Internationale Jagdsaison: gezielte Tötungen und das Völkerrecht (1/2)

Hochrangige Offizielle des Weissen Hauses beobachten die Operation, bei der Osama bin Laden durch Spezialeinheiten der Navy Seals getötet wurde.

Hochrangige Offizielle des Weissen Hauses beobachten die Operation, bei der Osama bin Laden durch Spezialeinheiten der Navy Seals getötet wurde.

Der 43. US Präsident George W. Bush hat sie im Krieg gegen den Terrorismus gebilligt, doch der Friedensnobelpreisträger und momentane US Präsident Barack Obama hat sie erst ausgeweitet: die gezielten Tötungen (auf englisch: Targeted Killing). Dieser zweiteilige Artikel beschäftigt sich mit den gezielten Tötungen, den daraus entstehenden Konsequenzen für die Sicherheit der dahinter stehenden Staaten und der völkerrechtlichen Legitimation. Die Art und Weise der Terrorismusbekämpfung ist stark davon abhängig, ob der Terrorismus als ein primär polizeiliches oder militärisches Problem aufgefasst wird. Deshalb wird im ersten Teil die Frage aufgeworfen, ob die Terrorismusbekämpfung primär eine militärische oder polizeiliche Aufgabe darstellt. Von den Staaten, die gezielte Tötungen anwenden, wird Israel als erstes Fallbeispiel betrachtet. Im zweiten Teil werden die USA als zweites Fallbeispiel behandelt, wobei der Fokus auf den Einsatz der Drohne als Instrument zur Ausführung gezielter Tötungen gelegt wird. Ein abschliessendes Fazit fasst beide Teile zusammen und versucht die eingangs gestellte Frage zu beantworten.

Terrorismusbekämpfung: eine militärische oder eine polizeiliche Aufgabe?
Der Einsatz und die Ausweitung der gezielten Tötungen sind eine logische Fortführung der Asymmetrierung des Krieges bei dem nicht zwei Streitkräfte als Organisationen der geordneten Gewaltanwendung aufeinandertreffen, sondern zunehmend Einzelpersonen für strategische Aktionen verantwortlich sind – und zwar sowohl bei der intervenierenden Macht, wie auch bei deren Gegenseite. Streitkräfte kennen den “strategischen Soldaten” meistens in einem negativen Kontext, wenn ein krasses Fehlverhalten von Armeeangehörigen – durch die Presse aufgefangen und öffentlich angeprangert – ungeahnte Effekte auf strategischer Stufe verursachen kann. Beispielsweise veröffentlichte die deutsche Boulevardzeitung “Bild” im Oktober 2006 fünf Bilder, welche Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan zeigten, die makabere und obszöne Spässe mit einem Totenschädel trieben. Gleichentags beriet die deutsche Bundesregierung über die Fortführung der Afghanistan-Mission der Bundeswehr sowie über das Weissbuch zur Verteidigungspolitik. Für “Bild” bloss eine Mediensensation hätte diese Veröffentlichung ohne weiteres den Ausgang der Beratungen beeinflussen können (Quelle: Gero von Randow, “Deutsche Soldaten mit Totenkopf“, Zeit Online, 25.10.2006). Nachdem US-amerikanische Soldaten in Afghanistan mit 1’652 defekten Büchern aus der Bibliothek des Militärgefängnisses Bagram achtlos mindestens 48 mit extremistischen Sprüchen verkritzelte Koran-Exemplare verbrennen liessen, kam es in Afghanistan zu Ausschreitungen, bei denen mindestens 30 Menschen getötet und 270 verletzt wurden (vgl.: Kevin Sieff, “U.S. probe of Koran burning finds 5 troops responsible, officials say; Afghans demand trial“, The Washington Post, 02.03.2012). Die Liste mit vergleichbaren Beispielen liesse sich beliebig weiterführen. Ebenso können bei der Gegenseite einzelne Akteure strategisch relevante Aktionen durchführen – und dies nicht erst seit den Anschlägen auf die Twin Towers in New York mit all ihren weitreichenden strategischen Folgen. Beispielsweise sprengten am 23. Oktober 1983 zwei Selbstmordattentäter der Islamic Jihad mit je einem Lastwagen Sprengstoff die Unterkunft der US-Soldaten und diejenige der französischer Soldaten in Beirut in die Luft. Insgesamt wurden 299 Soldaten und 6 Zivilisten getötet, darunter 241 US-Soldaten. Seit der Tet-Offensive 1968 hatten die US-Streitkräfte keine derart hohen Verluste an einem Tag erlitten. Als Folge davon zogen die multinationalen Truppen aus dem Libanon ab.

