Der NH90 wird an Belgien ausgeliefert – ob das eine gute Idee war? Der NH90 und seine unrühmliche Geschichte

von Seka Smith

Die belgische Marine konnte am 1. August 2013 ihre ersten NH90 NFH Helikopter in Empfang nehmen. Bereits im April hatte der belgische NH90 seinen Jungfernflug bei Eurocopter in Donauwörth erfolgreich absolviert.

Nach Frankreich, Italien, Norwegen und den Niederlanden nimmt Belgien nun als fünfte Nation den, in Europa entwickelten, NATO-Fregattenhubschrauber in Betrieb. Die ausgelieferten Maschinen wurden an die Anforderungen der belgischen Marine zu Such- und Rettungsflügen sowie Militäreinsätzen auf See angepasst und werden sukzessive den Sea King-Hubschrauber ablösen.

Die Ausbildung der belgischen Marinepiloten und Wartungsteams für den NH90 NFH wird im September 2013 beginnen. 2014 sollen die ersten beiden von insgesamt acht Maschinen (4 x NH90 TTH und 4 x NH90 NFT) bei den Truppen in Dienst gestellt werden.

Länder, in denen der NH90 NFH bereits in Dienst steht, setzen diesen Hubschrauber erfolgreich für Such- und Rettungs-, Transport- und Überwachungsmissionen ein. So hat die französische Marine mit diesen Maschinen bislang über 50 Personen in Sicherheit gebracht, während die Niederlande ihre NATO-Fregattenhubschrauber kürzlich am Horn von Afrika zur Unterstützung der EU-Marineoperation Atalanta heranzogen.

NH90 - Mehrrollenhubschrauber

NH90 – Mehrrollenhubschrauber

 
NH90 – der Mehrrollenhubschrauber
Der NH90 ist ein von mehreren NATO-Staaten initiierter mittlerer Transporthubschrauber, der durch NATO Helicopter Industries (NHI), einem Unternehmen bestehend aus Eurocopter, AgustaWestland und Fokker, hergestellt wird und bisher 569 Bestellungen in 14 Länder absetzen konnte.

Der NH90 wird in zwei Kategorien gebaut: als Landversion (TTH – Tactical Transport Helicopter) und als Marineversion (NFH – Nato Frigate Helicopter). Beide Versionen ähneln sich zum größten Teil, inklusive Struktur, Triebwerk, Getriebe, Fly-by-wire-System, Mensch-Maschine-Schnittstellen, Kommunikationssystemen, Navigation und bei weiteren elektrischen sowie hydraulischen Systemen. Der Unterschied zur Marineversion liegt in den spezifischen Anpassungen für den Einsatz auf See, z.B. bei den Abmessungen, um von Flugdecks eines Schiffes operieren zu können. Ebenso gibt es Unterschiede in der Sensorik und Bewaffnung. Der wohl größte Unterschied liegt in einem zusätzlichen Besatzungsmitglied – dem SENSO (Sensor Operator), neben dem Piloten und taktischen Koordinator.

Haupteinsatzgebiet des TTH:

  • Truppentransport von bis zu 20 voll ausgerüsteten Soldaten
  • Materialverfrachtung (interne und externe Ladungen)
  • SAR (Search and Rescue)

Des Weiteren kann der TTH mit Upgrades für folgende Einsatzspektren eingesetzt werden:

  • Mehrzweckeinsätze (z.B. Katastrophenhilfe)
  • CASEVAC (Casualty Evacuation)
  • MEDEVAC (Medical Evacuation)
  • Combat Search and Rescue (CSAR)
  • Sondereinsätze (z.B. Terrorismusbekämpfung)
  • Elektronische Kampfführung
  • Luftgestützer Kommandoposten
  • Fallschirmjägereinsätze
  • VIP Transport

Das Haupteinsatzfeld der Marineversion (NFH) hingegen ist:

  • U-Boot-Bekämpfung
  • Überwasserkampfführung
  • Search and Rescue (SAR)
  • Maritime Überwachung und Kontrolle
  • Limitierte Luftraumüberwachung
  • Aufklärung
  • Casualty Evacuation (CASEVAC)
  • Truppenstransport
  • Luftverfrachtung (Vertical Replenishment – VERTREP)
  • Sondereinsätze (z.B. Anti-Piraterieeinsätze)

NH90 des Heeres beim Transport eines Wolf-Geländewagens.

