Buchtipp: Globales Rapa Nui? – Teil 1

Mitte letztes Jahres sendete mir Sebastian K. Buciak (uns bereits bekannt vom Buch “Indien und Pakistan – Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen”) den neu erschienen Sammelband “Globales Rapa Nui? Frieden und Sicherheit im Zeichen des Klimawandels“. Neben Buciak befassen sich darin Steffen W. Allhoff, Achim Maas und rund ein Dutzend Autoren mit den sicherheitspolitischen Implikationen der globalen Klimaveränderungen. Damit deckt dieser Sammelband einen wichtigen Teilbereich der Sicherheitspolitik ab, welcher immer noch zu wenig Aufmerksamkeit findet, wenn auch gleich die Thematik seit 2007 zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Autoren rückt. Neben dem vierten Sachstandsbericht von 2007 (der nächste ist für 2014 vorgesehen) des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) existieren noch vier weitere international beachtete Studien, welche heute zu den Grundlagendokumenten gezählt werden: “A Climate of Conflict – The Links between Climate Change, Peace and War” der International Alert, “National Security and the Threat of Climate Change” der CNA (von der US Navy beauftragt), “The Age of Consequences – The Foreign Policy and National Security Implications of Global Climate Change” des Center for Strategic and International Studies (CSIS) und des Center for a New American Security sowie “Welt im Wandel – Sicherheitsrisiko Klimawandel” des aus deutschen und schweizerischen Natur- und Sozialwissenschaftlern bestehenden Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Alle fünf Expertisen kommen zu einem vergleichbaren alarmierenden Befund: der Klimawandel sei eine grosse – wenn nicht sogar grösste – Gefahr für den Frieden und die internationale Sicherheit im 21. Jahrhundert.

Der Sammelband wird von mir in zwei Artikeln zusammengefasst und besprochen. Im ersten Teil wird die allgemeine Klimasicherheit bzw. deren Unsicherheit besprochen. Detaillierter wird auf das Thema der klimabedingten Migration eingegangen und der aktuelle Forschungsstand auf diesem Gebiet kritisiert. Im zweiten Teil wird etwas allgemeiner ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und gewalttätigen Konflikten diskutiert sowie spezifischer die geografischen Auswirkungen des Klimawandels für Afrika, den Nahen Osten, China, Indonesien und Malaysia betrachtet. Zum Abschluss des zweiten Teils wird kurz auf die Option des Geoengineerings eingegangen und bezüglich des Sammelbandes ein Fazit gezogen.

Klima(un)sicherheit
Bei der Abschätzungen sicherheitspolitischer Problemstellungen und bei der Suche nach Lösungsansätzen werden oftmals historischen Vergleichsfälle analysiert, auch wenn prinzipiell jede Problemstellung ihre spezifischen Eigenheiten besitzt und ein Vergleich nicht ohne weiteres möglich ist. Dies ist psychologisch bedingt, denn durch diesen Vergleich – und womöglich sogar die Erkenntnisse, dass Ähnliches erfolgreich gemeistert wurden – werden Problemstellungen eher als Herausforderung denn als Gefahr wahrgenommen. Allhof, Buciak und Maas halten in der Einleitung fest, dass bezüglich des Klimawandels ein Blick in die Vergangenheit nur bedingt hilfreich sei, da die Weltbevölkerung, deren wirtschaftliche und soziale Verflechtung sowie deren Ausdifferenzierung in Gesellschaften, Staaten, Religionen und Kulturen noch nie so komplex wie heute waren. Womöglich eines der wenigen historischen Vergleichsbeispielen bei denen eine Gesellschaft ihre Umwelt derart veränderte, dass sie mit den daraus entstandenen negativen Konsequenzen umgehen mussten, könnte die komplette Abholzung von Rapa Nui (Osterinsel) darstellen. Es wird vermutet, dass der Verlust der wichtigen Ressource Holz durch Übernutzung das gesellschaftliche Gefüge auf Rapa Nui zusammenbrechen liess und zu Gewaltkonflikten führte. Trotzdem, die Bevölkerung starb nicht aus und errichtete langfristig eine neue Gesellschaft, welche sich an die veränderte Situation anpassen musste.