Auf der Gegenseite ist das asymmetrische Einsatzumfeld durch lose Netzwerke, unabhängige Zellen und Einzelpersonen charakterisiert, welche Streitkräfte nadelstichartig angreifen und schwer zu fassen sind. Asymmetrische Kriege sind eigentlich Guerillakriege wobei Terroranschläge ein Instrument der Gewaltanwendung darstellen können. Diese Terroranschläge stellen die überlappende Gemeinsamkeit mit dem Terrorismus dar – Guerillakriege und Terrorismus kann jedoch nicht gleichgesetzt werden. Bei letzterem wird Gewalt ausgeübt, um einen politischen Wandel zu erzwingen. Unsicherheit und Schrecken sind dabei wichtige Elemente um ein politisches Druckmittel und somit Macht zu erzeugen. Terroristen sind deshalb weniger als “gegnerische Soldaten” sondern vielmehr als Gewaltkriminelle zu betrachten. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, ob Terrorismusbekämpfung nicht eher ein polizeiliches als ein militärisches Problem darstellt. Die Tatsache, dass klassische Militäraktionen keinen Erfolg in der Terrorismusbekämpfung erzielen, untermauert diese Feststellung. Als Folge davon sind bei der Terrorismusbekämpfung seit den Terroranschläge am 11. September 2001 folgende grundsätzliche Herangehensweisen zu beobachten:

  • Konstabulisierung militärischer Einsatzkräfte: Die Konstabulisierung militärischer Einsatzkräfte legt ein Schwergewicht auf polizeiliche Zwangsmassnahmen und nicht mehr auf die operative Gefechtsführung. Zu meinen, dass damit aus militärischen Einheiten polizeiliche Einsatzkräfte werden, ist jedoch ein Trugschluss. Die Erwartung, dass ein Soldat nahezu gleichzeitig kämpfen, schützen und helfen sollte (Three Block War), überfordert sowohl den Soldaten wie auch die Bevölkerung. Werden die Spezialeinheiten nicht berücksichtigt, so ist die streng hierarchische Führung innerhalb der Streitkräfte viel zu starr, dass ein Polizeieinsatz infanteristischer Elemente erfolgreich sein könnte. Ausserdem besitzen Soldaten keine vertiefte polizeiliche Ausbildung, so dass sie bei Situationen, welche durch die Verhaltensvorgaben ihrer Taschenkarte (ROE) nicht abgedeckt sind, schnell überfordert werden und Gefahr laufen in ihr antrainiertes militärische Verhalten – die Anwendung von Gewalt – zurückzufallen.
  • Teilmilitarisierung von Polizeielementen: Wird der Terrorismus als polizeiliches Problem betrachtet, so führt dies zu einer Teilmilitarisierung von Polizeielementen. Ausbildung und Führung der Polizeielemente bleiben gleich, die Polizeielemente werden jedoch robuster ausgerüstet, so dass sie auch mit einer hohen Gewaltintensität fertig werden. Dieser Ansatz wird bei polizeiliche Spezialeinheiten, beispielsweise bei “Enzian” der Kantonspolizei Bern oder bei der deutsche GSG-9 umgesetzt.

Geprägt durch die USA und Grossbritannien wird die Bekämpfung des Terrorismus zu einseitig als militärisches Problem betrachtet, wobei die Gegenseite nicht gefangen, sondern eliminiert wird (so stellt sich die Problematik “Guantanamo” gar nicht erst). Gezielte Tötungen haben genau dieses Ziel: die Eliminierung von Schlüsselpersonen terroristischer Gruppierungen. Insbesondere zwei Staaten wenden gezielte Tötungen systematisch an: Israel und die USA. Dabei spielt der technologische Fortschritt der Rüstungsindustrie eine wichtige Rolle, denn bewaffnete Drohnen stellen eine ideale Waffenplattform für die Ausführung von gezielten Tötungen dar. Geschützt, tausende von Kilometer entfernt gesteuert, ist beim Einsatz von Drohnen kein direkter Kontakt zwischen den militärischen Einheiten und der Gegenseite mehr notwendig, was für die Militärs einen gewaltigen Vorteil darstellt. Die Höhe der Kollateralopfer zeigt jedoch, dass das bewusst vermittelte Bild von präzisen, quasi chirurgischen Eingriffen falsch ist.

