Aufgeschnappt: Saab Gripen im Sturzflug

Gestern Abend titelte der Sonntag in einem Artikel, dass kein Schweizer Pilot den Gripen E/F – welcher vom Bundesrat als Tiger Teilersatz erkürt wurde – je geflogen hatte. Faktisch fand damit nie eine praktische Evaluation des Gripen E/F statt, auf dem eine realistische Evaluation basieren könnte. Mehr noch existiert bis zum jetzigen Zeitpunkt vom Gripen E/F nur ein einziger Demonstrations-Kampfjet. Diese Punkte waren jedoch kein Geheimnis und spätestens mit der Überarbeitung des Artikels “Tiger Teilersatz: Saab JAS-39 Gripen” im Juni 2010 war dies auch hier auf offiziere.ch zu lesen: “Die Armasuisse selber hat das MS 19 [(Gripen C/D)] evaluiert, da es sich jedoch beim MS 21 [(Gripen E/F)] nicht um ein neues Flugzeugdesign, sondern um eine technologische Verbesserung handelt, akzeptierte die Armasuisse die finalisierte Offerte”. Nur die Begründung für diesen Entscheid wandelte sich offensichtlich, denn gemäss Res Schmid, damals Cheftestpilot und heute Berater im Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) “war nicht geplant, ihn zu fliegen, weil noch nicht alle Systeme fertig integriert waren und der Demonstrator nur ein Einsitzer ist” (Quelle: Othmar von Matt, “Kein Schweizer flog neuen Gripen“, Der Sonntag, 11.02.2012). Gemäss Sebastian Hueber, Sprecher VBS steht die Evaluation und Beschaffung von noch in Entwicklung stehenden Kampfflugzeugen im Widerspruch zur Strategie der Armasuisse. Schon im letzten Artikel wurde festgestellt, dass demnach auch der zu beschaffende Gripen E/F im Widerspruch zur Beschaffungsstrategie steht, denn dieser befindet sich ebenfalls noch in der Entwicklung – Parallelen zur Mirage-Affaire drängen sich bereits jetzt auf (vgl.: René Zeller, “Bruchpiloten“, NZZ, 09.02.2012).

Im Gegensatz zum Sonntag veröffentlichte die Sonntagszeitung heute Nacht Auszüge aus den Evaluationsberichten der Luftwaffe. Darin schnitt der Saab Gripen C/D in der Evaluation von 2008 mit Abstand schlechter als seine Mitkonkurrenten Dassault Rafale und Eurofighter und sogar noch schlechter als der momentan in der Schweizer Luftwaffe eingesetzte McDonnell Douglas F/A-18C/D ab. Auch in der für die Schweiz überaus wichtigen Kategorie “Air Policing” (Militärische Luftraumüberwachung oder in der Schweiz Luftpolizeidienst) erreichte der Gripen C/D die Mindestanforderungen nicht. Die Luftwaffe hält es sogar für möglich, dass der Gripen unfähig sei, Luftpolizeimassnahmen mit Erfolg durchzuführen (und dies sogar bezogen auf den Gripen E/F). Beinahe durchgehend am besten schnitt der Dassault Rafale ab und wurde deshalb von der Luftwaffe als erste Wahl für den Tiger Teilersatz vorgeschlagen (die zweite Wahl fiel auf den Eurofighter). Nicht ohne Grund entschied sich Indien im Rahmen der MMRCA Ende Januar für die Beschaffung von 126 Rafale für rund 12 Milliarden US-Dollar (Quelle: “Indien zieht Kampfjet Rafale dem Eurofighter vor“, wirtschaft.ch, 31.01.2012). Der Saab Gripen flog bereits im April 2011 mit anderen Konkurrenten aus der indischen Kampfjet-Evaluation raus.

Quelle: Titus Plattner, "Gripen: Sechsmal Note ungenügend", Sonntagszeitung, 12.02.2012, p.3.

Quelle: Titus Plattner, "Gripen: Sechsmal Note ungenügend", Sonntagszeitung, 12.02.2012, p.3.

