Tschernobyl in Slow Motion

von Philipp Hauenstein MA UZH, wissenschaftlicher Beirat der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere (VSN). Dieser Artikel wurde im Bulletin 2 (2013) der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere veröffentlicht.

Verstümmelte Rümpfe von Atom-U-Booten dümpeln im Hafen von Murmansk – ungeschützt. © EWN / ddp

Verstümmelte Rümpfe von Atom-U-Booten dümpeln im Hafen von Murmansk – ungeschützt. © EWN / ddp

Radioaktive Abwässer, strahlenden Abfall und brisanten Atommüll entsorgte Russland bis 1992 ganz regulär in der Arktischen See. Und auch die marode Nordmeerflotte wurde hier versenkt. Verschiedenste Journalistenteams widmeten sich in der Vergangenheit der Angst vor einer nuklearen Zeitbombe auf dem Meeresgrund. Der Südwestrundfunk (SWR) versucht nun unter der Regie von Thomas Reutter, in die Fussstapfen dieser zu treten und ging mit einer Mischung aus bekannten und neuen Informationen dem aktuellen Gefahrenpotenzial nach. Am 6. Mai 2013 präsentierte ARTE unter dem Titel “Atomfriedhof Arktis” das Ergebnis seiner Recherchen der Öffentlichkeit. Die folgende Zusammenfassung zitiert und bespricht die wichtigsten Punkte der Dokumentation.

Die Arktische See ist das weltweit wichtigste Fanggebiet für Kabeljau. Von hier kommt auch Fisch in die EU und die Schweiz. Doch auf dem Meeresboden lauern Gefahren. Insgesamt flossen aus russischen Schiffen 200 Millionen Liter radioaktives Wasser in die Arktische See, dazu wurden 17’000 Fässer mit Atommüll, 19 Frachter mit radioaktiven Abfällen, 14 Atomreaktoren und drei Atom-U-Boote verklappt beziehungsweise versenkt. Die russische Nordmeerflotte entsorgte ihre Nuklearabfälle im Eismeer in geringen Tiefen. Weitab von jeder kritischen Öffentlichkeit verschwand das strahlende Erbe des Atomzeitalters in den Fjorden zwischen Norwegen und Russland. Wahrscheinlich wurde nicht einmal alles verzeichnet, was bei den geheimen, militärischen Verklappungsaktionen auf den Grund der Arktischen See befördert wurde. Internationale Wissenschaftlerteams versuchen inzwischen, die Versenkungsstellen zu orten und Karten zu erstellen.

Das Gefährlichste sind wohl drei alte sowjetische Atom-U-Boote, die im Nordmeer auf Grund liegen: die K-27, die K-159 und die K-278, Komsomolets genannt.

Die Komsomolets auf dem Meeresgrund © Bellona Report.

Die Komsomolets auf dem Meeresgrund © Bellona Report.

U-Boot Nummer eins, die K-278 Komsomolets
Zu Sowjetzeiten ein hochmodernes U-Boot, versank es 1989 nach einem Brand in der arktischen Barentssee in 1700 Metern Tiefe. Mit an Bord hatte sie einen Reaktor mit 1,5 Tonnen angereichertem Uran. Hinzu kommen, laut damaligen ARD-Angaben, zwei Torpedos mit Nuklearsprengköpfen. Ursprünglich sollte das U-Boot gehoben werden, was jedoch verworfen wurde. Das russische Militär gab Entwarnung: Alles sei sicher, die Reaktoren abgeschaltet, die Sprengköpfe entschärft. Die Messwerte, die das SWR-Team nun zitiert, beziffern, dass jährlich ca. 3,7 Milliarden Becquerel aus dem Rumpf entweichen sollen. Der Grenzwert für Trinkwasser liegt in der EU bei 100 Becquerel pro Kubikmeter. An dieser Stelle verpassen es die Journalisten, eine naturwissenschaftliche Einordnung der Strahlungsquelle vorzunehmen. Die radioaktive Strahlung des U-Bootes muss nämlich in Bezug auf das umgebende Meerwasservolumen gesetzt werden, welches ebenfalls sehr gross ist. Ebenso versäumen sie es, Strahlungseinheiten zu erklären oder in Relation zu setzen zu alltäglichen Strahlungsquellen.