Ein Graffiti in Sabra (Libanon) zeigt den Rollstuhl von Sheikh Ahmed Yassin. Er wurde in seinem Rollstuhl durch eine von einem israelischen Helikopter aus abgefeuerten Hellfire-Rakete getötet. Dabei wurden auch zwei Leibwächter und neun unbeteiligte Zivilisten getötet. Mehr als 200'000 Palästinenser nahmen an seiner Beisetzung Ende März 2004 teil.

Ein Graffiti in Sabra (Libanon) zeigt den Rollstuhl von Sheikh Ahmed Yassin. Er wurde in seinem Rollstuhl durch eine von einem israelischen Helikopter aus abgefeuerten Hellfire-Rakete getötet. Dabei wurden auch zwei Leibwächter und neun unbeteiligte Zivilisten getötet. Mehr als 200’000 Palästinenser nahmen an seiner Beisetzung Ende März 2004 teil.

 
Fallbeispiel Israel
Israel praktiziert gezielte Tötungen bereits seit über 60 Jahren. Im Kampf gegen die Fedajine tötete Israel in den 1950er zwei hochrangige ägyptische Nachrichtenoffiziere mittels Briefbomben und mit der selben Methode wurde in den 1960er ein am ägyptischen Raketenprogramm beteiligter deutscher Wissenschaftler animiert mit seiner Familie nach Deutschland zurückzureisen. Ein durch General Ariel Sharon geführtes Anti-Terrordetachement tötete 1971 104 Palästinenser und verhaftete 742, wobei sich die Angehörigen des Detachements oft völkerrechtswidrig als arabische Zivilisten oder Guerilla-Kämpfer ausgaben. Nach dem “München-Massaker” an den Olympischen Sommerspielen von 1972 bei dem die palästinensische Terrororganisation “Schwarzer September” elf israelische Athleten als Geiseln nahm, zwei ermordete und beim schlecht geplanten sowie katastrophal gescheiterten Befreiungsversuch alle verbleibenden Geiseln, fünf der Terroristen und ein deutscher Polizist ums Leben kamen, verfolgte der Mossad die verantwortlichen Mitglieder des “Schwarzen Septembers” und exekutierte sie (inklusive ein zu Unrecht Verdächtigter). Im April 1973 leitete General Ehud Barak eine Aktion gegen die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), was zur Tötung von drei Anführern der PLO führte. In den 1990er konzentrierte sich Israel auf die Ausschaltung von hochrangigen Mitgliedern des Islamic Jihads und der Hamas (Quelle: Steven R. David, “Fatal Choices: Israel’s Policy of Targeted Killing“, The Begin-Sadat Center for Strategic Studies, Bar-Ilan University, Mideast Security and Policy Studies No. 51, September 2002).

[Targeted killing] is the most efficient and moral act of war. You are fighting directly those who are involved in terrorism, not bombing indiscriminately or using heavy weapons as was necessary to hit Hezbollah outposts in Lebanon. Here we have much more control, greater intelligence and the ability to act. — Dr. Ely Karmon, Leiter einer Forschungsgruppe am umstrittenen International Institute for Counter-Terrorism (ICT), zitiert in Samantha M. Shapiro, “Announced Assassinations“, The New York Times, 09.12.2001.

Bis zur Zweiten Intifada 2000 übertrafen die Anzahl gezielter Tötungen durchschnittlich kaum eine Person pro Jahr (eine Ausnahme stellte die Tötungen der Mitglieder des “Schwarzen Septembers” in Verbindung mit dem “München-Massaker” dar). Mit der Zweiten Intifada nahmen die gezielten Tötungen von Schlüsselpersonen von gewalttätigen Gruppierungen mittels Kampfhelikopter, Kampfflugzeugen, Panzer, Autobomben, Sprengfallen und gezielten Schüssen drastisch zu (Quelle: Steven R. David, “Fatal Choices: Israel’s Policy of Targeted Killing“, The Begin-Sadat Center for Strategic Studies, Bar-Ilan University, Mideast Security and Policy Studies No. 51, September 2002). Gemäss dem israelischen Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten verloren zwischen 2000 und 2012 431 Palästinenser bei der Ausführung von gezielten Tötungen ihr Leben. Davon waren 256 tatsächliche Zielpersonen, 175 (40,6%) werden als zivile Kollateralopfer aufgelistet.