Der Gripen C/D schnitt insbesondere wegen seiner geringeren Leistung und Durchhaltefähigkeit ungenügend ab – alles Punkte, welche beim Gripen E/F hätte verbessert werden sollen. Insbesondere das neue General Electric F414G Mantelstromtriebwerk (25% mehr Schub als beim Gripen C/D) und die Vergrösserung des Tankraums um rund 40% würde für eine höhere Leistung und eine höhere Durchhaltefähigkeit sprechen. Aber anscheinend wurde mit den Verbesserungen der Gripen E/F auch schwerer als sein Vorgänger (Quelle: Othmar von Matt, “Kein Schweizer flog neuen Gripen“, Der Sonntag, 11.02.2012). Werden die Zahlen der verschiedenen Bewerber (Saab Gripen, Dassault Rafale und Eurofighter) auf dem Papier verglichen, so konnte bis zum jetzigen Zeitpunkt angenommen werden, dass die Schweizer Luftwaffe mit dem Gripen E/F einen relativ günstigen, leistungsfähigen und für Schweizer Bedürfnisse absolut ausreichender Kampfjet erhalten würde. Dem widerspricht jedoch der von der Sonntagszeitung veröffentlichte Evaluationsbericht vom November 2009. Er hält fest, dass der Gripen E/F trotz seiner Verbesserungen in allen Bereichen das Schlusslicht darstellt und die Anforderungen nicht erfüllt. Inwieweit dies im November 2009 bereits beurteilt werden konnte, bleibt offen, denn diese Einschätzungen basiert auf eine rein technische Evaluation – wie bereits weiter oben erwähnt, geflogen wurde der Gripen E/F nie. Nun zeigt sich wie fatal der Entscheid war, mit dem Gripen E/F keine Testflüge und keine praktische Evaluation durchzuführen: ihm fehlt nun der Praxisbeweis, dass er die Mindestanforderungen erfüllen könnte. Auch die Luftwaffe schreibt in ihrem Bericht, dass im Falle einer Wahl des Gripen E/F, Testflüge im Bereich Luftpolizeidienst durchgeführt werden sollten.

Um den Tiger Teilersatz politisch zu ermöglichen, braucht es eine breite Front von Unterstützer, denn das dazu benötigte Geld muss nicht nur innerhalb des VBS, sondern auch bei den anderen Departementen eingespart werden (vgl.: “Kampfjet-Kauf: Bund schnallt sich Spargürtel um“, Schweizer Fernsehen, 01.02.2012). Bereits die teilweise harsche Kritik über den Typenentscheid einiger Tiger Teilersatz befürwortenden Politiker hilft der Sache nicht unbedingt. Die Veröffentlichung der ungenügenden Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Gripen in den Evaluationsberichten lässt über einen erfolgreiche Abstimmung im Parlament Zweifel aufkommen – geschweige denn in einer Volksabstimmung. Will der Bundesrat den Tiger Teilersatz retten, so muss er eine neue Lagebeurteilung durchführen. Noch scheint es dazu nicht zu spät zu sein, denn gemäss einem Artikel der NZZ unterbreitete Dassault der Sicherheitspolitischen Kommission 18 Rafale für 2,7 Milliarden Schweizer Franken – wobei jedoch nicht von einer Offerte gesprochen werden könne (vgl.: Lukas Mäder, “Der Gripen könnte deutlich billiger werden“, 20 Minuten, 10.02.2012).