NH90 des Heeres beim Transport eines Wolf-Geländewagens.

NH90 – der Problemhubschrauber
Der NH90 hatte von Anbeginn mit Problemen zu kämpfen. Eigentlich hätte der Hubschrauber, dessen Prototyp 1991 hergestellt wurde und seinen Jungfernflug 1995 absolvierte, bereits 2004 an die Truppe geliefert werden sollen. Der NH90 stellt sich so in die unrühmliche Reihe weiterer verzögerter Projekte, wie des Transportflugzeugs A400M und des Kampfhubschraubers Tiger.

Kompetenzgerangel auf inter- und nationaler Ebene sowie zahlreiche Änderungswünsche und verschiedene Prüfverfahren der einzelnen Beteiligungsländer haben das Projekt NH90 immer weiter verzögert. Aber auch die Industrie hatte ihren Anteil daran. Neue Technologien, wie Verbundwerkstoffe kamen zum Einsatz  und mussten erst praxistauglich gemacht werden. Auch neue elektronische Komponenten sollten für den Einsatz im NH90 entwickelt werden.

Im gesamten NH90-Programm kam es immer wieder zu eklatanten Entwicklungs- und Produktionsverzögerungen. Durch die anlaufende Ersatzteilversorgung konnte der NH90 bei Truppenversuchen maximal 100 Flugstunden leisten, der Einsatz als CSAR-Hubschrauber (Combat Search and Rescue) konnte nicht verwirklicht werden, weil die (MIDS)-Datenfunksystemrüstsätze nicht geliefert werden konnten oder die Entwicklung des Radars erhebliche Zeit in Anspruch nahm. 2010 wurde bemängelt, dass die Sitze im NH90 für maximal 110 kg Gewicht ausgelegt worden sind. Viel zu wenig für voll ausgerüstete Soldaten. Dazu kam, dass Maschinengewehre und Panzerfäuste nicht gesichert transportiert werden konnten.

NH90-Heckrampe

NH90-Heckrampe

Ebenfalls beim Landen mussten Probleme beanstandet werden: die Bodenunebenheiten/Hindernisse durften nicht höher/größer als 16 cm sein. Soldaten konnten die Ladeluke nicht benutzen, weil sie für deren Gewicht nicht ausgelegt war. Zuvor konnte im Hubschrauber kein Maschinengewehr installiert werden, da dies aus Platzgründen nicht möglich gewesen ist. Ebenso ist das schnelle Abseilen (Fast Roping) nicht zugelassen und der Ladehaken ist nicht dafür konstruiert worden allzu schwere Lasten zu tragen. Bereits während der Erprobung der Vorserienmaschine hatten die Soldaten keinen guten Eindruck vom NH90 erhalten. Angesichts der zahlreichen Mängel wurde empfohlen, dass, wann immer es möglich ist, alternative Luftfahrzeuge zur Verbringung von Infanteriekräften zu nutzen seien.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Marine nie richtig mit der NH90 anfreunden konnte. Während die Mängelliste in der Öffentlichkeit immer länger wurde, wurden seitens Experten Töne laut, die Marinevariante der NH90 zu streichen und dafür CH-148 Cyclone-Hubschrauber einzukaufen. Man wollte ein System, das funktionierte. Auch andere Länder meldeten Probleme. Im November 2011 setze das australische Verteidigungsministerium das MRH90-Programm auf ihre “Projects of Concern”-Liste. Norwegen hingegen droht hingegen mit der Stornierung des Auftrags aufgrund von mehrjähriger Auslieferungsverzögerung.

Australischer NH90

Australischer NH90

 
NH90 – das Finanzierungs- und Abnahmeproblem
Die Probleme hängen am NH90 wie ein alter Kaugummi an der Schuhsohle. Der Bundesrechnungshof hat in einem geheimen sechsseitigen Prüfbericht bemängelt, dass die Minderabnahme von 157 anstatt 202 NH90 und Tiger-Kampfhubschraubern schlecht verhandelt worden ist. Nun wird der Haushaltsausschuss wohl nach der Bundestagswahl darüber entscheiden müssen, wie mit dem Memorandum of Understanding, welches zwischen dem BMVg und der Industrie geschlossen wurde, umzugehen ist. Auf jeden Fall bedeutet dies wieder ein Problem mehr für den Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU).

