Nachschlag: Gripen-Scheintest, Kony-Sequel und mehr

Es ist wieder einmal Zeit einige Entwicklungen der letzten Monate, über welche offiziere.ch berichtet hatte, mit einem Nachschlag upzudaten.

Gripen F Demonstrator vor dem ersten Flug (Photo: VBS).

Gripen F Demonstrator vor dem ersten Flug (Photo: VBS).

Gripen-Scheintest
Offiziere.ch kritisierte in verschiedenen Artikeln, dass der Gripen E/F nur auf Grund technischer Daten und nicht mittels Testflügen evaluiert wurde. Für den Typenentscheid die Resultate der Evaluation des Vorgängermodells Grippen C/D (welcher andere technische Spezifikationen aufweist) heranzuziehen, macht nicht wirklich Sinn. Ausserdem waren die Ergebnisse der Evaluation des Gripen C/D gemäss den Veröffentlichungen der SonntagsZeitung nicht befriedigend (vgl.: “Aufgeschnappt: Saab Gripen im Sturzflug“, offiziere.ch, 12.02.2012). Die Erwartungen Gegenüber dem Gripen E/F sind dementsprechend gross und müssen überprüft werden.

Auf den ersten Blick scheint es, dass dies auch von der Armasuisse erkannt wurde und sie deshalb die Testflüge mit dem Gripen F Demonstrator zwischen dem 2. und dem 4. Mai 2012 im schwedischen Linköping nachgeholt hatte. Diese dreitägige Testflüge sind jedoch nicht mit den dreiwöchigen intensiven Evaluierungen der potentiellen Kandidaten in Emmen im Spätsommer 2008 vergleichbar. Der erste Tag wurde für das Simulatoren-Training, die restlichen zwei Tage für vier Testflüge (jeder dauerte rund eine Stunde) aufgewendet. Die Tests konzentrierten sich auf Luftverteidigung und Luftraumüberwachung mit verschiedenen Waffen, wobei laut offiziellen Informationen auch die AIM-2000 IRIS-T, die MBDA Meteor und die AMRAAM AIM-120 mitgeführt wurden (vgl.: “Schweizer Piloten fliegen neusten Gripen“, fliegerweb.com, 06.05.2012). Gemäss eines eines Artikels der SonntagsZeitung vom 13. Mai 2012 seien die im Test verwendeten Waffensysteme jedoch lediglich Attrappen gewesen. Ausserdem konnte kein Testflug mit drei neuen 1700-Liter-Zusatztanks durchgeführt werden – als Ersatz stand nur der alte Zusatztank zur Verfügung. Auch sonst scheint das nach aussen vermittelte positive Bild der Kurz-Evaluierung nicht ganz der Realität zu entsprechen: beispielsweise sei die Leistungsfähigkeit des neuen Triebwerks wegen unterdimensionierter Luftzufuhr unter den Erwartungen des Evaluationsteams geblieben.

Viel Aussagekraft werden die Tests kaum aufweisen, denn es werden deutlich umfangreichere Modifikationen am Gripen durchgeführt, als ursprünglich erahnt. Beispielsweise sei der im Sommer 2012 eingebaute neue Radar in der Spitze des Kampfflugzeuges um 200kg schwerer, so dass nun das Heck um 37 cm verlängert werden soll. Gemäss offiziellen Angaben wird der Radar nach seinem Einbau wiederum durch Testflüge überprüft werden (geplant für die 2. Hälfte 2012). Gemäss einer detaillierten Liste, welche die SonntagsZeitung von einem Insider erhalten hatte, sollen insgesamt 98 Modifikationen erfolgen, wobei während des Testflugs anfangs Mai erst 7 Modifikationen tatsächlich umgesetzt worden seien. Gemäss Medienberichten dementierte Saab AB diese Darstellung am Montag, 14. Mai 2012: beinahe alle der 98 Modifikationen seien bereits voll integriert oder zumindest bei Flugeinsätzen getestet worden (was das effektiv auch immer heissen mag). Der Chefingenieur der Evaluation des Tiger Teilersatz Leiter der operativen Test- und Evaluationsphase (Operational Test & Evaluation) der Schweizer Luftwaffe, Gérald Levrat, sagte vor der Subkommission des Nationalrates aus, dass rund 70 Prozent aller Komponenten im Gripen neu hergestellt werden müssten und Jürg Weber, Projektleiter Tiger Teilersatz meinte am 21. Februar 2012, dass es deutlich zweckmässiger sein dürfte, jeweils neue Flugzeuge zu bauen, als die bestehenden entsprechend zu modifizieren.

Gemäss SonntagsZeitung hält Levrat den Gripen selbst in seiner zukünftigen Version für mittelmässig:

Der Gripen ist wie ein Messer, das schlecht schneidet. Man kann damit eine Schnur durchschneiden, aber bei etwas Härterem wird es schwierig. [In den Berichten der Luftwaffe] findet sich nichts, was die Entscheidung des Bundesrates unterstützt. — Gérald Levrat zitiert in Titus Plattner, “Der Gripen ist wie ein Messer, das schlecht schneidet“, SonntagsZeitung, 13.05.2012.

Wieso der Bundesrat sich für den Gripen entschieden hatte, war nie ein Geheimnis und wurde auch von Bundesrat Ueli Maurer am Kasernengespräch in Jassbach anfangs dieser Woche noch einmal deutlich gemacht: “Entweder gibt es diesen Gripen oder gar nichts, weil wir haben das Geld nicht für mehr”. Als Antwort auf das Informationsleck reichte die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates am Mittwoch, 16. Mai 2012 eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses ein.

Update vom 26.05.2012
Gemäss Informationen des Schweizer Soldaten war die Erprobung des Gripen F Demonstrator mit nur einem altem anstatt mit drei neuen 1700-Liter-Zusatztanks sowie die Erprobung mit Waffenattrappen anstatt mit den echten Waffensystemen programmgemäss und stand so im Pflichtenheft.

 
Kony 2012
Invisible Children startete anfangs März 2012 eine Aktion zur Fassung des Anführers der Lord’s Resistance Army (LRA), Joseph Kony. Aus Zeitgründen berichtete offiziere.ch nur sehr kurz über die Aktion. Sowohl über Invisible Children und deren Gründer, wie auch die Art und Weise wie sie ihr Ziel – die Festnahme von Kony – erreichen wollen, wurde sehr kontrovers diskutiert, doch eines wurde dabei beinahe kaum beachtet: Invisible Children lancierte mit “Kony 2012” gezielt eine äusserst erfolgreiche virale Kampagne. Das professionell produzierte Kampagnen-Video wurde auf Youtube 89 Millionen Mal auf Vimeo 18 Millionen Mal aufgerufen. Damit spricht Invisible Children sehr gezielt die Gefühle des Betrachters an – es war nie die Absicht damit eine Dokumentation zu produzieren. Damit wird das Video logischerweise der Komplexität der Probleme in Zentralafrika, welche über die LRA hinausgeht, nicht gerecht und Fakten werden vereinfacht wieder gegeben. Beispielsweise ist die Vergewaltigung nicht nur eine von der LRA eingesetzte “Waffe”; im Gegenteil: gemäss Human Rights Watch ist die staatliche Armed Forces of the Democratic Republic of Congo (FARDC) seit ihrer Gründung 2003 die Hauptquelle sexueller Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo (siehe auch “Report on the investigation missions of the United Nations Joint Human Rights Office into the mass rapes and other human rights violations commited in the villages of Bushani and Kalambahiro in Masisi territory, North Kivu, on 31 December 2010 and 1 January 2011“). Wenn auch nicht explizit erwähnt, wird im Kampagnenvideo suggeriert, dass Kony und die LRA sich immer noch in Uganda aufhalten – das stimmt nicht: Kony befindet sich seit über 6 Jahren nicht mehr in Uganda. Gemäss Angaben des Special Representative and Head of the United Nations Regional Office for Central Africa, Abou Moussa, versteckt er sich wahrscheinlich in der Zentralafrikanischen Republik. Die LRA operiert momentan im Norden der Demokratische Republik Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik und in Südsudan. Trotzdem spielt Uganda eine wichtige Role bei der Bekämpfung der LRA: dort befinden sich unter anderem 100 Mann starke Truppe von US-Präsident Barack Obama die in einer beratenden Funktion zur Fassung Konys und zur Zerschlagung der LRA beitragen sollen. Auch die frisch gebildete 5’000 Mann starken Brigade der Afrikanischen Union, deren Gründung durch die Kampagne der Invisible Children mindestens beeinflusst wurde, wird durch Uganda geführt.

Als Reaktion auf einige Kritiken veröffentlichte Invisible Children anfangs April 2012 ein zweites Video, welche etwas detaillierter – aber immer noch recht oberflächlich – auf die LRA und die Komplexität der Probleme in Zentralafrika eingeht. Dabei stellt Invisible Children ihre Aktion auch in Verbindung mit Responsibility to Protect. Etwas sachlicher und weniger emotional zeigt dieses zweite Video aber deutlich auf, dass so keine virale Verbreitung erreicht werden kann, denn auf Youtube wurde es nur rund 2 Millionen mal angeklickt.