Weitere Informationen

  • Ein Interview mit dem ehemaligen Berufsmilitärpilot, SVP-Nationalrat und Präsident der Subkommission “Tiger Teilersatz” Thomas Hurter: Hubert Mooser, “Die Berichte sind halt doch die Filetstücke der Evaluation“, Tagesanzeiger, 13.02.2012.
  • Nun kennt Bundesrat Ueli Maurer die beiden veröffentlichten Berichte doch. Die Sonntagszeitung habe die Sache als neue Geschichte verkauft, deshalb dachte er, dass es sich dabei um etwas völlig neues handelte. Er habe erst am Montag gemerkt, dass es sich um die Berichte handelte, die von der Basler Zeitung im November schon zitiert wurden. Ich möchte hier nochmals anmerken, dass die Berichte seit Sonntag Morgen früh über die Website der Sonntagszeitung downloadbar waren – aber womöglich war der “Internetausdrucker” in den Ferien…. (vgl.: Hubert Mooser, “Es wird weitere Störmanöver geben“, Tagesanzeiger, 14.02.2012).
  • Bundesrat Maurer würde ein neues Angebot von Rafale prüfen.
  • Medienmitteilung des VBS vom 14.02.2012 (!!): “Gripen ist die optimale Lösung für die Schweizer Armee“. Eine Erklärung für die wiedersprüchlichen Evaluationsberichte des Wochenende ist darin nicht zu finden.
  • Bundesrat Maurer will nun doch keine neue Offerte prüfen; Konkurrenzofferten zum Grippen sind rund 1 Milliarde teurer; die Ursprungsstaaten aller drei Kampfjets waren bereit zu einer militärischen Zusammenarbeit aber nicht zu Gegengeschäfte politischer Natur; Bundesrat Maurer vermutet, dass die Indiskretionen aus dem VBS kam (nur 14 Exemplare wurde jemals ausgegeben). Ein schon längst überfälliges Interview mit Bundesrat Maurer: Markus Häfliger, “Konkurrenz-Jets sind eine Milliarde teurer“, NZZ, 18.02.2012.
  • Es ist alles schon einmal da gewesen. Ein Blick in die Geschichte der Beschaffung von Kampfflugzeugen zeigt: Druck aus den Herstellerländern führt dazu, dass die Schweiz nicht immer den besten Jet erwirbt: Sepp Moser, “Warum die Schweiz den zahnlosen Tiger kaufte“, NZZ, 19.02.2011.

In der ersten Maiwoche gehen ein Test- und ein Luftwaffenpilot nach Schweden und machen innerhalb von vier Tagen je zwei Flüge und werden den neusten Stand des Gripen verifizieren. — Markus Gygax, Kommandant Schweizer Luftwaffe zitiert in Joël Widmer und Titus Platner, “Gygax distanziert sich vom eigenen Urteil“, Sonntagszeitung, 19.02.2012.

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14 Responses to Aufgeschnappt: Saab Gripen im Sturzflug

  1. zala boris says:

    Non solo con il Mirage affäre,ma anche con l`acquisto dei vecchi Hunter ci fu una decisione politica all`allora presidente confederazione nello celio e il comandanta dell`aviazione diede le dimissioni per protesta.Il Rafale si sa che é superiore sotto ogni aspetto,se poi il gripen si possa migliorarlo non so,ma da come ho capito,ci sono politici e molti in molti settori che non guardano al bene della Svizzera ma alle loro industrie!Una bella faccia tosta.Boris

  2. Martin says:

    Mal sehen, ob die Rafale-Beschaffung in Indien durchgeht … jedenfalls sollte sich die Rafale nur beschaffen, wenn ähnliche Gegengeschäfte wie in Indien möglich sind – damit meine ich Gegengeschäfte politischer Natur und nicht die bei Beschaffungen in diesem Bereich üblichen Gegengeschäfte nahe an der Korruption.

  3. Hammond says:

    Eventuell hat da auch der zeitliche Druck zu diesen unschönen Durcheinander geführt.

    Auszug aus der SiK-N Medienkonferenz vom 26.08.2011:

    “Die neuen Kampflugzeuge sollten aber rasch beschafft werden. Zum einen wegen des schwachen Euros, zum anderen, weil die Offerten der Hersteller nur noch bis Ende Jahr gültig seien.”

    Aus meiner Sicht sollte hier ein günstiger F-5 Nachfolger ausgewählt werden, was natürlich einen zwei-flotten high-low Strategie beinhaltet. Ein in der Flugstunde günstiges und wartungsarmes Flugzeug ist für den Luftpolizeidienst in den vielbeflogenen Luftkorridoren über der Schweiz ökonomisch gesehen keinesfalls eine schlechte Wahl – zumal auch in Krisenzeiten der Luftpolizeidienst nötig ist.

    Sollte nun gar kein Flugzeug beschafft werden, so hoffe ich, dass wir wenigstens bald ein modernes Fliegerabwehrsystem beschaffen, welches bis in mindestens 16’000 Meter Höhe Schutz bietet. Die Kosten dazu sollten unter einer Milliarde liegen. Andernfalls schätze ich die Luftabwehrfähigkeiten in den nächsten 10-15 Jahren als eher unglaubwürdig ein.

  4. froschn says:

    Ich bin einigermassen über die enormen Presidifferenzen erstaunt, die offensichtlich beim “gleichen” Flugzeug vorkommen können: “New Delhi announced this week that it would buy 126 of Dassault’s Rafale fighter jets worth $10 billion instead of Eurofighter Typhoons.” (http://atlanticsentinel.com/2012/02/frances-dassault-to-sell-fighters-to-brazil-india/) Und der Schweiz bietet Dassault angeblich 18 Flugzeuge für 2.7 Milliarden Franken an. Kann mir mal jemand erklären, wie dieser Preisunterschied zustande kommt?

    • Der Preis der 126 Dassault Rafale für Indien schwankt je nach Quelle zwischen 10-12 Milliarden US-Dollar. Das macht 79-95 Millionen US-Dollar pro Maschine. Im Falle der Schweiz würden angeblich 18 Rafale 2,7 Milliarden SFr kosten, was einem Stückpreis von rund 163 Millionen US-Dollar (150 Millionen SFr) entsprechen würde (ursprünglich offerierte Dassault der Schweiz den Rafale für rund 180 Millionen Sfr pro Stück).

      Die für die Französische Marineflieger und die Französische Luftstreitkräfte vorgesehenen 286 Rafale (wobei es sich dabei um verschiedene Typen handelt) kosten 40,69 Milliarden Euro, was einem Stückpreis von rund 187 Millionen US-Dollar entspricht (Quelle: “Rapport public annuel 2010“, Cour des comptes, Februar 2010, p.50). Dieser Stückpreis reflektiert die wahren Kosten, inklusive Entwicklung – demgegenüber beziffert der französische Senat die reinen “fly-away” Kosten (also ohne Entwicklung, Radar, Bewaffnung, Betriebsaufwand usw.) typenunabhängig mit 64-70 Millionen Euro (84-95 Millionen US-Dollar) pro Stück (Quelle: “Défense – Equipement des forces“, Sénat, 20.11.2008, p.74).

      Dies zeigt einmal mehr, dass das Preisschild eines Kampfflugzeugs stark von den eingerechneten Kosten abhängt. Im Falle der Schweiz handelt es bei den 3,1 Milliarden SFr (153 Millionen US-Dollar pro Stück) für den Gripen E/F um Systempreise inklusive einen Anteil Betriebskosten, einen Risikobetrag von 5% und einen Betrag für die Beteiligung an der Weiterentwicklung des Saab Gripen. Im Gegensatz dazu handelt es sich beim Preis der Rafale für Indien um “fly-away” Preise, ohne Radar, Waffen, Ausbildung, Betriebskosten usw. Im Falle Indiens noch verzwickter ist die Tatsache, dass nur 18 Rafale tatsächlich flugfertig in Frankreich produziert werden, die übrigen 108 Stück werden (wenigstens teilweise) in Indien gefertigt (Quelle: “Request for Proposal for 126 Medium Multi-Role Combat Aircraft Issued“, Medienmitteilung des Indischen Verteidigungsministerium, 28.08.2007).

      The ultimate value of the deal could be two to three times higher than the initial $10 billion to $11 billion outlay once 30 to 40 years of through-life support, and extra planes, are factored in. — Trefor Moss, “Indian Military Goes French“, The Diplomat, 05.02.2012.

      Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Export des Rafale für Frankreich überaus wichtig ist (auch hinsichtlich des noch offenen Entscheids bei der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation mit einem offerierten Stückpreis von rund 140 Millionen US-Dollar pro Maschine sowie bei Kampfjet-Beschaffungen in Kuwait, Katar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten). Es ist also möglich, dass der Export des Dassault Rafale nach Indien für Frankreich so wichtig ist, dass er quasi zum “Selbstkostenpreis” abgeben wird (es geht dabei vordergründig auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen und schliesslich um die diesjährigen Präsidentsschaftswahlen; vgl.: “France hails India jet deal as vote of confidence“, AFP, 31.01.2012). Ausserdem kann momentan nicht abgeschätzt werden, ob zusätzlich zum Kaufpreis wirtschaftliche oder politische Gegengeschäfte zwischen Indien und Frankreich vereinbart wurden.

