Das Heldenmädchen von Lüneburg – Teil 1

von Seka Smith

Nach der Niederlage der “Grand Armeé” in Russland war die Hoffnung unter den Menschen in Norddeutschland groß, die französischen Besatzer loszuwerden.

Nun erhebt sich auch Lüneburg! Eine Stadt etwa 50 km südöstlich von Hamburg gelegen und mit einer Einwohnerschaft von ca. 10.000 Einwohnern zur damaligen Zeit. Die Soldaten und französischen Beamten werden von den Aufständischen aus der Stadt geworden.

Am 1. April 1813 reitet General Joseph Morand mit 2300 französischen und sächsischen Soldaten, hauptsächlich Infanterie, gegen Lüneburg.

General Wilhelm von Dörnberg, genannt "Aufstandsdörnberg"

General Wilhelm von Dörnberg, genannt “Aufstandsdörnberg”

Als die ersten Sonnenstrahlen die Nacht vertreiben, gehen die napoleonischen Soldaten in Linie gegen die Stadt vor. Nach kurzem Kampf bricht der Widerstand der aufständischen Lüneburger zusammen. Lüneburg ist wieder französisch. Sofort lässt Morand ein Standgericht einrichten, um die aufsässigen Bürger wieder zur Räson zu bringen. 50 gefangene Aufständische lässt er erschießen, 50 weitere ins Gefängnis werfen. Die, die das Glück haben zu entkommen, fliehen aus Angst vor der Rache der Franzosen aus der Stadt und haben nur ein Ziel: General Wilhelm von Dörnberg. Sie wollen ihn um Hilfe bitten.

Einen Tag später, am 2. April, belästigen berittenen Kosaken die Franzosen und Sachsen an den Stadttoren. Immer wieder vernimmt Morand aus der Ferne Gewehrschüsse. Morand lässt Meldung machen. Die Wachen berichten, dass Kosaken die Stadt umschwärmen, aber keine ernsthaften Gefechte vonstatten gingen. Es seien die normalen Belästigungen der russischen Kavalleristen, so die Wache. Morand lässt zusätzlich den Befehl ausgeben, dass die Lüneburger von zehn Uhr an ihre Waffen,  bei Androhung der Todesstrafe, abzugeben haben.

Bereits eine Stunde später eilt Major Friedrich Franz von Ehrenstein, Kommandeur des sächsischen Regiments Prinz Maximilian, zu seinem Befehlshaber Morand und berichtet, dass sich starke Reitereinheiten gegen die Stadttore richten würden. Bald darauf bitten die Einheiten am Lünertor und am Altenbrücketor um Verstärkung. Erst nach längerem Zögern entschließt sich Morand selbst mit seinen Truppen zur Unterstützung abzurücken. Doch bevor er das seine Soldaten erreichen kann, sind die Wachen besiegt.

Die Preußen und Russen rücken an

General Wilhelm von Dörnberg, ein hessischer Militär in russischen Diensten, hat ein offenes Ohr für das Anliegen der Aufständischen und reitet sogleich ´gen Lüneburg. Ihn begleiten Fürst Alexander Iwanowitsch Tschernitscheff und Generalleutnant Alexander von Benckendorff.

Am Morgen des 2. April ist es soweit. Kosaken umschwärmen die Stadt und verwickeln die Torwachen in kleine Scharmützel. General von Dörnberg hat 250 Husaren sowie 1500 Kosaken und Baschkiren als Kavallerie unter seinem Kommando. Als die Infanterie eintrifft, formiert General von Dörnberg seine Truppen zum Angriff. Das preußische Füsilierbataillon des 2. Infanterieregiments (1. Pommersches) unter dem Befehl von Major von Borcke und ein russisches Jägerbataillon stürmen mit insgesamt 1100 Infanteristen und sechs Geschützen gegen die Stadt.

Die Bürger der Stadt verschließen Türen und Fenster als der erste Gefechtslärm zu hören ist.