Die UN-Klimakonferenz in Cancún führte zu wenig verbindlichen Absichtserklärungen.

Die UN-Klimakonferenz in Cancún führte zu wenig verbindlichen Absichtserklärungen.

Oliver Rolofs versucht in seinem Beitrag das Sicherheitsrisiko “Klimawandel” abzuschätzen, was sich als schwieriges Unterfangen darstellt. Seine Beurteilung fällt nicht sehr optimistisch aus, weil er sich auf die in der Einführung dieses Blog-Artikels aufgezählten Grundlagendokumente abstützt (bzw. die Mehrzahl seiner aufgeführten Quellen dies tun). Es ist der fatalistischste Beitrag innerhalb des Sammelbandes und steht teilweise im Widerspruch anderer Beiträge (beispielsweise beim Umfang der klimabedingten Migration, wo er sich auf pessimistische Zahlen stützt oder auf die stabilisierende Kooperationen zwischen Staaten bei der Wasserversorgung). Trotzdem fand ich den Text sehr gut ausgewählt, da er zu Beginn des Sammelbandes einen interessanten Kontrapunkt gibt.

Eine möglichst sofortige und nachhaltige Eindämmung des globalen Klimawandels ist angesichts der dürftigen Ergebnisse der UN-Klimakonferenzen sehr unwahrscheinlich. Zwar wurde nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 beim folgenden Klimagipfel in Cancún 2010 eine 2°C-Begrenzung der Klimaerwärmung festgesetzt und einen Klimafonds zur Entlastung der von der Klimaerwärmung besonders betroffenen Regionen eingerichtet. Doch gleichzeitig wurde mit 30,6 Gigatonnen noch nie soviel Kohlendioxid ausgestossen wie 2010. Damit scheint die Einhaltung der 2°C-Begrenzung mehr als fraglich (Quelle: “Kohlendioxid-Ausstoss höher als je zuvor“, Frankfurter Allgemeine, 30.05.2011; vgl. auch “Kohlendioxid-Ausstoss steigt rasanter als je zuvor“, Spiegel, 04.11.2011). Es erstaunt deshalb nicht, dass das Jahr 2010 das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung und dasjenige mit den meisten Umwelt- und Naturkatastrophen war (Quelle: Markus Balser, “2010 wird das wärmste Jahr der Geschichte“, Süddeutsche Zeitung, 26.11.2010). Insbesondere nach dem jähen Ende der Nuklearenergie in einigen westlichen Industriestaaten nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima wird die Nutzung fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung wieder vermehrt in Betracht gezogen, was die Kohlendioxidemissionen zusätzlich erhöhen würde (auf der Liste der im Bau befindlichen Atomkraftwerke, werden von der World Nuclear Association nur wenige Atomkraftwerke in westlichen Industriestaaten aufgeführt, die zwischen 2012 und 2017 ans Netz gehen werden sollen). Gemäss IPCC wird die weitere Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre und die damit verbundene Klimaerwärmung dramatische Folgen nach sich ziehen:

  • Erhöhung des Meeresspiegels (18-59 cm, je nach Szenario);
  • Rückgang der Gletscher und Eisgebiete;
  • Verschiebung von Vegetationszonen;
  • Verstärktes Artensterben;
  • Zunahme von Dürren, Stürmen und Unwettern;
  • Ausbreitung von Pflanzenschädlingen und Tropenkrankheiten.
Die Folgen des Klimawandels (Grafik: Rainer Czarnetzki für "loyal")

Die Folgen des Klimawandels (Grafik: Rainer Czarnetzki für "loyal")