  5. Pingback: Nachschlag: Gripen-Scheintest, Kony-Sequel und mehr | Offiziere.ch

  6. Pingback: Gripen E/F: finanzierbares risikoreiches Mittelmass | Offiziere.ch

  7. froggoman says:

    Der Grund, weshalb der Ueli den Gripen kauft ist derjenige, weil sonst das gesamte linke Lager motzen würde, dass viel zu viel Geld für die Armee ausgegeben würde, obwohl die erst an sechster Stelle der Ausgaben kommt.

    • Das stimmt so natürlich nicht. Die Armee wird im Zuge der WEA einen Ausgabeplafond von 5 Milliarden SFr (gemäss Bundesbeschluss vom 29.09.2011) oder 4,7 Milliarden SFr (gemäss Entscheid des Bundesrates vom 25.04.2012) erhalten, so genau weiss man das noch nicht (siehe auch “Die Weiterentwicklung der Armee im Spannungsfeld der Finanzen“, offiziere.ch, 07.06.2012). Innerhalb dieses Ausgabeplafonds ist das neue Kampfflugzeug zu finanzieren. Um das notwendige Geld über einen längeren Zeitraum anzusparen, wurde von den eidgenössischen Räten in der Herbstsession das Gripen-Fonds-Gesetz verabschiedet. Dagegen kann bis zum 16. Januar 2014 ein Referendum ergriffen werden. In diesen Fonds wird jährlich voraussichtlich rund 300 Millionen SFr eingezahlt. Ob der Gripen E nun beschafft wird oder nicht, der Ausgabeplafond für die Armee verändert sich nicht – die Armee wird ungefähr immer die gleiche Summe ausgeben.

      Dass ein neues Kampfflugzeug nicht mit ursprünglich vorgesehenen 2,2 Milliarden SFr (für 33 Stück!!) zu beschaffen ist, sondern der Preis viel höher liegt, haben wir bereits anfangs 2008 erkannt. Zum Vergleich: die 34 F/A-18 C/D (Auslieferungsbeginn: 3. Oktober 1996) kosteten rund 3,5 Milliarden Franken. Die 22 Gripen E werden die Schweiz 3,126 Milliarden SFr kosten. Damit ist der Gripen E von den angebotenen Kampfflugzeugen das kostengünstigste Kampfflugzeug – sowohl beim Kauf, wie auch bei Betrieb (immer bei vergleichbarer Ausstattung). Der Gripen E ist jedoch nicht das beste Kampfflugzeug, welches zur Auswahl stand.

      In der Botschaft zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen steht (S. 22):

      Die Armee steht unter sehr starkem Finanzdruck, und es muss vermieden werden, dass das Gesamtsystem infolge einer sehr teuren Tiger-Teilersatz-Beschaffung massiv und nachhaltig aus dem Gleichgewicht geworfen wird. […] Die Entscheidung für den Gripen trägt diesem Umstand Rechnung; teurere Lösungen würden die Weiterentwicklung der Armee kompromittieren. In dieser Hinsicht ist der Entscheid für den Gripen richtungs-weisend: Auch bei anderen künftigen Beschaffungen wird es darum gehen, auf technische Maximallösung zu verzichten, wenn sie das finanzielle Gleichgewicht der Armee gefährden.