2002 definierte der Generalanwalt der Israelischen Streitkräfte die Bedingungen unter deren gezielte Tötung durchgeführt werden dürfen (Quelle: Gideon Alon und Amos Harel, “IDF lawyers set ‘conditions’ for assassination policy“, Haaretz, 04.02.2002):

  • Es darf sich nicht um eine Vergeltungsaktion handeln, auch nicht als Antwort auf ereignete Terroranschläge oder zur Abschreckung.
  • Es muss belegt sein, dass die Zielperson in absehbarer Zukunft einen Terroranschlag plant oder ausführen wird.
  • Jede Zielperson muss vorgängig bei der Palästinensische Autonomiebehörde (PA) zur Festnahme gemeldet werden. Eine gezielte Tötung kommt nur dann in Frage, wenn die Zielperson nicht durch die PA festgenommen wird und wenn auch die Festnahme durch die Israelischen Streitkräfte nicht umgesetzt werden konnte.

Ob diese rechtlichen Rahmenbedingungen auch tatsächlich eingehalten werden, kann kaum überprüft werden. Die israelischen Tötungsaktionen wurden weltweit verurteilt und der 7. UN-Generalsekretär Kofi Annan forderte einen Verzicht auf gezielte Tötungen, weil sie internationales Recht verletzen würden (Quelle: Herb Keinon, Janine Zacharia, and Lamia Lahoud, “UN, US: Stop targeted killings“, Jerusalem Post, 06.07.2001).

We continue to express our distress and opposition to these kinds of targeted killings and we will continue to do so. — Colin Powell zitiert in Herb Keinon, Janine Zacharia, and Lamia Lahoud, “UN, US: Stop targeted killings“, Jerusalem Post, 06.07.2001.

 

Tabelle 1: Durch bedeutende Anschläge verwundete und getötete Israelis zwischen dem Gaza-Jericho-Abkommen 1994 bis 2004

Tabelle 1: Durch bedeutende Anschläge verwundete und getötete Israelis zwischen dem Gaza-Jericho-Abkommen 1994 bis 2004.

Konsequenzen für die Sicherheit Israels
Kurzfristig kann der Verlust von Schlüsselpersonen eine gewalttätige Organisation an der Ausführung von Operationen behindern, doch anstatt ihren Widerstandskampf aufzugeben werden eher die Sicherheitsvorkehrungen verbessert. Die von Israel getöteten Palästinenser werden von der palästinensischen Bevölkerung als Märtyrer verehrt, die Unterstützung der betroffenen Organisationen nimmt zu und Meinungsdifferenzen zwischen den verschiedenen Gruppierungen werden angesichts des gemeinsamen Feindes beiseite geschoben. Somit ist es höchst zweifelhaft, ob gezielte Tötungen langfristig zu mehr Sicherheit für den durchführenden Staat führen.

Tabelle 2: Anzahl Raketenangriffe und Granatfeuer zwischen 2000 und 2010.

Tabelle 2: Anzahl Raketenangriffe und Granatfeuer zwischen 2000 und 2010.

Mit der systematischen Anwendung gezielter Tötungen nahm zwar die Anzahl der in Anschlägen verwundeten und getöteten Israelis zwischen 2001 und 2004 drastisch ab (Tabelle 1), doch die Anzahl der Raketenangriffe nahm im gleichen Zeitraum zu (Tabelle 2). Befürworter argumentieren, dass es ohne gezielte Tötungen mehr Anschläge geben würde, doch solche Behauptungen sind nicht durch Daten belegbar. Gegner sind der Meinung, dass gezielte Tötungen mehr Hass produzieren und zu Vergeltungsaktionen anstiften. Im Falle Israels wird sich der hohe Anteil Kollateralopfer langfristig als kontraproduktiv herausstellen. Der Tod unbeteiligter Zivilisten radikalisiert das hinterbliebene soziale Umfeld, was die betroffene Bevölkerung in die Arme gewalttätiger Gruppierungen treibt. Solche kontraproduktiven Effekte sind oft auch unmittelbar nach einer Tötungsaktion zu beobachten:

  • Die Tötung des Bombenmachers der Hamas, Yahya Ayyash, 1996 führte zu Vergeltungsaktionen, bei denen sich in vier israelischen Bussen Selbstmordattentäter in die Luft sprengten, was mehr als 50 Israelis das Leben kostete.
  • Die Tötung von Raed al-Karmi, Kopf der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden, im Januar 2002 beendete einen von Jasir Arafat ausgerufenen Waffenstillstand, führte zu einem aussergewöhnlichen Gewaltausbruch und stellte den Beginn von Selbstmordanschlägen bei der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden dar (bis dahin wurden Selbstmordanschläge nur von der Islamic Jihad und von der Hamas ausgeübt).
  • Nach der Tötung von Sheik Salah Shehada im Juli 2002 – wobei 9 Kinder und 5 unbeteiligte Palästinenser ebenfalls ums Leben kamen – folgte ein weiteres Mal eine Phase von Gewaltausbrüche.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass gezielte Tötungen vielleicht kurzfristige positive Effekte aufweisen (Schwächung der Gegenseite, Abschreckung usw.) aber langfristig eher negative Konsequenzen nach sich ziehen (vgl.: Clyde Haberman, “How Not to Win the Battle but Lose the War“, The New York Times, 02.09.2011).

Ungewöhnliches Denkmal in der Nähe von Baalbek zu Ehren des am 12.02.2008 durch eine Autobombe getöteten Hisbollah-Kommandeur Imad Mughniyya.

Ungewöhnliches Denkmal in der Nähe von Baalbek zu Ehren des am 12.02.2008 durch eine Autobombe getöteten Hisbollah-Kommandeur Imad Mughniyya.

Völkerrechtliche Beurteilung
Im Dezember 2006 befasste sich der israelische Oberste Gerichtshof erstmals mit der israelischen Tötungspraxis in den besetzten Gebieten. Der Gerichtshof sprach weder ein allgemeines Verbot gezielter Tötungen durch israelische Soldaten aus, noch erklärte er sie für generell zulässig, sondern befand stattdessen, dass über die Rechtmässigkeit jeder Tötung im Einzelfall zu entscheiden sei (Quelle: Philip Alston, “Bericht des Sonderberichterstatters über aussergerichtliche, summarische oder willkürliche Hinrichtungen – Studie über gezielte Tötungen (Addendum)“, UN Generalversammlung, Menschenrechtsrat, A/HRC/14/24/Add.6, 28.05.2010, p.6). Da es sich bei den Auseinandersetzungen zwischen Israel und den terroristischen Organisationen in den besetzten Gebieten um einen bewaffnet Konflikt handelt, ist das Gewohnheitsrecht der internationalen bewaffneten Konflikten anzuwenden. Dabei kommt insbesondere das Zusatzprotokoll I vom 8. Juni 1977 zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte (ZP I) zum Zug. Zwar hat Israel das ZP I nicht unterzeichnet, doch nach heutiger Rechtsauffassung ist das ZP I Bestandteil des Völkergewohnheitsrechts und damit unabhängig von der Unterzeichnung des betroffenen Staats anwendbar. In Artikel 35 wird festgehalten, dass “in einem bewaffneten Konflikt [...] die am Konflikt beteiligten Parteien kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Methoden und Mittel der Kriegführung [haben]“. Das schliesst gezielte Tötungen nicht aus, weist aber darauf hin, dass insbesondere drei Grundprinzipien eingehalten werden müssen:

