist, auch dank großzügiger westlicher Unterstützung, formidabel. Für die Menschen, die zwischen den Frontlinien gefangen sind, bedeutet diese Strategie aber noch mehr Leid und Zerstörung.

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