      Dass die Armee unter diesem Finanzdruck steht, ist nur teilweise den politisch links verorteten Parteien zuzuschreiben. In erster Linie hat die Schweizerische Volkspartei (teilweise mit weiteren bürgerlichen Parteien) nach Einführung der Armee XXI Kürzungen am Armeebudget mitgetragen (siehe als Beispiel die Aussage von dazumal Bundesrat Christoph Blocher zur Reduktion des Armeebudgets von 4,2 Millionen auf 3,8 Millionen SFr an der Veranstaltung “Chance Miliz” Ende Oktober 2005). Aber auch die Armeeführung ist nicht ganz unschuldig am Finanzdruck, denn sie hat zwischen 2010 und 2012 rund 1 Milliarde SFr Kreditresten nicht investiert und in die Bundeskasse zurückgeführt. Dieses Geld wird der Armee nicht gutgeschrieben und ist damit verloren. Schliesslich erfüllte die Armee trotz Unterfinanzierung immer alle Aufträge, was den falschen Eindruck entstehen lässt, dass die Armee auch mit weniger Geld die verlangte Leistung erbringen kann.

      Die Wahl, den Gripen E zu beschaffen ist finanziell begründet. Die Armee kann sich kein teureres Kampfflugzeug leisten. Botschafter Christian Catrina, Chef Sicherheitspolitik äusserte sich bei einem Interview in der Sendung Tagesgespräch klar: “Ein anderes Flugzeug ist nicht mehrheitsfähig. Wenn es nicht der Gripen ist, dann gibt es für die Armee gar kein Flugzeug.” Die Armeeausgaben sind jedoch davon unabhängig, weil der Gripen E innerhalb des Ausgabeplafonds finanziert werden muss. Die linken Parteien sind unabhängig von der Kampfflugzeugbeschaffung genau gleich zufrieden oder unzufrieden mit der Höhe des Armeebudget.

  8. Martin says:

    Ich bin zwar kein Pilot und kenne den Gripen bloss vom Papier, aber ich denke doch, dass es für Flugzeugingenieure möglich sein sollte, das angesprochene höhere Gewicht mit einzuberechnen. Von daher könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Angaben stimmen. Auch das neue AESA Radar ist eine sehr erfreuliche Mitteilung. Stimmen die Angaben, die man auf diversen Websites findet, so ist der Gripen E mit seinem neuen Triebwerk sogar der F/A-18, sowie der Dassault Rafale überlegen. Ich frage mich bloss, weshalb so ein Theater gemacht wird? Geht es wirklich um den Flieger oder geht es bloss darum, dass gewisse Leute den Gripen aus ganz anderen, nicht militärtaktischen Gründen, nicht haben wollen?

    • Hallo Martin,
      danke für Deinen Kommentar. Es ist nicht notwendig Pilot zu sein, um die Fakten zu überprüfen. Mit dem “Glauben” alleine wird jedoch noch keine Argumentation geführt. Was Du Dir vorstellen kannst oder nicht, spielt keine Rolle – viel interessanter wäre zu wissen welche Angaben Du auf welchen Websites gefunden hast. Aber schauen wir uns die Fakten etwas näher an…

      Um das Verhältnis zwischen Leistung und Gewicht zu erfassen, kann die Steigleistung herangezogen werden. Ausserdem kann die Abflugmasse ohne Aussenlast (also Leermasse + Masse der internen Tankfüllung) im Verhältnis zur Masse der internen Tankfüllung untersucht werden.

      Bei der Steigleistung haben wir für den Gripen E einen Wert von >200 m/s gemäss dem Rüstungsprogramm 2012, für den Dassault Rafale um die 300 m/s, für den Eurofighter gegen die 315 m/s und für den F/A-18C/D rund 250m/s (siehe dazu auch Wikipedia). Mit anderen Worten: womöglich ist der Gripen bei der Steigleistung leistungsfähiger als der F/A-18D, jedoch mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit weniger leistungsfähig als seine ehemaligen Mitkonkurrenten.

      Beim Verhältnis der Abflugmasse ohne Aussenlast zur Masse der Tankfüllung erhalten wir beim Gripen E 3,29 (je kleiner desto besser; 11’500 kg zu 3’500 kg), beim Dassault Rafale 3,03 (14’220 kg zu 4’700 kg), beim Eurofighter 3,20 (15’996 kg zu 4’996 kg) und beim F/A-18C/D ungefähr 3,04 (15’581 kg zu 5’126 kg). Mit anderen Worten: beim Verhältnis der Abflugmasse ohne Aussenlast zum mitgeführten Treibstoff schneidet der Gripen ungefähr gleich wieder Eurofighter, jedoch schlechter als der Dassault Rafale und der F/A-18C ab.

