Das Heldenmädchen von Lüneburg – Teil 2

von Seka Smith

Teil 1 findet sich hier.

Auf einem Hügel – oder wie eine Legende lebendig wird
Ein älterer Herr, gutbürgerlich gekleidet, steht auf dem Kalkberg, einer etwa 80 Meter hohen Anhöhe westlich von Lüneburg. Der Veteran aus dem Siebenjährigen Krieg beobachtet durch sein messingfarbenes Fernrohr den Verlauf des Kampfes. Er sieht, wie von Norden her eine Einheit der Franzosen im Sturmschritt wieder auf die Stadt marschiert.

Während er das blutige Gemetzel beobachtet und dem Lärm lauscht, bemerkt er ein Mädchen, das den Kalkberg hochgekommen ist. Sie sagt, dass sie aus der Stadt käme und durch die Straßen gegangen sei, weil sie dachte, dass sich die Schlacht bald zugunsten der Lüneburger entscheiden und die Franzosen besiegt werden würden. Überall auf den Straßen lagen tote französische und sächsische Soldaten. Aus allen Häusern würden die Bürger auf die verhassten Besatzer schießen.

Sie fragt ihn, was er denn durch sein Fernrohr sehen würde. Er antwortet, dass die Schlacht im Norden bald kippen wird. Die Franzosen und Sachsen greifen unermüdlich die preußischen Schanzen an. Er sieht das Mädchen an und erklärt ihr, dass sich der Kampf wohl bald zugunsten der Franzosen wenden könnte, denn die Preußen werden bald ihre Munition verschossen haben!

Das Mädchen, Johanna Stegen war ihr Name, wandte sich um und rannte sofort zurück in die Stadt. Auf dem Weg zum Kalkberg hatte sie einen umgekippten Wagen entdeckt, der mit Fässern voller Patronen beladen war. Niemand hatte bisher die Munition aufgehoben, denn es ging ein allgemeines Gerücht herum, dass die Franzosen ihre Patronen vergiften würden. Als sie angekommen war, lud sie ihre Schürze voll und rannte so schnell sie konnte zum nördlichen Tor.

Johanna Stegen versorgt preußische Infanterie und Lüneburger Freiwillige mit Munition

Johanna Stegen versorgt preußische Infanterie und Lüneburger Freiwillige mit Munition

Die Entscheidung
Inzwischen ist der Kampf zu einem Handgemenge geworden. Als Johanna an die Stellung der Lüneburger und Preußen kommt , wird ihr barsch befohlen Schutz zu suchen. Als sie sich nicht fort bewegt und ein Offizier sieht, wie ihre Schürze voll beladen ist, fragte er, was sie so schwer tragen würde. Sie öffnet ihren Vorbinder und der Soldat schaut sie erstaunt an. Sofort lässt er seine Infanteristen die Patronen holen. Immer wieder rennt Johanna unter Gewehrfeuer zum Wagen und holt Munition. Ihre Kleider sind verschlissen und das Gesicht von Pulverdampf geschwärzt.

Inzwischen wird die Lage für General Morand immer misslicher. Bei seinem Einfall in die Stadt haben sich hinter seinem Rücken russische Kavalleristen formiert und greifen ihn nun an. Morand wird nun ein zweites Mal verwundet: diesmal schwer, er lebt, kann aber seine Soldaten nicht mehr führen. Major von Ehrenstein, ebenfalls wieder verwundet, diesmal ein Halsdurchschuss, übernimmt das Kommando.

Die Franzosen und Sachsen führten nun einen verzweifelten Kampf um Leben oder Tod. Als Johanna wieder einmal die Kugeln für ihre Soldaten bringt, springt plötzlich ein sächsischer Offizier durch die Schanze, hebt seinen Säbel und trachtet danach das Mädchen mit einem Hieb zu töten. Im letzten Moment springt aber ein Kosake dazwischen und tötet ihn.

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Es gibt keinen Ausweg mehr. Nur wenig später kapitulieren die Franzosen und Sachsen. Am selben Abend ist Lüneburg befreit. Drei Tage später erliegt General Morand seinen Wunden.

Nach der Schlacht kümmert sich Johanna um die Verwundeten beider Seiten. Als sie zu einem verletzten, sächsischen Sergeanten kommt, so die Legende, packt er sie an den Haaren und schlägt ihre Stirn mit voller Wucht gegen einen Türpfosten. Noch bevor eine Wache der taumelnden Johanna zur Hilfe kommt, schreit der Sachse heraus:

„Das ist die Canaille, auf die allein wir gestern 16 Mann unsere Patronen verschossen haben, ohne sie zu treffen, und um die unser braver Offizier sein Leben verlor, weil er sich verschworen hatte, sie niederzuhauen.“

Nachruf auf den 150. Geburtstag von Johanna Stegen (11. Januar 1943, Grevesmühlener Zeitung)

Nachruf auf den 150. Geburtstag von Johanna Stegen (11. Januar 1943, Grevesmühlener Zeitung)

Nachgang
Nach der Niederlage General Morands zogen die Truppen von Dörnberg ab und zwei Tage später, am 4. April 1813, erreichte ein 5000 Mann starkes französisches Korps Lüneburg um es wieder zu besetzen. Alle Waffen der Bürger wurden eingesammelt und zahlreiche angesehene Bürger verhaftet. Abermals wurde ein Standgericht angeordnet. Die Bürger sollten für ihre Aufmüpfigkeit teuer und mit ihrem Leben bezahlen.