Nach Rainer Arnold (SPD), Mitglied des Verteidigungsausschusses, wäre es günstiger gewesen alle 202 Einheiten der Industrie abzukaufen und die überzähligen Exemplare innerhalb der NATO und EU zu verkaufen. Das Verteidigungsministerium ist hingegen der Ansicht, dass ein Weiterverkauf der die Einkaufskosten nicht decken würde, da die Hubschrauber als gebraucht gelten würden. Die Opposition kritisierte, dass die Einsparungen in Höhe von 224 Millionen Euro auch durch den Verkauf der überzähligen Hubschrauber hätten getätigt werden können. Das Ministerium selbst widersprach der Auffassung und sagte, dass durch die Minderabnahme tatsächlich Kosteneinsparungen von 1,1 Milliarden Euro entstehen würden, da nur noch 82 statt 122 NH90 und 57 statt 80 Tiger bestellt werden. Von dem eingesparten Geld kauft das BMVg aber wiederum für 915 Millionen Euro weitere 18 NH90-Hubschrauber (bezeichnet als Sea Lion). Also insgesamt 157 Einheiten.

Zwar hat die Bundeswehr damit ihre Ausgaben letztlich gedrückt, doch steigt dafür der Preis je Stückzahl des NH90 um 8,5 Millionen Euro und für den Tiger um 13 Millionen Euro.

NH90 – der erste Auslandseinsatz
Im Frühjahr 2013 wurden vier deutsche NH90 TTH mit einer Antonov An 124-100 Maschine der Volga-Dnepr Airlines nach Afghanistan geflogen. Ziel: Mazar-e Sharif in Afghanistan. Zwei NH90 (die anderen zwei dienen als technische Reserve) fliegen Einsätze im Rahmen der luftgestützten Rettung von Schwerst- und Schwerverwundeten (Forward Air Medical Evacuation). Das Einsatzkonzept sieht vor, dass eine Rotte, bestehend aus einem Rettungshubschrauber, der für eine intensivmedizinische Mission ausgerüstet ist, von einem anderen NH90, der als Eskorte dient, begleitet wird und mit zwei Maschinengewehren an den Seitentüren bewaffnet und mit Sitzen für 20 Soldaten ausgestattet ist.

Am 5. August kam es um 15.15 Uhr (17.45 Uhr Ortszeit) zum ersten Zwischenfall mit der NH90 in Afghanistan. Auf dem Flugplatz Mazar-e Sharif knickte bei der Landung das rechte Hauptfahrwerk ein. Die NH90 haben erst einmal auf dem Boden zu bleiben bis die Untersuchungen durch die Flugsicherheit beendet sind.

Nutzer & Bestellungen der Land- und Marineversion des NH90

Land Landversion (TTH) Marineversion (NFH)
Australien

40

7

Belgien

4 + 2 Option

4

Deutschland

82

18

Finnland

20

0

Frankreich

34 + 34 Option

27

Griechenland

20 + 14 Option

0

Italien

71

46

Neuseeland

9

0

Niederlande

0

20

Norwegen

14

0

Oman

20

0

Portugal

10

0

Schweden

18 + 7 Option

0

Spanien

22

0

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2 Responses to Der NH90 wird an Belgien ausgeliefert – ob das eine gute Idee war? Der NH90 und seine unrühmliche Geschichte

  1. Thomas says:

    Tja, so ist das halt mit Rüstungsprojekten. Der NH90 sollte halt eine Eierlegendenwollmilchsau werden. Für die Marine genauso gut sein, wie für das Heer und die Luftwaffe.
    Jeder hatte da seine besonderen Wünsche und Vorstellungen, da kann halt nichts gescheites dabei rauskommen. Aber mal ehrlich, so schlecht ist der NH90 nun auch wieder nicht. Er wird zwar nie fertig entwickelt werden sein und alle Rollen, welche sich so manche wünschen wird er nie erfüllen können, aber er wird schon ein Arbeitspferd werden. Zwar mit Macken und mancher Notlösung, aber so ist das halt im Militär.

  2. Mit dem Hubschrauber NH90, in Afghanistan im Einsatz als Rettungshubschrauber, scheint es über die bekannt gewordenen Unfälle hinaus schwer wiegendere technische Probleme zu geben. Während der Flüge am Hindukusch habe es mehrmals einen Komplettausfall der Navigationsanlage gegeben […]. — Thomas Wiegold, “NH90: Orientierungslos am Hindukusch“, Augen geradeaus!, 12.09.2013.

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