Kurzer Exkurs: Das beispielsweise im menschlichen Organismus gespeicherte Kalium weist eine sogenannte natürliche Radioaktivität von 5’000 Bequerel auf. Man bekommt daher den Eindruck, dass die Dokumentation an dieser Stelle einfach nur starke Angst schüren soll, angetrieben von dieser hohen Zahl, was sich in Kommentaren im Internet als Kritikpunkt wiederfindet.

Beschwichtigung durch die EU-Behörden
Die europäischen Behörden beschwichtigten damals, dass für die angrenzenden Fischereigründe keine Gefahren bestehen würden. Unterwasseraufnahmen zeigen hingegen, dass die Torpedoluken aufgerissen wurden, wodurch Salzwasser ungehindert eindringen kann und die Korrosion beschleunigt wird. Intern wurde bei den Russen befürchtet, dass so das Plutonium in den Sprengköpfen entweichen und die Fischereigründe verseuchen könnte. Doch die Bevölkerung sollte diesbezüglich in Ost und West “beruhigt” werden. Es sollte kein Zweifel an der Kernkraft entstehen. Man prüfte, das U-Boot mit einem Sarkophag zu versiegeln, was jedoch zu teuer kam. 1995 wurden an den offenen Luken Titanplatten als Notbehelf angebracht. Sie sollten das Plutonium für 20 bis 30 Jahre zurückhalten, doch dann müssen sie erneuert werden. Abdichten und Dichthalten, diese Methode funktionierte – bis Fukushima. Versuche, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, gab es dennoch, auch in Russland.

“Die russische Nordmeerflotte – Quellen nuklearer Kontamination”, so lautete 1996 der Titel des Berichts, für dessen Weitergabe an die (skandinavische) Umweltschutzorganisation Bellona Alexander Nikitin, ehemaliger russischer Atomwaffeninspekteur und U-Boot-Nukleartechniker, verhaftet wurde und für zehn Monate ins Gefängnis musste. Heute fordert er zusammen mit Bellona einen Aktionsplan für den Umgang mit den nuklearen Altlasten. Erste Priorität hätten demnach die Bergung der gesunkenen Atom-U-Boote K-27 und K-159 beziehungsweise deren abgebrannte Brennstäbe. An zweiter Stelle sieht er die Hebung der versenkten Kernreaktoren und an dritter Stelle die Bergung der 17’000 Container mit Atommüll. Igor Kudrik von Bellona denkt, dass es sogar noch mehr Material geben könnte, denn einige militärische Expeditionen aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind nicht dokumentiert. Kudrik befürchtet ein Tschernobyl in Zeitlupe, eine langsame Freisetzung der Radioaktivität.

Soviet submarine K-159 © Bellona Foundation.

Soviet submarine K-159 © Bellona Foundation.

U-Boot Nummer zwei, die K-159
Dieses 40 Jahre alte U-Boot versank beim Versuch, es zum Abwracken zu schleppen, aufgrund eines Sturms 2003 in 250 Metern Tiefe. Lösungen, wie ein Sarkophag oder eine Bergung, wurden nicht in Angriff genommen. Im Jahr 2007 hat eine britisch-russische Expedition das Wrack der K-159 untersucht. Hunderte Kilo hochangereichertes Uran sind noch in den Reaktoren, und aus dem Rumpf entweicht bereits Radioaktivität. Das Ergebnis der Expedition lässt den Schluss zu, dass im U-Boot mehr nukleares Material lagert als umgerechnet im deutschen Atomschacht Asse.

Auch hier lassen es die Journalisten offen, wie genau sie die Kernmaterialien in Relation setzen. Doch es scheint definitiv Anlass zur Sorge bereiten. In einem internen Bericht des Kreml aus dem Jahr 2011 lässt sich, im Gegensatz zur öffentlichen Beschwichtigungspolitik, nachlesen, dass die Russen eine Umweltkatastrophe befürchten beziehungsweise diese bereits begonnen hat. Es wird empfohlen, bis 2014 mindestens die K-27 und die K-159 zu heben.