Was hat Invisible Children bis jetzt erreicht? Bereits vor der “Kony 2012″-Kampagne – Ende Oktober 2010 – errichtete die Organisation in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche Kongos und der UN ein funkbasierendes Frühwarnsystem (vgl.: David Axe, “Church radios form basis of a lifesaving system in Congo“, Wired, 28.10.2012). Ausserdem unterhält die Organisation gemeinsam mit Resolve ein LRA-Tracking System, auf deren Karten die Aktivitäten der LRA aufgezeichnet und festgehalten werden. Die Entsendung der 100 Mann starken Truppe der US Armee nach Uganda im Oktober 2011 war das Resultat einer 8-jährigen Lobby-Arbeit. Die Kampagne selber richtete den Fokus der Öffentlichkeit auf einige Probleme der Menschen in Zentralafrika und erzeugte Druck auf die Regierungen. Ob aller Kritik an der Kampagne muss zugestanden werden, dass vor “Kony 2012″ die Weltöffentlichkeit sich kaum mit den Menschenrechtsverletzungen in Zentralafrika befasst hatte. Die Kampagne konnte die öffentliche Wahrnehmung gezielt beeinflussen und dadurch wurden die Anstrengungen Kony zu fassen und die LRA zu zerschlagen nachhaltig verstärkt. Beispielsweise wurde Ende März bekannt gegeben, dass die Afrikanische Union eine 5’000 Mann starken Brigade zur Suche und Festnahme von Kony und zur Zerschlagung der LRA bilden will (Quelle: Conal Urquhart, “Joseph Kony: African Union brigade to hunt down LRA leader“, The Guardian, 24.03.2012). Schliesslich ergab sich Caesar Acellam, ein Kommandant der LRA, am Samstag, 12. Mai 2012. Acellam ist zwar nicht auf der Fahndungsliste des Internationalen Gerichtshofes aufgeführt, gemäss ugandischen Offiziellen sei er aber ein wichtiger Stratege innerhalb der LRA gewesen (Quelle: “Rebel Officer is Captured by Uganda“, The New York Times, 13.05.2012).

Invisible Children zeigt mit “Kony 2012″ beispielhaft auf, wie eine erfolgreiche Kampagne in der Zeit sozialer Netzwerke gezielt geführt werden muss und dass damit ein Thema in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gezerrt werden kann. Andererseits werden komplexe Zusammenhänge in solchen Kampagnen stark vereinfacht, was nicht unproblematisch ist. Schliesslich zeigt diese Kampagne aber auch, dass die Gefahr der Massenmanipulation durch gezielte Propaganda – welche nicht zwingend in jedem Fall auch positive Ziele verfolgt – auf Grund der globalen Vernetzung nicht ignoriert werden kann. Es ist kritisch zu hinterfragen, ob eine ungerechtfertigte, schädliche Kampagne nach gleichem Muster ebenfalls so erfolgreich wäre. Kritische Reaktionen auf eine negative Kampagne wäre dabei höchst kontraproduktiv, denn “Kony 2012″ hatte seinen Erfolg teilweise auch der öffentlichen, polarisierten Auseinandersetzung mit der Kampagne zu verdanken.

Right now there are more people on Facebook than there were on the planet 200 years ago. Humanity’s greatest desire is to belong and connect. And now we see each other, we hear each other. We share what we love, and it reminds us what we all have in common. And this connection is changing the way the world works. Governments are trying to keep up and older generations are concerned. The game has new rules. [...] So we are making Kony world news by redefining the propaganda we see all day, every day, that dictates who and what we pay attention to. — Invisible Children, Kony 2012 Video.

 
 
In aller Kürze
Ein Artikel der Washington Post unterstreicht indirekt die Thesen von Patrick Truffer in seinem Artikel über die Mässigung der Hamas durch politische Einbindung:

As enthusiasm for Islamist parties grows in the Arab world and prompts questions about what shape political Islam will take, some say Hamas’s path from violent opposition movement to de facto government could be instructive: The Gaza-based rulers, many analysts say, have become more pragmatic and more self-interested — a bit more like common politicians. — Karin Brulliard, “In Gaza, Hamas rule has not turned out as many expected“, Washington Post, 19.04.2012.

 
 
Im Buchtipp: From A to B – How Logistics Fuels American Power and Prosperity kamen wir auch auf den militärischen Einsatz von Luftschiffen zu sprechen und schnitten das Projekt “Walross” an, welche zum Ziel hat mit Hilfe von Luftschiffen grosse Lasten über weite Distanzen zu transportieren. Ausserdem berichteten wir in diesem Artikel auch über die Indienststellung des Luftschiffs MZ-3A für die US-Navy. In einer aktuellen Übersicht zeigt David Axe, dass alle Luftschiff-Projekte des US-Militärs entweder gestoppt oder eingeschränkt wurden. Sein Fazit: “It might have seemed that the promise of a new generation of military blimps was, well, so much hot air”.

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