Der Klimawandel und dessen Effekte sind nicht zwangsläufig von allmählich fortschreitender Natur – besonders starke oder sogar abrupte Klimaänderungen sind möglich. Derartige Prozesse sind mit kritischen Schwellen im Klimasystem, sogenannten Kipp-Punkten verbunden, wobei bereits geringe Änderungen im Klimasystem das Erreichen solcher Kipp-Punkte bewirken könnte (für eine Auswahl möglicher Kipp-Punkte siehe “Kipp-Punkte im Klimasystem – Welche Gefahren drohen?“, Umweltbundesamt, Hintergrundpapier, Juli 2008). Momentan sind diese Kipp-Punkte jedoch noch wenig erforscht. Ausgerechnet Staaten, welche bereits jetzt mit Versorgungskrisen, Umweltproblemen, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit zu kämpfen haben, werden voraussichtlich am stärksten unter einer Klimaerwärmung leiden: trockene Gebiete werden noch trockener, feuchte Gebiete noch feuchter. Basierend auf die in der Einführung dieses Blog-Artikels aufgezählten Grundlagendokumente wird die Zahl humanitärer Katastrophen durch Nahrungsmittelknappheit und durch Naturkatastrophen ansteigen, die Zahl von Gewaltkonflikten einschliesslich Kriege wachsen und die Anzahl der militärischen Interventionen aus Industriestaaten in fragile Staaten zunehmen. Solche militärische Interventionen könnten notwendig werden, um auf humanitäre Katastrophen zu reagieren, eine weitere Destabilisierung von Staaten zu verhindern aber auch um wichtige Ressourcen zu sichern. Ernteeinbussen durch Wetterextreme und insgesamt höhere Temperaturen sind in Afrika, China, Pakistan, Indien, Bangladesh, der Karibik, der Andenregion, im Golf von Mexiko und in Amazonien bereits in den nächsten 20 Jahren zu erwarten. Die gewaltsame Proteste nach der Verknappung bzw. Verteuerung der Grundnahrungsmittel in diversen Entwicklungsländern zwischen 2007 und 2008 gaben einen Vorgeschmack auf mögliche Unruhen aufgrund knapper bzw. verteuerter Ressourcen.

Doch Rolofs warnt auch vor einer kompletten Subsumierung der globalen Klimaerwärmung unter die Sicherheitspolitik, denn damit würde der Rüstung und den Streitkräften ein übermässiges Gewicht eingeräumt werden, was andere Optionen aus dem politischen Diskurs verdrängen würde. Die Lösung kann nicht in der militärischen Abschottung der Industriestaaten gegenüber armen und destabilisierten Staaten liegen wie sie gemäss Rolofs in der umstrittenen EU-Agentur FRONTEX zu erkennen sei.

Abu Surouj im Westen von Darfur nach dem die staatlichen Truppen und alliierte Milizen das Städtchen im Februar 2008 niedergebrannt hatten (Foto: Lynsey Addario / The New York Times).

Abu Surouj im Westen von Darfur nach dem die staatlichen Truppen und alliierte Milizen das Städtchen im Februar 2008 niedergebrannt hatten (Foto: Lynsey Addario / The New York Times).

Klimabedingte Migration
Gemäss Rolofs werden die Industrienationen durch einen hohen Migrationsdruck, durch Verteilungskonflikten infolge globaler Ressourcenverknappung, durch Störungen der weltwirtschaftlichen Entwicklung, durch veränderte Küstenlinien und durch die Entstehung weiterer Rückzugsgebiete für Terroristen herausgefordert sein. Die unvollständige Zitierung einer im Jahr 2009 veröffentlichte Studie der International Organization for Migration (IOM), dass “in den kommenden vier Jahrzehnten bis zu einer Milliarde Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden”, ist zu pessimistisch gefärbt. Tatsache ist, dass das Ausmass der klimabedingte Migration kaum abgeschätzt werden kann und die IOM vielmehr von 25 Millionen bis zu einer Milliarde klimabedingten Migranten in den nächsten vier Jahrzehnten spricht (eine Differenz um den Faktor 40, worauf Rolofs nicht hinweist!). Und nicht einmal diese Zahlen sind wissenschaftlich unumstritten, denn sie basieren auf fragwürdige Schätzungen eines Einzelnen. In ihrem Überblick zum Forschungsstand über die Verbindung von Umwelt und Migration ging Sandra Barthel dem Ursprung der meistzitierten Zahl an klimabedingten Migranten (25 Millionen) nach. Diese Zahl wurde erstmalig von Professor Norman Myers formuliert, als er in einem Artikel von 1993 den zukünftigen Umfang von klimabedingten Flüchtlingen schätzte. Myers ging davon aus, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2010 verdoppeln würde und 2050 bereits auf 150 bis 200 Millionen ansteigen könnte. Wie bei Zukunftsvorhersagen zu erwarten, basieren seine Schätzungen nicht auf wissenschaftlich fundierten Fakten, sondern mehr auf seine persönliche Einschätzung. Momentan ist es nicht möglich abzuschätzen, wieviel der 213 Millionen Migranten und der 16 Millionen Flüchtlingen (Zahlen von 2010; UN, “International Migrant Stock: The 2008 Revision“, 2010) aus klimabedingten Gründen ihr Ursprungsland verlassen hatten. Sogar die UNO hatte sich auf die Vorhersagen von Myers abgestützt, distanzierte sich aber später wieder davon (vgl.: Axel Bojanowski, “Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt UNO in Bedrängnis“, Spiegel, 17.04.2011).

Der Effekt der klimabedingten Migration kann an zwei Fallbeispielen vorgeahnt werden. Im Norden Darfurs führten lange Trockenzeiten und der dadurch eingetretene Verlust von Weideland zu einer Abwanderung der Nomaden in den Süden Darfurs, was auch aufgrund ethnischer und religiöser Unterschiede Konflikte mit dort ansässigen Bauern auslöste und schliesslich zu Massakern sowie Massenvertreibungen führte (vgl.: Ban Ki Moon, “A Climate Culprit In Darfur“, The Washington Post, 16.06.2007). In Bangladesh gab es aufgrund innerstaatlicher wie auch grenzüberschreitender Migration wegen Landbesitzstreitfragen, Konkurrenzsituationen beim Zugang zu Wasservorkommen und bei den kaum verfügbaren Arbeitsmöglichkeiten Konflikte in den Zielregionen. Doch auch hier ist die Frage, ob es sich bei diesen Bewegungen tatsächlich um klimabedingte Migration handelt, schwer zu beantworten. Wegen des in Indien erwarteten höheren Lebensstandard (und nicht in erster Linie aus Umwelt-Gründen) migrierten seit den 1950er Jahren 12-17 Millionen Bangladeshis nach Indien. Dies führte zu Konflikten bezüglich der Landnutzung und dem politische Gleichgewicht, welche in den 1980er Jahren auch mit Gewalt ausgetragen wurden (Sarah Darlymple, Duncan Hiscock, Abdul Kalam Azad, Neila Husain, Ziaur Rahman, “Climate Change and Security in Bangladesh”, Bangladesh Institute of International and Strategic Sudies and Saferworld, Juni 2009, p.18ff; Dan Smith, Janani Vivekananda, “A climate of conflict: the links between climate change, peace and war“, International Alert, November 2007, p. 16). Trotz diesen beiden Fallbeispielen ist eine generelle Korrelation zwischen Migration und Gewaltkonflikten in der Wissenschaft stark umstritten.

There are abundant typologies of ‘environmental refugees’ and ‘environmental migrants’, but little agreement on, or understanding of what these categories might really mean. Practical concern with the plight of poor people leaving fragile environments has not translated into hard evidence of the extent or fundamental causes of their problems. Moreover, there remains a danger that academic and policy writing on ‘environmental refugees’ has more to do with bureaucratic agendas of international organizations and academics than with any real theoretical or empirical insight. — Richard Black, “Environmental refugees: myth or reality?“, New Issues in Refugee Research, Working Paper No. 34, March 2001.

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