Hin, zurück und wieder hin

Französischer Infanterist (1812)

Französischer Infanterist (1812)

General Morand nimmt seine Truppen und eilt zum bedrängten Lünertor. Doch das vorherige Zögern Morands straft ihn jetzt. Seine Torwachen sind niedergekämpft. Major von Borcke hat in einem zweistündigen Kampf die verteidigenden Sachsen bezwungen.  Nun wendet sich von Borcke gegen das Altenbrückertor, welches von den Franzosen gehalten wird und von russischen Jägern angegriffen wird. Er fällt den Franzosen in den Rücken. Längst ist in der gesamten Stadt Gefechtslärm zu hören. Verwundete und Tote säumen die Straßen Lüneburgs.

Nun macht sich ein weiterer Fehler Morands bemerkbar. Der Befehl, die Bürger zu entwaffnen, wurde nicht hartnäckig umgesetzt. Noch sind viele Pistolen und Gewehre in den Bürgerhäusern versteckt. Der Aufstand der Lüneburger bricht wieder los! Türen und Fenster gehen auf und ein tödlicher Kugelhagel deckt die französischen und sächsischen Soldaten an allen Ecken ein.

Morand muss jetzt handeln!

In der gesamten Stadt schwärmt russische Kavallerie aus und die Bürger nehmen die französischen und sächsischen Soldaten ins Visier. Morand muss die Stadt räumen. Auf einer Anhöhe vor der Stadt befindet sich noch ein intaktes französisches Bataillon mit zwei Geschützen. Er kämpft sich mit dem Regiment Prinz Maximilian aus der Stadt und kann sich mit dem französischen Bataillon vereinen. General Morand wird verwundet, kann aber weiterhin seine Truppen befehligen. Major von Ehrenstein wird angeschossen, kämpft aber weiter.

Letzte Widerstandsnester der Sachsen und Franzosen kämpfen noch in der Stadt. General Morand entscheidet sich zum Rückzug in Richtung des Dorfes Reppenstedt. Er sieht keinen Aussicht mehr auf Erfolg. Nur noch 480 Soldaten und zwei Geschütze sind ihm übrig geblieben. General Morand und seine Offiziere erwarten, dass bald die russische Kavallerie auf sie einstürmen wird. Der Rückzug muss sein. Es geht in Richtung Reppenstedt.

Auf beiden Flanken positionieren sich französische und sächsische Infanteristen. Im Rücken ihrer Kolonne bilden sie eine Schützenlinie, damit sie sich im Falle eines Angriffs von hinten gegen Reiterattacken verteidigen können. Die Kolonne nimmt Marsch auf und der Lüneburger Gefechtslärm geht langsam unter dem Hufgetrappel der Pferde, dem Trittgeräuschen der Soldaten und der klappernden Ausrüstung zurück.

Doch plötzlich zerreißt ein Donner die eintretende Stille.

Dreckfontänen steigen zum Himmel. Schreie, Blut, Tote. Eine russische, berittene Artillerie hat sich auf der Ausfallstraße positioniert und feuert auf die Sachsen und Franzosen.

Der Rückzug ist versperrt. Was tun? Angreifen? Stellung halten? Zurückziehen? General Morand ist unentschlossen. Plötzlich nimmt er seinen Hut, reißt diesen in die Höhe und schreit „Vive l´Empereur!”. Seine Truppen machen kehrt und stürmen von Norden her wieder auf die Stadt zu.

Französische und sächsische Einheiten greifen wieder Lüneburg an

Französische und sächsische Einheiten greifen wieder Lüneburg an

In Lüneburg hält sich wacker ein abgeschnittenes sächsisches Bataillon. Dort will Morand hin, denn im Straßenkampf wird er mit der russischen Kavallerie besser fertig als im offenen Feld. Das ist ihm klar. Sein Sturmangriff wird so entschlossen geführt, dass die Preußen ihre Geschütze zurück nehmen müssen. Unter Kavallerieangriffen, Gewehr- und Kartätschenschüssen kommt Morand bis an das Stadttor heran. Hier verteidigen etwa 150 preußische Füsiliere den Eingang in die Stadt. Schuss folgt auf Schuss, aber die Franzosen und Sachsen kommen immer weiter heran, obwohl sie bis jetzt fast die Hälfte ihrer Männer eingebüßt haben.

Teil 2 findet sich hier

This entry was posted in General Knowledge, History, Seka Smith.

1 Response to Das Heldenmädchen von Lüneburg – Teil 1

  1. Pingback: Das Heldenmädchen von Lüneburg – Teil 2 | Offiziere.ch

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *