Ungeliebt – aber unverzichtbar?

Ein Gastbeitrag von Lukas Hegi

Medienwirksam aber nicht wirklich repräsentativ. Der weitaus grössere Anteil am Geschäft geht an Unterstützungsaufgaben (hier ein bewaffneter Angestellter der Firma Triple Canopy in Haiti, Quelle: SF Bayview)

Die Schweizer Regierung vollzog im Jahr 2011 eine bemerkenswerte Kehrtwendung. Nachdem man Vertretungen der Eidgenossenschaft im Irak wie auch in Libyen von privaten Sicherheitsdienstleistern (PSMCs) bewachen liess, und drei Jahre zuvor noch einen stärkeren Regulierungsbedarf für Firmen die Sicherheitsdienstleistungen anbieten ablehnte (siehe dazu zum Beispiel die Antwort des Bundesrates zur Motion Allemann), wollte sie, durch (wahltaktisch) geschürte Aufregung von Politikern wie Nationalrat Peter Malama (FDP,BS), plötzlich nichts mehr mit diesen “Söldnerfirmen” zu tun haben. Die Sicherheit der Botschaften – konkret ging es zuletzt um die Bewachung der Botschaft in Tripolis – sollte ausschliesslich in die Hand von Spezialkräften der Schweizer Armee gelegt werden. Seit Mitte Januar 2012 haben nun Angehörige des Armee-Aufklärungsdetachments 10 (AAD 10) diese Aufgabe von der Firma Aegis übernommen. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass die ehemalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey den Botschaftsschutz der Firma übertragen hatte, welche durch ihren Domizilwechsel nach Basel die Diskussionen und Forderungen nach einem Niederlassungsverbot erst angeheizt hatte. Bei der AEGIS Group Holdings AG handelt es sich um die Holdinggesesellschaft von Aegis Defence Services Limited, der weltweit grössten Firma in dieser Branche. Plötzlich standen Politiker und auch Akademiker auf der Matte, welche verhindern wollten, dass die Schweiz zu einem attraktiven Standort für eben diese Firmen würde. Was viele dabei vergassen oder bewusst ausser Acht liessen, war, dass Aegis bei weitem nicht die erste Firma war, die sich hier niederlassen wollte. Peter Forster wies dabei schon im September 2010 in einem Artikel im “Schweizer Soldat” (Söldnerfirmen noch und noch, S. 30-31) auf (sechs weitere grosse PSMCs hin, welche schon seit Jahren in der Schweiz residieren oder residiert hatten. Erstaunlicherweise war davon bis anhin gar nichts zu hören – auch nicht von den Politikern – wie eben Peter Malama – die nun lautstark für ein Niederlassungsverbot plädierten. Ein Grund für die Aufregung dürfte der umtriebige Chef der Firma, Tim Spicer dargestellt haben. Unter den genannten Unternehmen firmierte auch die amerikanische DynCorp. Sie ist in den letzten Monaten durch die Verfilmung des Skandals um Menschenhandel im ehemaligen Jugoslawien in den 90-er Jahren (The Whistleblower) wieder etwas ins Bewusstsein der Öffenlichkeit gelangt. DynCorp hat ihren Sitz in der Schweiz aber inzwischen aufgegeben. Heute sollen mindestens zwanzig dieser Firmen in der Schweiz tätig sein.

Ebenso auffallend wie das plötzlich erwachte Interesse sind die Tonlage und die Wortwahl der Debatte. In den Medien wird stets der negativ konnotierte Begriff des Söldners verwendet, also das Bild eines gewissenlosen Kriegsgewinnlers und Abenteurers evoziert. Als Belege für die Ruchlosigkeit der Contractors werden dann immer wieder dieselben Beispiele von Missbräuchen und Fehlverhalten zitiert, wie der bereits genannte Skandal um DynCorp oder die Schiesserei auf dem auf dem Nisour Square im Irak. Dabei hatten Mitarbeiter der Firma Blackwater (zwischenzeitlich in Xe Services LLC und aktuell in Academi umbenannt) 2007 anscheinend ohne Grund siebzehn Menschen erschossen. Ereignisse wie diese sind gut geeignet, um ein primär negatives Bild von Privaten Sicherheits- und Militärfirmen zu zeichnen. Weil PMSCs dabei als Handlanger einer Weltmacht agierten, die einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak vom Zaun gebrochen hatte, zementierte das Bild des “Söldners” weiter. Daneben geht allerdings oft vergessen, dass PMSCs nicht nur für Staaten, die machtpolitische Interessen verfolgen Aufträge erledigen. Ein Grund dass Firmen wie Aegis oder Salamanca Risk Management eine Niederlassung in der Schweiz eröffnen, hat nicht nur mit einer bis dato angeblich nachlässigen Gesetzgebung und Handhabung zu tun, ist die Nähe zu NGOs und internationalen Organisationen, welche zu den wichtigsten Kunden gehören. Befürworter einer verschärften Gesetzgebung argumentieren, dass die Niederlassung von PMSCs in der Schweiz ihre Neutralität gefährde und ihre Glaubwürdigkeit als Depositarstaat der Genfer Konventionen aufs Spiel setze (eine Ansicht, der allerdings selbst Völkerrechtler widersprechen). Sie übersehen dabei aber, dass NGOs In Krisen- und Kriegsgebieten nicht mehr ohne Schutz arbeiten können. Oder aber sie benötigen Unterstützung bei der Logistik, oder greifen auf spezialisiertes Wissen zurück, das von diesen Firmen angeboten wird.

Ein Grund für das bis anhin geringe Interesse an der PMSC-Problematik in der Schweiz könnte der bis auf wenige Ausnahmen fehlende Bezug zur Eidgenossenschaft sein. Vorfälle wie die Tötung von vier Blackwater Mitarbeitern in Falludscha oder der Zwischenfall am Nisour Square vermochten kurzzeitig die Aufmerksamkeit der hiesigen Medien erregen. Aber das Interesse flachte sehr schnell wieder ab und die Diskussionen blieben auf einen engen Zirkel von Spezialisten beschränkt. Selbst die wenigen Fälle die einen direkten Bezug zur Schweiz aufwiesen, konnten nur wenig mehr Interesse verbuchen. Es waren dies die juristische Aufarbeitung des Falles von “Mike” eines ehemaligen Blackwater-Mitarbeiters und beinahe-Fremdenlegionären (der nur deshalb ins Visier der Militärjustiz geriet, weil er sich auf dem Weg zum Rekrutierungsbüro der Fremdenlegion vom Schweizer Fernsehen begleiten liess und dabei mit seiner Tätigkeit für Blackwater im Irak prahlte) und die Bewachung der Schweizer Botschaft in Baghdad durch die südafrikanische Sicherheitsfirma Meteoric Tactical Solutions („Mike“ wurde übrigens nicht in die Fremdenlegion aufgenommen und von der Militärjustiz wurde er auch nur für seinen Anheuerungsversuch mit 1000.- Franken Busse bestraft, nicht aber für seine vorangehende Tätigkeit für Blackwater zur Rechenschaft gezogen).

Der Sammelband der AG SiPo.

Der Sammelband der AG SiPo.

Die im November 2008 ins Leben gerufene Arbeitsgemeinschaft für Sicherheitspolitik (AG SiPo) des Fachvereins Politikwissenschaft an der Universität Zürich (POLITO) machte es sich deshalb unter der Leitung von lic. phil. Philipp Hauenstein zur Aufgabe, die Thematik breiter erarbeiten und nicht nur entlang der medialen Hauptkampflinien zu behandeln. Die junge Forschergruppe setzte sich aus Lizenziats und Bachelor/Master Studenten der Politik- und Geschichtswissenschaften zusammen. Ursprünglich war es der Wunsch der AG, so viele Studienrichtungen wie möglich an einen Tisch zu bringen und im interdisziplinären Dialog eine möglichst breite wissenschaftliche Abstützung zu erreichen. Das Ziel des Themenzyklus war es, am Ende eine wissenschaftliche Publikation in gedruckter Form zu präsentieren. Dieses Ziel wurde nun Ende letzten Jahres mit der Herausgabe des Sammelbandes mit dem Titel “Private Militär- und Sicherheitsfirmen und die Entstaatlichung der Gewalt im 21. Jahrhundert” erreicht. Herausgekommen ist ein schmaler aber dichter Band, der sich unterschiedlichen Aspekten der Privatisierung annimmt. Die AG SiPo hat sich in internen wie auch in öffentlichen Veranstaltungen lange und intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. In zwei öffentlichen Anlässen konnte sie angesehene Fachleute gewinnen, die den Studierenden und weiteren Interessierten die Thematik näher brachten. So führte der Kölner Politologe Prof. Thomas Jäger sein Publikum in die Privatisierung von Sicherheit der modernen Gesellschaft im Allgemeinen ein. Abgerundet wurde der Themenzyklus mit einem Streitgespräch zwischen dem Völkerrechtler und Schweizer UNO Botschafter Dr. iur. Paul Seger und dem ehemaligen Chef des Amtes für das militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr sowie Operationschef des NATO-Hauptquartiers Europa-Mitte, Brigadegeneral a. D. Dieter Farwick.

Sowohl die einzelnen Beiträge als auch die Veranstaltungen mit den geladenen Experten haben deutlich gemacht wie vielfältig und komplex die Privatisierung im Bereich staatlicher Aufgaben und insbesondere mit Bezug auf das Gewaltmonopol ist, und dass sich die Rolle des Contractors nicht einfach auf das Bild eines „Söldners im 21. Jahrhundert“ reduzieren lässt. Genausowenig gibt es einfache Rezepte – wie es ebenfalls oft gewünscht wird – um die Auswüchse und negativen Erscheinungen in den Griff zu bekommen. Neue Gesetze und Verbote vereinfachen die Handhabung nicht zwangsläufig. Nicht zu vergessen ist, dass die Schweiz im Bereich der Regulierung einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, indem sie mit dem Montreux Dokument und dem Code of Conduct für PMSCs an zwei breit anerkannten und abgestützten Dokumenten mitgearbeitet hat. Sie hat damit an zwei Dokumenten mitgewirkt, welche die völkerrechtlichen Verpflichtungen der Auftraggeber benennen (Montreux Dokument) und den Auftragnehmern (PMSCs) einen international verbindlichen Verhaltenskodex vorgeben. Das Montreux Dokument enthält darüber hinaus noch eine Liste mit sogenannten „Good Practicces“, die es Staaten erleichtern sollen ihre Verpflichtungen einzuhalten. Doch zuerst zur Komplexität: Auf Grund ihrer Struktur und ihres Angebot können PMSCs in keiner Weise mehr mit dem den Solddienstkompagnien des Mittelalters und der frühen Neuzeit verglichen werden. In der Regel sind es heute weltweit tätige Konzerne, welche sowohl staatlichen Bedürfnisträgern wie auch nicht-staatlichen Organisationen (NGO) ein sehr breites Spektrum an Dienstleistungen anbieten. Die Bandbreite reicht dabei von logistischen Dienstleistungen über Ausbildungstätigkeiten und nachrichtendienstliche Fähigkeiten zu Objekt- und Personenschutzaufgaben bis hin zu offensiven Kapazitäten, welche in der Lage sind Aktionen im klassisch militärischen Sinne zu führen. Wobei letzteres eindeutig den geringsten Anteil am Gesamtpaket aller angebotenen Leistungen ausmacht.

In einem einführenden Kapitel beschreibt der auf diesem Blog bereits bekannte Thomas Schäubli summarisch den Abstieg der Söldner und den erneuten Bedeutungsgewinn der privaten Sicherheitsindustrie seit Mitte verstärkt aber ab Ende des 20. Jahrhunderts. Der Krieg fungierte dabei als Nährboden für die Entstehung der modernen Nationalstaaten. Bemerkenswert ist dabei, dass einer der Faktoren, welcher ursprünglich zum Abstieg der Söldner geführt hat, heutzutage wieder einer der treibenden Wachstumsfaktoren darstellt: neue Technologien. Während neue Waffen oder die Eisenbahn die Entstehung der Massenheere begünstigten und die Alimentierung der Streitkräfte mit Söldnern unbezahlbar machten, hat die als Teil der Revolution in Military Affairs zu verstehende technologische Revolution, verbunden mit den Sparzwängen moderner Staatensysteme, zu einem neuen Boom bei der Auslagerung an private Dienstleister geführt. Neben einer ganzen Reihe von Problemen weist der Autor aber auch auf die Chancen hin die der Einsatz von PMSCs bieten könnte. Allerdings hängt die Frage der Regulierung auf nationaler wie internationaler Ebene immer wie ein Damoklesschwert über dem Einsatz von PMSCs.

Der scheinbar statuslose Zustand der Private Security Contractors im Völkerrecht hat in den letzten Jahren, besonders mit den bekannt gewordenen Missbräuchen in den Kriegsgebieten Afghanistans und des Irak eine Reihe von Initiativen hervorgerufen, die diesem scheinbar rechtlosen Zustand entgegenwirken, dem “wilden Westen” also ein Ende bereiten wollen. Scheinbar deshalb weil es mehrere juristische Texte gibt, welche sich mit Definition und Anwendungsbereich befassen. Allerdings setzen sie auf internationaler Ebene kaum zu erfüllende definitorische Standards, wie zum Beispiel Artikel 47 des I. Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen. Oder sie dienen primär auf nationaler Ebene dazu, den Technologietransfer im Rüstungssektor zu anderen Staaten zu unterbinden wie im Falle des International Traffic in Arms Regulation Law der Vereinigten Staaten. Das bedeutet, dass die Firmen sich zwar nicht in einem rechtlichen Vakuum bewegen können, aber dennoch ungenügend kontrolliert werden. Als Ausweg zeigt der Autor Samuel Lanz zwei Möglichkeiten: Zum einen die Selbstregulierung der Unternehmen in Form eines Kodex und zum anderen ein auf die Problematik speziell zugeschnittenes internationales Abkommen wie es in Form des Montreux-Dokuments vorliegt. Im Falle der Selbstregulierung bleiben allerdings Zweifel bestehen wie ernst es den Unternehmen damit tatsächlich ist, und ob diese selbstverfügten Code of Conduct wie zum Beispiel jener der International Stability Operations Association oder der British Association for Private Security Companies (BAPSC) letztlich nichts anderes als den Versuch von Imagepflege darstellen.


Nicht alle Soldaten hatten eine trockene Unterkunft. Der Kongo Einsatz zeigte der Bundeswehr die Grenzen der Auslagerung auf. (Quelle: http://www.cvce.eu))

Nicht alle Soldaten hatten eine trockene Unterkunft. Der Kongo Einsatz zeigte der Bundeswehr die Grenzen der Auslagerung auf. (Quelle: http://www.cvce.eu))

Wie bereits erwähnt stellen PMSCs aber nicht nur bis an die Zähne bewaffnete Sicherheitsleute zur Verfügung. Viele Unternehmen stellen spezialisierte Dienstleistungen bereit wie etwa im Bereich Intelligence, in der Ausbildung von Personal oder aber in der Logistik. Der Bereich Versorgung/Infrastruktur stellt dabei – neben Bewachungs- und Objektschutzaufgaben – den weitaus grössten Anteil der ausgelagerten Bereiche überhaupt. Als intimer Kenner der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) berichtet Philipp Hauenstein von den besonders negativen Erfahrungen der Bundeswehr, welche sie bei einem militärischen Einsatz mit der EU in der Demokratischen Republik Kongo (EUFOR RD Congo) bei der Auslagerung von Versorgungsaufgaben gemacht hat. In seiner Effizienzanalyse widmet er sich der Frage, welche Folgen das Versagen der privaten Dienstleister in missionskritischen Bereichen, also den Teilen, die die Erfüllung des Auftrages nachhaltig gefährden können, hat. Beim Einsatz in der DR Kongo zeigte sich dies besonders dramatisch, da der beauftragte Dienstleister – die spanische Firma UCALSA – nicht in der Lage war die benötigte Infrastruktur bereitzustellen. Die Soldaten mussten daher in Zeltstädten mit katastrophalen hygienischen Zuständen hausen und sich über Wochen von Notrationen ernähren. Dies wiederum führte dazu, dass die Truppe in Hotels verteilt wurde und begann, sich selbstständig mit Lebensmitteln auf den lokalen Märkten einzudecken. Ein Szenario, das für jeden Kommandeur einen absoluten Albtraum darstellt was die Sicherheit der Truppe angeht. Dass die Bundeswehr mit diesem Vorgehen eigentlich gegen ihre eigenen Richtlinien verstiess (Stichwort: operatives Minimum), dürfte für die Soldaten wenig Trost bieten. Im Falle der zugekauften Leistungen im Bereich Lufttransport, der sogenannten SALIS (Strategic Airlift Interim Solution) bereitet weniger die Zuverlässigkeit des Anbieters sorgen, als vielmehr die vertragsrechtlich festgeschriebenen Einschränkungen beim Einsatz der AN-124 Flugzeuge. Diese untersagen den Einsatz der Maschinen in Krisengebieten. Dass die EU-Staaten und insbesondere Deutschland über keine weiteren eignen Kapazitäten in diesem Bereich verfügen (auch der A-400M von Airbus, wenn er dann kommt, ist kein Ersatz, da er weder bei der Reichweite noch bei der Nutzlast an die Leistungen der Antonow herankommt) verschärft die Situation weiter. Es ist somit nicht vermessen zu behaupten, dass die Bundeswehr ein grosses Risiko eingeht mit der Auslagerung des Lufttransports. Gerade dann, wenn sich bei einem Einsatz die Situation verschlechtert (wie zum Beispiel kürzlich in Afghanistan) und die Truppen dringend auf eine sichere Versorgung oder notfalls gar die Evakuierung angewiesen sind, kann sich der Anbieter auf die vertragsrechtlichen Beschränkungen berufen und die Flüge verweigern. Die Bundeswehr selbst kann dann keine eigenen Transportkapazitäten zur Verfügung stellen.

Die DR Kongo steht auch in einem weiteren Beitrag im Fokus des Interesses. Lukas Leuzinger befasst sich mit den Folgen für staatliche Strukturen in einem Land das durch einen Diktator während mehr als drei Jahrzehnten beherrscht wurde und der seine Macht durch die Verteilung von Ressourcen auf seine Anhänger absicherte. Indem er sich die Unterstützung so von Interessengruppen erkaufte, beförderte er die Fragmentierung der staatlichen Strukturen. Das wiederum hatte zur Folge, dass Mobutus Herrschaft wie auch das was von einem „Staat“ Kongo noch übrig war sehr schnell zerfiel. Beschleunigt wurde dieser Zerfall durch das Ende des Kalten Krieges mit dem eine wichtige Ressourcenbasis von Mobutu wegfiel. Seine ehemaligen Günstlinge verfolgten nun zunehmend eigene Interessen und führten in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts zwei blutige Kriege gegeneinander. Verschärfend kam auch noch die Globalisierung hinzu, weil nun international tätige Unternehmen auch noch die Rivalitäten ausnutzten, um günstig an die Rohstoffe des Landes zu gelangen.

Nach den zwei „Frontberichten“ führt Samuel Lanz den Leser noch einmal auf die mehr theoretische Ebene der Diskussionen zurück. Seine Auslegeordnung der in der wissenschaftlichen Literatur vorgebrachten Argumente für und wider die Auslagerung von Sicherheitsaufgaben zeigt auch noch einmal auf, dass es neben der fast durchweg kritischen Betrachtung der letzten Zeit (siehe dazu auch die zwei vorangehenden Beiträge in diesem Sammelband) auch Beispiele gibt, welche den Befürwortern einer Auslagerung im Sicherheitsbereich recht geben. Die Einsätze von Executives Outcomes in Angola und in Sierra Leone stehen hierbei immer noch als Beispiel für den effizienten und wirksamen Einsatz von PMSCs zur Beendigung einer Krise.

Abgerundet wird der Sammelband vom Transkript des Streitgesprächs zwischen dem aktuellen Schweizer UNO-Botschafter Dr. iur. Paul Seger und dem ehemaligen Brigadegeneral der Bundeswehr Dieter Farwick. Die Diskussion legte noch einmal die grundsätzliche Haltung dar, die auch von der AG SiPo vertreten wird: Das Erstarren in dogmatisch festgelegten Grundpositionen dient nicht der Problemerfassung und der Suche nach Lösungen. Beide Vertreter plädierten daher für einen pragmatischen Umgang mit Phänomen. Nicht Verbote brächten Verbesserungen, sondern internationale Abkommen wie das Montreux Dokument, die definitorische Probleme auflösten und Verantwortlichkeiten aus den bestehenden Regelungen erklärten. Es geht also primär darum, die bestehenden Möglichkeiten zu nutzen und nicht neue Vorschriften zu kreieren deren Aushandlung ewig Zeit in Anspruch nimmt und welche die juristische Sachlage weiter verkomplizieren – und damit auch wieder neue Schlupflöcher eröffnen. Die wichtigste Aufgabe aller Bemühungen ist es, die Auftraggeber in die Verantwortung miteinzubeziehen. Es gibt genügend Beispiele wie Staaten versuchen, sich davor zu drücken. Dabei ist ein Grund warum Staaten PMSCs engagieren, dass sie damit die politischen Kosten zu minimieren versuchen. Schliesslich sind für demokratische Regierungen erheblich grössere Bemühungen und Risiken verbunden einen Militäreinsatz (wie zum Beispiel jenen in Afghanistan) zu „verkaufen“, wenn eigene Soldaten den Kopf hinhalten müssen, als wenn die gleichen Aufgaben von einem relativ anonymen Heer von Contractors wahrgenommen werden.

Ausschreitungen im Fussballstadion. Können private Sicherheitsanbieter wirklich für mehr Sicherheit sorgen? (Quelle: kicker.de)

Ausschreitungen im Fussballstadion. Können private Sicherheitsanbieter wirklich für mehr Sicherheit sorgen? (Quelle: kicker.de)

Wer sich einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen verschaffen will, erhält mit der Lektüre einen Einblick in die theoretischen und praktischen Probleme, die mit Privatisierung und Entstaatlichung von Gewalt entstehen. Offensichtlich wird dabei wie vielfältig die Tätigkeitsfelder der PMSCs sind, aber auch wie schwierig die Abgrenzungen zu ziehen und damit Definitionen zu formulieren sind wie sie aber gerade für die Fassbarkeit in den völkerrechtlichen Dokumenten notwendig wären. Entstaatlichung der Gewalt trifft eben nicht nur dort zu, wo die sichtbare Produktion von Sicherheit extern vergeben wird. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass sich Staaten nicht bewusst sind (oder nicht sein wollen), welchen Risiken sie ihre Soldaten aussetzen, wenn sie Aufgaben, die früher von den Streitkräften selbst erbracht wurden, an private Dienstleister vergeben. Die Beispiele rund um die Bundeswehr in Afghanistan und in der DR Kongo beweisen das eindrücklich. Während das Buch sich aus einer europäischen Perspektive auf die allgemeinen Aspekte der Privatisierung und die Probleme im Bereich der der Streitkräfte und der internationalen Operationen konzentriert, fehlt leider die Betrachtung der Privatisierung im Bereich Innere Sicherheit vollständig. Dabei ist das der Teil mit dem wohl auch die meisten Leser in ihrem Alltag am ehesten konfrontiert werden. Die Bahnpolizei im täglichen Pendlerverkehr, die Securitas am Eingang zur Zentralbibliothek in Zürich oder der Delta-Sicherheitsmann im Fussballstadion sind für die meisten von uns ein gewohnter Anblick. Die Sicherheit im Alltag wird auf absehbare Zeit wahrscheinlich der grösste Wachstumsmarkt bleiben, weshalb eine vertiefte Betrachtung dieses Bereichs im Allgemeinen und im Besonderen mit Blick auf die Schweiz äusserst wünschenswert wäre. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Sicherheit im Umfeld von Sportveranstaltungen könnte für Sicherheitsfirmen zu einem lukrativen Geschäft werden, wenn etwa wie geplant (Risiko-)Fussballspiele der Axpo Super League unter eine generelle Bewilligungspflicht gestellt würden. Zusammen mit der Idee die Verantwortung für die Sicherheit vor, während und nach dem Spiel allein in die Verantwortung der Klubs zu legen (so geäussert vom Sekretär der KKJPD Roger Schneeberger an einer Tagung im letzten Herbst) könnte für die Firmen ein grosses Feld öffnen, das den öffentlichen Raum nicht mehr nur tangieren, sondern tief in ihn hineinreichen würde. Auf Grund der damit anstehenden Kosten, dürfte sich die Freude der Klubs aber in engen Grenzen halten. Zumal sich diese schon heute an den lächerlich geringen Kostenbeteiligungen stossen. Ob eine solche Ausweitung der Verantwortung auch wirklich mehr Sicherheit bringen kann, ist indes genauso fraglich, wenn man sich die Ereignisse rund um das abgebrochene Fussballspiel zwischen dem FCZ und GC vor Augen führt. Fragen zur Qualität der Sicherheitsleute (von ausreichender Quantität gar nicht zu sprechen) sind in diesem Zusammenhang durchaus angebracht.

Wer sich weiter informieren möchte, der sei auf die Seite des Eidgenössischen Departements für Justiz und Polizeiwesen verwiesen, das eine Liste mit allen Dossiers und den dazugehörigen Links zum Thema zusammengestellt hat.

Philipp Hauenstein; Lukas Hegi (Hrsg.): Private Militär- und Sicherheitsfirmen und die Entstaatlichung der Gewalt im 21. Jahrhundert. Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Oktober 2010. ISBN-13: 978-3842382800. 152 Seiten.

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