      Deine Aussage, dass der Gripen E dem F/A-18 bzw. der Dassault Rafale überlegen sei, trifft bei der Steigleistung (als Indikator für das Verhältnis zwischen Leistung und Gewicht) und beim Verhältnis der Abflugmasse ohne Aussenlast zur Masse der Tankfüllung eher nicht zu.

      Trotzdem darf eines nicht vergessen werden: Bei der Abstimmung “Beschaffung des Kampfflugzeuges Gripen” vom 18. Mai 2014 geht es nicht um eine Typenwahl sondern darum, ob wir ein Kampfflugzeug beschaffen oder nicht. Die Schweiz benötigt nicht das beste und leistungsfähigste Kampfflugzeug, sondern ein kostengünstiges, welches den gestellten Anforderungen entspricht. Nach heutigem Kenntnisstand (der obige Artikel ist bereits zwei Jahre alt) ist dies mit dem Gripen E der Fall.

      • Martin says:

        Nun, mit “Glaube” zu argumentieren ist wirklich nicht angebracht. Ich denke aber, dass es bei einem Flugzeug ähnlich ist, wie bei einem Auto. Man muss es erst mal fahren bzw. fliegen, um es zu beurteilen und das können nur die Piloten.
        Was die Steigrate angeht, so habe ich einmal alle Flugzeuge miteinander verglichen: Die F/A-18 hat eine Steigrate von 254 m/s, die Rafale mehr als 305 m/s und der Eurofighter ca. 315 m/s. Beim Gripen gibt es nur Angaben zur C/D Version und da werden 250 m/s angegeben, wobei diese Steigrate bei der E Version wohl höher liegt.
        Ich war zuerst auch nicht wirklich begeistert, als ich von den Absichten des Bundesrates gehört habe, den Gripen zu kaufen. Die Rafale wäre mir doch lieber, aber das ist meine persönliche Meinung. Als ich aber davon gelesen habe, dass es sich um eine modifizierte Version bzw. ein neuere Version handelt, habe ich mich informiert und muss sagen, dass es sich nicht so schlecht anhört.
        Vor allem das AESA Radar hat mir gut gefallen und die grössere Reichweite, was ich als grossen Vorteil ansehe. Auch die maximal Geschwindigkeit und der Supercruise, das sind Dinge, die mir den Gripen sympathisch machen. So weit ich weiss, soll er an der MUBA in Basel ausgestellt werden. Vielleicht ein Bericht wert?
        Die meisten Infos zum Gripen fand ich auf der Hersteller Seite im Internet. http://www.saabgroup.com/de/Air/Gripen-Fighter-System/Gripen-fuer-die-Schweiz/
        Das die Schweiz ein neues Kampfflugzeug braucht ist klar und ich werde, auch wie beim letzten mal bei der F/A-18, diesen Kauf unterstützen.

        • Vergleiche hinken immer etwas, auch wenn sie nur rein rhetorisch gemeint sind. Beispielsweise zieht Ständerat This Jenny zum Vergleich Bagger heran – weil er diese als Inhaber der Hoch- und Tiefbauunternehmung Toneatti & Co. am besten kennt.

          Beim Gripen gibt es nur Angaben zur C/D Version und da werden 250 m/s angegeben, wobei diese Steigrate bei der E Version wohl höher liegt.

          Viele technische Daten des Gripen E finden sich in der “Botschaft zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen” (Seite 27). Hier ein Auszug, wobei die Steigrate und die Steiggeschwindigkeit dasselbe sind:

          Steiggeschwindigkeit Gripen E

          Es gibt keine Anhaltspunkte, dass die Steigrate des Gripen E höher liegt als diejenige des Gripen C/D. Nur weil es von Vorteil wäre, heisst noch lange nicht, dass es so ist.

          Ich würde gerne vor der Abstimmung noch einen kurzen Artikel über die Notwendigkeit eines neuen Kampfflugzeuges schreiben, doch ob es mir zeitlich möglich ist, ist noch offen.

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