U-Boot Nummer drei, die K-27
Dabei handelt es sich um ein U-Boot, welches streng geheim und völkerrechtswidrig 1981 in der Karasee versenkt wurde aufgrund eines Störfalls, bei dem mehrere Matrosen starben. Greenpeace versuchte 1992 zum Wrack der K-27 vorzudringen, wurde jedoch abgefangen. Erst 2009 untersuchte eine russische Unterwasserexpedition das Wrack. Der Rumpf scheint unbeschädigt zu sein, doch es sind Luken abgerissen, wodurch Wasser eindringen könnte. Das russische Umweltministerium vermerkt in seinem geheimen Bericht, welcher aber den Journalisten zugespielt wurde, dass eine unkontrollierte Kettenreaktion durch das einsickernde Wasser hochwahrscheinlich ist. Der Druck, der dadurch entsteht, könnte den Rumpf zum Bersten bringen und die Radioaktivität unkontrolliert ausströmen.

Gemäss Einschätzung von Wolfgang Renneberg, ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit des Bundesumweltministeriums in Deutschland, kann das Kernmaterial sehr kurzfristig und vollständig freigesetzt werden, was einer Katastrophe gleichkommen würde. Hartmut Niels von der IAEA bezeichnet es als den schlimmsten anzunehmenden Fall. Niels ist in diesem Zusammenhang deshalb eine interessante Person, da er derjenige war, der 1994 zu den Beschwichtigern der Gefahren des Wracks der Komsomolets zählte. Auch heute gehört er zu den Befürworten des Status quo auf dem Meeresgrund. Sergey Antipov, stellvertretender Direktor des russischen Instituts für Strahlenschutz, wird 2012 an einer Fachtagung in Moskau auf ein Tonband aufgenommen, welches den Journalisten vom SWR ebenfalls zugänglich gemacht wird. Entgegen den offiziellen Beruhigungsstatements sagt er, dass, falls nur fünf Liter Wasser in die aktive Zone des Kernreaktors der K-27 gelangten, es zu einer sich selbsterhaltenden Kettenreaktion kommen könnte, welche den Reaktor zerreissen könnte. Antipov drängt in seiner Rede auf eine sofortige Bergung.

Der geborgene Rumpf der Kursk ohne den abgesägten Bug mit der Torpedosektion. © public Domain

Der geborgene Rumpf der Kursk ohne den abgesägten Bug mit der Torpedosektion. © public Domain

Risiken und Gefahren einer Bergung
Bis Ende 2014 sollten nach dem Bericht der Russen die beiden U-Boote gehoben werden. Doch es gibt auch Gegner, die eine Gefahr in der Bergung sehen und einen Status quo auf dem Meeresgrund befürworten, da die U-Boote beim Heben auseinanderbrechen könnten. Das Hochspielen der Gefahr in den Medien ist somit auch lukrativ für die monetären Interessen internationaler Bergungsfirmen, gemäss Hartmut Niels in einem Interview aus dem Jahr 1994 zum Gefahrenpotenzial der K-278. Dass solch schwere U-Boote gehoben und die Reaktoren an Land entsorgt werden können, zeigte die Bergung der 18’000 Tonnen schweren Kursk 2001.

Der russische Staatskonzern Malachit hat Pläne entwickelt für die Bergung der K-27 und der K-159 und diese bereits 2004 dem Kreml vorgelegt. Doch die russische Regierung hat bis heute den Plan nicht mit entsprechenden Mitteln ausgestattet. Die Bergung für ein U-Boot kostet 62 Millionen Euro und benötigt eineinhalb Jahre für die Entwicklung der Spezialgeräte und die Abnahme der Spezifikation. Darauf folgen nochmals eineinhalb Jahre zur Produktion der Ausrüstung. Die Bergung könnte somit frühestens Ende 2015 stattfinden.

Die Europäische Kommission schreibt auf eine Anfrage Brüsseler Abgeordneten im Juli 2012, dass sie sich der Gefahr der versunkenen Atom-U-Boote und des in der Arktischen See versenkten Atommülls bewusst ist und als besorgniserregend einstuft. Die Fischerei-Wirtschaft verlangt mehr Kontrollen auf hoher See zur Messung der Radioaktivität beziehungsweise zur Bescheinigung der Unbedenklichkeit der gefangenen Fische.

Das Fazit des Films lautet: “Kontrolle ist zwar gut, aber Bergung ist besser”.

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