Doch bevor es zu einer Verurteilung kam, erreichte die Besatzung ein Brief der feindlichen Truppen, der deutlich machte, dass für jeden getöteten Lüneburger eine Anzahl französischer Soldaten exekutiert werden würde. Am 9. April wurden die Bürger frei gelassen und die Franzosen zogen sich aus der Stadt zurück.

Doch wieder währte es nicht lange bis Lüneburg wieder unter französische Kontrolle kam. Am 27. April besetzten 6000 bis 7000 Soldaten unter dem Kommando von General Horace-François Sébastiani die Stadt. Sein Entschluss war eindeutig: „Cette occupation sera durable!“ Auf Johanna Stegen, inzwischen zum „Heldenmädchen von Lüneburg“ hoch stilisiert, wurde eine Kopfprämie ausgelobt. Daraufhin musste Johanna aus der Stadt fliehen und sich verstecken. Schließlich verließen die Franzosen am 17. September endgültig Lüneburg.

Johanna Stegen war ihr Leben lang eine hoch geachtete Frau. 1817, vier Jahre nach ihrer „Heldentat“, heiratete sie den Freiwilligen Jäger Hindersin. 1842 starb sie an Herzinsuffizienz, lebte aber in den Erinnerungen der Deutschen weiter:

Johanna Stegen – Friedrich Rückert (Ausgabe v. 1837)

Das Ehrengrab von Johanna Stegen in Berlin

Das Ehrengrab von Johanna Stegen in Berlin

In den Lüneburger Thoren
Ward ein seltner Kampf gesehn;
Daß der Kampf nicht gieng verloren,
Ist durch Mädchendienst geschehn

Bürger griffen zu den Waffen
Der Franzosen arge Brut,
Aus der Stadt hinauszuschaffen,
Weil sie drin gehaust nicht gut.

Wie sie gegenüber standen,
Schossen sie nun hin und her,
Bis die städt schen Schützen fanden
Ihre Taschen pulverleer.

Aber seht es ist ein Engel,
Unterwegs mit schnellem Fuß,
Zu ersetzen eure Mängel
Von des Feindes Ueberfluß.

Ein französcher Pulverwagen
Lag gestürzt an fernem Ort,
Und verstreut am Boden
lagen Haufen von Patronen dort.

Dieses ward ein Mädchen inne,
Die Johanna Stegen hieß,
Die es mit entschlossnem Sinne
Nicht zu nutzen unterließ.

In die aufgefaßte Schürze
Raffte sie behendlich ein,
Trug die köstlich theure Würze
Ihnen in das Glied hinein.

Schnell geleeret ward die Schürze,
Und verschossen auf den Feind,
Dem die eigne gute Würze
Uebel zu bekommen scheint.

Schnell geleeret war die Schürze,
Und Iohanna schnell zu Fuß
Wieder fort und in der Kürze
Wieder da mit Ueberfluß.

Ob auch mancher Schütze stürze
In der Nähe dort und da,
Immer mit der vollen Schürze
Ist Iohanna Stegen nah.

Wie auch dichter Kugelregen
Von dem Feinde rings geschah,
Immer ist Iohanna Stegen
Mit der vollen Schürze nah.

Und so ist zuletzt geschehen,
Was da zu vermuthen war,
Daß der Feind nicht länger stehen
Konnte vor der Bürgerschaar.

Denn sie sagen, jeder Iäger
War im Laden so geschwind,
Wie natürlich wo die Träger
Der Patronen Mädchen sind.

Und ein Schuß so gut geladen
Mußte treffen so ans Ziel,
Daß von jedem ohne Gnaden
Immer ein Franzose fiel.

Literatur

  • Bander (1839): Geschichte des Kriegs an der Nieder-Elbe im Jahre 1813. Lüneburg: Verlag von Herold und Wahlstab.
  • Erinnerungsbuch für Alle, die in den Jahren 1813, 1814, 1815 Theil genommen haben an dem heiligen Kampf um Selbständigkeit und Freiheit (1816). Halle/Berlin: Buchh. des Hallischen Waysenhauses.
  • Förster, Friedrich Christoph (1864): Geschichte der Befreiungs-Kriege, 1813, 1814, 1815. Berlin: Verlag von Gustav Hempel.
  • Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert (1837). Dritter Band. Erlangen: Carl Heyder Verlag.
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