  • Die Unterscheidbarkeit: Gezielt getötet werden dürfen nur Personen (Kombattante), die sich durch die (kontinuierliche) Zugehörigkeit zu einer bewaffneten Konfliktpartei (Streitkräfte oder bewaffnete Gruppierungen) mit einer effektiven Kommando- und Sanktionsstruktur auszeichnen und deren Funktion eine direkte Beteiligung an Feindlichkeiten mit sich bringt. Zivilpersonen dürfen nur dann getötet werden, wenn sie unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen. Kombattante und kämpfende Zivilpersonen sowie Unbeteiligte müssen klar voneinander unterschieden werden (Artikel 51, ZP I).
  • Die militärische Notwendigkeit: Die Tötung einer Person muss einen konkreten unmittelbaren militärischen Vorteil erzeugen (Artikel 51, Abs 5 Buchstabe b, ZP I). Das heisst, dass die Zielperson von einer gewissen Wichtigkeit für eine bewaffnete Gruppierung sein muss. Der Tod einzelner unbedeutender Fusssoldaten, welche nicht unmittelbar im Kampf stehen, würde der militärischen Notwendigkeit widersprechen.
  • Die Verhältnismässigkeit: Die Streitkräfte haben die Auflage alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen um den Tod unbeteiligter Zivilisten und die Beschädigung ziviler Infrastrukturen auszuschliessen. Dies schliesst Kollateralschäden und der Tod Unbeteiligter nicht vollständig aus, wenn die beiden weiter oben genannten Grundprinzipien eingehalten werden. Die Streitkräfte sind jedoch verpflichtet gegenüber der Zivilbevölkerung und ziviler Infrastruktur Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Diese müssen durchführbar und praktisch möglich sein. Darunter gehört beispielsweise die Wahl der eingesetzten Waffen (Artikel 57, ZP I).

Die Tötung der für das “München-Massaker” verantwortlichen Mitglieder des “Schwarzen Septembers” durch Mossad-Agenten fällt nicht unter das Humanitäre Völkerrecht, weil die Tötungen ausserhalb eines bewaffneten Konfliktes stattfanden. Eine Tötung durch Staatsorgane ist nur dann rechtmässig, wenn sie notwendig ist, um Menschenleben zu schützen und wenn die Lebensgefahr durch kein anderes Mittel, beispielsweise Gefangennahme oder Handlungsunfähigmachen ohne Tötung, abgewendet werden kann (Quelle: Philip Alston, “Bericht des Sonderberichterstatters über aussergerichtliche, summarische oder willkürliche Hinrichtungen – Studie über gezielte Tötungen (Addendum)“, UN Generalversammlung, Menschenrechtsrat, A/HRC/14/24/Add.6, 28.05.2010, p.12). Die Tötung der verantwortlichen Mitglieder des “Schwarzen Septembers” durch Mossad-Agenten stellt eine aussergerichtliche Hinrichtung dar, welche den Menschenrechtsnormen widersprechen.

Die gezielten Tötungen von Mitgliedern bewaffneter Gruppierungen in den besetzten Gebieten fallen unter das Humanitäre Völkerrecht. Für eine rechtlich eindeutige Beurteilung müsste jeder Fall einzeln untersucht werden. Allgemein ist jedoch festzustellen, dass ein Anteil von 40,6% Kausalopfer an der Einhaltung der Unterscheidbarkeit und der Verhältnismässigkeit zweifeln lassen. Eine systematische Missachtung der Grundprinzipien wäre einem Kriegsverbrechen gleichzusetzen. In ihren militärischen Operationen begründen die Israelischen Streitkräfte zivile Opfer damit, dass die Gegenseite die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur willentlich als Schutzschild missbrauchen würden und deshalb ein Eingreifen ohne zivile Opfer nicht möglich sei. Eigentlich stellt diese Argumentation ein Eingeständnis dar, gegen das Grundprinzip der Unterscheidbarkeit verstossen zu haben. Zwar darf die Zivilbevölkerung nicht als Schutzschild missbraucht werden, doch ein solcher Missbrauch entbindet die Streitkräfte nicht von der Verpflichtung die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur zu schützen (Artikel 51, ZP I).

Im zweiten Teil werden die gezielten Tötungen der USA betrachtet, wobei der Fokus auf den Einsatz der Drohne gelegt und ein abschliessendes Fazit gezogen wird.

Datenquellen

This entry was posted in Gaza, International, Lebanon, Terrorism.

5 Responses to Internationale Jagdsaison: gezielte Tötungen und das Völkerrecht (1/2)

  1. Mast says:

    Verdammt guter Artikel! Freue mich auf den Folgeteil!

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